ffr. 208.
Marburg, Sonntag, 5. September 1875.
x. Jahrgang.
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WerhtMt Jrilung
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P«Ntische Wochnt-Uebrrstcht.
Die abgelaufene Woche gehört der Erinnerung an Se- dan; aus allen Theilen des deutschen Reiches kommen die Nachrichten über die nationale Feier dieses denkwürdigen Tages. — Unser Kaiser wohnt den Herbstübungen des Garde-CorpS bei und hat stch am Donnerstag Abend nach Weimar zur Enthüllungsfeier des Karl-August Denkmals begeben. Unser Kronprinz hält in Süddeutschland Truppen- Jnsprctionen ab und wurde sowohl in Stuttgart als in Augsburg auf'« herzlichste bewillkommnet.
Kaiser Franz Joseph hat am Dienstag in Budapest- dm ungarischen Reichstag mit einer Thronrede eröffnet, welche besonders die Nothwendigkeit der Herstellung des Gleichgewichts im Staatshaushalte betont und sodann ver schiedene Reformvorlagen, unter Anderem auch bezüglich der „ReligiouS- und Ehcfrage", sowie die Verhandlung der „zwischen beiden Theilen der Monarchie im Jahre 1867 bis 1868 auf zehn Jahre getroffenen Vereinbarungen" verheißt. Die auf die auswärtige Politik und also auch aus die Beruhigung der türkischen Balkanländer bezügliche Stelle der Thronrede lautet sehr kurz: „Unsere herzlichen Beziehungen zu den auswärtigen Mächten berechtigen zu der Hoffnung, daß der Friede trotz der in neuester Zeit aufgetauchten Ereignifle ausrechterhalten werden wird und Sie daher 3foreui Gesetzgebungsberufe ungestört werden obliegen können." In der That haben im Verlaufe der letzten Woche die au Oesterreich« Grenzen „ausgetauchten Ereigniffe" ihren beunruhigenden Charakter nicht gesteigert, eher das Gegen- theil.
In der Schweiz ist man mit umfassenden Eisenbahn- FustonS-Projeeten beschäftigt, wobei es sich besonders um eine Bereinigung der schweizerischen Westbahnen mit den Berner Jurabahnen handelt.
Di« italienische Regierung hat endlich begonnen, dm vielbesprochenen Att. 18 des Garantieengesetzes zur Ausführung zu bringen. In allen Pfarreien muß auf ihren Befehl ein genaues Berzeichnitz aller Personm angefertigt werden, welche zu den kirchlichen Lasten beitragen. In Malland fand eine große Begräbnißfeierlichkeit statt. Am 4. August 1848 waren bei der Vertheidigung der Stadt 40 Bürger gefallen und vor der Porta Vittoria bestattet wordm. Deren Ueberreste wurden jetzt auf dem neuen Friedhöfe eingesenkt.
In Frankreich nehmen die Ultramontanen dm Mund immer voller; immer lauter, wie tönende Schellen, erhebt sich da» Zeugnißlegen für die allein selig und glücklich machende Kraft des von Rom und den Jesuiten definirten Glaubens. Auf den katholischen Kongreß von Poitiers, der am 22. August geschloffen worden, ist in Reims der katholischen Arbeitervereine Zusammenkunft gefolgt, welche bi» zum 27. August gewährt hat und durch den Mund
der Hauptredner der Welt verkündigt hat, wie sie gerettet werden soll. Man war unverschämt genug, einen ganz zufälligen Besuch, den der König von Baiern am 25. August der durch ihre Bauschönheit berühmten Kathedrale von Reims gemacht hat, für die Umtriebe dieser Weltretter aus- zubeuten. ,
In Spanien hat die carlistische Empörung durch den Verlust der Citadelle von Seo de Urgel, welche stch am 26. August ergeben mußte und Tags darauf von den Regierungstruppen besetzt worden ist, einen schwer zu verwindenden Schlag erlitten. Nachdem zu Anfang dieses Monats Valencia und Aragonien südlich vom Ebro durch dm glücklichen Feldzug Jovellar's von den Carlisten gesäubert worden, ist nun vor dem General Martinez CampoS das letzte Bollwerk des Aufstandes in Catalonien gefallen. Die Carlisten verfügen jetzt über leinen Platz mehr von irgend welcher Bedeutung außerhalb der baskischen Provinzen und Navarras.
