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Sr. 404,

Marburg, Mittwoch, 1. September 1875.

L Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die ExpedMo« d. Blattes, sowie die Annoncen-Nnreaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in grontfurt a M , Berlin, Leip­zig, Eöln it; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. k.

OdcchcUlhc Irilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die d. Blattes,

sowie die Amwncen-Dureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JInstrirteS SonutagSdlatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Sh Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

IStalltfllhtltrtMt für den Monat September gJl|umiUgill «ns die Ob-rhesfisch- JeitVVg werden von allm Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) entgegenge- nommen._________________________________

Eine Stimme aus Frankreich.

Seitdem die letzten Kriegsgerüchte zwischen Frankreich und Deutschland verstummt sind, haben sich in Frankreich in der letzten Zeit einige wichtige Stimmen erhoben, welche andeuten, daß sich dort allmählich doch ein vernünstiger Umschwung zu bilden beginnt. In den öffentlichen Blättern begegnet man seit Kurzem Betrachtungen, welche weit davon entfernt sind, den Gedanken der Revanche Vorschub zu leisten, sondern vielmehr eine Annäherung an Deutschland befürworten. Wenn nun auch solche Stimmen bis jetzt noch vereinzelt sind, so ist es doch immer schon von erheb­licher Bedeutung, baß sie überhaupt laut werden können, denn lange hatte sie der Haß der Franzosen gegen Deutsch­land unterdrückt. Girardin namentlich spricht sich in diesem versöhnlichen Sinne aus; er ist der Ansicht, daß es durch­aus nicht in Deutschlands Interesse liegen könne, noch einmal mit Frankreich Krieg anzufangen, und daffelbe zu verkleinern, sondern mit Rücksicht auf Rußlands stets wachsende Macht mit Frankreich in guter Freund­schaft zu leben; das möge Frankreich bedenken, und deßhalb Deutschland entgegenkommen. Girardin befürwor tet diese Politik, indem er sich der Hoffnung hingicbt, Frankreich werde das verlorene Elsaß-Lothringeu an an­derer Stelle wieder durch Deutschland gewinnen. Er deu­tet darauf hin, daß Deutschland und Frankreich über den Besitz von Belgien und Holland sich verständigen möchten. Wenn die alte Eroberungslust GirardinS dabei wieder zum Vorschein kommt, und die wahre Natur der Franzosen stch nicht verleugnet, so ist wenigstens das Gute an der Sache, daß stch die Franzosen allmälich und an die Stel­lung Deutschlands gewöhnen ,con den Revanche - Ideen zurückkommen.

Tagesbericht.

Sofort nach der Rückkunft des Ministers des Innern wird über die Vorlagen entschieden werden, welche dem Landtage in Betreff der Verwaltungsreform zugehen sollen, namentlich diejenigen, die zunächst für die sechs östlichen Provinzen bestimmt sind, und ist also gewiß auch eine Städteordnung in Aussicht genommen. In dieser Beziehung dürfte die bereits in Berlin angestrebte Decentralisation wohl weitere Ausbildung finden.

In den letzten Tagen ist mehrfach der jetzige Gesandte in Stuttgart, Herr von Magnus als Nachfolger des Gra­

fen Perponchcr auf dem Gesandtschaftsposten in Brüffcl genannt worden; man spricht jedoch selbst in gewöhnlich gut unterrichteten Kreise, jetzt auch mit einiger Bestimmt­heit von Herrn von Radowitz, jetzigem Gesandten von Athen, als dafür bezeichnet.

Da der Finanzminister Camphausen einen sehr hervor­ragenden Antheil an den Aufstellungen für das Reichsbudget nimmt, so werden diese nach seiner Zurückkehr wohl schnell vorwärts schreiten, und die Anträge auf Erhöhung ein zelner Positionen, die Herabsetzung der Matrikularbeiträgc, die Erhöhung oder Einführung neuer Steuern (Brau- und Börsensteuer), in Anregung kommen.

