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Sr. 199

Marburg, Donnerstag, 26. August 1875.

x. Jahrgang

WMsisiht Jalung

Anzeigen nimmt entgegen: die Echedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- v ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Diettich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Diettich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Bögler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Masse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Mr m der Expedition zu etthe,lende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. 0 V vr8

ihnen schon im Jahre 1463 freie Religionsübung gewährt, und die Katholiken konnten sich ruhig halten, da dieser Freibrief stets respectirt worden ist, um so mehr, da Oester­reichs Schutzherrschaft über die Katholiken Bosniens und der Herzegowina einen heilsamen und nicht unbedeutenden Einfluß übte, um Ausbreitungen türkischer «Seite zu be­schränken. Die Griechisch Katholiken aber hat man stets alsSerben" und mithin als Aufrührer in der Türkei angesehen und der übermäßige muhamedanische Druck rief alle die oft sehr lebhaften Revolutionen hervor, die das öffentliche Leben der Herzegowina in diesem Jahrhundert charakterestrte. Seit dem Toleranzedikt, das in der Türkei alle Glaubensbekenntniffe (freilich nur auf dem Papier) gleichberechtigt, verschwand die Bevorzugung der K-ttho- liken, man hielt sich sogar zu berechtigt, diese letztern um so mehr zu drücken und auSzupreffen, als sie früher mehr verschont gewesen. Der diesmalige Aufstand hatte also im Rarentha-Thale, inmitten der römisch-katholischen Bevölkerung seinen Anfang genommen, und so bald eS sich um einen Aufstand gegen die Türken handelt, zögern die Griechen nie, demselben ihre Waffen, so wie ihre Person zu Gebote zu stellen; dieses feste Zusammenhalten zu gemein- samem Zweck allein (denn sonst stehen sich diese beiden Con- fessionen ziemlich feindlich gegenüber) war im Stande der Insurrektion eine so große Verbreitung in so kurzer Zeit zu geben, und sie vielleicht für lange Zeit noch aufrecht zu erhalten; was sie momentan gegen die Türken vereinten oder trennt, ist ihre End-Abstcht; die Römisch-Katholischen sehen und wollen ihr Theil nur in dem engen Anschließen Oesterreichs, und in einer dauernden Vereinigung mit diesem, während die Griechisch-Orthodoxen diese Vereinigung mit Montenegro und Serbien wollen.

SllpftplllillllPlt für den Monat September jpquiimiym auf die vberhesfische Zeitung werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostboten) entgegenge­nommen.

DttllfcheS Keich.

** Berit«, 24. Aug. Die Nachrichten au« Konstan. tinopel geben bis jetzt keinen bestimmten Aufschluß über die Verhältnisse in der Herzegowina und namentlich über die Aufnahme, welche die Vorstellung der drei Ostmächte an das türkische Cabinet gefunden hat. Man darf jedoch wohl annehmen, daß die Pforte diese Vorschläge angenommen habe, da es keinem Zweifel unterliegt, daß die in dieser Vorstellung enthaltenen Proposttionen nur das Interesse der Pforte wahren werden, und daß sie dennoch auch die Wünsche Europa's zum Ausdruck bringen. ES muß allen Theilen daran liegen, daß die Wirren in jenen unruhigen Districten beigelegt werden, aber nicht durch blutige Maß nahmen, sondern durch moralische Einwirkung. lieber die Regelung der auf die Einrichtung gewerblicher Hilfs­kaffen ausgestellten Grundsätze bei Erlaß der neuen @e-

Tagesbericht

Die beiden Gesetzvorlagen über das Strafwesen- und die GerichtSorganisation bieten so große und vielfache Schwie­rigkeiten, daß trotz des im Anfang September stattfindenden WiederzusammenttittS der Justizcommission, trotz alles Fleißes, trotz aller Kürze in den Berathungen, insoweit fie mit der Wichtigkeit des Gegenstandes verträglich ist, eS durchaus unmöglich ist, bis zum Beginn der Reichs- tagssesston, bis zur zweiten Lesung zu kommen. So möchte denn eine außerordentliche Reichstagssession, einzig den Justizgesetzen gewidmet sich empfehlen, und scheint auch von verschiedenen Seiten auf eine solche hingedeutet zu werden. Freilich reicht das Mandat der Commission vor­läufig nur bis zur Herbstsession, könnte aber wohl für diesen Fall verlängert werden.

