Nr. 186
Jltaröurg, Mittwoch, 11. August 1875.
x Mrgang
(Öbrrl)ffliti)f Jrilung
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von 'S. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidcndank, A- Stete- ▲ meyer in Berlin; Carl Schüß-
v ler in Hannover; C. Schlotte
in Bremen.
Anzeigen nimmt entgegen: bie Grpeditton d. »lattrs, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Diettich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfutt a. M. rc.
Erscheint^äglich außer dennacfi nfr1* J3”*,6 fftr baä Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonutagsblirtt" durch die Expedition (Koch'sche
Buchdrucker-,) bezogen 2, Mark, durch d - Pofta.nter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. <cxl. Bestellgebühr). - hnsettionsgebühr für die gespaltene Zele 10 «fß aut 111 d-r Expedition zu ertherlende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Hfg. berechnet.
Tagesbericht
ES haben vor Kurzem in dem Ausschüsse deS BundeS- ratheS für Zoll- und Steucrwesen Verhandlungen stattgefunden, unter denen die hervorragendste die über den Zollanschluß Bremischer Gebietstheile ist. Es handelte sich bei diesen Verhandlungen auch um die Ortschaft Vegesack und die vom Zollgebiete ausgeschlossenen Theile der Ortschaften Anauer und Grohn. Zwischen der preußischen Regierung und dem Bremer Senate hatten bereits sehr umfassende Verhandlungen über die Modalitäten dieses Anschlusses stattgcfunden, deren Resultate dem Bundesrach in seinem Ausschüsse zur Berathung vorgelegt worden sind, die im Ganzem dem Uebercinkommen zwischen Preußen und Bremen zustimmten; nach ihrer Genehmigung durch den Bundeörath vielleicht selbst noch vorher, gemäß dem in seiner letzten Sitzung gefaßten Beschlüsse, wird das Reichskanzleramt verfügen, zu welcher Zeit der Anschluß erfolgen soll.
Zur weiteren Erleichterung der Einziehung von Geldern mittelst Postauftrags, werden die im §. 34 der Postordnung vom 15. December 1874 unter II enthalten Bestimmungen über die Bestellung gewöhnlicher Briefe rc. rc. an dritte Personen durch eine Bekanntmachung des Reichskanzlers vom 7. d. M. in solchen Fällen, wo der Adressat oder dessen legitimirter Bevollniächtigter von den bestellen dm Boten nicht angetroffen wird, in der Weise auf Papiere, welche den Postanstaltcn zugehen (d. h. im Postaus tragsverkehr) ausgedehnt, daß diese Papiere gegen Zahlung deS dafür einzuziehenden Betrages auch an die in den obigen Bestimmungen bezeichneten Personen ausgehändigt werden dürfen. Als Zahlungsverweigerung im Sinne des § 20 der Postordnung unter X gilt jedoch nur eine des fallstge Erklärung de« Adressaten selbst, oder d.ssen legi timirtm Bevollmächtigten. — ES ist leicht einzusehen, welche Erleichterung diese Bestimmung in den Privataetd- Berkehr bringt,
AuS Rom schreibt man, im Kriegsministerium verlaute, daß das HauS Krupp die dem italienischen Heere bestimmten Stahlgeschütze noch im Laufe dieses Jahres ein- liefern werde.
