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ffr. 211.

Marburg, Donnerstag, 9. September 1875.

x. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in jtaffel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M,Berlm, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

WnheMc Jciliiiui.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte», sowie bic Annonccn-Vureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M -Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schliß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SountagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 25| Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht

»o« vorzüglich unterrichteter Seite geht «uS soeben folgende hochwichtige Mittheilung z«: Es ist in der letzten Zeit von Constantinopel auS ,»tendenziöser Absicht die Nachricht verbreitet worden, daß die griechische Regierung sich beeilt habe, der hohen Pforte nichtl. bloS ihre stricte Neutralität in Beziehung auf den auSgebrochenen Aufstand zu versichern, sondern auch der­selben ihre Sympathieen zu bezeugen, indem gleichzeitig von ihr angedeutet worden sei, daß Griechenland sich even­tuell selbst activ auf die Seite der Türken zu stellen be­reit fei. Diese Nachricht entbehrt nicht nur jeder Grund­lage, sondern widerspricht auch den Intentionen der grie- chtschen Regierung, sowie der in Griechenland allgemein herrschenden Stimmung. Griechenland wird allerdings, so lange eine größere Conflagration im Orient durch die Pression der Großmächte zurückgehalten wird, auf keinen Fall auS feiner Neutralität herauötrcten, allein seine Sym­pathieen sind ausschließlich auf Seiten der Insurgenten, und eS wird im Lande auch daraus durchaus kein Hehl gemacht. Man giebt sich in Athen allgemein der Hoff­nung hin, daß durch die Insurrektion in der Herzegowina die orientalische Frage einer Lösung entgegen gehe, durch welche auch Griechenland zu einer wichtigeren Stellung ge­langen werde.

Die „Agence HavaS" meldet aus Konstantinopel vom gestrigen Tage: Serbien erklärte officiell, daß es sich in keiner Weife am Aufstande betheilige. In Bosnien ist die Ruhe vollkommen wiederhergestellt. Der Aufstand in der Herzegowina ist fast ganz unterdrückt. Zahlreiche In­surgenten unterwerfen sich.

Der deutsche Botschafter in Petersburg, Prinz Reuß, und der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Hohenlohe, sind in Berlin eingetroffen und vom Kaiser empfangen worden.

Der Finanzminister hat mittelst Circularverfügung vom 30. August d. I. die königl. Regierungen beauftragt, sänuntliche Kaffen ihres Ressorts anzuweisen, die unter ihren Beständen befindlichen, sowie die bei ihnen ferner eingehenden 1-Silbergroschen- und V2-Silbergroschenstücke, deutschen Gepräges nicht wieder zu verausgaben' sondern in möglichst abgerundeten Betragen, kastenmäßig verpackt und bezeichnet, mit thunlichster Beschleunigung an die zu­nächst gelegene kaiserl. Postkaffe gegen Ersatz abliefern zu lasten. Der Ersatz wird den königl. Kasten, wenn nicht in baarem Gelbe, durch Anerkenntnisse der Postkaste ge­währt werden; Letztere sind thunlichst ohne Verzug in dem geordneten Abrechnungsverkehr von den Specialkasten bet der Regierungshauptkaste und von dieser bei der ReichS- hauptkaste zur Berwerthung zu bringen, und sind in dieser Beziehung sämmtliche Kasten des RestortS des Fincmz- MinisterS auch die Kasten der unter staatlicher Aussicht stehenden Institute mit entsprechender Anweisung zu ver-

Die Lieke ii der Geschichte.

