Kr. 198.
Marburg, Mittwoch, 25. August 1875.
x. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Burcaux von Th. Dietrich L Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M.; Haasenstein <L Vogler in Frankfurt a- M, Berlin, Leip, zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Q?brrl|tflifd)c Jritung.
Anzeigen nimmt entgegen: die E^edttivn d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
_______ _________ Oflt ,n °et Expedition zu ertheüende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
ÜblfrllttttlW für den Monat September jpquiuiliyiu auf die vberhesstsche Zeitung werden von allen Postanstalten (auf dem Lande von den Landpostbotm) entgegengenommen.
Tagesbericht.
Der Reichstag wird seine Sitzungen wahrscheinlich am 18. Oktober beginnen; die Arbeiten, welche zur Restauration des Sitzungssaales unternommen worden, sind vollendet. Sämmtliche GyPSornamente sind von der Decke und dem Gesims entfernt, und unter besonderer Aufsicht des Reg. Raths Neumann, der im vorigen Jahre den Umbau des provisorischen RcichStagsgebäudeS geleitet hat, sind die Vorkehrungen so getroffen, daß Unfälle, wie sie in der letzten Session vorgekommen sind, unmöglich werden.
WaS über die in Aussicht genommene Revision der Gewerbe-Ordnung verlautet, bestätigt sich mehr und mehr; doch scheint es sich vorläufig und vorzugsweise um Er gänzungcn zu handeln, welche in verschiedenen Zweigen der Gewerbe Ordnung zur Berathung kommen werden, da die neue Gewerbe - Ordnung gewiffe gewerbliche Zustände in einzelnen Bundesstaaten beseitigen sollte, so verlangten und erhielten diese Nachsicht in Beziehung auf die Uebergangs zeit; andere, Hamburg spcciell interessirende Fragen werden auch binnen Kurzem zur Berücksichtigung kommen.
Die Steuerfreiheit des Reichseinkommens gehört zu betr jenigen Vorlagen, welche die letzte Reichstagssession nicht hat erledigen können und wird, wie aus guter Quelle versichert wird, aus's neue vorgelegt werden, da die Reichsregierung lebhaft wünscht und darauf hält, ein klares, unbestrittenes Recht auf seine Seite zu stellen, dem Grundsatz der Communen gegenüber, daß zwischen Steuerbefreiung und sonstigen dringlichen Lasten für Reich oder Einzelstaat kein Unterschied stattfinde. Ein einziger Paragraph des gedachten Gesetzes nur enthielt die Behauptung, daß das Reich nicht zur Einkommensteuer herangezogen werden könne. Der Entwurf wird wahrscheinlich unverändert bleiben, da die Regierung schon im verwichenen Jahre nicht mit den eingebrachten Amendements einverstanden war und daher ihren Standpunkt festhaltcn wird; der Reichstag könnte aber wohl auch seinerseits auf den Amendements beharren.
Das Jcsuitengesetz weist freilich die Jesuiten aus Deutschland aus, deffenungeachtet aber ist es erwiese», daß nicht nur Jesuiten sich heimlich in Deutschland aufhalten, sondern sich auch der Agitationen nicht enthalten. Da aber die gesetzlichen Bestimmungen aufrecht erhalten werden muffen, so sind die strengsten Maßregeln zur Abstellung jener Mißstände getroffen worden.
Die Herbstmanöver der preußischen Armee beginnen am 4. September und schließen meist in der dritten Septemberwoche. Die Reservc-Entlaffung erfolgt unmittelbar nach dem Wiedereinrücken der Garnisonen in ihre Quartiere, also vor Beginn der ersten Septemberwoche. Dagegen beginnt die Einziehung der Rekruten zwischen dem 1. und 6. November. Es werden durch diese Anordnungen bedeutende Ersparniffe erzielt. Zahlreiche Meldungen ameri konischer Offiziere, um den Manöver» beizuwohnen, sind ebenfalls eingetroffen.
