ffr. 212,
Marburg, Freitag, 10. September 1875.
x. Mw.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition b. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Löffel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. ML; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a M , Berlin, Leipzig, 6öln rc; Rudolf Mioffe in Berlin, Frankfurt a. Ml. rc.
(i^brrhrlTifdit Jalung.
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Die nationale Haltung Süddeutschlands.
Die freudige Stimmung, mit der alle Theile de« Vaterlandes und alle Klassen der Bevölkerung sich zu gemeinsamer Feier nationaler Feste zusammenfinden, wird noch durch die Erinnerung an eine glücklich überwundene Vergangenheit erhöht, in welcher die Nation nicht bloS des festen Bandes politischer Einheit zu entbehren hatte, sondern auch durch tiefe innere Spaltungen getrennt war. Nicht allein Verschiedenheit der Auffassungen und Bestrebungen, der Einrichtungen und Interessen setzte den nach Einheit ringenden Kräften ernsten Widerstand entgegen; eS war auch die Vorstellung verbreitet, daß die Eigenart der Stämme eine Entwickelung genommen habe, welche denselben jede Verbindung zu festerer Gemeinschaft fortan unmöglich mache. Bor Allem schien die Ansicht zu unanfechtbarer Geltung Selangt, daß zwischen Nord- und Süddeutschland eine Ent eemduug der Gefühle oder gar Gegensätze im Wesen des VolkSgeisteS sich eingewurzelt hätten, denen gegenüber der Einheitsgedanke zunächst schon Halt machen müffe.
Solche Meinungen sind gegenwärtig in das Gebiet der Jrrthümer und Vorurtheile verwiesen, und ganz Deutschland folgt mit lebhafter Befriedigung den Vorgängen, welche für die wiedergewonnene und wachsende Innigkeit der nationalen Gemeinschaft Zeugniß ablegcn. So wendet sich die herzlichste Thrilnahme den patriotischen Kundgebungen zu, welche die Anwesenheit unseres Kronprinzen in Süddeutsch- land hervorrust. Wenn die Gefühle huldigender Verehrung für den jugendlichen Heldensürsten und aufrichtiger Hin gebung an Kaiser und Reich mit solcher Bollstimmigkeit, Kraft und Wärme hervorbrechen, wie es jüngst überall in Würtemberg und Baiern geschah, dann ist wohl ein fester Boden für die Ueberzeugung gewonnen, daß die Scheidegrenzen zwischen Süd- und Norddeutschland unwiderruflich gefallen sind. Namentlich bei der Feier des 2. September in der altehrwürdigen Reichsstadt Augsburg kam von allen Seiten das Bewußtsein inniger Zusammengehörigkeit und daS Gelöbniß treuen Zusamoienhaltens zum erhebenden Ausdruck. Gleichzeitig aber trat die Erkenntniß zu Tage, daß bei dem Umschwung der Verhältnisse und Stimmungen in Baiern, die durch die gewaltigen Ereigniffc der jüngsten Vergangenheit herbeigeführt worden, die Wirksamkeit der leitenden fürstlichen Persönlichkeiten einen überaus wohl» thätigen Einfluß geübt habe. Deshalb verbanden sich überall die Kundgebungen dankbarer Gesinnung für König Ludwig, der in den Zeiten verhängnißvoller Prüfung mit unerschütterlicher Treue zur nationalen Fahne stand und seinen deutschen Sinn durch den Vorschlag bewährte, der Einheit der vaterländischen Einrichtungen durch Herstellung von Kaiser und Reich festeren Halt zu geben, — für den fürstlichen Feldherrn, dem eö vergönnt war, die süddeutschen Truppen zum edelsten Wetteifer mit den norddeutschen Kampf
genossen und zu einem ruhmvollen Anlheil an den glänzendsten Waffenthaten zu führen, — für Kaiser Wilhelm, der in Krieg und Frieden seinen Beruf zum Oberhaupt der deutschen Nation durch Gesinnung und That offenbarte.