Der Pariser „Monteur universel" bringt eine Art von Alarmnachricht, dir so selten ist, daß wir sie hier wörtlich mitrhrilen zu müssen glauben; sie lautet: „Bekanntlich hat der Erlaß vom 4. März 1875, welcher die Ausfuhr von Pferden aus dem Deutschen Reiche verbot, gleich bei seinem Erscheinen zu Beschwerden der deutschen Züchter, namentlich in preußischen Ostprovinzen Anlaß gegeben. Später,
alö der politische Horizont sich ausklärte, meldeten die Blätter, cS sei davon die Rede, den Erlaß aufzuheben, und der preußische Ackerbauminister bemühte sich, noch kürzlich bei der Reichskanzlei um die Zurücknahme einer Verfügung, welche einen bedeutenden Zweig der seiner Obhut vertrauten Jntcreffen schon so schwer geschädigt hatte. Gleichwohl besteht der Erlaß noch immer und scheint auch nicht abgeschafft werden zu sollen. Wenn also Fürst Bismarck eS darauf ankommen läßt, den preußischen Züchtern Opfer aufzuerlegen, so kann dies nicht in der Hoffnung geschehen, die Reorganisation der französischen Cavallerie zu hemmen. Vielmehr ist der einzig plausible Grund für die Ausrcchterhaltung des Verbots vom 4 März der, daß die deutsche Heeresverwaltung an die Möglichkeit einer nahen Mobilmachung zu glauben scheint und deshalb alle disponiblen Pferde im Lande behalten will, weniger für die Bedürfnisse der Mobilmachung selbst, für welche schon durch die in Oesterreich bewirkten Ankäufe zur Genüge gesorgt ist, als im Hinblick auf die Vervollständigung und Nachanschaffungen, die sich im Laufe eines FeldzugeS als nvthwendig Herausstellen könnten. Die Deutschen haben nicht vergeffen, wie schwer es ihnen wurde, im letzten Kriege, sowohl durch Requisitionen in Frankreich, als durch Herstellung von Trainkolonnen, die aus Deutschland her- bcigezogcn wurden, die 4000 oder 5000 Gespanne aufzubringen, welche für den Transport deS Schießmaterials vom Bahnhof Nauieuil sur-Marne nach dem großen Ar- tillcricpark von Villacoublay vor Paris nvthwendig waren." Sollte aber dieser Alarmnote nur ein Börscnmotiv zu Grunde liegen? denn Jedermann weiß, daß der italienischen Regierung der Pferdeankauf in Deutschland gestattet worden, daß andererseits die Franzosen in Italien dergleichen Ankäufe vornehmen, was ja vielmehr zum Mißtrauen gegen Frankreich berechtigt; doch mag eS sich überhaupt wohl nur um die alljährlich hervortretende Vervollständigung des Pferdebestandes handeln. .
In Gibraltar hat ein Zusammenstoß brittischer und panischer Truppen stattgcfunden. Die englischen Schild wachen bemerkten eine geschlossene Solenne und riesen sie an; da keine Antwort erfolgte, riefen sie die Wache heraus; die Spanier feuerten, die Schüsse wurden erwidert und von beiden Seiten gab cs Verwundungen; die Spanier entfernten sich und gaben später die Erklärung, daß man einen Jrrthum begangen und die Engländer für Schmuggler gehalten habe.
Drntschks Reich.
= Berlin, 9. August. Fürst Milan von Serbien hat einen günstigen Zeitpunkt gewählt zu seiner Reise nach Wien. Auf dem politischen Theater ist vollständige Windstille, so daß die Reise des serbischen Fürsten, die sonst ziemlich spurlos vorüber gegangen sein würde, von allen Seiten lebhaft besprochen wird. Wenn wir auch weit entfernt sind, den Vorgängen in der Herzegowina bis jetzt eine übergroße Bedeutung zu geben, weil die Entscheidung jener Fragen weder in den Händen der Türkei, noch in denen der Süzeränen Staaten liegt, so ist die Reise deö Fürsten Milan nach Wien doch immerhin ein Zeichen, daß der Einfluß Oesterreichs an der unteren Donau im Wachsen begriffen ist. Bisher waren die slavischen Stämme feindselig gegen Oesterreich, weil dieses sich im Verkennen seiner natürlichen Ausgabe zum Bundesgenossen der Türkei machte. Seitdem nun aber in Wien ein vollständiger Umschwung in der Auffassung der orientalischen Frage eingetreten ist, hat auch die feindselige Stimmung in den angrenzenden slavischen Völkerschaften sich beinahe gänzlich verloren. Die großserbische Partei, welche nicht blos die Herzegowina, sondern auch die ungarischen Districte, in welchen Serben wohnen, annectiren möchte, wird nicht wehr von Belgrad aus begünstigt, und es ist daher eine größere Berücksichtigung der Serben durch Oesterreich ermöglicht. Wenn aus guter Quelle verlautet, daß Fürst Milan für die Aufständischen in der Herzegowina ein gutes Wort in Wien eingelegt habe, so ist damit auf keinen Fall angedeutet, daß Oesterreich seine JnterventionSpolitik an der unteren Donau bewerkstelligen werde. Oesterreich wird sich in dieser Frage, wie in allen anderen, mit seinen beiden Bundesgenoffen verständigen und höchstens eine moralische Pression auf die Türkei üben, damit diese sich bemüssigt, und den Christen Concessionen macht. Gegenwärtig heißt die Parole: „Allmälige Abbröckelung" und diese wird auch wohl nicht durch die Reise des Fürsten Milan geändert werden. - Alle Fachverständigen haben seit langem ein- gejehcn, daß in allen Beziehungen und nach allen Seiten hin es von äußerstem Vorthcil wäre, die baierische Post- verwaltung in die Reichüpost zu verschmelzen. Oeconomie, Schnelligkeit und Einheit des Dienstes könnten nur daran gewinnen; die Sawe ist übrigens wichtig genug, um hoffen zu dürfen, daß sie bei der fetzt in Ausführung kommenden Vereinigung des Reichspost- und TelegraphenwcscnS zur Sprache gebracht und delückfichtigt werde. Baiern hat übrigens verstanden, daß Alles, waS dem Reiche geopfert, nur^hm selbst genützt hat, und so würde cS auch in Be-
Zwri Familien.