Auf dem deutschen Theil der Donau soll, wie auf dem Rhein, eine deutsche Kanonenboot-Flotille aufgestellt werden; doch ist über den Zeitpunkt der Ausführung dieses Projektes noch nichts näheres festgesetzt; für den Bodensee ist eine derartige Maßregel schon früher getroffen worden. Oesterreich hält eine solche Flotille schon seil langem auf dem ihr gehörigen Theile der Donau, uud es scheint kein Hinderniß selbst für die Aufstellung einiger Kanonenboote zwischen Regensburg und Passau, von deutscher Seite aus unternommen, zu bestehen.
Der Aufstand in der Herzegowina nimmt das höchste Jntereffe in Anspruch; seitdem die Stellung, welche die Nordmächte zu demselben einnehmen, bekannt geworden, ist der Aufstand zu einem wichtigen politischen Ereignitz geworden. Die Pforte möchte allerdings die Bedeutung ableugnen, aber die letzten Ereignisse auf dem Kriegsschau platze beweisen deutlich, daß die Herzegowina und Bosnien bereits vollständig in den Händen ter Insurgenten sind, und daß der Aufstand beständig im Zunehmen begriffen ist. Von allen Seiten strömen bewaffnete Schaaren zur Unter tützung der Aufständischen herbei. Bis jetzt bilden die Insurgenten drei Corps, von denen das eine sich in der Gegend von Gazko, das zweite am oberen Laufe der Dwina und das dritte an der unteren Narenta befinden. Diese drei Corps sind so ausgestellt, daß sie jeden Angriff zurück- weisen können. Im Süden ist die Herzegowina durch Montenegro und das Gebirge geschützt, im Osten durch Serbien und im Westen durch Dalmatien. Der einzige Weg führt durch den Hafen von Klee in's Innere; so daß also alle türkischen Truppen von der Seeseite auSgeschifft werden müffen. Unter solchen Umständen gewinnen die Insurgenten immer mehr Zeit, sich festzusetzen und sich in ihren Stellungen zu befestigen; ^an Waffen und Munition haben sie überdies keinen Mangel; sollte sich die Sache überhaupt zu lange hinziehen, so scheinen die Ostmächte entschieden ein zugrcifen; Oesterreichs Maßregeln können nicht anders gedeutet werden, als in der Absicht einer Besetzung der Herzegowina und Bosniens unternommen, um die größere Ausdehnung des Aufstandes zu verhüten.
Deutsche» Reich.
*» Berlin, 23. August. Der Vicepräsident des Staatsministeriums, Finanzminister Camphausen, wird in nächster Zeit zurückerwartct, obgleich der ihm vom König ertheilte Urlaub erst am Ende des Augusts abläuft. Er beschleunigt, wie man hört seine Rückkehr, weil er mit den jetzt hier anwesenden Ministern mancherlei Berathungen zu pflegen und namentlich auch bei den Etatsangelegenheiten mit seinem wichtigen Votum einzugreifen hat. — Die Polemik zwischen dem reichsfreundlichen und dem ultramontanen Lager hat sich etwas beruhigt. Selbst die Germania hat ihren Ton etwas herabgestimmt und gönnt sich in dem Kampfe gegen die Post, die Nordd. Allg. Ztg. und die Prov. Corresp. einige Tage Pause. Jndeffen find auch anderseits die Gerüchte verstummt, welche von dem Symptom eines herannahenden Friedens zwischen Staat und Kirche wissen wollten. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die gegenwärtige Ruhe nichts weiter ist, als ein durch die lobte Jahreszeit gebotener Waffenstillstanb. So sieht man wenigstens, wie ich höre, bie Sache im Kultusministerium an unb bereitet sich vor, ben begonnenen Kampf nach dem Wahlspruch: sincere et constanter zu Ende zu führen. — Die „Germania" meldet, daß der König von Holland mit dem Könige von Belgien in Ostende eine Zusammenkunft haben werde, um eine gegenseitige Ver« 'tändigung herbeizuführen, eine gemeinsame Politik gegen Deutschland auszuüben. Unbefangene Politiker werden olden Spuckgcschichten des Jesuitenblattes allen Glauben versagen. — Die vielfach verbreiteten Lesarten über angeblich starke Mehrforderungen für den Militäretat, klären ich schließlich dahin ab, daß allerdings der Kriegsminister m Extraordinarium einige Forderungen stellt, die aber bei Weitern nicht die Summe verlangen, welche genannt wird. — Die stark übertriebene Angabe, daß die Gesellschaft „Flora" die Erlaubniß zur Veranstaltung einer Lotterie erhalten hat, beruht auf einem Mißverständnisse. Es handelt sich durchaus nicht um eine Lotterie mit Geldprämien, andern lediglich nm Ausspielung von Pflanzen und dergleichen, wie sie vielfach von ähnlichen Anstalten von gemeinnütziger Tendenz unternommen werden. Es ist denn auch unerfindlich, wie mau cs so absonderlich nennt, wenn ein so annehmliches Institut nicht über Wasser gehalten werden soll, bis es die Krisis, in der eö jetzt steht, überwunden hat. Diese Auffassung findet sich in allen gebildeten Theilen des Publikums vertreten.
