Mr. 194t.
Marburg, Freitag, 20. August 1875.
X. Mw.
Anzeigen nimmt entgegen: die G)Pcdition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M.BextlN, Sei»« ug, Cöln k ; Rudolf Moffe m Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Q9brrl)ffl"ifd)r Jritung.
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Tagesbericht
Für die Eröffnung der verschiedenen Pro^inziallandtage sind folgende Daten in Aussicht genommen/ „Rheinprovinz der 29. August; Hannover der 12. September; Posen, Schleswig-Holstein und Westfalen, sowie die Kommu- nal-Landtage von Kassel und Wiesbaden 3. Oktober.
Die „Nordd. Allg. Ztg." enthält aus Varzin folgende Danksagung des Fürsten Bismarck: Ich sage allen Denen, die mir bei Gelegenheit der Einweihung des Hermanns Denkmals ihre freundlichen Grüße haben-zugehen lassen, meinen herzlichsten Dank und habe sehr bedauert, dem Feste nicht selbst beiwohnen zu können.
Sr. Majestät Panzerfregatte „Deutschland" ist behufs der Uebersührung am 17. d. von Greenhithe nach Wilhelmshaven in See gegangen.
ES ist bekannt, daß die Krupp'sche Fabrik eine Riesenkanone zur Ausstellung nach Philadelphia sendet, die in Hamburg eingeschifft werden sollte. Nun findet es sich aber, daß kem einziger der Hamburger Krahne stark genug ist, da keiner über 80,000 Pfund heben kann, während dir Kanone allein 110,000 Pfund, die Laffette 80,000 Pfund und die Kurbel 50,000 Pf. wiegt; dies coloffale Zerstörungsinstrument wird nun in Bremerhaven verladen werden.
Die deutsche Presse hat über die Wallfahrt nach Lourdes fast einstimmig die Verurtheilung ausgesprochen, welche diese unpaffende Demonstration deutscher Katholiken verdient. Die in Scene-Setzer dieses Unternehmens, welche dem katholischen hohen Adel Deutschlands angehören, schienen bis jetzt aber gegen diese Manifestirung der öffentlichen Meinung wenig empfindlich zu sein. Nun aber spricht sich selbst der „Moniteur" das offizielle französische Organ in folgender Weise darüber auS: „Die Berliner und Kölner Blätter haben uns unlängst mitgetheilt, daß Graf Stolberg an der Spitze von etwa tausend deutschen Katholiken aus der Rheinprovinz eine Pilgerfahrt nach der Grotte unserer Frau von Lourdes projeklirte, wo ein in Aachen gesticktes Banner niedcrgelcgt werden sollte. Anscheinend beabsichtigt die preußische Regierung diese Manifestation zu untersagen, wenigstens hat die Regierung in Oppeln (Schlesien) eine ähnliche Pilgerfahrt, die nach Oesterreich gehen sollte, verboten. Dies Verbot dürfte wahrscheinlich als Präzedenzfall für Untersagung der Wall fahrt nach Lourdes benutzt werden, und wir gestehen un» umwunden, daß die Franzosen nicht wünschen, ihr Gebiet zum Schauplatz religiöser Zwistigkeiten ihrer Nachbarn gemacht zu sehen.
Die Tragi-Comödie in Spanien dauert fort; alphonsi- stischer Seite theilen die von dort kommenden Nachrichten in pompöser Form Erfolge „wie" das demontiren von ein paar feindlichen Kanonen, mit und kündigen dann wie ge wöhnlich bald zu nehmende außerordentliche Maßregeln,
und die größten unfehlbaren Siege und Triumphe an, während Don Carlos Navarra und die baskischen Provinzen bereisen will, um den auch dort sinkenden Muth womöglich wieder zu beleben. Es sieht fast auS, als wünsche man von beiden Seiten nicht eine allzu schnelle Beendigung deö Bürgerkrieges, da Subsidien, Contribu- tionen und Plündern den Betreffenden wohl die einzigen Existenzmittel sein mögen.
