Sir. 203.
Marburg, Dienstag, 31. August 1875.
x. Mrgang.
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ObtMischc Jrilung.
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Tagesbericht.
Der deutsche Gesandte am belgischen Hofe Graf Per- poncher, welcher in Schlesien begütert ist, gedenkt in Potsdam mit seiner Familie Aufenthalt zu nehmen. Sein Nachfolger wird wahrscheinlich erst zum Herbst ernannt werden, und möchte dies wohl Baron von Magnus, Ge sandter in Stuttgart sein, der früher schon preußischer GesandschaftSsekretär in Brüssel gewesen ist, die dortigen Verhältnisse sehr genau kmnt, und sehr beliebt in den belgischen Regierungskreisen ist. Seine Confession würde wohl auch in Betracht kommen, da der deutsche Gesandte in Brüssel Vorstand sehr bedeutender protestantischer Stiftungen und Institute ist, und daher vielleicht ein Katholik weniger gern an diesem Posten gewesen ist; wenigstens scheint dieser Umstand nicht ohne Einwirkung gewesen zu sein, als sich Graf Hatzfeldt, nach dem Tode des Herrn von Balan um diesen Gesandtschaftsposten bewarb.
Die deutsche Armee hat einen schweren Verlust erlitten, in der Person deS plötzlich vom Tode ereilten General Major v. Schmidt, vor Kurzem erst mit dem Commando der 7. Kavallerie-Division betraut, nachdem er längere Zeit an der Spitze der 7. Cavallerie-Brigade gestanden; er war einer der hervorragendsten Offiziere der deutschen Armee besten ausgezeichnete Leistungen für die Taktik der Cavallerie bekannt und anerkannt sind; die Umformung dieser Waffe vrrdankt ihm viele ihrer leitenden Grundsätze.
Wir erfahren über die gesetzgeberischen Arbeiten, mit denen sich der nächste preußische Landtag zu beschäftigen haben wird: Zunächst stellt sich die Vollendung, der im vergangenen Winter auf kirchenpolitischem Gebiete begonnenen Gesetzgebung über die Vermögensverwaltung und die Auf- stchtSrechte deS Staates als nothwendig heraus. Wie in diesem Gesetze die Verhältnisse der einzelnen Pfarreien geordnet sind, so bedarf auch die Verwaltung des Bisthums oder DiöcesanvermögenS und die Betheiligung des Staates dabei besonderer gesetzlicher Bestimmungen. Die allgemein nen AusstchtSrcchte des Staates der evangelischen wie der katholischen Kirche gegenüber erheischen ebenso dringend eine ges-tzkräftige Feststellung. Verschiedene Vorlagen deS Mi- uisteriums des Innern sind bereits durch die bisherige Gesetzgebung als nothwendig bedingt. So bestimmt die neue Provinzialordnung, daß der Provinzial und Bezirksrath in höherer Instanz bei ter Beaufsichtigung der Communal-
Zwei Familien.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
Draußen in der Vorstadt, auf dem Heimwege nach Hause begriffen, schob sich Alexander emsig vorwärts. Er hatte länger im Gärtnerhauje verwellt, als er anfangs beabsichtigte. Die Kinder wie die Großen hatte» ihn so freundlich entgegengenommen; der munter gewordene Säugling, das bekannte Gesicht gewahrend, lachte hell auf und schlang die kleinen Arme um seinen Hals, er licbtofete und schmeichelte dem Kleinen, spielte und plauderte mit den anderen Kindern, schnitt ihnen Bilderchen aus. Die gute Taute bewirthete mit herrlichem Obst, hatte so viel zu fragen, zu erzählen, und sie waren alle so heiter, daß der Knabe bald sein Leid und was ihm vorher und unterwegs das Herz schwer gemacht, darüber vergaß.