Für den Bau einer Begräbnißstätte für das preußische Königshaus (neben dem Dome) waren in der letzten Session des Landtages 600000 Mk. als erste Rate be­willigt worden, werden aber in diesem Jahre noch nicht Verwendung finden, da die Berathung über den Gesammt- kostenanschlag, 3,078,600 Mk. nach der neuesten Berechnung, nicht geschlossen ist.

Die Verhältnisse Elsaß-LothringenS werden zu den Vor­lagen für die nächste Reichstagssessiön ebenfalls ihr Con tingent liefern. Die Anträge und Wünsche, die bei Fest­stellung des diesjährigen Etats und im dortigen Landes- ausschuß hervorgetreten, werden in dieser Beziehung sehr einflußreich fein. Zwar beabsichtigen die unversöhnlichen ulttamontanen elsaß-lothringischen Abgeordneten zu prote- stirm, dies ist jedoch ein mehr isolirter Schritt, dem daS Groß der Bevölkerung durchaus fremd ist,

Der Aufstand in der Herzegowina nimmt, feit dem die Nordmächte ihre Intervention haben auf diplomatischem Wege eintteten lasten, von Tage zu Tage ein allgemeineres Jntereste in Anspruch. Die große und schnelle Ausdehnung destelben hat mit Recht allgemeine Verwunderung erregt, da bisher noch keiner der vielen Aufstände solche Aus­dehnung gefunden hat. Der Grund dazu wird in der Theilnahme der römisch-katholischen Bevölkerung an dem­selben gefunden, die sich früher stets zurückhielt. Bisher erfreuten sich nämlich die Römisch-Kaiholiken besonderer! Vergünstigungen; ein Freibrief Mahamed des ll. hatte!

I werbeordnung waren vorbehaltende Bestimmungen getroffen. Ein im ReichSkanzler-Amt ausgearbeileter Entwurf wurde der Beurtheilung der öffentlichen Meinung und Sachver­ständigen unterbreitet. Auf Grund dieser Erforschungen hat der Reichskanzler das gewonnene Material sichten lassen und den Entwurf eines Gesetzes ausarbeiten lasten, welchem sich ein zweiter Entwurf anschließt, durch welchen die vor­behaltenden Bestimmungen in der Gewerbeordnung Abän­derungen erlangen sollen. Diese beiden Entwürfe sind dem Bundesrath zur Begutachtung vorgelegt. Im Ganzen be­faßt sich der Entwurf nur mit den Krankenkasten und zwar deshalb, weil die Verhältniste dieser bereits genau bekannt sind und weil für diese sich daS Bedürfniß einer Regelung vorzugsweise fühlbar macht. Die Hauptgrundsätze, welche rn dem Entwurf enthalten sind, bestehen darin, daß die zuständigen Behörden die gewerblichen Arbeiter dem Ver- stcherungszweige zu unterstellen ermächtigt werden. Un­geachtet des Darniederliegens der Industrie hat sich ein wirklicher Nothstand unter der arbeitenden Elaste und den ärmeren Leuten nicht bemerklich gemacht. Der starke Consum von Verzehrungsgegenständen und der Zuwachs der Ein­lagen in die Sparkassen sind zwei Momente für diese Auf- fastung.

