Marburg, Dienstag, 17. August 1875.
x IahWug.
selbe hinaus werden in diesen Tagen Deputirte nach jener WaldeShöhe hinwandern, wo der Cheruskerfürst Herrmann dem Eroberungsgelüst der Römer ein Ziel setzte und dadurch daS deutsche Volk vor dem Untergange rettete und zu gleicher Zeit den ersten Grundstein zu seinem nationalen Dasein legte. Achtzehn hundert Jahre mußten vorübergehen, bevor daS deutsche Volk diese Ehrenschuld gegen seinen ersten Retter und Befreier einlöste; und die Geschichte deS Denkmals selbst ist nicht ohne Bedeutung.
Der Gedanke zu demselben wurde rege zur Zeit der Befreiungskriege, als das Bewußtsein der deutschen Nationalität wieder Wurzel gefaßt hatte, aber es gingen viele Jahre darüber hin, ehe eS zur vollständigen Ausführung kam. Auf eine Zeit der Erhebung folgte eine lange Zeit der Entmuthigung, und das Werk gedieh nur langsam, die Gaben flössen spärlich und daS Interesse an dem großen Nationalwerk schien zu lahmen; endlich sollte der Tag der Vollendung kommen. Die großen Thaten der Gegenwart, die unvergleichlichen Siege unserer Heere, die Gründung deS deutschen Kaiserreichs, warm die Ursache für die Vollendung deS großen Nationaldenkmals. Kaiser Wilhelm bewilligte die noch fehlende Summe für das Werk und be- giebt stch nun hin, um dem Denkmal des ersten deutschen Helden die Weihe zu geben. Ein günstigerer Zeitpunkt konnte nicht gewählt werden; die Gegenwart lehrt, daß daS dmtsche Volk seiner Ahnen würdig ist, daß eS durch Hingabe a»S Vaterland noch immer dasselbe zu retten wußte. Eine wunderbare und große Geschichte entrollt sich vor unseren Blicken, wo Herrmann der Cheruskerfürst im Jahre 9 nach Christi Geburt die Römer aufs Haupt schlug, bis zu« Jahre 1870, wo Kaiser Wilhelm den französischen Uebermuth brach. Mit gleicher Jugmdfrische und That- kraft, wie es vor nahezu 19 Jahrhunderten in die Weltgeschichte eintrat, steht eS jetzt, obschon das älteste Cultur-
von ihm. Warm und herzlich wie ehemals hat er meiner gedacht und mich zu einer Stelle vorgeschlagen die eben durch den Tod deS Künstlers, der sie bekleidete, erledigt worden ist, und die meine kühnsten Hoffnungen in Hinsicht aus äußerliche Vortheile überbietet. Schon wollte ich freudig bejahend antworten, aber da kam eS über mich wie Zweifel und Reue. Soll ich die Stelle annehmen, soll ich nach dem lieblosen Norden übersiedeln, das Band zerreißen, das mich an die Heimat, an's Vaterland knüpft? — Soll ich den alten Mann, den Bruder meines Vaters, den Schutzengel meiner hülflofen Kindheit einsam sterben laffen? — Hier am Orte, woher auch meine Familie stammt, erinnert mich Alles an ihn. Er hängt mit seltener Liebe an dieser Heimat seiner Jugend, von der er mir früher so oft erzählte, und wohin er immer noch einmal zu reisen gedachte. Noch immer lebt die Hoffnung in mir, er werde mir zuletzt verzeihen, obgleich er mir niemals ans meine Briefe voll Trauer und Zärtlichkeit geantwortet
