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Sr. 200.

Marburg, Freitag, 27. August 1875.

x Mroeag.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoneen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M, Berlm, Leip­zig, Köln k; Rudolf Masse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Olitchchscht Mutig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie bte Annoncen-Bureaus von G L- Daube &--&>. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Stete* meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <exl. Bestellgebühr). Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

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LageSbartcht

Fürst Bismarck wird erst zu der am 18. October statt­findenden Eröffnung des Reichstages von feinem Urlaub zurückkehren, dann aber wahrscheinlich im November noch einige Wochen in Lauenburg zubringen; denn obschon der Gesundheitszustand deS Kanzlers im Allgemeinen ein ganz guter ist, so läht doch eine längere angestrengte Thätigkeit bei ihm noch eine gewisse Nervenabspannung zurück, welche der Fürst wohl gänzlich zu beseitigen suchen wird, so lange die politischen Ereignisse ihn nicht zu fortgesetzter Anwesen­heit zwingen.

Dem BundeSrathe ist Seitens des Reichskanzleramt S der Entwurf einer kaiserlichen Verordnung zugegangen, nach welchem eine Einschränkung der Gerichtsbarkeit der deutschen Eonsule in Aegypten statthaben soll, die durch die neueste Sicherung der dortigen Justizresorm geboten scheint.

Die neue Gewerbeordnung hatte bei ihrem Erlaß noch eine Bestimmung, betreffend die Regelung der gewerblichen HülfSkassen Vorbehalten, und das Reichskanzleramt einen ausgearbeiteten Entwurf über diesen Gegenstand sowohl ein­zelnen Sachverständigen, alS der öffentlichen Meinung zur Beuttheilung übergeben. Jetzt ist vom Reichskanzler ein Gesetzentwurf über die wirthschajtlichen HülfSkassen, und ein anderer der die Bestimmungen der Gewerbeordnung ab­ändert, dem BundeSrath vorgelegt worden. Der Entwurf besaßt sich übrigen« nur mit den Krankenkaffen; der Grund dazu ist, daß man deren Verhältniffe bereits genauer kennt, und darin die Ueberzeugung der besonderen Dringlichkeit über Regelung gewonnen hat. Der Entwurf betont unter seinen Grundsätzen namentlich den, daß die resp. Behörden zu ermächtigen sind, die gewerblichen Arbeiter dem Zwange der Versicherung zu unterwerfen, und daß allen Hülfskaffen, welche die Beitrittspflicht haben, ein gleiches Recht zu ge- währen fei.

Die große Revue, die der König von Baiern am ver- wichenen Sonntag in München passtrt hat, soll nicht nur in militärischer Beziehung sehr zur Zufriedenheit deS Königs ausgefallen fein, sondern eS sollen ihm auch von den zahl­reichen Zuschauern enthusiastische Huldigungen dargebracht worden fein. König Ludwig ist dann dergleichen plötzliche und überraschende Entschlüsse sind bei ihm nicht feiten vorgestern, nur vom Oberstallmeister Grafen Holn­stein begleitet, mit dem Abendschnellzuge zu einem viertägigen Aufenthalte in Frankreich, unv zwar in Rheims, abgereist. ES ist allbekannt, daß König Ludwig ein leidenschaftlicher Musikfreund ist; weniger bekannt aber ist es, daß et auch ein heißer Bewunderer der altfranzöstsLen Zustände, der

älteren Dourbonenzeit, ist; dies mag wohl der Wahl von RheimS als Reiseziel nicht ganz fremd fein, da diese Stadt reich an historischen Monumenten und Erinnerungen jener Epoche ist.

Es scheint, daß Ristic, Strotscha und Gruicz bei der Bildung eines neuen serbischen Ministeriums auf so große Schwierigkeiten gestoßen, daß Fürst Milan, der übrigens gern ein VermitlelungSministerium gehabt hätte, zur Bei­behaltung bis auf Weiteres feines alten Ministeriums ge­zwungen worden, und daß dieses also noch am 27. die Session der Scvptschina eröffnen wird.