Baco von Berulam, der wie Plato und Schopenhauer nicht viel von der Liebe hielt, hat zwar einmal gesagt: „Große Seelen und große Unternehmungen vertragen sich nicht mit dieser kleinen Leidenschaft," aber die Geschichte, nicht bloS die der Künste und der Entwickelung des mensch­lichen Geistes, sondern auch die der politischen Umwälzungen gibt ihm Unrecht. Der Philosoph, der mit Recht die Erkenntniß der Wahrheit von den Thatsachen und der Erfahrung abhängig macht, ließ sich von seiner eigenen Empfindung täuschen. Da er von allen Leidenschaften den Ehrgeiz am Besten, und die Liebe am Wenigsten begriff und empfand, war er geneigt, ihre Wirkung zu unter­schätzen. Die Liebe spielt aber in der Entwickelung der Einzelnen, wie der Menschheit eine große Rolle, .rotz der angeblichen „Hörigkeit der Frau" hat Eva im Vordergrund der Weltbücher gestanden; von jener Helena, die den gro­ßen Brand von Troja entzündete, bis zu Therese Cabarus, die den Scheiterhaufen der Revolution mitauSlöschen half. Niemals ist der Einfluß einer schwärmerischen oder leiden­schaftlichen Liebe auf die Schöpfungen der Dichter und Künstler, auf die Entfaltung oder tragische Berrichtung ihres Wesen» bestritten worden. So verschiedenartig tritt diese Leidenschaft auf, indem sie trotz ihrer Allgemeinheit her Eigenart eine» jeden sich fügt und die Züge und Formen feine» Wesen« einnimmt; so sehr wird sie in ihren Aeußerungen durch die Sitten und Stimmungen einer bestimmten Zeit beeinflußt, daß sie gerade der historischen Bettachtung einen reicheren und mannigfoberen Stoff gewährt, al« der Ehrgeiz und die Herrschsucht. Cäsar und Napoleon, Macbeth und Richard UL, alle Ehrgeizigen in der Wirklichkeit und in der Dichtung, haben einen ge

sehen. Ferner hält es der Finanzminister für erforderlich, daß die von demselben mittelst Verfügung vom 15. Zum d. I. angeordnete Einziehung der auf der Zwölftheilung des Groschens beruhenden Drcipfennigstücke deutschen Ge­präges wirksamer als bisher betrieben werde. Die Re gierungs - Hauptkaffen, sowie die denselben unterstellten Spezialkassen sollen deßhalb angewiesen werden, Drei­pfennigstücke in Beträgen von mindestens 1 Mark gegen Reichskupfermünzen umzutauschen, und ist diese Anordnung durch Veröffentlichung in den Amts- und Kreisblättern zur Kenntniß des Publikums zu bringen. Die Ueberweisung der zur Durchführung dieser Maßregel in den einzelnen Bezirken erforderlichen Beträge an Reichskupfermünzen ist schleunigst bei dem Finanzminister zu beantragen.

Es bestätigt sich jetzt vollständig, daß die Eisenbahn­truppen noch um zwei Bataillone verstärkt werden, so wie, daß der im vorigen Jahre vom Reichstag abgelehnte An­trag, die drei vorhandenen Compagnien der Seeartillerie auf acht zu erhöhen, wenn nicht schon in der nächsten, so doch in der folgenden Session des Reichstages wieder ein­gebracht werden würde, da diese Erhöhung sich als durchs aus nothwendig herausstellt; auch beabsichtigt man eine Erhöhung der beiden Matrosen-Divisionen, deren zeitiger Friedensstand für die bedeutende Schiffszahl, welche der deutschen Marine in diesem Jahre zugekommen ist, durch­aus ungenügend ist.

Nach den neuesten Nachrichten auS Spanien ist es Dorregaray zwar gelungen, Navarra mit 1500 Mann zu erreichen, nur unter dem Verlust deS gesammten Kriegs« Materials. In BiScaya fanden neuerdings Kundgebungen für den Frieden statt. Die Gerüchte von einem bevor" stehenden Convenio gewinnen an Glaubwürdigkeit. Nach­richten von der Grenze zufolge sind Delegirte de» Papstes in Tolosa eingetroffen, um den Frieden anzurathen.

Deutsches »eich.

— Berlin, 7. Sept. Die Niederlage der Freihändler auf dem volkSwirthschaftlichen Congreß hat in den Reihen der Maitchestermänner große Bestürzung hervorgerufen. Bis dahin stellten sie die Behauptung auf, daß nur ein kleiner Thcil der Bevölkerung, ausschließlich ein Paar Fabrikanten, das Einhalten auf der Bahn des FreihandleS al« Theorie, und zur Unterstützung der völlig darnieder liegenden In­dustrie einen mäßigen Schutzzoll verlangten. Sie glaubten durch diese Darstellung die öffentliche Meinung brüökiren zu können, und geben sich kaum die Mühe, die schwer wie­genden Gründe der Industriellen zu widerlegen, indem sie sich fortwährend auf das Urtheil der „Wissenschaft" beriefen. Namentlich gaben sie sich der Zuversicht hin, daß das Ver- dict des volkSwirthschaftlichen CongresseS die Agitation der Schutzzöllner lahm legen werde; die große Täuschung, die sie dort erfuhren, findet sie vollkommen außer Fassung. Statt dieses Urtheil mit dem Respekt hinzunehmen, welches eS als