Spanien ist ein seltsames Land. Wie täglich gleich­zeitig die beiden sich dort bekämpfenden Parteien gegenseitig über einander errungene Siege anzeigen, so scheinen sie nach anderer Richtung hin stch ebenfalls eine gewiffe Con- currenz zu machen. So schreibt man einerseits aus Ma­drid wieder die Entdeckung einer republikanischen Ver­schwörung, Verhaftung verschiedener Militärs, ehemaliger Dcputirten und anderer Individuen, dagegen kommt aus Estella, das bis jetzt so fest für Don Carlos gehalten, die Nachricht von einer dort gegen diesen eingeletteten, aber entdeckten Verschwörung, und der Compromittirung mehrerer, selbst höherer Militärs bei derselben. Don Carlos hat Estella verlassen. Von beiden Seiten wird alles mehr und mehr verwirrt, und nach keiner Seite hin mag auch mehr Aussicht auf Dauer und endliche Sicherheit vor­handen sein.

Wie sich die Agence-HavaS aus Konstantinopel melden läßt, hätte ein Hausen von 3000 bis 4000 Serben die bosnische Grenze überschritten und lagerte bei Nowi; die Telegraphenlinieen befänden stch in ihrer Hand. Mehrere andere Haufen von Serben wären bemüht, in Bulgarien und im Balkan eine Erhebung zu Stande zu bringen.

Deutsches Keich.

•* Berlin 30. August. Die Berichte aus der Türkei, über den Aufstand in der Herzegowina bringen thatsächlich Neues nicht. Man ist dort in keinem Zweifel mehr, daß der Vertheidigungsvorschlag der drei nordischen Mächte in Küstenangelegenheiten sehr erwünscht gekommen ist. Es wird behauptet, die ottomanische Regierung habe einige der beiden Mächte ersucht, diesem Vorschläge beizutreten, eS soll z. B. der Anschluß der englischen Regierung auf Wunsch der Pforte erfolgt sein. — Mit einiger Besorgniß steht man dem Zusammentritt der serbischen Skupschtina entgegen, da befürchtet wird, daß die radicalen Mitglieder der Regierung zu einer kriegerischen Partei treten werden. Von der Zu­sammenziehung türkischer Truppen an der serbischen Grenze zu einem ObservationScorps ist nichts bekannt. Dagegen soll es richtig sein, daß Truppenverstärkungen nach jenen

Zwei Familien.

Erzählung von Ernst Streben.

(Fortsetzung.)

Währmd Alex ächzend, voller Angst und weinend vor. wärt« schlich, eilte sein Onkel in höchster Aufregung weiter, keuchend aus beklommener, athemloser Brust. Er hatte jetzt daS Wäldchen erreicht und schlug sich nach links, wo die abgelegensten Stellen waren. Ein Mann begegnete ihm; er kehrte wieder um und wandte sich nach der entgegen- gesetztm Seite, nicht gar fern vom Eingang, wo sich ein dichtes Gebüsch und eine einsame Ruhebank befanden. Hier hielt er still, erschöpft, außer sich, mit wildschlagendem Herzen, bstcktt rings um sich, um sich zu vergewiffern, daß er allein sei, und zog mit einer raschen Bewegung seine Waffe her> vor. Er hvb stch entschlossen in die Höhe; es klang wie ein Ruf von ferne; eS brausete ihm vor den Ohren. Noch einmal trat das Leben an ihn heran, das blühende, warme, jugendliche Leben. Und er wollte eS vernichten, das Ge­schenk deS allgütigen Schöpfers von stch werfen, eine Sünde begehen, die nimmermehr wieder gut gemacht werden konnte! Das Bild des VaierS stieg plötzlich vor ihm auf, das ver- laffcnen, trostlosen Vaters — die Hand sank hinab. — Uno doch — schweigt ihr mahnenden, stehenden Stimmen! — Er muß, er kann nicht anders, es gibt keinen Ausweg, keine Rettung. —

Er ist wieder fest und ruhig geworden. DaS Zittern seines Körpers, daS konvulsivische Ringen der Hände hat aufgehört. Er nimmt die Waffe wieder auf von der Bank, hebt sie langsam empor — als er plötzlich einen derben Schlag auf den sie führenden Arm erhält, der daS Pistol weit fortschleudert, welches im Falle» mit Blitz und Knall sich entladet. Eine dunkle, hohe Gestalt steht vor ihm, eine laute, zürnende Stimme ruft ihm zu! „Unsinniger, was

beginnen Sie!" — Ferdinand war betäubt, sinnlos, außer Stande zu sprechen.