AuS Mecklenburg-Schwert», 23. Aug. Die Mecklenburger werden an der Sedanfeier diesmal ebenfalls wieder den lebhaftesten Antheil nehmen, sie werden in dieser Beziehung keinem anderen deutschen Stamme nachstehen Die Vorbereitungen zur Feier werden fast überall aufs eifrigste betrieben und ist gegründete Aussicht vorhanden, daß die Feier in manchen Orten unseres engeren Vater­landes diesmal einen besonders festlichen Charakter ge­winnen wird, da die zu den Vorexerzitien des Kaiser­manövers zusammengezogenen Truppen, wie man erfährt, am 2. September Ruhetag haben und sich demnach auch an der Feier betheiligen können. In manchen Orten sind die Vorbereitungen zur Feier des Sedanfesteö um so schneller und wirksamer in FlußLgekommen, als die Kriegervereine dieselben in die Hand genommen haben. Im Anfang b. I. bildete sich in Schwerin unter dem Vorsitze des Oberzolldirektors Oldenburg ein provisorischer geschäftS- sührender Ausschuß des Fritz Reuter. Comitsö in Berlin, welches sich die Herbeischaffung von Geldmitteln zur Auf­gabe machte, um dem vaterländischen Volksdichter ein wür­diges Denkmal zu setzen, sei eS durch eine Reuter-Stiftung ober auf anbere Weise. Dazu sind bis jetzt nach dm M.-Anzeigen" eingegangen: aus Schweden durch Ver­mittelung des deutschen Generalkonsuls 685 Mk.; vom Oberfinanzrath Rieke in Stuttgart gesammelt 415 Mk.; von Dr. Lucius in Ballhausen gesammelt 350 Mk.; vom

Zwei Familie«.

Erzählung von Ernst Streben.

(Fortsetzung.)

Der Wind hatte sich etwas gelegt; die Viertelstunden Verrannen gleichförmig mit dem ruhigen Picken der Wand­uhr ; die Stricknadeln der Frau Weinlich klapperten zwi­schen ihren emsigen Fingern mit dem leisen Geräusch, das ihrer Beschäftigung eigen, an einander, als ganz unver- muthtt sich männliche Schritte der Thür nähmen und gleich darauf angeklopft wurde. Die Frauen schraken leicht zusammen und die gefaßtere Mutter tief:HereinI" ES trat ein Herr mit höflichem Gruß in die Stube und näherte sich ihnen, wobei er eine Weile fie prüfend mit den Augen musterte.

Wohnt hier nicht" fragte er und machte bei jedem dieser Worte eine kleine Pause, wobei er mit seinen grauen, scharfen Augen im Zimmer umhersah und alle Gegenstände darin mit den Blicken überflog,wohnt hier nicht Herr Weinlich, Pensionitter Beamter?Ja, der wohnt hier, Ihnen zu dienenl" sagte die Frau,aber mein Mann ist ausgegangen. Darf ich wisten?" Sie sah den ihr unbekannten Herrn fragend an.Ich möchte mit Ihrer Erlaubniß ein Viertelstündchen auf ihn warten," versetzte dieser, nahm den dargebotmen Stuhl mit verbindlichem Dank an und setzte sich Magdalene gegenüber, welche er fortwährend mit solchem Antheil und so aufmerksam anblickte, daß e« sie zuletzt verlegen und möthm machte. Es war ein großer schlanker Mann in dm Fünfzigern, mit einem verständigen, offenen, Zu­trauen einflößenden Gesichte, sorgfältig, doch mit Einfach­heit gekleidet.

Sie findm mich gewiß recht unbescheiden," sprach er Nach einigen gleichgültigen Redensarten über Wind und Wetter, sich zu der Mutter wendmd,daß ich Ihnen hier ohne weiteres lästig falle. Ich bin vom Herumwandern

wirklich etwas müde geworden. Gestern Abend bin ich mit meinem Begleiter hier angekommen, und feit heute früh trieb es mich, die so lange Jahre nicht gesehene Vaterstadt zu durchstreifen."Nichtdoch!" meinte Frau Weinlich,Sie stören uns durchaus nicht. Also, Sie sind von hier? Da finden Sie die Stadt gewiß verändert." Ich bin hier geboren und meine Kindheit und Ju­gend ist hier verfloffen," sagte der Fremde nachdenklich und mit weichem Tone.Ach, der Ort, wo diese schönste Zeit unseres Lebens verstrich, von Elternliebe, Elternsorge behütet, der unsere glücklichen Knabenspiele sah, bleibt un­