Posen, 20. August. Der ultramontane Kuryer pozn. gesteht offen ein, daß er durch seine häufigen unv schweren Berurtheilungcn wegen Preßvcrgehen in die schwierige ■3age gebracht sei, die ihm im Jntereffe der Selbstcrhal- tung die Pflicht auferlege, in seinen RaisonnernentS über kirchenpolitische Gegenstände sich der größten Zurückhaltung
Zwei Familien.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fottsetzung.)
Es ward nach und nach Heller, der späte Tag brach Herrin. Von den mancherlei Geschäften und Besorgungen de« Haushalt- in Anspruch genommen, raffte die Frau mit aller Macht ihre Sinne zusammen und bemühte sich, ruhiger, gefaßter zu werden und sich das Erlebte als nicht bedeutend vorzustellen. Aber vergebens I Bei dem geringsten Geräusch fuhr sie zusammen, wie auf einer strafbaren That ertappt; ihre Kniee wankten ihre Hände zitterten, und das Gefühl von innerer Bangigkeit unb schwüler Ahnung wollte nicht von ihr weichen, so sehr sie sich auch bemühte, stark zu sein unb bie marternden Gebanken zu verscheuchen, bie boch immer nieber unb wieder kamen und ihre zitternde Seele feiterten. Bald flehte sie heiß und inbrünstig zum Himmel empor, er wöge den Bruder aus den rechten Weg leiten, ihm gnädig sein, möge die Angst von ihr nehmen; bald schalt sie sich eine Thörin, die sich ohne Roth quäle und das Herz schwer mache; bann wieder tadelte sie sich bitter, Ferdinand nicht mit Gewalt zu- zückgehalten, nickt mit Ernst und Nachdruck auf eine Erklärung seines seltsamen Benehmens gedrungen zu haben. Dann zagte sie wieder in Sorge für den Vater, wenn er erführe, waS geschehen sei, und sie beschloß fest bei sich, ben ölten Mann, wenn er am Nachmittag ober Abend nach Hause käme, — denn eher erwartete sie ihn nicht — nichts merken zu laffen von dem, waS fortwährend wie ein dunk let Alp auf ihr lastete.
So kam der Nachmittag: der Wind, welcher in der Nacht unb noch am Vormittag ziemlich gelobt hatte- war allmälig still getDcrtfrtf Sie schickte Alex zu der Schwester in die Vorstadt hinauf uin sitz nach dem Befinden des
jüngsten Kindes zu erkundigen, welches an ben Zähnen litt. Sie wollte zugleich den Knaben zerstreuen, seinen forschenden Fragen, seinen bekümmettcn Blicken ausweichen, denn scharfsichtig durch sein liebevolles Herz, erkundigte er sich wiederholt nach dem Grunde ihrer Aufregung und bat mit kindlicher, bersorgter Zärtlichkeit, ihm doch ihren geheimen Kummer mitzutheilen. Sie wollte ihm diesen verhehlen, indem sie ihn von sich entfernte. Er ging zögernd und ungern fort, sah noch von außen mit einem Blick inniger Anhänglichkeit zu ihr in das Fenster hinein, nickte ihr mit freundlichem Gesicht zu und humpelte dann weiter, indeffen sie gebanken- unb kummerschwer ihm mit ben Augen folgte. — Wer konnte wiffen, was bie nächste Slunbe vielleicht bringen würbe I
Fünftes Kapitel.