„Unglücklicher," redete jetzt der Unbekannte mit erschüt­terter Stimme zu ihm und ließ den bis dahin hochgehobenen Stock niederstnken, „welches schreckliche Verbrechen waren Sie im Begriff zu begehen! Fürchteten Sie nicht so vor Ihrem himmlischen Richter zu erscheinen?" Wie Donner­schläge schallten diese Worte in das Ohr des Jünglings. Er sank auf die Bank und verhüllte sich oas Gesicht. „Sie sind so jung," fuhr der Fremde mit tiefem Ernst fort; „was konnte Sie bewegen frevelnd selbst Ihr Leben ver Nichten zu wollen? Bitten Sie Gott, daß er Ihnen ver­gebe, und bereuen Sie; denn der Mensch soll und darf nicht verzweifeln." — „Was bleibt mir übrig?" stöhnte Ferdinand. „Elend und Schande sehe ich vor mir." — „Was Ihnen auch zugestoßen sei, was Sie auch gethan haben, jo sollen Sie sich an den Schöpfer und an die Hülfe der Menschen wenden. Ich selber biete Ihnen die meinige an. Vielleicht kann Geld oder Fürsprache hier helfen. Mein Name ist Leonhord, Fabrikbesitzer aus Altona. Sprechen Sie; fasten Sie Muth!" — „O Gott, solltest du dich meiner noch erbarmen?" — Ferdinand sprang außer sich empor und wollte st.', dem, welcher so liebreich zu ihm sprach, zu Füßen werfen. — „Er ist Ihnen nahe gewesen," sagte dieser, ihn zurückhaltend. „Erkennen Sie seine Hand! Er hat sich eines armen, gebrechlichen Knaben, Ihres Ver­wandten bedient, um uns herzuführen. Aber kommen Sie; es möchte uns Jemand stören. Sie können mir unterwegs Ihre Geschichte erzählen."

Aber der junge Mann, durch die schrecklichen GemüthS- bewegungen der letzten verflostenen Stunden auf das äu­ßerste erschöpft, taumelte und wäre gesunken, wenn ihn nicht 6er Fremde gehalten und zur Bank geleitet hätte. Rach

Gegenden geschickt worden sind, was jedoch nicht zu ver­wundern, da die Verbindung über Klek eine sehr mangel­hafte ist. — Von allen Seiten treffen in Berlin Nach­richten ein über die Vorbereitungen, welche in den meisten Städten für die diesjährige Sedanfeier getroffen werden. Ueberall haben die bereits ausgestellten Programme den Charakter von Volksfesten. Daß die Ultramontanen diesen Tag nicht feiern, ist bekannt. Wahrlich eS lohnt nicht der Mühe, das Gebühren dieser Partei weiter zu kennzeichnen. In den leitenden ultramontanen Kreisen scheint man von der beabsichtigten Demonstration des Grafen Stollberg, der Wallfahrt nach Lourdes, wenig erbaut zu fein. Es hat dies die Versammlung der Centrumspartei in Berlin ziem­lich klar ausgesprochen. — Prinz Arthur von Großbri­tannien trifft morgen in Berlin ein und wird den Manö­vers beiwohnen. — Die Berathungen über die Etats der einzelnen Ressorts in Preußen werden nun in 14 Tagen ihren Anfang nehmen. In Bezug auf die Reichsbudget- aufstellung nimmt man an, daß bei dieser Gelegenheit auch wiederum die Frage wegen Herabsetzung der Matricular- beiträge eine wichtige Rolle spielen wird. Es ist aber wohl kaum zu erwarten, daß diese Sache jetzt in einer bejahen­deren Stimme ausfallen sollte, als bisher.