Erzählmig von Ernst Streben.
(Fortsetzung.)
„Vater!" fuhr Frau Biese gekränkt empor, indessen Ferdinand die Augen auf den Boden heftete und mit der leichten Gerte schnippte, welche er beim Gntieten auf den Tisch geworfen hatte. — „Ja, Vater," fuhr die gute Frau fort, fast gerührt werdend, „wenn Andere auch fremd und vornehm geworden sind, Eine weiß ich, ja, ich weiß Eine, die eS erkennt, waS Elternliebe ist und. was Vaterliebe ist; und alle meine Kinder sollen es erkennen, und der Un schuldige soll nicht mit dem Schuldigen — Hanne, so reiß den Mund doch nicht so auf, und du Marie, steh nicht so albern da! Gebt dem Onkel die Hano und schcert euch hinaus, ihr drei! Wir gehen bald und vielleicht kommt der Onkel mit und bringt den Abcnd in der Familie zu", setzte sie etwas sarkastisch hinzu.
„Wo denkst du hin, Line," sagte Ferdinand, während die drei Mädchen, alle zugleich wie aus einer Kanone ge- schoffrn, aus der Thür stürzten, und warf den Kcps zurück. „Ich finde, daß man mir kein Verbrechen daraus machen kann, wen» ich besseren Umgang suche, als den mit Vorstädtern und Gärtnern. Jeder muß am Besten wissen, waS sich für ihn paßt. Uebngens schäme ich mich der Meinigen nicht; aber meine Jntcreffen und Neigungen ohne Noth aufzuopfern, davon sehe ich den Nutzen nicht ein, durchaus nicht. Du kannst dgs freilich wieder nickt begreifen; aber Alfreds Vater ist Compagnon bei Schaffner und Söhne und durch seinen Einfluß ist mir die so gesuchte Stelle dort als erster Buchhalter so gut wie gewiß. — Mein Alter," und damit meinte er seinen Prin zipal, „wird Augen machen! Er kann sich gar nicht bc- helfen ohne mich," fügte er eitel und sich die Hände reibend hinzu. — „Und Ferdinand hat Recht," schaltete der Vater seufzend ein; „man muß sich sortzuhelsen suchen und selbst für sich sorgen; denn Reichlhümer kann ich meinen Kindern leider' nicht mitgeben I" Er berechnete nicht,
der alte Mann, wie er sein Lebentang sich adgemüht und geplagt; daß die Gelegenheit, sich Kenntnisse zum künfi eigen Fortkommen zu verfchafsin, oft mit Anstrengung und Opfern von Seilen der Eltern erkauft, daß das Beispiel rastlosen, redlichen Fleißes und ein unbescholtener Name auch Reichlhümer find, und er nicht nölhig hatte sich innerllch zu taoeln, seiner Armuth wegen.
