Mr. 197.
Marburg, Dienstag, 24. Angust 1875.
x Mrgaeg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfutt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfutt a. M. c.
Mrhelsjsche Zciluiig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Bettin; Carl Schstß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
____in bet Expedition zu ettheüende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet. ” 8"
Die Klottenrevue bei Warnemünde.
Zum ersten Male seit dem Bestehen des deutschen Reiches wird in diesem Jahre die deutsche Flotte von dem Kaiser einer Besichtigung unterzogen werden, und ein großes Manöver vor ihm ausführen. Zu diesem Zwecke werden au der Rhede von Warnemünde bei Rostock sämmtliche Panzerschiffe und einige Holzschiffe vereinigt werden. Nachdem am 20. und 21. September die Revue des IX. Armeecorps stattgefundeu, wird sich der Kaiser am 22. Morgens 9 Uhr an Bord deS Admiralschiffs „König Wilhelm" begeben, und die Revue der versammelten Flotte, sowie das Manöver seinen Anfang nehmen. Sämmtliche Kriegsschiffe werden zuerst eine Schlachtlinie gegenüber einem fingirten von Norden kommendm Feind bilden, um die Bucht von Warnemünde gegen einen Landungsversuch zu schützen. Es werden sämmtliche Schiffe mit Feuer vorgehen, und eine Reihe höchst intereffanter Evolutionen ausführen, durch welche die neue Taktik der Marine illustrirt wird. Hierauf wird die Flotte zwei Treffen formiren, welche sich gegeneinander aufstellen. Das ganze Manöver wird um 4 Uhr Nachmittags beendet sein; Landungsversuche sind bis jetzt, wie wir hören nicht beabsichtigt. Indessen ist es nicht ausgeschlossen, daß solche auf besonderen Befehl deS Kaisers dennoch zur Ausführung kommen. ES ist nicht zu bezweifeln, daß dieses großartige Schauspiel viele Tausende nach Warnemünde locken wird.
Mit Stolz und Befriedigung wird das deutsche Bolk sehen, daß auch unsere Flotte so weit gediehen ist, um sich als ein würdiges Glied neben das in so vielen Schlachten ruhmvoll bewährte Landheer zu stellen. Die Tüchtigkeit und Bedeutung der Flotte ist bereits von allen Fachmännern anerkannt, und erweckt den Neid unserer Feinde, die erkennen, daß wir jetzt zur See wie auf dem Lande auf- tttten können. Die Flottenrevue kann gewissermaßen als der Abschluß der Organisation unserer maritimen Wehrkraft angesehen werden, durch welche wir uns den übrigen Seemächten ebenbürtig an die Seite stellen.
DenlschrS Reich.
---- Bet litt, 21. August. Die orientalische Frage ge- toinnt mit jedem Tage eine größere Wich igkeit. Der Aufstand in der Herzegowina hat bereits so große Dimensionen angenommen, daß ohne bedeutende Anstrengungen eS der Pfotte kaum möglich sein wird, denselben zu bewältigen. Gleichzeitig schlägt derselbe aber auch Wurzel in Bosnien, so wie in Türkisch Kroatien. AuS den benachbarten Ländern, aus Montenegro, Dalmatien und Serbien finden bedeutende Zuzüge statt; in Serbien ist die Aufregung im Wachsen begriffen; es wird die Forderung an den Fürsten Milan gestellt, den Krieg gegen die Türken zu erklären; kurz, an der unteren Donau bereiten sich folgenreiche Er- eigniffe vor. Dabei hat die Türkei bis jetzt immer nur unzureichende Mittel angewandt, und giebt sich sofort den Anschein, als ob sie sich der drohenden Gefahr nicht gewachsen fühlte. Das Wichtigste ist aber die Frage wie sich