Den deutschen Kronprinzen haben die Pflichten seines militärischen Amtes alljährlich nach Süddeutschland geführt. Immer hat er Gelegenheit gefunden, nicht bloS über die vorschreitende Tüchtigkeit der süddeutschen Streitkräfte seine Befriedigung kund zu geben, sondern auch dem patriotischen Geist der Bevölkerung warme Anerkennung zu zollen. Schon vor Jahren sprach er im Sinne des Kaisers und aus eigener Ueberzeugung den Grundsatz aus, daß die Liebe und der Dienst für das engere Heimathland völlig vereinbar seien mit der Hingebung an das große gemeinsame Vaterland; er wies mit Nachdruck darauf hin, daß in dem Vertrauen zwischen den Gliedern und dem Oberhaupt deö Deutschen Reiches die sicherste Bürgschaft für daS Gedeihen der Nation liege.
Bei dem Rückblick auf die inzwischen verflossene Zeit kann der Kronprinz und mit ihm ganz Deutschland volle Genugthuung empfinden. Vertrauen ist von beiden Seiten geboten worden; dasselbe hat sich immer weiter Bahn gebrochen und immer mehr bewährt. Das Band gemeinsamer Vaterlandsliebe, dessen Festigkeit zuerst in den Stunden der Bedrohung und des Kampfes erprobt ward, hält auch im Frieden Haupt und Glieder, Süd und Nord zusammen. In deutscher Treue und mit immer wachsender Erkenntniß der gemeinsamen Aufgaben steht Süddeutschland zu Kaiser und Reich und findet in ihnen den sicheren Hort gegen äußere und innere Gefahren. Mit gleicher Entschie denheit bringen Kaiser und Kronprinz den Grundsatz zur Geltung, daß der selbstständigen, eigenartigen Entwickelung der Reichsglieder jede Freiheit gelassen werde, die mit dem Wohl des GesammtvaterlandeS vereinbar ist.
Auf den Gesinnungen gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Treue ist der Bau deS Deutschen Reiches fest begründet; auf diesen Grundlagen wird er ferner mächtig emporsteigen, um der Eintracht und dem Frieden des Vaterlandes eine feste Wohnstätte zu bereiten und über alle edlen Bestrebungen deS deutschen VolkSgeisteS setn schützendes Dach zu wölben. (Prov.-Corresp.)
Tagesbericht
Für die Anwesenheit des Kaisers bei den Manövern deS IX. ArmcecorpS in Mecklenburg sind nachstehende Be stimmungen getroffen: Der Kaiser wird Sonntag den 19. September, Vormittags 11 Uhr 30 Minuten, Berlin auf der Hamburger Bahn mittelst Extrazuges verlassen, und gedenkt in Rostock um 5 Uhr 30 Minuten einzutreffen. Montag den 20. September wird der Kaiser um 11 Uhr Vormittags die Parave des IX. Armeekorps abnehmen.
Stzizirrgingk in Neapel.
Bon W. Wyl.
(Schluß.)
Arm und ehrlich, du hast Recht, meinte einer der Zuhörer. Darum hast du auch gestern 30 der schönsten Sklaven gekauft und schleichst von einem Juvelirr zum andern, um für deine blonde Tyche, die schöne Griechin, die schönsten Armbänder zu erhandeln, eh, alter Heucher? Uns betrügst du nicht, beim Hercules I
Solche Reden und frohes Lachen, ihr Echo, gab eS noch auf dem Forum von Pompeji am 23. August 79. In den Tempeln des Zeus, der Venus, der Fortuna und der Isis stiegen Gebete, wirbelte der Rauch den Göttern ge fälliger Opfer zum Himmel empor. Richter und Advokaten verhandelten in der Basilika und den andern dem Forum naheliegenden Hallen leichte und verwickelte Rechtsfälle, offen ging der Gerechte zu Werke, geheim der Sykophant. Der Müßiggänger schlenverte durch die Straßen und las die Aufschriften, welche für den folgenden Tag große Spiele im Amphitheater verkündeten mit „Benatio" und „Vela." Dreißig Paar Gladiatoren sollten kämpfen und Jagden dar- geftellt werden, und ein großes Segel sollte die ganze Arena überspannen, um die Bürger von Pompeji gegen die Hitze zu schützen. Wer der Erfrischung bedürftig war, besuchte die öffentlichen Bäder, wo er gegen Abgabe von einem QuadranS (etwa 5 Centimes) in heißen Dämpfen unv kalten Fluchen auf einige Stunden die Frische und Schmiegsamkeit der Jugend wieder erobern konnte. Die Durstigen sammelten sich in de» Schenken und schrieben lachend an bk Wand, daß der Wirch Waffer verlauste und den Wein tdwle*). Der Wechsler zählte seine Gold- und Silber-
*) Eine Inschrift dieser Att ist gefunden worden, und zwar ttft iw Master Zeit.
