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iSr. 210. Marburg, Mittwoch, 8. September 1875.

X Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie dir Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kastel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

ObcchiMc Jrtlung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Eyttditton d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daube L Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Fran.futt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schliß, ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

thli» aiB dm Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition («och'iche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). - Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 «la

Mr m der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die orteutalische Frage

Die Nachrichten über bcu Aufstand in der Herzegowina lauten sehr verschieden, je nachdem sie aus dem türkischen Lager kommen, oder auS dem der Insurgenten. Letztere erkennen allerdings, einige Schlappen davon getragen zu haben, indeffen sind diese keineswegs so bedeutend, daß dadurch der Aufstand selbst gehoben ist. Im Gegcntheil gewinnt derselbe nach den neuesten Nachrichten immer noch an Ausdehnung. Namentlich aber ist es von der größten Bedeutung, daß sowohl Serbien als Montenegro auf dem Sprunge stehen, der Türkei den Krieg zu erklären, und sich an dem Ausstande zu betheiligen. Serbien beklagt sich über Grenzverletzungen durch türkische Truppen; in Mon­tenegro ist die Aufregung fo groß, daß der Fürst Nikita seine Unterthanen nicht mehr im Zaume zu halten im Stande ist. Mit Spannung erwartet man die weitcren Folgen dieser Zustände. Es gilt allgemein als ausgemacht, daß Oesterreich für diesen Fall sofort Bosnien, vielleicht auch Serbien besetzen wird, weil eine weitere Ausbreitung de» Ausstandes dir Grenzen Oesterreichs und den Frieden Europas bedrohen würde. Oesterreich handelt vollständig im Einverständniß mit seinen Verbündeten, und hat alle Maßregeln getroffen, um sofort eine Occupation mit allem Nachdruck durchführen zu können, und so den Wirren und Uebelständen in der Herzegowina mit einem Schlage ein Ende zu machen. Uebrigens würde durch die Occupation keineswegs die Herstellung des Statusquo bedingt sein. Die verbündeten Mächte haben bereits durch ihre Me­diation in Constantinopel hinreichend bewiesen, daß es ihnen darum zu thun ist, geordnete Zustände an der un­teren Donau herbeizuführen, die Art und Weise nach welcher dies kann und wird, muß sich dann nach voll­zogener Occupation Herausstellen. Allgemein macht sich die Anficht geltend, daß diese Angelegenheit am besten in btt Weise zu regeln sei, baß Rumänien, Serbien und Montenegro ihre vollständige Selbstständigkeit erhalten, die Herzegowina und Bosnien aber mit Oesterreich vereint werden; dabei aber tritt auch die Ansicht auf, daß für diesen Fall auch Rußland und Deutschland eine anderwei­tige Entschädigung zu beanspruchen berechtigt wären, und auf dieser Cvnjeftur scheint die eigentliche Bedeutung der ganzen Angelegenheit zu beruhen. Die drei Mächte sind vor allem bemüht, den europäischen Frieden aufrecht zu erhalten und jene Frage womöglich zu localisircn. Ruß­land hat den Schwerpunkt seiner Action nach Centalasien verlegt und wird sich schwerlich daher in Complicationen an der unteren Donau einlaffen; damit ist indeffen nicht

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ausgeschlossen, daß bei der Endordnung dieser Angelegen, heil eine Grenzregulirung am Pruth zu Gunsten Ruß­lands Eintreten dürfte. Noch weniger aber ist Deutsch­land direkt bei dieser Frage interesstrt, eS ist daher auch ganz natürlich, daß eS nicht dort auf irgend eine Entschädigung Anspruch erheben wird, um so mehr, da eS vollständig mit seiner jetzigen Ausdehnung zufrieden ist, und sich aus­schließlich dem Ausbau seiner Reichsverfaffung hingiebt. Sollte irgend eine Aenderung in Aussicht genommen sein, so könnte sie doch nur in der Erweiterung seiner Handels- Beziehungen bestehen, etwa indem Holland zu dem Zoll­verein in ein näheres Berhältniß träte, und so eine engere Verbindung jener beiden stammverwandten Länder im Hin­blick auf die gemeinsamen Interessen beider gefördert würde, ohne dadurch die politische oder territoriale Unabhängigkeit Hollands in irgend einer Weise zu gefährden, eS würde selbst eine solche Combination dem Gedeihen des hollän- eischcn Handels und seiner Colonien durchaus ersprießlich sein, und darf man daher erste, entgegenkommende Schritte von Seiten Hollands erwarten, während Deutschland ge­wiß keinen einzigen entscheidenden Schritt zuerst thun wird, weder um die vollständige Lösung dieser Frage herbeizu­führen, noch deren Vertagung zu hindern.