vergeßlich theuer unserem Herzen. ES geht doch nichts über die Heimath! Oft schon hatte ich mir die Reise hierher vorgenommen, aber, wie es denn so kommt, man schiebt auf, eS drängt sich allerlei dazwischen; schier ein Menschenalter ist vergangen, seit ich nicht hier war. 34 finde allerdings Vieles verändert, schöner, glän­zender geworden, werden Sie sagen, ober mir war das Alte, thcurer. So thöricht ist der Mensch! Ich wäre entzückt gewesen alles noch ebenso zu finden, wie in meiner Jugend, bis auf die schmutzigen Straßen selbst und die mangelhafte Beleuchtung! Jedoch die Zeit geht ihren Gang fort und wir müssen mit. Da fühlt man recht daß man alt geworden ist!"

Er schwieg mit einem halb unterdrückten Seufzer und sah wieder Magdalene an, welche jetzt die Rosen und die weißen Blüthen zusammenfügte. Es war gewiß ganz na­türlich, daß er sie so anhaltend bettachtete; es gab ein hübsches Bild ab, sie wie ein Frühlingsengel unter den Blumen walten zu sehen. Sie fand indeß diese Beobach­tung zuletzt ein wenig zu lange dauernd und schlug mit tinem kleinen Zurückwerfen des Kopfes die Augen empor, um dem Fremden feine Unschicklichkeit fühlbar zu machen. Sie sah ihn an und vergaß den ihm zugedachten strafen­den Blick, indem sie einem Lächeln von Wohlwollen und fast väterlicher Freundlichkeit begegnete, welches ihren leich

ten Unwillen sofort entwaffnete. Diese Augen kamen ihr so bekannt vor, es war, als hätte sie dieselben schon ein­mal gesehen. Aber wo? Das konnte sie nicht begreifen und indem sie noch darüber nachdachte, schlug ein wohlbe­kannter Name an ihr Ohr und machte alle Fibern ihre« Herzens erbeben, drängte mit urplötzlicher Gewalt all ihr Blut nach dem einen Punkt. Der Fremde war auf- gestanden, hatte sich dem Fenster genähert und hinauSge- schaut.Nicht wahr," sagte er, sich umdrehend,hier gerade unter Ihnen hat Herr Leonhard gewohnt? __ Er

sprach stets mit solchem Vergnügen von der Aussicht auf die schöne Kirche und den freundlichen Garten."

Die Mutter, nachdem sie überrascht still geschwiegen antwortete mit einem halb unwilligen:Ja," indessen die Tochter, auf welche Erinnerungen und Gefühle mit schmerz­licher Lebendigkeit einstürmten, die beinah vollendete arbeit bei Seite legte, sich erhob und mit ungewissem Schritt und gesenktem Haupt das Zimmer verließ. Sie hörte im Gehen, wie der Fremde den Namen noch einmal nannte, indem er eine ueue Frage stellte, und beeilte sich fortzukommen, da­mit nicht die wechselnde Gesichtsfarbe, das Zittern, welches ihre Gestalt durchflog, und die Thräncn, welche aus der Tiefe der beklommenen Brust unaufhaltsam in ihre Augen schossen, zu Verrälhern ihres Herzens würden.

Sie flüchtete in ihr kleines Schlafgemach, dessen Fenster auf den Hof hinaus gingen. Dott, vor dem weiß ver­hangenen Bette, warf sie sich nieder, barg das weinende Antlitz, die glühende Wange in bte umhüllenben Kissen unb versuchte, mit bitterer, zürnenber Empfindung gegen sich selbst, gegen ihre Schwäche, das ausbrechende Schluchzen, den Aufschrei lange unterdrückten Schmerzes, zu ersticken. Aber bald, dem siegenden Drange, dem allgewaltigen Be- durfniß ihrer «Seele nachgebend, flössen ihre Thronen reich­lich und ungestört, unb sie gab sich ohne Rückhalt dem trost­losen Kummer hin. Dieses Nachgeben erleichterte sie am Ende; sie ward allmälig ruhiger, stiller, und immer noch