Die portugiesische Regierung ist mit dem heiligen Stuhl über eine neue kirchliche Eintheilung des Landes übereingekommen, durch welche die Anzahl der Diöcesen vermindert wird.
Die öffentliche Meinung Englands wird von den Ereignissen in der Herzegowina sehr in Anspruch genommen; man scheint sich indeß im Allgemeinen mit dem Gedankm, den aufrührerischen Staaten einen gewissen höheren Grad von Selbstständigkeit, gegenüber der Türkei einzuräumm, schon verttaut gemacht zu haben.
In Haag tagte das Institut des Völkerrechts und beschloß, die Genfer, Brüffeler und Washingtoner Festsetzungen mit einigen Amderungen anzunehmen und sich für den Grundsatz zu erklärm, daß befrachtete Kauffahrteischiffe, welche sich im Kriege jedweder Feindseligkeiten enthalten, nur dann aufgebracht werden dürfen, wenn sie entweder Kriegscontrebande führen oder wmn sie eine Blokade zu durchbrechen suchen.
Der König von Schweden und Norwegen hat stch von Stockholm nach Christiania begeben, um zunächst den Truppenübungen und sodann am 7. September der feierlichen Enthüllung des Denkmals beizuwohnen, welches zu Ehren seines Großvaters, des Königs Karl Johann (Bernadotte geb. 1767, feit 1810 Kronprinz von Schweden und Adoptivsohn Karls XIII, seit 1818 König, gestorben 8. März 1844) in Norwegens Hauptstadt errichtet worden ist.
Der Kaiser von Rußland hat in Moskau Truppen- bestchtigung gehalten und kehrt heute von dort nach Petersburg zurück. Der Großfürst Alexis, der seit mehreren Jahren in heimlicher, aber legitimer, nur vom Kaiser als dem Famllienhaupt nicht anerkannter Ehe mit einer ehemaligen Hofdame der Kaiserin gelebt hat, ist durch die
fortdauernde Ungnade seines Vaters, der ihn unaufhörliche Seereisen zu machen zwang, endlich bewogen worden, feiner Frau, die theils in Nizza, theils in Dresden ihrem Gatten treu ausharrte, zu entsagen und mit ihrer Zustimmung sich von ihr in aller Form scheiden zu lasten. Zuvor hat der Kaiser diese Ehe seines Sohnes als legitime anerkannt und der nun geschiedenen Frau den Namen Gräfin ©eg« giano verliehen.
In Griechenland macht stch nicht die mindeste Sympathie für die slavischen Aufstände in der Herzegowina merkbar. Die Thronrede, mit welcher der König am 23. August die Session der Kammer eröffnet hat, ist vom Volke beifällig ausgenommen worden.
Die Türkei hat wieder einen neuen Großvezier, Mahmud Pascha ist abermals am Ruder. Estad Pascha hat das Amt der öffentlichen Arbeiten und Server Pascha, der Pfotten Commistar in der Herzegowina, den Vorsitz im Staatsrath übernommen. Die Verhandlungen zur Beschwichtigung der Aufständischen haben begonnen.
Die serbische Skupschtina ist am 28. August zusammengetreten, wird aber erst später in aller Form eröffnet werden. Bi« dahin werden die Mandate geprüft sein. Ristic hat ein neues Koalitions-Ministerium zu Stande gebracht und darin das Amt der auswärtigen Angelegenheiten übernommen.
Tagesbericht.