Aristarchi'Bey, türkischer Gesandter in Berlin, der vor 14 Tagen aus seiner Villa bei Biebrich aus kurze Zeit auf seinen Posten in Berlin zurückgekehrt war, hat von seiner Regierung einen längeren Urlaub vom 20. ab, er Hilten. Da sicherlich die Pforte in diesem Augenblick den ganzen Beistand ihrer Diplomaten gebraucht, so muß dieser Entfernung des Botschafters grade jetzt wohl ein ganz beförderet Umstand zu Grunde liegen. Correspon- denzen aus Konstantinopel hatten sich übrigens schon seit längerer Zeit sehr unzufrieden Über den Botschafter geäu­ßert, seine Abberufung wat selbst vor Kurzem schon ernst­lich beabsichtigt. Turkhan Bey, erster Bolschaftsrath wird unterbeflen als sein Vertreter fungiren.

Die Vorgänge auf der Lalkanhalbinsel und die Hal­tung der Türken denselben gegenüber, sind ein neuer Be­weis von der vollständigen militärischen Ohnmacht dieses Reiches. Nach der aus Grund des WehrgesetzeS vom 22. Juni 1869 ausgeführten Reorganisation, sollte die türkische Armee auf dem FriedenSfuße in 6 Armeecorps bestehen, und 6 Garde-, 2 Fremden-, 8 Zuaven-, 21 Linien-Jnfan- tetie-Rezimenter, 34Schützenbataillone, 7 Garde-Cavallerie- 6 Dragoner- und 10 Spajies-Regimenter, 6 Artillerie- Regimenter (90 Feldbatterien) und 2 Sappeur-Bataillone enthalten, zusammen 133,250 Mann, 30,000 Pferde und 540 Geschütze., Danach hätte man um so mehr eine schleunige Unterdrückung des Aufstandes erwarten dürfen, als noch Anfangs dieses Jahres das dritte Armeecorps als in Bosnien, und das 2. als in Rumelien stehend, bezeich­net wurde. Nun hat sich aber erwiesen, daß die ganze Friedens-Garnison in der Herzegowina nur aus einem Infanterie Regiment und einem Schützen-Bataillon (4 zu­sammen), bestand, deren Kopfstärke statt 600 Mann nur 30 pr. Bataillon ergab. Den türkischen Angaben selbst zufolge ist nur ein Infanterie Regiment von 3 Bataillonen hinzugestoßen, und Derwisch Pascha hat 5 Landwehrba­taillone zusammenberufen; diese 12 unvollständige Ba­taillone find überdies zum Thcil in Garnisonen vereinzelt und besitzen nur 2 Gebirgsbatterien zu 4 Geschützen. Man giebt das in Klec ausgeschiffte Corps zu 3 Ba­taillonen und 1 Batterie an, denen aus Kreta noch 6 Bataillone, also 2400 Mann nachgesendet werden sollen. Diese Streitkräfte sind also jedenfalls durchaus unzurei­chend, außerdem aber erbärmlich ausgerüstet, und der

Kriegsschauplatz sowie die dahin führenden Straßen ein sehr schwieriges Gebirgsterrain. Die Pforte fühlt dies sehr wohl, hat daher das Anerbieten der drei Kaisermächte zur Vermittelung der Pacificirung angenommen, und Server- Pascha zum Commiffar ernannt, um mit belegirten Ver­trauensmännern der Insurgenten sich über die vorzunehmen­den Reformen zu verständigen. Die militärischen Opera­tionen sollen indessen nicht fofort eingestellt werden, haben aber türkischer Scits bis jctzt so wenig Erfolg gehabt, daß sie wohl schwerlich jetzt noch von Einfluß auf die 83er» Handlungen sein können.

Deutsches Reich.