meinsamen Zug, eine Familienähnlichkeit im Gesicht, aber Dante ist ein ganz anderer Liebhaber als Goethe, und die wilde, leidenschaftliche Neigung Maria Stuart’« zu Both- well scheint im ersten Blick zu der Zärtlichkeit und Hin­gabe Maria Theresias für ihren Gemahl auch nicht die leiseste Beziehung zu haben. In seinem geistvollen, wun­derlichen Buche: De l’amour versucht Stendhal die Arten der Liebe festzustellen, nach ihm giebt es deren vier: die Liebe ans und als Leidenschaft, die Liebe auS Geschmack, die sinnliche Liebe, die Liebe auS Eitelkeit. Wir glauben nicht, daß er damit die Tiefe dieses Brunnen« erschöpft hat; abgesehen von der platonischen Liebe, die ja nur eine Umschreibung für Freundschaft ist, findet in feiner Ein- theilung auch die sentimentale Liebe keinen Raum, und es wird wenige Deutsche geben, über deren Jugend nicht diese Liebe ihren sanften, rosigen Schimmer geworfen. Eine Untersuchung nun, in welchen Zeiten bei welchen Völkern, in welchen Persönlichkeiten diese verschiedenen Seiten der Liebesleidenschaft am Schärfsten und Bedeut­samsten sich ausgeprägt haben, würde eben so anziehend als lohnend sein. Zwischen der Wirklichkeit, die der Ein­zelne lebt, und der Dichtung, die in ihren Gestalten und Handlängen mehr oder weniger stets auf ein Allgemeines zieht, bildet die Geschichte, die Kunde der Vergangenheit eine Mittelstufe. Zeit und Raum, Lebensgewohnheiten und Anschauungen, die uns von ihr trennen, geben der Ver­gangenheit eine eigene Verklärung, eine eigene Dämmerung, wir erkennen sie nur aus den Aufzeichnungen und Mit- theilungen Anderer, in dem Geschichtschreiber steckt immer eine Ader von Dichter. Alle Einzelheiten einer Thalsache aufzuhellen und objektiv wiederzugeben wird auch der strengsten und unermüdlichsten Forschung nicht gelingen. Darum ge-

Ausdruck der öffentlichen Meinung nicht nur verdient son­dern welchen sie früher auch für die ihnen angenehmen Be- schlüffe dieser Versammlung verlangten, nehmen sie zu einem ganz eigenthümlichen Manöver ihre Zuflucht. Die Organe der Manchesterpartei suchen den Beschluß deS volkswirth- schaftllchen Congreffes dadurch zu entkräften, daß sie die Majorität deffelben schwächen, und das Votum als Folge eines coup de main einer gewissen Zahl von Fabrikanten hinstellen. Demnach ist in den Augen der Manchesterpartei dieser Beschluß keine Niederlage für sie, denn sie nehmen in wirthschastlichen Dingen für die Herren Braun, Era», Bamberger und Richter die Unfehlbarkeit in Anspruch, und sprechen über jeden, der nicht in ihr Horn stönt, daS Ver- dammungsnrtheil. ES ist doch auffällig, daß auch in Wien der volkswirthschastliche Verein bei der gegenwärtigen Lage der Industrie sich für einen Schutz aussprach. Freilich sucht man auch hier wieder den Beschluß der Majorität durch ein ähnliches Experiment zu entkräften, wie die Herren Man« chestermänner eS mit dem Münchener Votum machen. Bisher hatte man sich gedankenlos der Führung der Fanatiker der „Wisfenschaft" überlaffen; jetzt aber beginnt allmählich auch die Erfahrung im Gegensatz zu der abstrakten Theorie zu ihrem Recht zu kommen. Dieser Umschwung kann auf keinen Fall ohne Folgen bleiben, weder auf die Gesetzgebung noch aus die von der deutschen Regierung zu ergreifenden Maß­regeln. — Es ist vor Kurzem von einem Wechsel deS tür- kischen Botschafters am hiesigen Hofe, Arcitarchi Bey, ge­sprochen worden, derselbe ist aber nicht nut wieder hier auf seinem Posten eingetroffen, sondern wird auch auf demselben bleiben. UebrigcnS werden wohl Conferenzen der Mächte (für definitive Regelung der Zustände auf der Balkanhalb- insel) dm dahin gehenden Verhandlungen der Consuln folgen, und möchten daher wohl alle Mitglieder des diplomatischen Corps hierzu diesem Zwecke wieder eintreffen. — Die „Agence HavaS" bringt die übrigens anderweitig noch nicht bestätigte Nachricht, daß die Insurgenten der Herzegowina abgelehnt hätten, zu den in Mostar von den Consuln abzuhaltenden Verhandlungen Delegirte zu senden, und die Erklärung ab- - gebeben, dies nur dann thun zu wollen, wenn die Confe­renzen auf neutralem Gebiete ftattfänben.