Der Fremde; das volle Herz; ruhloses Wandern.
A» diesem nämlichen Tage war der alte Herr Wein- litb in einer ganz besonders reizbaren und ärgerlichen Stimmung aufgestanden. Im buchstäblichen Sinn des Wortes ärgerten ihn heute die Fliegen an der Wand, von denen er aus barmherziger Liebhaberei immer einige durch ben Winter zu füttern pflegte und ihnen dann und wann auf das OfensimS Zuckerbröckchen hinstreute. „Eine jede Fliege in das neue Jahr hinüber durch den Winter ge> bracht," sagte er bann wohl scherzend, nach dem Aberglauben vieler alten Leute, „bringt unfehlbar hundert Thaler in daS Haus, und daS ist doch gewiß der Mühe werth I" — Aber diesmal gönnte er ihnen ben Platz nicht, wirklich nicht I Sie wären ja auch nur zur Plage da, und es wäre lauter dummes Zeug! behauptete er plötzlich.
Er stand am Fenster, trommelte auf den Scheiben unb schalt auf das Wetter, auf ben Herbst, auf benüßinb, ber um die Kirche faufete und pfiff, unb auf sonst noch aller
lei. — Magdalene saß, still über ihre Arbeit gebeugt am andern Fenster, unb Mutter Weinlich, in beren stille Seele all bad Murren unb heimliche Poltern ihres Mannes, ben sie in seiner Harmlosigkeit zu gut kannte, nur etwa eindrang, wie das Geräusch eine« draußen plätschernden Regens in ein sicheres, gemüthlicheS Stübchen, wo alles wohl bestellt und in Ordnung ist — Mutter Weinlich ging ab und zu in geräuschloser Thätigkeit, sah in ihrem kleinen Haushalt zum Rechten und warf bann unb wann einen theilnehmenden Blick auf ihre Tochter, wobei ein trüber Schatten Über ihr sanftes Gesicht glitt.
G »Nein, zum Kukuk! Das halt' ein Anderer aus!" fuhr der Vater mit einmal empor und wandte sich entschlossen vom Fenster ab. „Hier zu sitzen und den Wind pfeifen zu hören, während keine von euch den Mund aufthut! Ist nicht meine Sache; ich muß ein wenig frische Luft schöpfen. Hier beklemmt es mich, unb bas Wetter ist nicht so arg, wie eö sich anhört." — „Zieh' bich nur warm an, lieb Väterchen," sagte bie Tochter rasch aufstehenb, um ein 'Kleibungsstück von der Wand zu nehmen; „du wirst dich 'sonst gewiß erkälten. Es ist so rauh heute Morgen." __
„Eben deßhalb wollte ich dich auch nicht ausgehen lassen," erwiderte der Alte. „Tu siehst mir ohnehin so blaß aus Kind! Das viele Sitzen taugt nicht für dich, ist ungesund; unb bann eure närrischen Moden! Bald eng, bald weit die Aerrnel, bald hinten, bald vorn die Kleider zugemacht — hat die Natur wohl Zeit sich hineinzufinden? Und ehe man sich's versieht, ist es wieder anders, eine unsinnige, verrückte Wirthschaft das! Aber soll ich mich auch noch daran ärgern? — Mir thut der Wind nichts unb baS Wetier; ich bin'S so gewohnt, und wir Alten sind nicht so weichlich wie die Jugend heut zu Tage!" — Er nahm Hut unb Stock aus ihren Händen, sah ihr in bie Augen, streichelte Ihre Wange unb brummte noch ein Weniges in