Es war schon ziemlich spät geworden, als sich Alexander auf den Weg nach Hause machte. Die Wohnung des Onkels war links abgelegen von der Landstraße Er ging an den Hecken entlang, welche die Gärten umher eingrenzten. In der hereinbrechenden Dämmerung wanderte er träumerisch dahin und blickte zum Himmel empor, der mit sonderbaren Wolkenfiguren bedeckt war, von rothen und brennend gelben Streifen durchzogen. Gegen Osten und Norden war eS dunkel blauschwarz, als ob Schnee hrranzigr; nur im Westen und Süden zeigten sich eigen thümliche Farben und Gluthcn zwischen fliehenden düsteren Gebilden, deren Gestaltungen, wie sie sich im Weiterziehen verschoben und immer anders sich umflotten, seine jugendliche Phantasie mächtig anregten.
Zwischen den enilaubten Pappeln hindurch, welche in der Entfernung sich hoch und kahl emporstreckten, schirn werten schon einzelne Achter der Stadt. ES begegnete ihm fast keine Seel^ und von neuem, von der ringsumher waltenden Stille und vom geheimnißvollen Flüster»
Angelegenheiten, bei der Ueberwachung der Schulangelegen heilen und des Wegebaues, sowie in landespolizeilichen Angelegenheiten, nach näherer, der Kreis-, Gemeinde-, Schul- und Wegeordnung, bezw. der darüber zu erlassenden be sonderen Gesetze mitzuwirken hat. Diese Beaufsichtigung der Communen steht so lange auf dem Papier, als die besonderen Gesetze darüber nicht erlassen sind. Eine Con- scquenz der Provinzialordnung ist also, daß ein Competenz- gesetz erlassen wird, welches jene Beaufsichtigung nach allen Seiten hin, und in allen ihren Beziehungen regelt, und so die Krcisordnung von 1872 für die ländlichen Gemeinden und Kreise vervollständigt. Die neue Städteordnung, deren Vorbereitung für die ganze Monarchie in nahe Aussicht gestellt ist, würde diese« Competenzgesetz in sofern er eben die Städte betrifft, in sich begreifen.
Wenn eS auch nicht bekannt ist, wo sich jetzt der ab- gesetzte Bischof von Paderborn aufhält, so steht doch fest, daß er wirklich die holländische Grenze überschritten hatte, dort aber nicht hat bleiben können, weil man ihm auf das entschiedenste eröffnete, daß die Regierung es nicht ruhig mit ansehcn könne, daß sein Auftreten als Bischof die öffentliche Landessicherheit in Gefahr setze.
Aus Spanien lauten wie immer die Nachrichten höchst wiedersprechend, je nach der Quelle aus der sie herrühren. So registrirt das französische, ultra-klerikale und legiti- mistische Blatt „L'univerS" eine ganze Reihe carlistischer Erfolge, während die im Alfonsistischen Sinne rebigirten Blätter nur von den Fortschritten der Regierung sprechen. Nach einer ganz neuen, aber noch nicht officiellen Nachricht hätte Seo be Urgel capitulirt, bie Garnison wäre gefangen, unb mit dem Bischof nach Puycerda abgeführt worden. — Die Pariser „Agence HavaS" meldet dagegen auS Madrid: Die Nachricht von der bereits erfolgten Kapitulation Seo d'Urgel's ist verfrüht. Die Kapitulation wird indessen so bestimmt erwartet, daß Martinez Campos befohlen hat, 12 vor der Festung angekommene Belagerungsgeschütze nach ^Barcelona zurückzusenden.
Die politische Lage Griechenlands scheint sich zu befestigen; die liberal-constitutionelle Partei jhat dem König Unterstützung zugesagt, und ist auch bie Thronrede König Georgs bei Eröffnung der Kammer mit Beifall ausgenommen worden.
Aus Bombay wird telegraphisch gemeldet, daß der Englische Gesandte Wade in Peking Verhandlungen mit der chinesischen Regierung einzuleiten gehabt, dabei aber infultirt worden sei, und in Folge dessen bei seiner Regierung fernere VerhaltungSbefehle, sowie die Absendung von Schiffen und Truppen verlangt habe. Diese ziemlich wichtige Nachricht, anderseits geleugnet, bedarf noch der
> officiellen Bestätigung. Sie könnte, im Falle der Begründung, ernste Folgen haben.