Die am 1. d. M. von der Justizcommisston des Reichstages wieder begonnenen Arbeiten sollen ununterbrochen fortgesetzt werden, um beim Beginn des Reichstages wenigstens die erste Lesung der Entwürfe vornehmen zu können; es steht freilich dahin, ob die Möglichkeit dazu vorhanden; sdas Mandat der Commission nimmt bei Eröffnung des Reichstages fein Ende.
ES verlautet, daß die Arbeiten über die Ausführungs- Bestimmungen des ReichSmilitärgesetzeS, und demzufolge die Veröffentlichung der Wehrordnung und ihrer Anhänge nahe bevorstehen; an den Bedingungen für den einjährig- freiwilligen Dienst ist nichts geändert wordm.
ES stellt stch jetzt immer mehr heraus, daß Frankreich in Beziehung auf die Herzegowina-Angelegenheit, mtt der Politik Deutschlands, Oesterreichs und Ungarns harmo- nirmde Ansichten hegt, und so hat auch die Anwesenheit des französischen Botschafters in Berlin dahin gehende Besprechungen zum Zweck.
Zwei Nachrichten, die, wenn sie stch bestätigen, nicht ohne Wichtigkeit sind: In Beziehung auf die Vorgänge an der unteren Donau, sollen die RegierungScommissäre Deutschlands und Rußlands beauftragt fein, alle Schritte des österreichischen Commiffars, Consul Waffitsch auf daS energischte zu unterstützen, und daß die Türkei, wie sie daS
Zwei Familie«.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fottsetzung.)
„Da wäre er also ganz unschuldig, unser Leonhard, und Gott verzeih' mir die Sünde, wie schlimm ich von ihm gedacht Habel Daß er auf der Stelle abgereist, wenn et erfährt, daß sein Onkel — und was für ein Onkel! — auf den Tod erkrankt ist, daS war nur recht von ihm, und wir Beide, Väterchm, weiß du? warm damals aus- gegangm. Ich mußte ja mit dir Herumwanken; du warst ganz gefährlich gesperrt. Nun, Ende gut, alles gut!" — — »Ja, soweit!" sagte seufzend der Mann und eine grämliche Falte legte stch breit über sein eben noch so fideleS Gesicht. „Alter Narr, der Höpfner! Weicht mir von fern schon au«, wenn ich ihm begegne. Gestern, da warS vor dem Thor; er hatte seine Klarinette unter dem Arm. Dummes Zeug, alle» miteinander;" Er rannte kopfschüttelnd unb händereibend hin und her. — „Nein, Väterchen, nicht alles dummes Zmg! Du hättest ihn gestern nur hören sollen, den älteren Herrn Leonhard. Und unsere Lene — die hat ihm gefallen!"
„GlaubS wohl; kein Wunver das, sollt' ich meinen!" sagte der Alte fast übermütig, und es lief über fein Gesicht wie ein elektrischer Funken, der wechselnde Lichter darüber spielen ließ. „Aber unser Lenchen, meinst du, unser Kind, sollte sie in allem Ernst und so ganz in der Stille — kuriose Einfälle doch von jungen Mädchen, daß sie darauf verfallen! — Ha, ha, ha, ha!" — Er lachte unb schüttelte sich vor Vergnügen. — „Vater, du hast dich rem wie unsinnig! Für« erste sollst du nicht thun als «erbest du. was, hörst du! Laß alles seinen Gang gehen und dm lieben Gott sorgen. O, er hat so sehr hübsch «it mit gesprochen — ich meine natürlich den Dnkel — nun, du wirst ihn ja heute noch kennen lernen
— und wie er sich darauf freue, ein so freundliches, liebes Gesicht und die zierlichen, fleißigen Hände einmal im Hause bei sich walten zu sehen; wie sie seinen Lebensabend schmücken und erhellen würde, und solche Worte noch mehr! Und unser Leonhard hat ihm alles bekannt, wie sehr lieb er sie gehabt habe von Anfang an, und wie er früher immer still geschwiegen und sein Herz bekämpft habe, blos weil er F ine Aussichtc , hatte. — Denke dir, daS große schöne Haus unb das Fabrikgeschäft! — Er «hat immer gewünscht, daß dec Neffe das übernehme» sollte; aber; da er so krank gewesen, hat er eingesehen, daß eS doch so kommt, wie der liebe Gott eS fügt. — Und bei ihm wohnen werden sie dann; und „wenn mein Neffe auch stolz ist und mir gesagt hat, daß er selber Brod für sie verdienen würde," — so erzählte er mir und lachte herzlich dabei, das käme alles ja auf Eins hinaus: er sei doch sein einziger Erbe, und die Lene wäre schuld daran, daß er wieder glücklich sei und die Geschichte in Ordnung gekommen."