BreSlau, 6 Sept. Für die Reife und die Anwesen- heit des Kaisers zu den schlesischen Manövern sind folgende definitive Bestimmungen getroffen: Der Kaiser verläßt am 9. d. Morgens 8 Uhr 45 Min. Berlin auf dem nieder- schlesischen Bahnhofe und wird um 12 Uhr 55 Min. in Glogau eintreffen. Daselbst findet Empfang, Besichtigung und Dejeuner im Rathhaus statt. Die Weiterreise nach Breslau erfolgt Nachmittags 2 Uhr und die Ankunft in Breslau auf dem Freiburger Bahnhofe um 3 Uhr 50 Min., woselbst Empfang, Begrüßung des Kriegervereins u. s. w. stattfinden. Nach dem Diner im Schloß ist Abends Sei­tens der Stadt Festvorstellung im Theater arrangirt. Freitag den 10. September wird der Kaiser mit Extrazug Morgens winnen die Liebespaare der Vergangenheit eine erhöhtere Stellung in unserer Phantasie, das Leidenschaftliche und Zärtliche, das Tragische und das Komische haben kräftigere Farben; das Kleinliche und Alltägliche ist zum Theil ab­gestreift, der langsam tröge Verlauf der Wirklichkeit aus wenige entscheidende Momente zusammengedrängt. Und nicht nur das: gereifte Zeitalter und Stimmungen verleihen der Liebe einen bestimmten Ausdruck, den, wie es scheint, der Einzelne nicht verändern kann. Ohne Zweifel wird eS auch im Italien der Renaissance eine sentimentale, eine Schülerliebe gegeben haben, alle LiebeSgesch-chtm aber au« jener Zeit, ob sie un« nun die Geschichte ober die Dichtung überliefert, ob sie un« die Chronisten ober die Novellen­schreiber erzählen, tragen den Stempel der Leidenschaft. Cesare Borgia'S Liebe zu seiner Schwester Lucrezia — sei. sie nun Wahrheit ober eine Erfinbung ber Satiriker __

ist Leidenschaft; Leidenschaft bringt beit Fürsten Paolo Or­sini bahin, ben Gatten Vittvria Aceoramboni'S erworben zu lassen; Leibenschaft treibt Elena Campireali, bie nach­malige Aebtissin von Castro in bie Arme beS Banditen Giulio Branciforte: e» stnb auf ber Bühne ber Welt bie«, selben Geschichten unb Empfindungen wie im Laube ber Dichtung, baS Banbello unb Cinihio mit ihren Gestalten bevölkern. Dagegen fällt e« schwer, im Frankreich Vol­taire s eine andere als bie Siebe aus Geschmack, l’amour- 80U^ "ie Stendhal anmutiger sagt, nachzuweisen. Watteau ist ihr Maler, eergeben« sucht Rousseau in ber „Neuen Heloise" darüber hinaus zur Leivcnschaft vorzubringen, er kommt, gerade wie Prsvost in der Geschichte ManonS LeS- caut'S unb des Chevaliers be» Grieux, nur zur Sentimen­talität. Die einzige Ausnahme bilben bie Briefe ber Julie Lesptuaste, in denen der Äthern ber Leidenschaft weht sonst