Nr. 196
Marburg, Sonntag, 22. August 1875.
X Lehrgang.
sitze Döllingers stattgehabte Unionsconferenz ist mit einer Einigung der altkatholischen, anglikanischen und orientalischen Geistlichen über die Frage wegen des Ausgangs des heiligen Geistes geschloffen worden.
Oesterreich erfreut sich augenblicklich der behaglichsten Sommerruhe, aus der man sich weder durch das große Jubelfest des Cardinals Schwarzenberg in Prag, das leidlich armselig ausfiel, noch durch das Wühlen und Wüthen der Feudalfanatiker, noch durch den Mangel an Enthusiasmus der Ungarn für große Credite zu Gunsten der von UchattuS erdachten Stahlbronze, noch endlich durch die Vorgänge in der Herzegowina stören läßt.
Das Präsidium der italienischen Deputirtcnkammcr hat an Stelle des Deputaten Baro den Deputirten Gra- vina zum Mitgliede der Untersuchungscommisston für Sici- lien ernannt, und somit ist diese Commission endlich voll zihlig geworden.
In Griechenland ist die neue Kammer ganz wie sonst danach angethan, durch Parteienzwist den regelmäßigen Gang der Gesetzgebungsarbeit gründlich zu erschweren. Kumunduros zählt 58, Deligcorgis 40, ZaimiS 30, der lch'ge Ministerpräsident 30 und sein Vorgänger Vulgaris 17 Stimmen, die ihnen Heerfolge leisten.
Die Pforte hat endlich eingeschcn, daß sie dem Gouverneur von Bosnien, Derwisch Pascha, der mit den ihm zu Gebote stehenden Mitteln der in der Herzegowina auS- gebrochenen Meuterei nicht Herr werden kann, Nachschub leisten und ein thalkräftigen Kriegsmann beigeben muß Zuerst war von Nabjis Pascha, jetzt ist von Hussein Avni Pascha die Rede, der als Großmarschall sich auf den Schauplatz des Aufruhrs begeben und die empörten Völker zu Paaren treiben soll. Bereits sind Truppen von Konstantinopel an der adriatischen Küste angekommen, um in Klek ausgeschifft und gegen die auf den Bergen verschanzten Aufständischen geführt zu werden.
In Serbien sind die Wahlen zur Skupschtina derartig ausgefallen, daß das Ministerium, das doch im sinne des früheren CabinctS MarinovicS vorwiegend confervativ war, sich veranlaßt gesehen hat, den Fürsten um Entlastung aus dem Amt zu bitten. Die Bitte ist ihnen gewährt und Ristics bereits nach Belgrad beschieden worden, um ein neues Cabinet zusammenzubringen.
Der Khedive von Egypten wird in diesem Jahre Europa nicht besuchen. Zu den Gründen, die ihn von dieser erst beabsichtigten Reise abhalten, ist neuerdings auch der gekommen, daß der König von Abessinien die egyptische Grenze zu überschreiten droht. Truppen zur Abwehr dieses Einfalls sind sofort in Marsch gesetzt.
Ja Frankreich herrscht tiefste Ruhe: der Vulkan, der so oft schon Feuer gespieen, sendet kaum hin und wieder ein Wölkchen gen Himmel, das einen grauen Schalten auf das schöne Land wirft, welches sich anschickt, nun auch das heilige Land zu werden. Zu den Millionen, welche für das Zion auf dem Montmartre gesammelt werden, kommen nun die Milliarden, welche der hohe und niedere Cleru» aufsaugen wird, wenn ihm nur die Zeit dazu bleibt, um die katholische Universität von Paris zu dotiren, zu deren Gründung sich sechs Erzbischöfe in diesen Tagen unter Cardinal Guibert vereinigt haben. Die Wahlen der Präsidenten der Generalräthe fielen, so viel bis jetzt bekannt, in üblicher Weise aus: man übergiebt daS Schicksal der Berathungen dem guten oder schlimmen Willen eine« Ministers, Generals, Würdenträgers u. s. w. WaS die Sesston leisten wird, läßt sich noch nicht sagen, wohl aber hat eS den Anschein, daß Buffet im Durchschnitt keinen zu starken Widerspruch erfahren wird. In auswärtigen Angelegenheiten hat die Erlaubniß für die spanische Regierung, KriegSbedars über französisches Gebiet zu führen, die ZornauSbrüche der Legitimisten erweckt. In der orientalischen Frage, die jetzt wieder lebhaft besprochen wird, herrscht im Ganzen wenig Klarheit und noch weniger Einmuth in den Blättern; man sühlt, daß man hier nicht mehr Hammer, sondern Ambos ist.