Berlin, 25. August. Der Minister für die land» wirthschaftlichen Angelegenheiten, Dr. Friedenthal, hatte den Profeffor Raffe zu Bonn, den Landes-Director Siemens in Berlin, den Herrn H. Schmidt in Frankfurt a. M. vermittelst eines Schreibens ersucht, die bisherige Entwicke­lung der Reiffeifen'schen Darlehnskaffenvereine zu prüfen, insbesondere zu untersuchen, ob die Geschäftsführung dieser Vereine eine solide und den Verhältnissen entsprechende sei, wie sich demnach ihre gegenwärtige und zukünftige zu er­wartende Solvenz stelle. Die genannten Herren, welche sich als Commission conftituirten, haben sich der Sache mit großem Erfolg angenommen, indem sic nicht nur im Allgemeinen Kenntniß von der Einrichtung dieser Vereine nahmen, sondern auch eine Anzahl von Vereinen selbst be­suchten, um auch das Detail ihrer Einrichtungen kennen zu lernen. Die Commission hat nun einen Bericht an den Minister erstattet, in welchem das allgemeine Urtheil in folgenden Worten nieder gelegt ist:Wir tragen kein Bedenken, auszusprechen, daß der Gesammtcindruck, den bei Weitem die Mehrzahl der von uns besuchten Vereine auf uns gemacht hat, ein überraschend günstiger gewesen ist und daß die noch vor Kurzem überaus traurigen Creditverhält» niffe her kleinen Landwirthe, aus welchen die Vereine meisten- theilS bestehen, durch dieselben wesentlich verbessert sind; der gegenwärtige Zustand der Vereine auch unserem Er­achten nach bei ihrem wesentlichen ernstlichenCharakter zu keinen ländlichen Bedenken in Bezug auf ihre Solvenz Veran­lassung giebt und daß, wenn hier und da in denselben un­verkennbare Mängel sich finden, deshalb sich unserer An­sicht nach, nur eine weitere Vervollkommung, nicht aber eine völlige Verwerfung der ganzen Einrichtung in Frage kom- men kann.* Gegenüber dem Geschrei einiger liberaler Blätter klingt diese Erklärung aus unparteiischem Munde sehr niederdrückend für die Agitatoren. Für diesen Monat herrscht noch im politischen Leben ziemlich Ruhe. Der nächste Monat, in welchem die Arbeiten in den Ministerien für Reichstag und Landtag beginnen, wird neues Leben schaffen. An eine so reiche Auswahl von Vorlagen, wie in den letzten Sessionen wird wohl nicht zu rechnen fein.

Paderborn, 18. August. In welcher kleinlichen Weise die Ultramontanen ihr Müthchen zu kühlen suchen

Zwei Familien.

Erzählung von Ernst Streben.

(Fortsetzung.)

Ferdinand war am Morgen in stürmischer Hast von der Schwester fortgeeilt, hinaus in die allmälig belebter werdenden Gaffen. Wohin? Das wußte er nicht. Wo war er die Nacht über gewesen? Er schauderte, indem er der verflossenen Stunden voll unaussprechlicher Angst, GewiffenSquak und düsterer Verzweiflung gedachte. E« war eine entsetzliche, grauenvolle Nacht gewesen, eine Nacht, die ihn von Glück, von Frieden auf immer trennte, ihn der Hölle zuschleuderte, einem schwarzen Schlund voll finsterer Gewalten, die seine Seele rettungslos an sich rissen, einem unfettgrn Verhängniß entgegen. Es drohte von neuem seine Sinne zu verwirren, ihm allen Muth, alle Besonnenheit zu rauben, indem ein Gedanke, ein sol ternber, wahnsinnig machender Gedanke wieder in ihm austauchte. Er wollte ihn niederhalten mit aller Kraft, aller Festigkeit der Seele; er durfte ihm nicht nach­geben.

Vor allen Dingen ward et sich der Nothwendigkeit bewußt, feiner äußeren Erfcheinung ein unbefangenes Aus­sehen zu verlethen. Er tauchte im Vorübergehen den Zipfel feines Taschentuchs in das Waffer eines Brunnens, traf auf einen Äigenblifl in e nen abgelegenen Winkel, wo er sich Angen und Gesicht damit erftischte, und mit Kamm und Bürste, die er bei siL führte, sein Haar in Ordnung brachte. Dann setzte er seinen Weg fort; nach welcher Richtung, das war ja .einerlei Er gab sich Mühe, die Schritte z» zählen, die er machte, um seine Gedanken von dem Einen, waS sie beschäftigte, abzulenken, ruhig und gefaßt zu erscheinen. Rach seinem HandlungShause wollte

er nicht; er fühlte, daß ihm das unmöglich war, wenn es auch, erschien er wie gewöhnlich, noch keine Gefahr des Verdachtes für die nächste Zeit gab. Er hatte einen Augenblick ans Entfliehen gedacht, weit fort inS Ausland, aber er hatte diesen Gedanken mit Abscheu verworfen. Nein, so ehrlos konnte er nicht handeln, nicht auch noch diese Schande auf das Haupt des grauen Vaters laben! Lieber wollte er sich selber strafen, lieber büßen bi« zum Aeußersten.