münzen und berechnete den Gewinn deS TageS, der Müller befahl feinen Sklaven unv trieb die Esel an, welche tn ewigem Kreisgange um die steinernen Mahlgänge jener Zeit herumzutraben hatten.
Der politische Agitator schrieb in großen rochen Lettern an die Wände die Namen Derer, die nach seiner Ansicht zu den Aemtern der Stadt gewählt werden sollten. Der die Ruhe liebende Reiche saß im schattigen Peristyliurn seines Hauses, lauschte dem Plätschern seines Springbrunnens, und ließ seinen Blick auf dem Opfer der Jphigenia ruhen, mit welchem der kundige Maler die Wand geschmückt. Die Gladiatoren hausten in ihrer Kaserne und stärkten sich durch Schlaf ober durch Trank und Speise zum morgigen Ehrentage; einige besonders Eifrige übten noch Arme und Beine in dem geräumigen, säulenumgebenen Hofe des Gebäudes. Der Witzbold wiederholte die Worte deö PlautuS oder Teremius, die er gestern in einem der beiden Theater der Stadt gehört. Der Schöngeist kitirte Horaz und Virgil, der künftige Redner memorirte die schwierigsten Stellen Cicero's, und dec Feinschmecker freute sich auf das könig liche Mahl, veffen Herrichtung er seinem Koche befohlen.
Verhüllten Hauptes, thränenden Auges saß in der Gräberstraße vor dem herculanischen Thore die Mutter an der Urne deS Lieblings, beffen Asche sie hier vor wenigen Tagen beigesetzt. In den Straßen plätscherten die zahlreichen Brunnen, und zogen schwere Lasten dir Esel, deren Gesang damals nicht schöner gewesen wie heute. Die Karren rollten in den auSgefahrene.i Geleisen über dir großen Steine de« Pflasters. Müde Wanderer langten an in der gastfrennd Itchen Stadt, andere verließen sie, den Wanverstab in der Hand.
Vesuvins, der uralte Berg, sah still auf dieses Treiben hernieder. Niemand hielt ihn besonderer Beachtung würdig
Seit undenklicher Zeit galt sein Feuer für erloschen.
Dienstag den 21. September findet das Corps-Manöver statt. Mittwoch den 22. September wird sich der Kaiser an Bord- der „Grille" einschiffen, und um 10 Uhr auf der Rhede eintreffen, und dann die Panzerfregatten „Kaiser" und „König Wilhelm" besichtigen. Um 1 Uhr finden taktische Erolutionen unter Durchführung einer Gefechtsidee, um 3 Uhr ein Wettrudern der Kutter des Geschwaders statt. Um 5 Uhr trifft der Kaiser wieder in Rostock ein. Donnerstag den 23. September wird ein Feldmanöver beider Divisionen gegen einander auSgeführt. Der Kaiser wird sein Logis in Doberan nehmen. Freitag den 24. September wird ebenfalls Feldmanöver staitfinden. Sonnabend den 25. September wird der Kaiser dem Feldmanöver beiwohnen, Nachmittags 4 Uhr von Doberan abreisen, und Abends gegen 11 Uhr in Berlin eintreffen.
Der Erzherzog Albrccht von Oesterreich trifft mit Extrazug am 9. b. 3)1, um 5 Uhr Nachmittags, aus Wien in Berlin ein; ein Extrazug wird bei Oderberg entgegengeschickt, doch findet nirgends offizieller Empfang statt, der Kaiser wird aber seinen Gast auf dem Central-Bahnhofe selbst empfangen und nach dem königlichen Schlöffe geleiten. Die Ankunft des Extrazuges erfolgt deshalb eine Stunde nach der Ankunft des Kaisers. An demselben Tage trifft auch der Erbgrotzhetzog von Sachsen-Weimar in Breslau ein, der König von Sachsen aber wird zur Beiwohnung der Manöver erst am 15. September in Liegnitz anlangen, Prinz und Prinzeß Albrecht von Preußen treffen dagegen schon am 10. September in Breslau ein.