Auf dem spanischen Kriegsschauplatz steht ein wich tigeS Ereigniß bevor. General Martinez Campos hat nämlich gemeldet, daß er in den ersten Tagen in Seo d'Urgel einziehen werde. Jedenfalls muß er sich sehr sicher fühlen, sein Ziel zu erreichen. Für die Carlisten käme der Verlust ihres bedeutendsten, ja des einzigen namhaften
festen Platzes in Catalonicn einer neuen großen Niederlage gleich.
Seitdem am Freitag voriger Woche die Parlaments- Session geschloffen worden, zeigen die englischen Zeitungen ein wesentlich verändertes Gesicht. Für die dem Auslande gewidmeten Spalten sorgt die Herzegowina; der heimische Neuigkeitstheil beschränkt sich auf Mittheilungen von den Birkhuhnhaiden und fashionabeln Seeplätzen, hat indessen eine willkommene Bereicherung soeben durch die Reise des Prinzn von Wales und seiner Gemahlin nach Sheffield empfangen.
In Dänemark will die Heilung des Bruches, der die sogenannte Vereinigte Linke des VolkSthingS zerklüftet nicht gelingen.
Der Kaiser von Rußland ist von Petersburg nach Moskau gegangen, um dort Truppenschau zu halten. Nach der Krim siedelt der Hof erst gegen Ende Septembers über. Die Gemahlin des Thronfolgers, Großfürstin Dagmar, hat sich mit ihren Kindern nach Kopenhagen zu ihren Eltern begeben. 7
Politische Wochen-Ueberficht.
DaS Ereigniß der Woche war die Enthüllung des HerrmanndenkmalS aus dem Teutoburger Walde, der unser Kaiser und Kronprinz unter zahlreicher Betheiligung von Nah und fern beiwohnten. Die in Bonn unter dem Vor-
Ztvei Familie«.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
»Herr Leonhard abgereist?" sagte die Gattin ungläubig, «nicht möglich! Er wäre richtig nach Petersburg fort, so ohne Abschied? Nein, das kann ich mir nicht von ihm denken. Er war immer so treuherzig und anhänglich, nannte mich Mamachen und sah so ehrlich dabei aus. Ich kann's kaum glauben!" Sie sah ihren Mann fragend dabei an, der mit solcher Gewalt nickte, daß seine ganze Maschine fast aus dem Gleichgewicht kam. — „Ja, ja, hab ich nicht Recht?" sagte er triumphirend. „Wieder einmal ein Beweis von der Schlechtigkeit der Menschheit! Oh, verlaß dich nur auf irgend Jemand! Man erlebt alles unter dieser Sonne! Aber gewiß ist eS, daß er fort ist. Eben hab ich es von der Wirthin erfahren, der er brieflich das Quartier gekündigt hat. Mag sich die Sache wohl erst in Rußland haben ansehen wollen und bleibt nun dort. Grüßen läßt er, das ist die ganze Geschichte. Lenchen wird flch auch schön wundern; aber seit der Höpfner so schlecht ist, wundert mich nichts mehr."