die Ostmächte dazu verhalten werden. Soeben ist die Nachricht eingelaufen, daß die Botschafter Rußlands, Deutschlands und Oesterreich-Ungarns in einer längeren Confcrenz mit dem Großvezier demselben dm Rath crlheilt haben, die Feindseligkeiten in der Herzegowina einzustellen, um die Beschwerden der Insurgenten zu vernehmen. Die türkische Regierung sei jedoch hierauf nicht eingegangen. Nachdem darauf der russische Botschafter, General Jgnatieff, eine Audienz bei dem Sultan gehabt hatte, wurde der Großvezier zum Sultan berufen. — Diese Nachricht ist von der höchsten Wichtigkeit, und hellt mit einem Schlage die Situation auf. Indem die Ostmächte der Türkei den Rath geben, die Feindseligkeiten einzustellen, und die Beschwerden der Insurgenten zu vernehmen, gehen sie direkt auf den Ursprung der fort währenden Beunruhigungen Europas; denn nur die traurigen Zustände in den von den Türken beherrschten christlichen Ländern geben fortgesetzt die Veranlaffung zu den Auf ständen in jenen Ländern. Eine andere Nachricht von gleich großer Wichtigkeit zeigt eventuell an, daß dort eine Intervention bevorsteht. Zwei Regimenter der Wiener Garnison haben Befehl erhalten, sofort nach Dalmatien sich marschbereit zu halten, wo ein förmliches Beobachtungscorps aufgestellt werden soll. Man fragt natürlich mit Recht, ob dies dazu geschehen soll, den Aufstand zu unterdrücken, und den Türken zu Hülse zu kommen, oder aus dem entgegengesetzten Grunde; die Anfichtm darüber sind in Oesterreich und Ungarn sehr getheilt, aber soviel ist längst klar, daß die österreichische Regierung ihre alte traditionelle Politik im Orient seit dem Dreikaiserbündniß aufgegeben hat. Dann auch wird Oesterreich schwerlich daran denken, die groß- serbischen Träume zu verwirklichen; denn dadurch würde es erst einen ewigen Herd von Beunruhigungen in seinen Grenzen geschaffen haben. Wenn eS der Türkei nicht gelingen sollte, deS Ausstandes Herr zu werden, sei es mit Waffengewalt, sei es durch Eingehen auf die Forderungen seiner christlichen Untertanen, so könnte eS leicht geschehen, daß Oesterreich die Herzegowina besetzt, einestheils um die großserbischen Absichten zu verhindern, andrerseits aber auch um die Türkei zu zwingen, aus ihrer Stumpfheit herauszutreten, und die nothwendigen Reformen durchzuführen. Wenn aber die Pforte nicht auf die friedlichen Intentionen der Ostmächte eingehen sollte, dann wäre der Zeitpunkt gekommen, wo Oesterreich, um den ewigen Beunruhigungen an der unteren Donau ein Ende zu machen, die Verwaltung der Herze gowina an sich nehmen könnte. Es ist nicht anzunehmen, daß die Ostmächte, die mit Oesterreich daS Dreikaiserbündniß gebildet, baß Deutschland und Rußland einem solchen Vorgehen entgegentreten würden, weil, wenn auch bisher die Vertagung der orientalischen Frage unter ihnen festgesetzt war, doch schließlich die Lösung derselben von ihnen nicht abge wiesen werden kann.
Karlsruhe, 18. August. Unter den hiesigen Mili- tärfestllchkeiten aus Anlaß der diesjährigen Herbstübungen des 14. Armeecorps, wird die Feier deS 50jährigen Osfi-
cierjubiläumS deS Generals von Werder, welches in diese Tage fällt, einen Glanzpunkt bilden. Die Officiere des 14. Armeecorps werden eine Ehrengabe überreichen und der Großhcrzog wird dem Jubilar eine besondere Festlichkeit — man sagt in Baden — bereiten. Der General soll beabsichtigen, den eigentlichen Festtag im Erlenbad bei Bühl zuzubringen. — Das hiesige Militärlaboratorium ist nach und nach zu einem der größten Deutschlands geworden. Es zählt neben feinem militärischen Personal noch 500 weibliche Arbeiter. Bis jetzt sind aus dem Etabliffe- ment feit seiner Neueinrichtung 30 Millionen Patronen hervorgegangen. Das Anwesen versorgt Baden, die Reichslande und Württemberg mit Patronen. Das Tausend Patronen calculirt sich auf 33 Thlr.
