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Nr. 18«

Marburg, Sonntag, 8. August 1875.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. vlatte«, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln 2t; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. 3)1. rc.

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Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatter, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube L Co. in Frankfntt a. M.; Jäqer'schk Buchhandlung in Frankfurt a. M ; Invalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint tl i ch außer den Werktagen nach Soim- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition lKoL'sche Buchdruckere.) bezogen 2, Mark, durch die Postümter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«. <exl. Bestellgebühr). -Inserttonsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psg. IUr '» der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf,. berechnet.

Politische Wochex-Urbersicht.

ES hat sich, was von Anfang an höchst wahrscheinlich war, herauSgestellt, daß das Einlenken des Fürstbischofs von BreSlau nicht vereinzelt bleiben werde, vielmehr auf einem gemeinsam verabredeten, jedenfalls der Curie vorher unterbreiteten und von dieser gutgeheißenen Plane beruhe. Wie der Fürstbischof von Breslau haben auch der Bischof von Culm und der Großdechant der Grafschaft Glatz ihrem Oberpräsidenten die Anzeige, an dem Gesetz über die Verwaltung des kirchlichen Vermögens der katholischen Ge­meinden mitwirken zu wollen, gemacht; womit die be­treffenden Kirchenfürsten, mag man die Sache noch so wenig optimistisch ansehen, jedenfalls ihren grundsätzlichen Standpunkt verlasien und ihrer Position eine erhebliche moraliche Schwächung bereitet haben. Auch an einzelnen anderen Nachrichten fehlt es nicht, die darauf hindeuten, daß der Staat durch strenges Beharren auf seinem Rechte nur gewinnen kann. In Baden hat sich eine Anzahl jün gerer Geistlichen in einer Zuschrift an die halboffizielle Karlsruher Zeitung scharf gegen den Absolutismus der Freiburger Curie ausgesprochen, und selbst die Kreuzzeitung läßt sich aus Oesterreich schreiben, daß die dortigen Bi schöfe nach den Seitens des Clericalismus erlittenen Nieder- läge in Deutschland und Rußland sehr friedensbedürftig geworden seien.

Das Ereigniß der politischen Kreise in Oesterreich ist die Mehrforderung deS Kriegsministers, der zuerst nach 21 Millionen trachtete, sich dann aber in Folge der Gegen­erklärungen der ungarischen Minister auf ein Drittel herab­dingen ließ. Eine neue Combination, zu welcher die Delegationen jedoch kaum Amen sagen werden, soll eine gemeinsame Anleihe beider Reichshälsten in Erwägung ziehen, um mit diesem Gelbe die^vollständige Neubewaffnung der Artillerie in Angriff zu nehmen.

Am Gotthardttunnel hat ein Arbeiterkrawall in größerem Maßstabe Statt gefunden, bei dem es sogar zu einem Zusammenstoß mit dem requirirten Militär gekommen ist; jedoch ist die Ruhe bereits wieder hergestellt.

Zn I t a l i e n sind in vielen Städten die Municipal- Wahlen zu Gunsten der Clericalen ausgefallen, so in Ge­nua, Venedig, Florenz, Bologna, Neapel, Palermo und Rimini An einigen dieser Orte liegt der Grund dafür in localen Umständen. Die Nachrichten über den schlechten

Gesundheitszustand des Papstes sind nicht begründet, der Papst leidet wie immer in der heißen Zeit, an Schwindel und Ohnmächten, die aber nur vorübergehend sind; er empfängt wie sonst offieielle Besuche und Gratulanten und hat seine Lebensweise nicht geändert.