Pose», 29. August. Ein Ereigniß unserer Zeit, das in polnischen Kreisen Sensation, und zwar große erregt, ist, daß in Mogilno, auf den Aushängetafeln des Standes­amtes, angezeigt wird: Der Schulinfpector Suszczynski, früher katholischer Geistlicher, beabsichtigt, mit einer Polin, Frl. v. G., die Ehe einzugehen. Der „Dzien-PoSn." schreibt darüber unter dem Titel „eine neue Desertion," der Geist­liche Suszczynski, Propst von Mogilno, Decan von Zuin und Kanonikus von Kruschowitz, habe durch diesen Schritt die Sache, welcher er so lange Jahre gedient, verlassen; eS sei dies ein ungewöhnlicher Fall in der Geschichte der polnischen Kirche. Der Propst habe in die Hände der Diö- cesanbehörde alle Würden und Titel, welche ihm verliehen worden, niedergelegt, ebenso wie daS Pfarramt in Mogilno, und dem geistlichen Stande entsagt. Gegenwärtig befinde stch derselbe nicht in Mogilno, sondern wahrscheinlich in Königsberg oder Danzig, um sich dort um die Stelle eines KreisschulinspectorS zu bewerben; die Folgen dieses Schrittes, schließt das Blatt, sind in religiöser Beziehung bei dem polnischen Volke nicht zu ermessen. — Nun drängt sich aber die Frage auf, ob, wenn Suszczynski, Geistlicher und Pfarrer bleibend, diesen Schritt gethan, die Regierung sich nicht in irgend einem Sinn, aber entschieden, hätte aussprechen müssen, da dadurch die ganze Existenz des CölibatS der katholischen Geistlichen im preußischen Staate zur Erörterung gezogen wäre? denn sicherlich ist das Cölibat der Priester, (unbe­stritten eines der bedingenden Elemente der Berichte) eines der großen Hebel, die bis jetzt die Macht bet katholischen

kurzer Rast der Erholung sagte dieser: „Kommen Sie jetzt und stützen Sie sich aus mich!" So gingen sie weiter.

Ferdinand, in dem Gefühl des wieder gewonnenen Lebens, neu erwachender Hoffnung, gewann bald so viel Fassung, obgleich noch verwirrt und zagend, seinem Be­schützer seine Verirrungen, seinen Fehltritt zu berichten, — wie er von dem Gier der unseligsten Leidenschaft hinge- riffen, selbst anvertrautes Gut in den fruchtbaren Schlund geworfen habe, der schon so Vieles rettungslos verschlang. Er sprach mit tiefster Reue, mit aufrichtigster Erkenntniß seiner Schuld, ohne sie beschönigen zu wollen, und wie sein künftige- Leben, jeder Gedanke, jede Kraft feiner Seele nut darauf gerichtet fein sollten sic wieder gut machen. — Sein Begleiter hatte jihm stillschweigend zugehött. „Ich werde Ihnen Helsen," sagte et nach einer Pause der Neber« legung. „Ich stehe mit Flint und Degener in Geschäfts­verbindung. Sie werden abarbeilen, wieder erstatten und Ihre Ehre soll gewahrt werden. Wohin gedenken Sie stch jetzt zu begeben ?" setzte er schnell hinzu, einer Erguß des Gefühls zuvorzukommen.

Ferdinand blickte um stch und gewahrte das Haus des Gärtners Wendel zwischen den Bäumen hindurchscheinen. „Ich habe hier Verwandte," sagte er, „die mich für die Nacht aufnehmen werden." — „So gehen Sie denn und stellen Sie sich morgen früh um elf ein: Drei Kronen, Nummer 17. — Noch eins; Ihr Vater heißt Georg mit Vornamen?" — Ferdinand bejahte, ohne seine Aufregung wäre ihm diese Frage ausgefallen. Sein Begleiter wendete stch zum Gehen und sagte: „Gute Nacht!" — „O, mein Wohlthäter, mein Erretter!" rief bet Jüngling, vor Be­gier brennenb feiner Dankbarkeit Luft zu machen, und suchte seine Hand zu erfaffen. — „Genug!" erwiderte der Andere. „Wenden Sie sich mit Ihrem Dank an den dort