München, 20. Aug. Der Kronprinz deS deutschen Reiches wird am 1. September in Augsburg eintreffen, am 2. und 3. den Manöver» der zweiten Division bei Odelzhausen, am 4. dem der ersten Division bei Pfaffenhofen und am 6. und 7. den Corpömanövern bei Schrobenhausen beiwohnen. — Im katholischen Casino zu Landshut haben sich letzter Tage ungefähr 20 clerikale Abgeordnete zum Zwecke einer Besprechung zusammengefunden. In das Local, in welchem die Berathung stattfand, war jedem Unberufenen der Zutritt streng verwehrt. — Der neuernannte Erzbischof Schreiber von Bamberg wird dort Ende August eintreffen unb am Sonntag den 5. September in der Domkirche durch den Erzbischof von München unter Assistenz der Bischöfe von Augsburg und Eichstätt confecrirt und inlhronistrt werden. Pfarrer Lukas von Dalking, daö originelle „enfant terrible“ seiner Partei, begrüßt die Nachricht von der bevorstehenden Präconisation des neuen Erzbischofs von Bamberg in der clerikalen „Donau-Zeitung" mit folgender bescheidenen Bissigkeit: „Das ganze Land hat sich angestrengt, den heillosen Schul Gesetz-Entwurf abzuwerfen. Diejenigen, welche die ungeheuere Mühe und Anstrengung der Agitation getragen haben, büßen heute noch dafür, oder ruhen im Grabe, und Friede. Schreiber, der den Entwurf machen h-lf, besteigt dafür den erzbischöflichen Stuhl von Bamberg. Er wird von allen Bischöfen umarmt, vom Clerus adorirt, vom Papst gesegnet, vom hl. Geist gesetzt. DaS ,Bamb'. VolkSblatt" schreibt: Der hl. Vater hat unseren neuen Erz- bischof präconisirt, jetzt wiflen wir, daß er uns vom hl. Geist gesetzt ist. Weil also der Papst aus zwanzig und e"lchen Gründen zur Zeit nicht für gut findet, sich mit Baiern zu überwerfen, ist Herr Schreiber plötzlich nicht nur ein Berufener, sondern ein AuSerwählter. An die Stelle des Herrn Lutz tritt der hl. Geist, ja der hl. Geist ist in.Herrn Lutz schon vorher gesteckt, ohne daß sogar die Ultramontanen eS merkten. ..." — Der in der vielfach besprochenen und verhandelten Affaire deS im vorigen Jahre ju Neumarkt plötzlich gestorbenen Soldaten Pmttner mehrfach genannte Premier-Lieutenant Georg Fürthmaier vom 1. Chevauxlegers-Regiment ist nunmehr mit Pension ver- abschiedet worden. — Der Magistrat der Stadt Eichstädt
Zwei Familien.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
Auch Alex machte dem Mutterherzen Sorge. ES that ihr so weh, ihn mit seiner gebrechlichen Gestalt und dem blaffen Gesichte hinter dem Tisch irgend einer Arbeit hocken zu sehen, ohne daß er wie sonst so gern in der Zwischenzeit seine frühere LieblingSerholung, das Biolinspiel, vor genommen hätte. Er nahm zwar gehorsam auf ihr Wort die Geige zu Hand und spielte die gewohnten Stücke, aber nur mechanisch. ES machte ihm keine Freude mehr, füllte sein Herz nicht aus und lässig ließ die Hand nach einiger Zeit den Bogen sinken. Sein Blick schweifte traurig und wie suchend umher, während ein Ausdruck tiefer Niedergeschlagenheit und Muthlosigkeit auf seinem Gesichte lag. Oft versuchte er, wenn er sich unbemerkt glaubte, die Herr lichen Klänge, die wundervollen Melodien nachzuahmen, die er damals gehört hatte. Sie tönten noch so lebendig in seiner Seele, spielten in seinen Träumen, aber sie waren ihm zu fern, er konnte sie nicht erreichen, und mit einem liefen, trostlosen Seufzer hörte er zuletzt auf mit seinem Versuch. — Ach, der körperlich von der Natur Vernach- lässigte, dem ihre Hand, scheinbar lieblos, das Brandmal äußerer Mißgestalt aufdrückte, deffen Streben, deffen Hoffen so schon ferner gerückt, deffen Thalkraft gelähmt, deffen Wirken beengt ist, deffen leicht verletzbares Herz oft schon an heimlichen Wunden der Zurücksetzung, der Kränkung blutete — er bedarf mehr als Andere eines erhebenden^ tröstenden Gefühles, eines sonnigen Gedankens, eine« hülf- reichen Genius, der ihn emporhebt über fein Leid, der ihn