Magdalene hatte mit tiefer Bewegung und steigendem Antheil zugehört. Die Arbeit war ihrer Hand entsunken und in ihrem feuchten Auge lag eine Welt von Gefühlen, als sie von der Wärme ihrer Empfindung hingerissen erwiderte: „Oh, reisen Sie nicht nach Rußland, reisen Sie zu Ihrem Onkel, fallen Sie ihm reuig und liebend um den HalS I Was kalte Schriftzüge nicht schaffen konnten, wird Ihre Stimme, der lang entbehrte Anblik des theuren Pflegesohns bewirken. Die Liebe Ihres Onkels kann und wird stch nicht verleugnen; er wird Ihnen verzeihen, es wird alles anders, alles wieder gut werden!" — Sie hatte mit erhobener Stimme, mit glühendem Antlitz gesprochen; ihre Augen strahlten von schönem Feuer. Leonhard sah mit staunendem Entzücken zu ihr auf; eine Plötz-
ES scheint sich immer mehr herauSzustellen, daß die !age der Türkei den Ereignissen in der Herzegowina gegenüber immer bedenklicher wird; der Geldmangel ist sehr ;roß, die bis jetzt angewendeten Truppen unzureichend in eder Beziehung, während den Insurgenten Zuzüge aller Art kommen; daS beunruhigenste für die Türkei, daß auch in anderen Theilen deS Landes, namentlich in Thessalien und Albanien Zeichen von Gährung hervortreten. Jeden- afls ist mit Sicherheit anzunehmen, daß die letzten Gefechte um Trebinje ungünstig für die Türken ausgefallen sind; das vollständige Schreiben darüber türkischer SeitS kann übrigens wohl als ein Zugeständniß angesehen werden. Der traurige Zustand des türkischen Verwaltungswesens im Allgemeinen und des Steuerwesens ins Besondere ist eine der Hauptursachcn der jetzigen mißlichen Lage der
zu beseitigen beabsichtigt. Die Agitation für ihre Beibehaltung ist aber so vielseitig und so lebhaft geworden, daß man sich einen Erfolg für ihre Bemühungen versprechen darf; zuerst hat der BundeSrath den Beschluß gefaßt, die Aufrechterhaltung der Handelsgerichte bei der Justizcom Mission zu befürworten, dann wird diese Frage bei der zweiten Lesung der Civilprozeßordnung noch einmal durch- berathen werden. Wenn nun auch, wie eS scheint, d Justizcommisston auf ihrem Beschlüsse besteht, so wird aber der Reichstag dagegen protestiren, waS jedenfalls den Handelsgerichten ihre fernere Existenz sichert.
Es ist in den Blättern viel von den Mehrforderungen die Rede gewesen, die für die Armeeverwaltung gemacht werden und von zuerst 36 Millionen zuletzt schon auf 60 Millionen Mark gesteigert waren. Aus gutunterrich- teter Quelle kann die Versicherung der Uebertreibung und Unbegründung dieser Gerüchte gegeben werden. Der KriegS- ministcr hofft sogar, ohne jede Mehrforderung auszukommen.
Die Vorarbeiten zur Einführung deS CivilehegesetzeS in den einzelnen Bundesstaaten schreiten lebhaft fort. Im Allgemeinen wird man sich wohl in den Grenzen der Ausführungsverordnung zum Gesetz über Beurkundung des Personenstandes halten, die der Bundesrath festgestellt. In Württemberg, vielleicht auch in Hessen, werden besondere Einführungsgesetze ernöthigt werden, in Bayern aber einfach die Einführung, wie sie jenes Gesetz vorschreibt, erfolgen.
Die Uebergabe der Pommerschen Centralbahn ist erfolgt und die Gläubiger werden mit Beginn des künftigen Monats von der vom Staate aus einstweilen gezahlten Million Mark in erster Rate Befriedigung erhalten. Von zwei Gründern sind nun je 50,000 Mark ebenfalls zurück bezahlt worden, wonach es sich herausstellt, daß die Gläu- biger voll ausgezahlt werden können. Die Verhandlungen mit Herrn Schuster über die Abfindungssumme find noch nicht beendet.