„Apropos, Weinlich I" fuhr der junge Mann fort. „Wie ist eS denn mit der Erbschaft? Ich habe davon gehört; ist wohl nicht bedeutend?" — „Nun, so ein lausend Thalcr beinahe," meinte der Vater bedächtig. „Ein schönes Geld, wer's hätte!" — „Pah, die Lumperei! Da solltet ihr sehen, was für Summen täglich durch meine Hände gehen! Noch gestern, wie ich die Wechsel auf Flint und Degener eiiikassirte. Da brauchte das Fräulein Magdalene die Nase nicht so hoch zu tragen, als wenn es weiter kein hübsches Mädchen gebe. Sie ist nicht die Einzige, nein, wahrhaftig nid).! Es gibt noch ganz andere Mädchen, schöne Mädchen, reiche Mädchen; eS gibt welche, sag' ich, die nicht so spröde sein würden gegen einen Jugendfreund! Aber das ist mir jetzt ganz gleichgiltig, gewiß es kann mir nur gleichgiltig sejn! — Seit der infame G-iger dort verkehrt, ist alles rein auS mit unSI" Er stand auf und sah durchaus nicht gleichgiltig dabei aus, nein, ganz das Gegentheil.
Der Vater wurde aufmerksam und zog die Augenbraunen in die Höhe. „Du meinst den jungen Herrn Leonhard? Er ist ein netter Mensch und beschäftigt mich ost mit Abschreiben; aber daß er bei der Lene so gut angeschrieben stände, wie du meinst, das kann ich mir nicht denken, dazu ist das Mädchen zu gesckeidt, und er mag auch wohl nickt viel in die Milch zu brocken haben. Du hingegen, wem, du erst die Stelle hast, bist ein gemachter Mann. Und dann — ein hübscher Junge wie du! Sie wird ja nicht blind sein!" - „Ach, du kennst die Mädchen nicht! So ein Künstler, das lockt, das blenbel! Das ist so intereffant, das steht blaß und schmachtend aus, daS kann schöne Worte machen und schmeicheln! — Er wollte
Mick neulich auch herumkriegen unv kirren, aber ich habe lhn schön adgesührt!" Er lachte bitter und ging aufgeregt hin und her in der Stube. „Du, Alexander!" wandte er sich plötzlich zu dem Knaben, „es wird spät; lauf' geschwind zu Herrn Alfred Schaffner und sag' ihm — doch nein, bleib, um's Himmels willen bleib nur!" Und er murmelte halblaut zwischen den Zähnen: „Du, mit seinen ^unglückseligen Schiesbeinen taugst eben nicht zum
Der Knabe hatte sich eilfertig hinter dem Tisch hervor- gearbeitet, aber bei den letzten, ärgerlich gemurmelten Worten des Onkels blieb er wic angewurzelt auf dem Fleck stehen und eine dunkle Rölhc überzog sein vor innerer Erregung zuckendes Gesicht. Auch über die Züge der Mutter flog eS in raschem Wechsel von Entrüstung und Schmerz; sie bezwang sich jedoch, warf das fertig gewordene Kleidungsstück dem Bruder hin und stand auf, indem sie nach Hut und Dhawl griff. — Die drei helläugigen Blondköpfe stürmten wieder ganz athemloS herein und schrieen wie aus einem Munde: „Mutter, gehen wir noch nicht bald ?" Ferdinand bewerkstelligte seinen Anzug vor dem kleinen Spiegel und schickte sich, nach flüchtigem Dank gegen die Schwester, zum Gehen an, als noch in der Thüre ihm der Vater zurief: „Du kommst doch Sonntag Abend zu unö her? Weinlichs kommen auch vielleicht." — Un= möglich!" erwiderte der Sohn, einen Augenblick stutzend „reine Unmöglichkeit. Ich habe versprochen, auf dem Casino mich einzufinden. Adieu!" Und damit war er fortgeeilt.
«uch die zurückgebliebene Familie brach jetzt auf und nachdem die vor lauter Eile zappelnden Mädchen eine abermalige Revision pasflrt, setzte sich der Zug in Bewegung Alex, der hülfreiche Genius der Geschwister, mit der kleinen Euste voraus, mit dem mühsamen, schleppenden Gange der seinem Gebrechen eigen; Hanne und Marie in freudigen Sprüngen hüpfend, und Frau Biese mit dem Vater bedächtiger hinterdrein.
(Fortsetzung folgt.)