Tagesbericht.

Der Etat der Eisenbahnverwaltung für 1876 veranschlagt die Ausgaben auf 27,670,000 Mark, die Einnahmen auf 37,140,000 Mark, so daß sich ein Ueberschuß von 9,470,000 Mark ergibt. Im vorigen Etat waren ausgesetzt: Aus­gaben 28,962,150 Mark, Einnahmen 36,030,000 Mark; der Ueberschuß betrug also 7,067,850 Mark. Das nach Abzug einiger Summen von Ersparnissen für 1876 ent- stehende Mehr gegen daö vorige Jahr beträgt bezüglich des Ueberfcbuffes 2,462,150 Mark. Das Extraordinarium be­trägt 317,610 M!., gegen 299,250 Mk., also 18,360 Mk. mehr als 1875. Daffelbe entsteht auS 303,610 Mark vierte Rate für die Gotthard-Bahn und 14,000 Mk. vierte Rate für die Eisenbahn Kolmar Neumünster.

In der Bekleidung der Offiziere, Aerzte, Beamten und Mannschaften der kaiserlichen Marine find Abänderungen in dem Sinne vorgenommen, daß alle bisherigen preußischen Embleme und Abzeichen aus Knöpfen, Czako u. s. w. durch andere, dem deutschen Reiche angehörige ersetzt werden, und so der Marine der Charakter als Reichsinstitut gegeben werden. Die deutsche Marine nimmt überhaupt einen stets größeren Ausschwung. Die Geschütz- und innere Aus­rüstung der PanzerfregatteDeutschland" ist vollendet, und

wird sich so daS Deutsche Reich in bet Lage sehen, in jedem gegebenen Moment ein Panzergeschwader von fünf trefflichen Fahrzeugen in Action treten zu lassen. Noch in diesem Jahre steht aber die erneute Verstärkung der deutschen Panzerflotte auch um ein erstes Thurmschiff, die Panzer- fregattePreußen" und spätestens bis zum Sommer nächsten Jahres um ein zweites derartiges Schiff, die Panzer - fregatteFriedrich der Große" zu gewärtigen, womit die Stärke der deutschen Panzer- und Schlachten-Flotte bis zu einer Schiffsdiviston angewachsen wäre, welche in der Schiffs­zahl jeder der beiden 1870/71 von Frankreich aufgestellten PanzereScadreS gleichkäme, oder wenigstens nur um sehr weniges geringer, in der Stärke der Panzerung, Geschütz- ausrüstuiig und Maschinenkraft jedoch um mehr als das Doppelte überlegen fein würde. Namentlich in letzter Be­ziehung muß die deutsche Panzerflotte als besonders her­vorragend anerkannt werden, denn es ist vielleicht ohne ein zweites Beispiel, daß die Schiffe eines EscadreS durch­gehends eine Schnelligkeit von 12, 13, 14 und selbst 16 Knoten (wie derKronprinz") oder 3 41/2 Seemeilen in der Stunde zu entwickeln vermögen.

DerAgence Havas" wird gemeldet, daß die Insurgenten in der Herzegowina es abgelehnt haben, Delegirte zu einet Konferenz der Consuln zu ernennen, welche zu Mostar zu­sammenträte. Die Insurgenten erklären, sie würden De­legirte nur zu einet Konferenz an einen neutralen Ort ab- sc.nden. Eine anderweitige Bestätigung der Nachricht liegt nicht vor.

Deutsches Strich.