Wie verlautet, wird der Reichskanzler noch im Lause dieses Monats die Zustimmung des BundeSratheS zum Erlaß einer kaiferlichen Verordnung einholen, nach welcher vom 1. Januar 1876 ab die Reichsgoldwährung im ganzen Reichsgebiete in Kraft treten soll.
Das preußische Kloftergesetz hat bekanntlich den an die Spitze gestellten Satz, daß alle Orden und ordensähnlichen Congregalionen der katholischen Kirche von dem Gebiete der preußischen Monarchie ausgeschlossen sind, zu Gunsten der Orden, welche sich ausschließlich der Krankenpflege widmen, und, in vorübergehender Weise, auch zu Gunsten der mit dem Unterricht und der Erziehung der Jugend beschäftigten Orden beschränkt. Doch scheinen diese Orden von der ihnen ertheilten Erlaubniß, in Preußen bleiben zu dürfen, nicht Gebrauch machen zu wollen. Die der Krankenpflege gewidmeten Orden halten eS für unverträglich mit ihrer Stellung, sich der Staatsaufsicht zu unterwerfen, und die Zustimmung des betreffenden Minister zur Aufnahme neuer Mitglieder einzuholen, und werden daher wohl ihre im preußischen Gebiete befindlichen Niederlassungen auflösen. Die Orden, welche sich mit Erziehung und Unterricht beschäftigen, werden sicher biejem Beispiele folgen; alle diese Orden werfen wegen ihrer künftigen Niederlassungen vorzugsweise den Blick
Man glaubte, daß der Alte seine stürmische Jugend hinter sich habe und gesetzt geworden sei. Geduldig trug er auf seinem breiten Rücken herrliche Pflanzungen, ja selbst seine breffiet Schultern und seine mächtige Stirn entbehrten nicht des Schmuckes zahlloser Bäume. Der alte Löwe war zahnlos geworden und hatte das Brüllen verlernt. Still unb wohlwollend schien er daS geschäftige Treiben der wohlhabenden Stadt zu betrachten, nur bedacht, ihren Brunnen und Fontainen das nölhige Wasser zu spenden.
So brach auch der 24. August an. Das Volk strömte in Massen nach dem an der Stadtmauer liegenden großen Amphitheater; in die Reihen der eingeborenen Pompejianer mischten sich zahlreiche Bewohner der umliegenden Ortschaften, die gekommen waren, die blutigen Spiele zu sehen. Diese waren im besten Gange. Schon hatte der ewig durstende Sand der Arena das Blut manches Tapferen getrunken, dem das Volk „pollice verso“ das Leben abgesprochen hatte. Eben zogen sie wieder einen blutenden Körper zu der engen Todespforte, um ihn in dem kleinen Kämmerlein, zu dem sie führt, seiner Rüstung zu entkleiden.
Da begann der zahmgeglaubte Löwe furchtbar zu brüllen. Zwanzigtausend Menschen richteten ihre entsetzten Blicke nach dem Berge, dessen majestätische Gestalt gerade vom Amphitheater aus sich in ihrer ganzen imposanten Breite und Höhe repräsentirt. Bei dem Anblicke, der sich da bot, verging den Zuschauern die blutige Lust, die eben noch die Herzen erfüllt hatte. Dem Gladiator entsank das Schwert, das er schon zum tödtlichen Schlage erhoben. Dumps brüllten die Löwen in ihren Käfigen, und bald herrschte dort Entsetzen, verwirrtes Geschrei und regellose Flucht, wo einige Augenblicke vorher nichts als festliche Lust, Glanz und froher Lärm gewesen.
Ans dem dumpf dröhnenden Berge aber stieg eine un- geh uere schwarze Säule empor, hin unb wieder von einem