Die französische Nationalversammlung hat vor Antritt ihrer Ruhetage noch die letzte Hand an das republikanische Verfaffungswerk gelegt und am 2. August das Gesetz über die Senatswahlen mit 559 gegen 73 Stimmen angenom­men. Im Laufe der Diskussion nahm der Legitimist Franelin sich so maßlos freche Ausfälle gegen die Republik heraus, daß er zur Ordnung gerufen werden mußte. In derselben Sitzung wurde der Gesetzentwurf über den Bau des Tunnels zwischen Calais und Dover angenommen. Um die Arbeiten der Nationalversammlung zu beschleunigen, wurden für die letzten »beiden Tage zwei'Sitzungen be- schloffen. Buffet hat keine Gelegenheit versäumt, um der Nationalversammlung seine Faust fühlen zu lassen, damit die Deputirtcn im Bewußtsein ihrer Ohnmacht heimziehen und sich bescheidentlich bei ihren Wählern benehmen.

Der spanischeStaats-Anzeiger" hat wieder mehrere Siegesnachrichten zu verzeichnen gehabt. Bon Logronno aus warf der Brigadier Cordoba den Feind aus der Stadl Piana; kurz darauf, am 2. d. Mts., wurde der Angriff mit verstärkten Kräften wiederholt und hatte als Ergebniß die Vertreibung der Carlisten bis lo« Arcos. Vorher hatte der General Queseda dem baskischen CarlistencorpS eine Niederlage bei Villarreal zugefügt und diesen Ort genom­men ; doch wandte er sich seitdem nach Vitoria zurück. In Katalonien besiegte General Esteban die Carlisten unter Dorregaray und Gamundi bei Coll de Nargo. Martinez CampoS ist mit der Belagerung der Citadelle von Seo de Urgel, in welcher Lizarraga sich mit angeblich 3000 Mann cingeschloffen hat, beschäftigt.

Der leidenschaftliche Auftritt, durch welch«, die classisch« Ruhe des englischen Parlaments in so ungewohnter Weise unterbrochen worden war, hat eine fast allseitig be­friedigende Ab- und Entwickelung gefunden. Der Hebel« thäter Plimsoll nahm die in der Aufwallung seines sittli­chen Gefühls ihm entschlüpften unparlamentarischen Aus­drücke zurück und bat das Haus wegen seines Verhaltens um Entschuldigung; indeffen beharrte er bei seinen Er klärungen über die von ihm angeführten Thatsachen. Der

Premierminister erklärte hierauf, daß er von der Aufrichtig­keit der Entschuldigung Plimsolls überzeugt sei und zog den von ihm gestellten Antrag, Plimsoll durch den Sprecher einen Verweis erteilen zu lassen, zurück.

Am schwedischen Hofe ist der Fürst und die Fürstin von Waldeck - Pyrmont zum Besuche eingetroffen. Die Fürstin ist eine Schwester der Königin Sophie, beide sind Töchter des Herzogs Wilhelm von Nassau. König Oskar begibt sich Mitte dieses MonatS nach Dalekarlien und dann nach Norwegen, um den militärischen Manöver» und am 7. Sept, der Enthüllung deS Karl-Zohann-Denkmals in Christiana beizuwohnen.

Der russische Hof begibt sich, wenn die Herzogin von Edinburg (Großfürstin Maria) wieder nach England abgereist sein wird, Ende dieses Monats über Moskau nach der Krim. Vom 28. bis 31. Juli wurde von einem Ausschuß des Senats ein politischer Prozeß wegen versuchter Verbreitung kommunistischer, hochverrätherischer Schriften verhandelt.

In G-riechenland haben die Wahlen zur Deputirten- kammer stattgefunden. Gewählt wurden die derzeitigen Minister TrikupiS, Arhallji und GonnataS, aber auch ihre Concurrenten DeligeorgiS und Vulgaris.

Das Deficit des türkischen Haushalts soll durch großartige Ersparungen in den einzelnen VerwaltungS- zweigen ansgesüllt werden. Zunächst hat man damit be­gonnen, die Gehälter der hohen Staatsbeamten zu be­schneiden.

Fürst Karl von Rumänien war in Sinai, wohin er sich mit seiner Gemahlin begeben, erkrankt; indeffen ist er wieder in der Genesung. Seine Minister find auf Reisen gegangen.