Volk Europa«, noch mit Jugendfrische unter den Völkern da, und kann mit Zuversicht auf die Zukunst blicken. In einer Beziehung find diese Zeiten stch ähnlich; Herrmann, der ChwuSkerfürft und Kaiser Wilhelm, beide haben den römischen Gelüsten da« „Halt" zugerufen, so daß die Gegenwart an die Vergangenheit anknüpft und sich in den beiden Ramm die nationale Bewegung deS deutschen Volkes «bspiegelt. So ist daS Dmkmal auf dem Teutberge ein Wahrzeichen für die zukünftigen Geschlechter zur Erinne rung und Erhebung großer Zeiten und großer Siege.
Zwei Familien.
Erzählung von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
Da ich erkannte, daß er diesem unbezwingbar gewor- denm Hange, welchen er zu spät auf alle Weise zu unterdrücken gesucht hatte, stets zuwider sein würde, da der Zwiespalt in mir stets heftiger und heftiger entbrannte und mich aufzureiben drohte, — da in einer Nacht entfloh ich dem Hause meines WohlthäterS; da stürzte ich mich, freudlos, verlassen wie ich war, nur auf meine Kunst bauend in den Strudel des Lebens hinein." Er schwieg bewegt, wie in schmerzlicher Rückerinnerung und fuhr dann mit gedämpfter Stimme fort:
„Ich konnte ja nicht anders, und habe ich Unrecht grthan, habe ich gefehlt gegen den theuern Pflegevater — fo habe ich auch dafür gelitten und gebüßt. Lassen Sie mich schweigen von den traurigen Kämpfen um meine Exi- stmz in der Hauptstadt, wohin ich mich wandte; von den bitteren Erfahrungen, den grausamm Enttäuschungen meiner Jugend; wie das Gespenst der Noth mich angrinste, wie mich oft die Verzweiflung zu übermannen drohte, wie der Stolz in mir kämpfte gegen die drückende Lage, die mich niederbeugte! — Ja, ich wäre erlegen, untergegangen im trostlosen Elend, hätte ich nicht damals einen Freund gefunden! Einen Freund, eine warme Künstlerseele, die sich meiner annahm, der das Wenige, waS er selber hatte, mit mir theilte, und mich förderte, wie er vermochte. Er ist vor zwei Jahren einem Rufe nach Petersburg gefolgt und lebt dort jetzt in glänzenden Verhältnissen. Lange Zeit hörte ich von ihm nur durch die Zeitungen; ich hielt mich für vergessen, denn er hatte nur einmal auf meine Briefe geantwortet. Vorgestem aber erhielt ich ein Schreiben
Tagesbericht
Die Justizcommisston des Reichstages hatte die Han- delSgerichte au« der deutschen Gerichtsverfassung gänzlich
Die Herrmann-feier.
Da« deutsche Volk rüstet sich seinem ältesten Nationalhelden rin würdiges Fest zu bereiten und zu feiern. Aus a en Theilen des deutschen Reiches und weit über das-
türkischen Regierung; man sieht wirklich nicht, auf welche Weise eS ihr gelingen wird, sich da herauszuziehen. WaS die drei Großmächte (England und Frankreich bleiben dabei natürlich außer Betracht) betrifft, so können diese stets eine faktische Neutralität bewahren; anders ists aber mit den übrigen Donaufürstenthümern, deren Bevölkerungen an einer mehr oder minder offen stch bethätigenden Sympathie für die Aufständischen nicht verhindert werden können; nur ein Zug zum Belege: in Serbien allein hat die Collecte für die Herzegowina in den ersten drei Tagen schon 15,000 Gulden zusammengebracht und Offiziere und Unter- offiziere der Miliz gehen ganz einfach über die Grenze zu den Aufständischen.
Bei Gelegenheit des jetzigen Aufstandes im Kaukasus geben die russischen Blätter eine Aufzählung der ungeheuren Militärkräfte, welche die Verwaltung dieses Landes russischer Seits erheischt. Im Kaukasus stehen nämlich an dienstbereiten und im gegebenen Moment beliebig zu concentrirenden Truppen: 23 Generäle, 1 Kosaken- hetmann, 2600 Stabs- und Oberosfiziere, 820 Kosaken- offiziere, 104,662 Soldaten, 17,871 Kosaken, 299 Militär- klassenbeamte, 19 Kosakenbeamte, außerdem 20,000 Mann lokale Truppen (Garnisonen, Wachtposten), einige tausend Milizen, umfaffenbe militärabmimstrative Verwaltung^- körper, in denen u. A. 75 Generale, 600 Stabs- und Oberoffiziere und 650 Beamte fungiren. Das gfoih Verwaltungspersonal ist natürlich nicht mit einbegriffen.