Wir haben vor Kurzem die Proclamation näher beleuchtet, welche der König von Dänemark an seine Armee erlaffen; in der „Schlesw. - Holst. Landesztg." findet sich gegenwärtig folgender Protest gegen dieselbe: „Ein srei- müthiges Wort an den König von Dänemark. Königliche Majestät! In einer Proclamation an die dänische Armee vom 25. Juni d. I. sagen Ew. Majestät: Auf der Ebene von Idstedt zwang an der Spitze seiner tapferen Land- soldalen der General Krogh das Heer der Aufrührer zum Weichen. Ew. Majestät haben durch Gebrauch des Wortes ^Aufrührer" sämmtlichen Combattanten der vormaligen Schleswig-Holsteinischen Armee, dem Schleswig-Holsteinischen, sowie dem ganzen deutschen Volke den Handschuh vor die Füße geworfen. Jeder von diesen ist berechtigt, seine dadurch angegriffene Ehre zu restituiren und Protest gegen das Wort zu erheben. Alle Mitglieder der Schleswig- Holsteinischen Armee erklären feierlich: Die SchleSwig- Holsteinifche Armee von 1848/1850 waren keine Aufrührer, sondern eine rechtmäßige ehrenhafte Armee, welche mit Fug und Recht gegen ungerechte Fremdenherrschaft ihre Waffen führte und von allen deutschen Fürsten anerkannt war. Die übrigens durchaus achtungs- und ehrenwerthe dänische Armee hat die Schlacht bei Idstedt nicht gewonnen, sondern nur die Kopflosigkeit und Unfähigkeit des dieffeitigen Führers die bereits gewonnene Schlacht verlieren lassen. Ew. Majestät wiffen, daß am 25. Juni 1850 Vormittags die dänische Bagage schon im vollen Rückzüge durch Flensburg begriffen war."
Man schreibt aus Konstantinopel: „MedjiS Pascha, der mit wichtigen Missionen in Frankreich und England betraut war, hat den Oberbefehl über die Truppen in der Herzegowina (man gibt deren Anzahl auf 20,000 an) er halten. Beides, der Wechsel deS Obercommandanten und die Entfaltung so bedeutender Streitkräfte, beweist nur, daß der Aufstand sehr ernst ist und daß die Türken bis jetzt nichts dagegen ausgerichtet haben; die Sache wird jetzt um so bedenklicher, als auch die Empörung sich nach Bosnien auszudehnen beginnt. Was nun zu neuen Verwickelungen der ganzen Angelegenheit führen und auS der. selben das größte aller Hebel, einen ReligionSkrieg, machen könnte, ist, daß die Slaven mahomedanischer Religion für ihre Glaubensgenoffen, die Türken, Partei nehmen und zu den Waffen greifen; sie verfügen übrigens, als meist zu den wohlhabendsten Klaffen gehörend, über bedeutendere
Zwei Familie«.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
Das junge Mädchen hatte einen bei ihr bestellten Blumenkranz versprochen, zum Sonntag abzuliefern. So nahm sie den kleinen Carton und schickte sich zum Aus gehen an. Naldern sie die Mutter geküßt und ihr einen freundlichen Gruß für den Vater aufgetragen halte, ging sie mit raschen Tritten über den Flur, die Treppe hinunter. ES war im ersten Stock alles still und leer; sie schritt langsamer vorwärts, das blühende Gesichtchen halb einem Stübchen zugewendet, von wo so hä'-fig die melodischen Klänge einer Geige zu ihr hinaufgedrungen waren. Noch am gestrigen Abend, als sie schon zum Schlafengehen sich zurückgezogen, waren die süßen Töne, wie eine fromme, innige Bitte, ein rühriger Nachtgesaug, zu ihr emporgeschwebt, hatten zu ihrer Seele geflüstert mit holder, traulicher Stimme, viel Schönes und Liebliches, was kein Mund so hätte sagen und nennen können. Wie schirmende lächelnde Engel hatten sie sich um ihr Lager gestellt und Gebilde glückstrahlender, goldiger Träume hermfgezaubert, bis sie selber nach und nach im Dunkel der nächtlichen Stunde sich aufzulösen schienen. — Aber jetzt war es still da drinnen. Sie blieb einige Augenblicke stehen, scheu wie ein jungeSZReh, lauschend mit angehaltenem Äthern, ihren schlanken Körper auf den Fußspitzen emporhebend. — Nein, es war doch nicht ganz still in dem Zimmer, wohin ihr furchtsamer Blick sich richtete, nur daß nicht gespielt wurde, sondern eine Thätigkeit ganz verschiedener Art sich entfaltete. Sie hörte Leopold mit raschen Schritten da drinnen gehen, e< wurde Geräth hin und her gerückt, Stühle geschoben. Jetzt kamen die Schritte der Thüre näher; verwirrt und
flüchtig eilte die leichte Gestalt Magdalenens die Treppe hinunter.