* Berlin, 6. Sept. Den Nachrichten der letzten Tage zufolge muß man darauf gefaßt fein, die Dinge im Orient in eine neue Gefahr treten zu sehen! Die ser­bischen Zustände find derart, daß eine Behelligung diese» Staates an dem Kampfe gegen die Türkei unvermeidlich er- scheint. Montenegro wird auch nicht säumen, in die Offen- sive zu treten. Sobald aber die active Parteinahme der genannten Staaten ausgesprochen fein würde, dürfte von den durch die Großmächte des Ostens unter Zustimmung Frankreichs, Englands und Italiens eingeleiteten Verhand­lungen mit den Insurgenten kein Resultat mehr zu erhoffen sein. Die Entscheidung liegt zunächst fast ausschließlich in der Hand Oesterreichs. Das deutsche Reich zielt in seiner Politik vor allem auf Erhaltung des Friedens, an den Dingen des Orients nimmt es nur mittleren Antheil. Ruß­land, hat ein historisches, ein geschichtlich »nd sachlich wohl begründetes Jntereffe daran, daß gegen die orientalischen

Zwei Familie«.

Erzählung von Ernst Streben.

(Schluß.)

Und der Wagen rollte weiter mit ihm; dichter, trau­licher umfingen ihn daS Dunkel und die Ruhe. Schläfrig «hob er die Augenlider noch einmal und ließ sie wieder niederfinken, wie er das matterhellte Feld sich zur Seite ««»gebreitet liegen sah, und den Himmel darüber ausge- fpannt mit friedlichen Wolkenschatten. Die Schatten glitten in feine Seele und nahmen sie gefangen, und da« schöne, lächelnde Antlitz stieg empor, höher und höher aus der Tiefe, ein fchwebender Engel. Die Sterne glänzten an feinem Gewände, auf feinen weißen, ausgebreiteten Flügeln, und fo flog er voran auf der schimmernden Fläche, die sich endlo», unermeßlich auSdehnte, voran wie die Hoff­nung, einem schönen, glücklichen Ziele entgegen.

Wieder war e» Sonntag geworden, ein festlicher, freu­diger Sonntag, im leuchtenden Gewände von Schnee, hin- ««ifend auf da» mehr und mehr sich nähernde Fest der lieblichen Weihnachtszeit. Wohl war es diesmal mit Recht eine schöne Aussicht zu nennen, die, welche man von dem schmalen, weiß getünchten Haufe au» erblickte, mit der großen Kirche und dem Pastorsgarten, der heute märchenhaft ansfah mh seinen krausen Sträuchern, Büschen und Bäumen, voll zackiger Aeste und Zweiglein, alle mit einer weißen, glitzernden Kruste von zierlichem Reis umkleidet, wie wunderliche Korallengebilde zu schauen, daß da» Auge mit Luft weilte auf bet phantastischen Schönheit. Unb darüber schaute bas altersgraue Gebäude mit seinen erhabenen Thür men, seinen burchbrochenen Spitzen und schneebedeckten Flächen, worauf mit röthlichem Glanz die Wintersonne hernieder schien. Unten auf der Straße hüpften die kleinen bräunlichen Vögel im dichten Feder- tleib, fast aussehend wie Kugeln, die aus dem zarten Schnee hin und her rollten, indem ste bebend liefen, pickten und das Köpfchen drehten.

Drinnen aber in der reinlich geschmückten Stube sah 18 erst recht hübsch au». Welche glückspendende Wunder­

blume hatte den gehcimnißvollen Kelch hier ungesehen er­schlossen, und ihren Zauber, ihre Düfte auSgeströmt; welcher Engel mit leuchtendem, holdseligem Antlitz war unsicher hindurchgeschwebt und hatte einen Schimmer von seinen Flügeln, eine Ahnung seiner überirdischen Nähe hier zugelaffen? Magdalene steht am Fenster, träumend, lächelnd, beide Hände über dem hochklopfenden Herzen eine wonnig verklä te Braut. Zu ihr herauf bringen schmeichelnbe, jubelnde Töne einer Violine; denn Er wohnt wieder in ihrer Nähe, in dem früheren, liebgewohnten Stübchen, und sendet ihr den innigen Morgengruß. Er spielt jetzt nur sehr selten; er hat keine Zeit dazu, er ist zu glücklich und voller freudiger Unruhe; aber heute, am Sonntag in der Frühe, hat es ihn getrieben, die kleine, braune, beseelte Freundin wieder hervorzunehmen. Zärt­lich schmiegt sie sich an seine Wange, und leihet, wie der lockende Bogen darüber hingleitet und hüpft, der Hoffnung, dem Entzücken ihre himmlische Sprache.