Unb die Gedanken kamen und gingen, inbefj sie so da- saß und strickte, eine lange Reihe, in die grauen Tinten ber Sorge getaucht, sinnend und ernst, Gestalten und Bilder ber Vergangenheit au« düsterem Hintergründe hervorziehend und fragend an den Vorgang tastend, der die Zukunft verhüllte. Und eine Mutter denkt ja weniger an sich selber, sondern vervielfältigt ihre Betrachtungen, indem sie die Schicksale ihrer Kinder erwägt. Auch ihres guten verstorbenen Manne« dachte sie, und wie e« wohl fein würde, wenn auch der alte Vater von ihr ginge. Sie seufzte tief unb schmerzlich bei dieser Vorstellung und Über
schwere, harte Zeiten würden dann kommen! Und Alex, ihr armes, gebrechliches Kindl —
Zu dem bangen Klopfen ihres aufgeregten Herzens kam jetzt ein Geräusch von außen. Schritte näherten sich der Thüre und schnitten den Faden ihrer Gedanken ab ®te sah erwartungsvoll hin und konnte fast einen leisen Aufschrei nicht unterdrücken, als sie den Bruder, welchen sie lange nicht gesehen hatte, hereintreten sah. „Guten Morgen, Ferdinand!" sagte sie unwillkürlich.
Er trat langsam, wie überlegend unb mit leisen Schritten näher, als wolle er keinen Schlafenden stören; bann schaute er im Zimmer umher, welche« von dem flackernden Feuer im Ofen — die Lampe war aus Sparsamkeit ausgetöscht worden — mit grellen Streiflichtern theilweise beleuchtet war. — „Guten Morgen, Karoline!" sagte er mit heiserer Stimme; dann schob er sich einen Stuhl herzu und setzte sich, das Gesicht seitwärts gewendet. Er schauderte zusammen, als ob ihn fröre. - Einige Minuten lang schwie- gen Beide. In daS sorgenvolle Sinnen und Grübeln der Frau war feine stille, ungeahnte Erscheinung fast wie ein Traumbild hereingetreten. So tief hatte sie die Seele hinein versenkt gehabt, daß sie nicht sogleich Worte für die W,rN,chke.t and; und er saß so stumm da, den Kopf auf die Brust gesenkt, stumm wie ein Geist.
. !?e™non^*' fa9tc sie mit einmal erschrocken, „bist du krank? Woher kommst du so früh?" — „Früh?" wiederholte er mit einer sonderbaren und bewegt klingenben Stimme, „früh, sagst du? Ist eS noch früh? Ich pachte nicht — Er schwieg wieder. — „Nicht früh für mich*,
die Erde vergeffen läßt, die ihn karg nur bedenkt unb I legte, wie unmöglich eS ihr sein werde di, <?inh»r mu
zulachelte, daß sie ihm nicht helfen, nicht seinen Pfad tm Leben ebnen, nicht den Kummer von ihm bannen konnte.
Sie war eines Morgens, wie gewöhnlich, früh aufge- standen, hatte mit ihrem kleinen Oelläwpchen still im Hause gewirthschaftet und verkehrt, gefegt und Holz in den Ofen gelegt, um Kaffee zum Morgenfrühstück daran zu kochen, und e« war recht rauhe Lust und schon ziemlich kalt des Morgens. Sie saß sinnend auf einem Schemelchen davor, das niemals außer Thätigkeit gesetzte Strickzeug in der geschäftigen Hand, da es galt, viele Füße für den Winter warm zu bekleiden. Alex war ausgeschickt, um Brod unb sonst noch allerlei zu holen; der Vater war gestern, was sonst nur noch selten mehr vorkam,' auf ein nahgelegenes Dorf zum Erntefest gegangen, um dort mit zum Tanz aufzuspielen, und die jüngeren Kinder schliefen noch. Sie gönnte es ihnen, war sie doch selber gern einmal mit ihren Gedanken allein.