Die gute Frau stand noch immer ganz erstaunt, mit gefalteten Händen und wie mit aus den Wolken gefallener Miene da. Sie nahm zuletzt das Mitgebrachte aus Christels Händen, welche mit geducktem Kopf, niedergeschlagenen Augen und ganz blutroth im Gesichte, wie eine kleine Sünderin auSsah. „Geh nur, Kind!" sagte sic mitleidig, „nimm dein Buttcrbrod und kehr dich nicht allzuviel an Meinen Mann. Du weißt ja, er meinte nicht so böse und Poltert nur ein bischen und davon fällt niemand der Kopf ab. — Also Herr Leonhard ist richtig nach Petersburg ।
fyin!" — Sie ging nachdenklich in die Stube zurück. Ihr armes, theures Kind! — Sie wußte feit kurzem, daß dies Ereigniß ein schmerzlicher Schlag für daffelbe sein würde und ihr mütterliches Herz bangte um den Kummer der , Tochter.
„Vielleicht", sagte sie nach einer langen Pause, die sic auf ihrem Stuhl am Fenster sitzend, in stillen Gedanken mit über ihrem Nähzeug verschränkten Händen zugebracht hatte, indem sie mit einem Seufzer ausblickte, „vielleicht ist es so am Besten, wie es gekommen ist. Aber unrecht von dem Menschen ist eS doch. Ich habe immer so große Stücke auf ihn gehalten; er schien so brav, so herzlich. Und der Ferdinand, der früher wie ein Sohn zu mir war, jP auch" — ihre Stimme verlor sich in ein Murmeln; !‘e wiegte das Haupt und sah recht ernsthaft aus, während ihr Mann im Kämmerchen nebenan unter seinen Kanarien vögeln wirthschaftete und dabei auf die ganze Menschheit raisonnirte und schalt.
An schönen Herbsttagen, wenn die Sonne noch helläugig und liebend herunterschaut, Bäume und Fluren prangen im lebendigen Grün und der Sommer noch freundlich zu zögern scheint mit seinem Abschied — dann gedenken wir nur flüchtig der kurzen dunklen Tage, die herankommen des trübe herzuschleichenden Nebels, der langen traurigen Zeit des Winters. Er scheint uns noch so fern zu liegen; genießend und sorglos halten wir fest an der süßen Täuschung, die des Sommers Bilder noch um uns spielen läßt. — Aber der Sturmwind kommt einmal Über Nacht. Er krümmt mit erstarrendem Hauche das salb gewordene * 1 * * * * * 8aub zusammen; das locker gewordene Kleid des Baumes < muß abgelegt werden; eS gleitet nieder zu dem braun an- , gelaufenen Grafe, mit den glitzernden, bereiften Spitzen. 1
’ FL“a‘e,rt 8tämIJ* unb unhold in Lüften und auf Erden, heult wie eim Dämon um den Schornstein des SS iufe8
: und geißelt mit kästen Regentropfen das Gesicht des L dererS. All die freundliche Schönheit, die lockend aus Flur und Garten hervorblickte mit taufend und tausend SS™'« herzgewinnenden Augen, hat nur von Regen “u ^ f e, von Frost entfärbte, vom Sturm zerschlagene. Mißgestaltete Spuren hinterlaffen und seufzend sagen^wir ein Lebewohl dem Sommer.
fa w“r ein anfröstelnder, nebliger Novemberabend, als sich die Thur eines ziemlich großen Hauses öffnete,
i e^en Schaufenster hell auf die Straße schienen, mit dem
lockenden Flitter von Band und Blumen und allerlei
weiblichem Putz dahinter, um einige junge Mädchen auf
die Straße zu entlaffen, welche plaudernd und kichernd noch kurze Zeit sich in einer Gruppe zusammenhielten und diese endlich auflöscnd, nach verschiedenen Richtungen aus einander gingen. Zwei davon verfolgten ihren Weg iu- sawmcn; sie zogen die wärmende Umhüllung fester um sich und setzten im Gehen ein angefangenes Gespräch fort.