Es kam Niemand heraus. Sie trat auf die Gaffe und nickte lächelnd nach dem Fenster des obersten Stockes hinauf, wo sie die Mutter stehen wußte, welche dem geliebten Kinde so gern in der Befriedigung zärtlicher Eitel- keit nachblickte. Das Mädchen, in ihrem hellfarbenen, einfach geschmackvollen Kleide, das der schön gewachsenen Figur so gut stand, mit dem Sommermäntelchen und dem kleinen, blumengeschmückten Strohhute auf dem reichen, braunen Haarschmuck, welcher anmuthig ihr freundliches Gesicht mit den rosigen Wangen und strahlenden Augen einrahmte, war auch in der Thal eine liebliche Erscheinung, auf der mancher Schritt mit Vergnügen und Wohlgefallen haftete, wie sie leicht und mit natürlichem Anstande dahinschritt.
Eine Stunde später unb wir begegnen dem hübschen Kinde auf der entlegenen Straße, welche zur Wohnung des alten Musikus führt; denn Magdalene hatte sich vorgenommen, einen Besuch dort zu machen. Das Haus war bald erreicht; sie ging über den Flur nach dem Hofe und klopfte mit zierlichem Finger an die Thür der Höpfner'schen Stube. — Weiß Gott, eS war nicht wie sonst, wo bei ihrem Eintreten alles sie mit dem lebhaften Ungestüm der Freude bewillkommte! Frau Biese trat ihr zwar mit gewohnter Herzlichkeit entgegen, aber mit einem etwas »erlegenen und verstörten Gesicht, und der Alte, roth und aufgeregt aussehend, erhob sich nach einigen undeutlich ge murmelten Worten von seinem Sitz, nahm Hut und Stock und verließ das Zimmer.
Nachdem ihr die älteste Freundin geschäftig Hut und Mäntelchen abgenommen und sie zu dem Sitz am Fenster, hinter Rosenstock unb Geranium geleitet hatte, blickte die
Geldmittel. Wie aber kann, darf und wird sich Oesterreich- Ungarn bei einer solchen Eventualität verhalten? Eine „Pacificirung" österreichischer SeitS scheint dann nur gegen einen bedeutenden Preis gewährt werden zu können. Daß die österreichische Regierung wenigstens im Falle derartiger Eventualitäten bereit sein will, geht schon auS dem Umstande hervor, daß es in diesem Augenblick in der Nähe des Theaters jener Vorgänge mehr Truppen unter den Waffen hat, als die doch birect in der Frage beteiligte Türkei. Und dann, wie lange können Serbien und Montenegro neutral bleiben ? Die Forderungen, die die Fürsten dieser Länder für ihre Neutralität an die Pforte gerichtet, sind kaum annehmbar für diese; und bann träumen diese Völker schon lange von einem Königreiche „Großserbien" ober „Sübslavien", für besten Thron ihnen ber energische Fürst Nikita von Montenegro sehr geeignet scheint.
Deutsches Reich.