Die gute Frau wischte sich nach dieser, etwas konfusen Rede, die Augen mit der Schürze ab und sah ihren Mann an, welcher ihre Worte mit lebhaftem Geberdenspiel und abwechselndem Kopfschütteln oder Nicken begleitet hatte. »Ja, ja," sagte er, mit den Augen zwinkernd und sich die Hände reibend, das Kind ist ganz verteufelt gescheidt. Hat ihm den Rath gegeben, hinzureisen; hab's selber mit ange- hött. — Aber sollte sie schon kommen? Ich höre was draußm. — „Wo denkst du hin, Vater l Ist ja ein Mannsschritt in Stiefeln, und horch, der Husten kommt mir so bekannt vor!" — „3Bär*6 möglich?" rief der Alte und schoß auf die Thür zu, als sich diese aufthat und ein lange hier nicht erblicktes Gesicht mit großen, runden, hervorstehenden Augen und hoch hinaufgezogenen Brauen, halb grämlich, halb gerührt hrreinschame.'
Einen Augenblick standen der kleine und der große Mann steif, kerzengrade und wie verblüfft einander gegenüber. — „Nun?" — sagte der letztere fast trotzig und räusperte stch als ob er nicht weiter könnte. - Aber schon sprang der Andere mit einem stürmischen Satz an ihm hinauf unb packte mit Macht seine Hand. — „Alter Brummbär, närrischer Kerl bu," sagte er, vor Freude laut auf- lachend, „hast du endlich ausgemault? He, hast du endlich, wie?" Sie schüttelten sich kräftig Die Hände, und als sie aufgehört hatten, fingen sie noch einmal wieder damit an.
„Hm, hm!" sagte zuletzt der Musikus, welcher ganz kirschroth und erhitzt aussah. „Guten Tag, beste Frau Weinlichl — Und du sollst deswegen nicht meinen, als wenn ich allein Unrecht hätte, Gott bewahre! Aber eS hat mich hergetrieben, auf Seel' und Seligkeit! Konnt'S nicht länger mehr gut machen, weil mir das Herz so voll ist." Ec faßte wieder die Freundeshand, deren Stütze und Halt er in Gedanken oft genug gesucht unb vermißt hatte, seufzte schwer unb ließ sich auf einen Stuhl niederfallen, während seine Augenbrauen in einem Labyrinth von Falten verschwanden. - „Nun, laß gut fein, sollst Recht behalten!" sagte der Andere gutmütig und vergnügt. „Kommt auf Eins hinaus; bin nur froh, daß bu wieder da bist, altes Haus! Soll das ein Leben geben morgen Abend unter »nöl Und nicht wahr, Alte, du läßt was draufgehen?" — Aber der Angekommene fuhr fort gedankenvoll und schwermüthig zu seufzen, sah an seinem Stock hernieder unb strich die wenigen Haare über dem Ohre in die Höhe. „Ferdinand, Ferdinand!" murmelte er zuletzt vor stch hin.
„Ja so!" meinte sein Freund, plötzlich betroffen und verlegen. „Hübscher, gescheidter Junge, das! Hätt's selber sonst gern gesehen; kenne ihn von Kindheit auf. Aber die Mädchm — was ist dabei zu machen? Kommt alle» wie