„Nein, Therese," sagte die eine eifrig iu der Freundin neben ihr, „mit solch einer eingebildeten Person kann ich durchaus kein Mitleid fühlen! Es geschieht ihr schon
<inmflI gedehrnüthigtwird' dlnn X ÄeiT baß sie nicht eitel wäre. Sie
laßt es sich nur nicht so merken, wie manche Andere, die offenherziger ist und sich nicht so verstellen mag. Ich finde sie gar nicht hübsch, ach nein, durchaus nicht! Ein sehr, gewöhnliches Gesicht! Aber die Herren sind ja so entzückt von ihr. — „Ach", meinte die Andere, „die begreifen und haben einen seltsamen Geschmack mitunter. - Aber sie kommt ja nirgend«
Es ist vor einiger Zeit behauptet worden, daß Deutschland die spanische Regierung veranlaßt habe, von Frank- rnch zu verlangen, daß dieses den Durchzug eines spani- schen Truppencorps durch französisches Gebiet nach Sen
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cötn rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Tagesbericht.
Aus Schleswig schreibt man uns: Nach vielen Käm- Pfen wird nun endlich in den nächsten Tagen der Grundstein zu dem neuen Regierungsgebäude gelegt. Die- ses Ereigniß ist nicht ohne politische Bedeutung. Bisher hatte d,e Provinzialregierung in den obersten Stockwerken des Hauses Gottorps über der Husarenkaserne eine höchst U"wurd,ge Lage, und eS ist begreiflich, daß dieses Domieil sowohl von Setten der Regierung als der Bevölkerung der Provinz als ein interimistisches angesehen wurde" Sowohl Altona als Kiel trachteten danach Sitz de^ Regierung zu werden, und boten alles auf, um zu ihrem Z'el zu gelangen; aber die Erfüllung dieser lediglich lo- kalen Wunsche würde alö ein Rückzug au« Schleswig, ja al« die Vorbereitung zur Ausführung des art 5 an- gefeljen worden fein. Indem nun endlich die Frage über den Sitz der Regierung zu Gunsten Schleswigs entschieden "ä<^en Tagen der Grundstein des Ober« präsidial- unb Regierungsgebäudes gelegt werden soll, so sieht man allgemein in der Provinz darin die Bestätigung v-« Srli, baVlCr^5nen bie Hoffnung auf Auslieferung beä nördlichen Schleswig aufgeben müssen, da doch unmöglich der Sitz der Regierung an die Grenze des Landes geleg werden zwurde; es ist eine besonders großartige Feierlichkeit für die Grundsteinlegung ins Auge gefaßt' auch hatte der Minister be6 3nner2, Graf EnlLur feine Anwesenheit bei betfelben verheißen, indessen hören büß 'r verhindcrt ift, zu dem Feste einzutreffen ; eS diesallgemem bedauert, »eil grade die Anwesenheit des Ministers die beste Antwort auf die in letzter Zeit mieber so heftig auftretenben Prätentionen bet Dänen sein würbe. Uebrigens wirb baS Ereigniß in Kopenhagen auch ohnebicS zum Nachdenken anregen, unb bie übertriebenen Hoffnungen etwas abkühlen.
hAS ^i- im Reichskanzleramte beabsichtigte Enquete über das Patentwesen, wird vielleicht erst nach der Reichstags- session, keinenfallS aber vor dem Monat November be« gonnen werhen können. Nach welchem Sinne hin bie Entscheidung ausfallen wirb, ist burchauS nicht voraus- Äe*Vi? *m Bundesraih ziemlich zahlreiche Stimmen für bte Aufhebung der Patente sind.
., D-n großen schlesischen Manövern wird selbstverständ. ich der brtttische Militär-Bevollmächtigte am hiesigen Hofe • beiwohnen; eS »st dies der General Beanchamp Walker, außerdem aber sind zwei englische Generale, zwei Obersten ind ein Kapitän von England aus dazu commanbirt; bet n ®eronlfott resibirenbe, im westlichen Theile Eng- andS befehligende General Smith ist einer dieser beiden Generale.
Anzeigen nimmt entgegen: die Echeditton d. -vlatteS, sowie bie Annoncen-Bureaur von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M -Jäger'schc Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidenbank, A. Stete» * meyer in Berlin; Carl Schüß- ler m Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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