Aus Amerika meldet man, daß der Staat Panama der Bundesregierung von Kolumbia den Krieg erklärt hat.
Deutsches Strich.
— Berit«, 28. Aug. Mit einer berechtigten Spannung steht man der weiteren Entwickelung der Dinge an der unteren Donau entgegen. Die Pforte hat allerdings die Vermittlung der Nordmächte angenommen, aber es ist nun vor allem die Frage wie dieselbe ausfallen wird. Zwar treffen schon am 31. d. M. der österreichisch-ungarische General-Konsul Manisch, und der an der Stelle des russischen General-Konsuls Ionin belegirte Konsul Jastrewo in Ragusa ein, um von bort mit bem beutschen Generalkonsul Lichtenberg auf das türkische Gebiet zu ben Paei- ficationsversuchen unb Verhandlungen zu gehen, währenb bie französischen unb italienischen Generalconsule Vienne und Durando sich biereft von Serajerro nach Mostar begeben; auch Serwer Pascha, ber türkische General-Bevollmächtigte wirb unverzüglich bahin abreifen — aber bie Insurgenten scheinen nicht eben Neigung zu haben, auf bie Ermahnung biefer FriebenSstifter, sofort bie Waffen nieberjulegen, ba sie im ganzen boch, unb bis auf biefen Augenblick alle Erfolge auf ihrer Seite haben; so meldet ein neueres Telegramm, baß sie jetzt bie Sustorina, einen ber Türkei gehörigen Lanbstrich besetzt, unb bie türkische Besatzung auf österreichisches Gebiet geworfen haben. Der Kampf in bet Herzegowina ist wirklich bet kleine Krieg ber sich über die ganze Provinz ausgedehnt hat, und ber nicht von einem einzelnen Oberhaupt geleitet wirb, mit bem man verhanbeln könnte. Es fragt sich nun ob bie Norbmächte wenn ihrer Mahnung kein Gehör geschenkt wirb, bireki zur Pacificirung in ber Herzegowina einschreiten, ober diese Provinz sich selbst überlassen werben. Auffällig ist eö jebenfalls, baß maßgebenbe ober einflußreiche Blätter, wie bie „Times" ober bie Berliner „Post" für eine Be- fetzung unb Annexion Bosniens unb der Herzegowina von österteichischet Seite befürworten. Daß die Türkei des Ausstandes allein nicht Herr werden kann, liegt handgreiflich vor. Wenn auch von Seiten der Pforte behauptet wird, daß sie es zu bewirken im Stande fei, so findet dies in keinem der maßgebenden Kreise andrer Länder durchaus keinen Glauben; daß die Nordmächte nicht für die Türkei die Waffen ergreifen werben, um ihnen verloren gehenbe Provinzen wieber zu erobern, ist nun boch wohl nicht anzunehmen.
Nürnberg, 26. Aug. Am Mittwoch den 25. d. waren bereits nahezu 600 Theilnehmer zum 12. Deutschen Juristentag eingetroffen. Beim festlichen Begrüßungsabend im
des Windes begleitet, kam bet Geist ber Wehmuth unb bes Kummers über den Einsamen. Er mußte wieder an bie ttauernbe Mutter benken, an ihre verhaltene Angst, ihre verstohlenen Thränen, bie ihm nicht entgangen waren. Wohl hatte sie sich abgewenbet, hatte zu lächeln versucht um ihn zu täuschen, aber er hatte eS doch gesehen, wie sie weinte, wie ihre Hand zitterte. Sie war erst seitdem so gewesen, nach dem Besuch des Onkels am Morgen. — Der Knabe sann und zergrübelte sich. Was war geschehen, was hatte der Onkel vor? Er hatte die Mutter wie zum Abschiede geküßt, ihm selber, war er ganz seltsam, ungewöhnlich erschienen. Gewiß, eS war irgend etwas vorgefallen, was die gute Mutter so betrübte und ängstigte, was er selber nicht wissen sollte. Eine unbestimmte, peinigende Unruhe kam über ihn. WaS konnte es nur sein?