*• Berlin, 18. August. Die Anstrengungen, welche Se. Majestät burch bie Feier im Teutoburger Walbe zu erbulben gehabt, find ohne jeben störenben Einfluß auf das Wohlbefinden deS Monarchen geblieben. Dem Verfertiger des HerrmannSdenkmalS ist eine Pension von 12,000 Mark jährlich und feiner event. Wittwe 6000 M. verliehen worden. — Alle Nachrichten aus der Türkei stimmen darin überein, daß es sich bei dem Aufstande in ber Herzegowina nicht so sehr darum handeln wird, durch mili« täusche.Maßregeln für den Augenblick die Unruhen zu unterdrücken, als vielmehr darum, die Quellen, welche zu diesen Wirren Veranlastung gegeben, zu stopfen. Es ist die Frage, ob man in Konstantinopel in der Sage sein wird diesen Uebelftänben Abhilfe gewähren zu können. Es unterliegt keinem Zweifel, daß bie nordischen Kaiserreiche über ihr Verhalten bet Türkei gegenüber vollstänbig einig sind und nur nach einem bestimmten Plane handeln werden. — Die Berichte, welche amtlich aus den Provinzen an das Ministerium einlaufen, lasten erkennen, daß zwar ein normaler Zustand in Bezug auf Industrie und Handel nicht herrscht, baß aber aflmälig auch hierin geordnete Ver- hältniste eintreten. Namentlich ist die Bergwerksindustrie stark im Aufblühen. Von einer Brodlosigkeit in arbeitet* helfen ist nirgends etwas zu spüren. — DaS landwirlh. schaftliche Deteinswesen nimmt von Jahr zu Jahr an Ausdehnung zu und fördert bie landwirthschaftlichen In- tereffen nach jeder Seite in der erfreulichsten Weise. Nach der neuesten amtlichen Zusammenstellung hat Preußen 1049 landwirthschaftliche Vereine und 340 landwirthschast- liche Casinos. Von ersteren sind 33 Cenltalveteine; von 340 landwirthschaftlichen CasinoS, die nicht den Charakter von Vereinen, fondetn von Zusammenkünften besitzen, zählt Schleswig-Holstein 1 Centtalvercin, 44 Zweigvereine unb 16 nicht centralifirte Vereine. — Das Dementi des Angekommene etwas vmvunbert um sich. — Sie begegnete dem bleichen, ttauetvollen Gesicht Alexanders, der sich bei ihrem Eintritt erhoben hatte unb jetzt wiebet still an seiner Beschäftigung beS Notenschreibens fottfahren wollte. Ein solcher AuSbtuck von Kummet unb tiefer Niedergeschlagenheit lag auf den Zügen des armen Knaben, baß sie 'hn fteunblich unb mitleidig fragte, was ihm fehle, ob er krank fei ? „Ich kann feit heule Morgen nicht aus dem Jungen klug werden," sagte seine Mutter, sich vertraulich zu ihr beugend. „Es muß ihm irgend etwas passirt sein. Aber er will nichts eingestehen, obgleich er so jämmerlich dremschaut unb ihm bie Thränen ganz lose sitzen. Hat kaum heut Mittag das Esten angerührt und nachher fetzte et sich in bett Winkel unb hatte bie Augen naß — Freilich," setzte die gute Frau hinzu, „ist auch feit heute Morgen etwas recht HnangeitehmeS votgefallen unb mir selber ist ganz traurig zu Sinne." — Sie fuhr liebkosend und mit einem bekümmerten Seufzer über die Stirn und das Haar ihres Kindes, dem sie die Unbill, welche die Natur ihm zugefügt, durch mütterliche Zärtlichkeit so gern vergüten wollte. „Sprich Alex, mein armer, lieber Junge «as fehlt dir? Sage es deiner Mutter und Lenchen bie ja immer so gut gegen bich ist."
Der Knabe warb roth bis an die Schläfen hinan. Er kämpfte erst eine Weile mit sich und begann bann mit lejfer stockender Stimme zu erzählen von dem wundervollen Lpiel das er heut Moraen belauscht hatte, wie das so herrlich, ach, so unausspreAich schön gewesen, wie eS ihm ttef in die Seele gedrungen sei, und wie er seine eigene ©etge gar nicht wieder anrühren möge. „Nun hab' ich erst recht eingesehen", schloß er muthlos unb dem Weinen na&e, „rote schlecht und erbärmlich ich spiele. Es ist auS damit, rein auS; ich thue es nicht wieder l"