Eine letzte, schwache Hoffnung bärnmerte in ihm; einen letzten Versuch wollte er machen. Es konnte ihm noch geholfen werben, unb ber eS vermochte, zu bem seine Ge­danken hülfesuchenb eilten er war gewissermaßen dazu verpflichtet. War er nicht schuld an seinem Unglück, seinem Verbrechen? Hatte er nicht diese sinnlose Leidenschaft in ihm entfacht? Denn nur durch ihn verlockt, hatte er jene grauenvolle Höhle betreten, deren hohnlachende DStnonen jetzt die Kette um den vergeblich Ringenden geschlungen hatten, ihn daran festhielten mit eiserner Gewalt! Der Freund mußte ihm helfen, er konnte es, er würde e« thun. Ferdinand klammerte sich mit Anstrengung an diese Idee, eS gelang ihm, ruhiger zu werden. ES begegnete ihm, indem er planlos durch die Straßen schweifte, um sich vor irgend ein Thor hinauSzubegeben, ein Arbeitsmann des Hauses, der eben dorthin gehen wollte. Er redete diesen an, trug ihm eine Bestellung an den ersten Buch­halter ans es war eine leere ungenügende Entschul­digung, er fühlte dies, eS kam ihm vor, als ob sich der Mann selber zu wundern schien. Er kehrte noch einmal um, trug es ihm dringlicher, ausführlicher auf: er würde am Nachmittag sich einstellen. Der Mann versprach eS gut auszurichten unb ging weiter.

Ferdinanb trat jetzt in ben Laden eines ihm wohlbe­kannten BüchsenschmiebeS, welchem er vor längerer Zeit ein Pistol zum AuSputzen übergeben hatte, denn er war, wie viele junge Männer seines Standes, eifrig den Schieß­übungen zugelhan, unb belustigte sich oft damit bei ihren Zusammenkünften im Freien. Er trat nach einiger Zeit wieder heraus und verfolgte seinen Weg vor'S Thor; denn erst in der Dämmerung konnte er darauf rechnen, den zu treffen, der jetzt allein noch seine Zukunft in Händen hatte. ®r ging vorwärts; immer schneller, hastiger wurden seine Schritte; denn er hatte innerlich zu kämpfen, fortwährend zu kämpfen, um da« Klopfen seines bangen Herzens, feine schreckliche Aufregung zu übertäuben, um die Harpyen zu verscheuchen, die stet« von neuem die schwarzen Flügel um seine Stirne schlagen wollten. Er fühlte keine Ermüdung, obgleich er die ganze Nacht herumgeschweift war.

Draußen in der Vorstadt strich er vorbei an ben Hecken, ben einzelnen Häusern, ben Gärten, bereu Bäume unb Sträucher kahl ober mit wenigem, rothgelben Laube bebetft, baS an den grauen Heften flatterte, sich im Winde bewegten, welcher düstere, von brennendem Roth umrän­derte Wolkenmaffcn vor sich hertrieb. Er ging rastlos vorwärts, bis über das Weichbild der Stadt hinaus, die Chaussee entlang. Ihm zur Seite, rechts unb link«, dehnten sich Felder, von denen Schwärme und Krähen sich bei seinem Nahen erhoben unb mit rauhem, mißlautenoen Ge­schrei in bie Lust emporstiegen, über ihn hinzogen unb sich mit schallenben Flügelschlägen vor ober hinter ihm wieber auf ben Acker nieder ließen. Er verfolgte sie unwillkürlich mit den Augen. Diese rastlosen, lärmenben Vögel waren wie seine anfaefcheuchten, wilden Gedanken. Aber diese tonnten sich nicht aufwärts in bie Höhe zum Aether schwin-