De«tscheS »eich.
. ** ^erlitt, 14. August. Der fast einzige Gegenstand der diplomatischen Besprechungen sind die Wirren in der Herzegowina. Allem Anschein nach sind auch die leitendm politischen Kreise über den Stand der Dinge nicht ganz genau informirt. Die Berichte, welche vom Schauplatz elbst eingchen, ähneln den Bulletins vom Kriegsschauplatz n Spanien auf ein Haar. Sie lassen nämlich jede Dcu- tung zu. Nur so viel scheint sich aus dem Wust der Nachrichten constatiren zu lassen, daß der Aufstand einen ernsten Charakter hat und daß die Maßnahmen der türkt- chen Regierung sich unwirksam erwiesen haben. Oester- reichische Blätter lassen erkennen, daß die Regierung in Wien diesen Wirren lebhafte Aufmerksamkeit schenkt und baj3 sie mit den befreundeten Nachbarreichen sich über diesen Gegenstand benommen hat. Dieser Umstand läßt die Zu- verficht aussprechen, daß die Unruhen in der Herzegowina wer befriedigenden Lösung zugeführt werde und die Ruhe Europa S nicht stören werden. Die Solidarität der Politik der drei großen Kaiserreiche ist eine Bürgschaft auch dafür daß man nicht aus kleinlichen Rücksichten den Frieden ören wird. — Die große Eontroverse in der inneren Poliltk dreht stch um die Lauenburger Wahl. Es scheint nun, daß auch diese Sache zu den Acten wird
liche Freudigkeit zuckte durch sein Herz und machte es jauchzen tn ahnender Glückseligkeit durch Frau Weinlich d,e, von den Beiden unbemerkt, stch wieder zu ihnen ae-' setzt hatte, ihm einen Teller mit Obst anbot, welche« der junge Mann sonst eben nicht zu verschmähen pflegte, und steckte ^er 9°ni verwundert seinen Kopf zwischen sie m Goldkind!* sagte er, „du ertheilst hier
Rath < Und der junge Herr hat einen Onkel und will nach Petersburg reisen? — Nun, das ist schön, wenn es nur nicht zu eilig, nicht heute oder morgen geschieht, denn
alle haltm sehr viel von Ihnen — auch mein Lenchen hier! fugte er ganz arglos hinzu. — „Um Gotteswillen, Dateri" stammelte diese verlegen und fast mitThränen im Gesicht; aber der Alte hatte jetzt die Zeitung wieder er- griffen und fing von neuem an über die politischen Wirren zu sprechen, wobei er fich selber fragte und Antwort gab Magdalene saß mit niedergeschlagenen Augen da, eifriger arbeitend als je, innerlich fast vergehend über das zu offene Kundgeben ihrer Empfindung, während Leonhard schweigend verharrte und die freundlichen Ermahnungen der Frau Weinlich: „doch zuzulanden!" gänzlich überhörte. Endlich stand er auf und nahm nach kurzem Gruße Abschied von der Familie, welche bald darauf auch aufbrach, um zur Ruhe zu gehen.
Träumend und sinnend stand das Mädchen noch lange nachher, als sie schon den Eltern gute Nacht gewünscht hatte, am Fenster deS kleinen Gemaches hinausschauend in di-stille, milde Nacht, in die friedlichen Räume deS kleinen Pastorgartens, der stch an die hohen Mauern der feierlich ragenden Kirche zu lehnen schien. Sie seufzte; unnennbare, bange und freudige Empfindungen zogen leise durch ihre junge Brust. Sie wiederholte sich jedes bedeutsame
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