Das Gesicht der Mutter blickt zur Thür herein: Magdalenchen, mein Kind, fieh doch geschwind einmal her!" Und das Mädchen fliegt hinaus. Bald erscheint fte wieder, mit der häuslichen Schürze angethan, ge­schäftig und wirthlich, denn es jgiebt noch viel heut vor Abend zu schaffen und einzurichten, da Gäste kommen werden zum heitern Feste.

So kommt der Mittag und der Tag vergeht in mannigfachem Treiben, unb Christel hat schrecklich viel zu laufen, hin unb her zu rennen unb herbeizuschleppen. Ihre Mutter ist auch ba unb leistet Hülfe beim Backen unb Kochen; auch Frau Biese hat ffch dazu eingestellt und für den Abend ihre drei Mädchen einer Nachbarin über­geben. Und hernach werden die größeren Möbeln aus der Stube getragen, um Platz zu gewinnen, auf dem, nach alter Sitte geräumigen Flur an die Wand gestellt und mit weißen Tüchern bedeckt. Es wird drinnen alles geordnet unb zierlich Hergerichte, bann werben bie Lampen angezündet unb Lichter umher gestellt. Nun mögen die Gäste nut kommen I Weinlich hat e» sehr eilig gehabt,

ist beständig auf den Beinen gewesen, immer plaubernb verwirrend unb dazwischen fahrend. Er reibt sich bie Hände, neckt die Frau, kneipt baS Töchterchen unb ist ausgelassen. Die Frau sieht still vergnügt aus, ach wie vergnügt! Ihr Gesicht strahlt wie ein oergolbeter Apfel am Weihnachtsbaum, ober wie bie liebe Sonne an einem Maimorgen, ober wie bas Gesicht einer glücklichen Mutter, bie sie ist.

Nach unb nach kommen Gäste unb eS geht an ein Grüßen, Bewillkommnen unb Händeschütteln. In Magdalenens Stübchen, nach dem Hof hinaus, da werden die Mäntel und Hute abgelegt unb aufgeschichtet. Frau Biese kommt verwandelt zum Vorschein. Sie hat frische Toilette gemacht und das korinthbraune Thibetkleid angelegt, mit Spitzen am §alfe. ES ist rnodernisirt und neu aufgearbeitet, und steht ihr sehr gut zu dem freundlichen, runden Gesicht, und selbst chr Bruder müßte daö eingestehen, wenn er hier wäre und sie sehen könnte. Und ihr Vater ist erschienen mit Alex, und der Alte hat sich fein gemacht nach Möglichkeit. Seine große, kahle Stirn glänzt wie ein Montblanc nein, ein Monte Rosa vor Behagen. Er drückt beiden Eltern die Hände, drückt Magdalenchen die Hände, die fo wunder­hübsch diesen Abend aussieht, unb ist sehr bebcutungsvoll unb feierlich, wie er sie anblickt, ben Mund aufthut und gern etwas sagen möchte, zu welchem eS aber noch zu früh ist. Die beiden Herrn Leonhard, Onkel und Neffe, sind eingetreten, Ersterer gedenkt morgen abzureisen und noch einige Freunde und Freundinnen der Familie kommen an, welche bie Selben anstaunen unb sich wundern Nun fft die Stube voll, und eS herrscht viel Gedränge unb

§rau Weinlich nimmt Alex bei der Hand und führt thn nach hinten. Da steht ein gedecktes Tischchen für ihn und noch ein paar Gäste, denn vorn ist der Raum beengt unb er wird gleich Gesellschaft haben. Unb nun fetat ^tifiel auch und führt sich mit einem Knix bei ihm ei«. ©ie thut sehr wichtig unb zimperlich nnb sieht gar nicht übel aus m dem netten, hellfarbigen Kleide, ba» ordentlich