Dann kam ihm, wie er so versunken in herzinniger Betrübniß weiter schlich, der Gedanke, wie so ganz anders es sein würde, wenn er reich wäre. — Wamm, ach warum ging es nicht mehr so zu wie früher in den Mährchen und Sagen, die er gehört hatte? Wie schön wäre es doch, käme mit einmal ein wohlthätiger Zauberer ober eine anmuthig strahlende Fee, ihm einen Schatz, einen Haufen Goldes zu schenken, oder den unversiegbaren Säckel Fortunats I O, wie viel, viel Gutes würbe er thun I Gewiß, er würbe ihre Gaben rechtschaffen anmenben, nie übermütig werben, allen Armen gerne geben unv stets barmherzig sein! Wie glück lich wollte er bie liebe Mutter machen! Ein seidenes Kleid sollte sie auch bekommen; und der gute Großvater, der es sich immer so sauer werden liefe, der sollte einen weichen Lehnsessel haben, einen geblümten Schlafrock und eine lange Pfeife, wie ein Graf. Und Hanne, Marie und Gustchen, das kleine Ding, sollten so viele wunderhübsche Sachen be- kvmUien zu Weihnachten; auch Tante Wendel und der Onkel, alle sollten beschenkt werden, alle wollte er reich und so glücklich wie Möglich machen! — Dee große, dunkle
Wolke, die von dem mächtigen Schwarz gegen Nordosten sich ablöfete und auf lichterem Grunde aussah wie ein unheimliches Ding, mit Flügeln unb einem langen Schweife — bas war ber Drache, ber verzauberte Schätze bewachte, — fließendes Gold um ihn her. Ach, wer doch das rechte Wott nur wüßte! — Er sah hinauf in bie Höhe; inbem er sich vorwärts bewegte, stolperte er unb wäre fast mit einer Gestalt zusammen gestoßen, in welcher er mit eben so viel lleberraschung als Schreck seinen Onkel Ferbinanb erkannte. „Onkel, lieber Onkel!" rief er unb hielt ihn auf, „wohin gehst bu?"
Der Angeredete sah ihn an als ob er ihn nicht erkenne. „Laß loS!" sagte er mit dumpfer Stimme unb suchte sich freizumachen. Ein Blick auf sein bleiches, seltsam verzogenes Gesicht, auf bem ein AuSbruck lag, ein entsetzlicher Ausdruck, ber bie Seele des Knaben mit unklaren, namenlosen Schauern burchrieselte, machte, baß dieser sich instinktmäßig desto fester an ihn klammerte. „Um Gotteswillen," bat er mit seiner kindlichen Stimme, „um des lieben Heilands willen, geh' doch nicht fort! Ach, Mutter hat so viel geweint den ganzen Tag; sie ängstigt sich f0 sehr! Komm' boch nur mit nach Hause, o, bitte, bitte!" Er hing sich, von unbestimmten Schreckbildern erfüllt, die auf seine bange Seele einstürmten, mit lautem Weinen an Ferbinanb, welcher einen Augenblick lang unentschlossen stehen blieb. Vielleicht war es die Stimme seines guten Engels, bie zu ihm sprach I — Er war erschüttert, wie er in bas aufgeregte, thränenvolle Gesicht, die angstvoll bittende Miene vor sich blickte. „Grüße sie tausendmal unb ben Vater!" sagte er mit einer Art wilder Freundlichkeit. „Alex, lieber Junge, laß mich los! Ich muß fort; halte mich nicht auf! Ich habe eilige GeschäfteI"
Und dann schüttelte er sich gewaltsam und suchte den Knaben von sich abznstreifen. Der aber, ganz aufeer sich, wie unter tem Emfiusse einer ftemten Gewalt handelnd^