Fürst Milan von Serbien, der am 28. Juli den neuen österreichisch. ungarischen General-Konsul äßrebe in Belgrad empfangen hat, ist in Wien eingetroffen, um seine von Paris herübergekommene Mutter zu begrüßen und über ein Halsübel, an dem er leidet, ärztlichen Rath ein­zuholen. Am 3. d. hat er den Kaiser und Tag« daraus dieser ihn besucht.

In Aegypten tritt vom nächsten Neujahr daS me­trische Maß-System in Kraft, einstweilen aber pur für die Verwaltungsbehörden.

Armes Weih.

Historische Novelette von Karl Wartenburg. (Schluß).

3. Im Stift zu St.-Cyr.

In den späten Nachmittagsstunden eines trüben, naß­kalten Herbsttages des Jahres 1719 rollte eine jener großen, gelben Kutschen, wie sie zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bei den Leuten von Stande gebräuchlich waren, schwerfällig auf dem Wege hin, der von Versailles nach St. Eyr führt. Vor dem Stifihans, welches zur Erziehung armer, albeliger Fräuleins unter der Regierung Ludwigs XIV. errichtet worden, hielt die Kutsche an. Ein alter, grauköpfiger Diener stieg vom Sitz, auf dem er neben dem Kutscher gesessen. Er öffnete den Wagenschlag, um einem noch viel ältern gebrechlichen Greis, besten Füße kaum noch die Last des Körpers zu tragen vermochten, an« dem Wagen steigen zu helfen. Eine große Lock-n- perücke umwallte fein welkes, von mancher Narbe durch furchte« Antlitz, und die zitternden, von großen Manchetten umschlossenen Hände vermochten kaum den goldenen Knops deS Rohrftocks zu halten, mit besten unb bcs Dieners Hülfe sich ber Greis fortbewegte Nur das bunkle Auge, welches unter beu buschigen Braunen hervorblitzte, verrieth, daß ein noch nicht ganz gebrochener Geist in dieser welken Hülle wohnte.

Zieh die Klingel, Etienne," sprach der Greis mit zitternder Stimme, als er sah, baß die Thür des Stifts nicht geöffnet wurde. Der alte Diener gehorchte und der Schall der Glocke tönte laut durch da« Gebäude. Die Pförtnerin erschien und öffnete. Als sie den Greis er blickte, zeigte sie eine Geberde freudigster Ueberraschung. Leise sprach sie zu ihm:Endlich! Sie erwartet Sie schon feit heute Morgen."

Der Greis erwiederte nichts, sondern folgte stumm, auf seinen Diener gestützt, der vorauSgehenden Pförtnerin. Diese stieg eine Treppe hinauf unb öffnete behutsam die Thür einer Zelle, in welcher der Greis ein Bett sah, zu besten beiden Seiten Kerzen brannten, unb an besten Kopf­ende ein Priester kniete und betete. ...

Der Greis trat mit trauriger Miene in diese kleine, schmucklose Zelle, wo man außerdem nur noch einen Sessel,

ein Betpult und ein Cruzifix sah, unb ließ sich bann auf den Sessel am Bette nieber, inbem er seine Hände faltete unb feine farblosen Lippen ein Gebet murmelten. Dann hob er ben Blick empor und betrachtete mit tiefem Schmerz da« Antlitz der fietbenben Greisin, bie in bem Bette lag, an besten Seite weder Kind noch Enkel stand, weder Der wandte noch Freunde, sonder» nur er und ein Priester.

Letzterer erhob sich jetzt unb zu dem Greise sich wen- benb, sprach er mit leiser Stimme:Es war der letzte Wunsch der Sterbenden, Herr von Malprö, Sie noch einmal zu sehen, unb deshalb schrieb ich Ihnen unb bat Sie, zu kommen I"

Der Greis nickte mit bem Haupte unb murmelte: Innigen Dank!"

Dann verneigte sich der Priester und ließ ben Greis mit ber Sterbenden allein.

Ein schwerer Traum ober roilbe Fieberphantafien äng­stigten bie Greisin, deren Seele bie irdische Hölle verlassen wollte.

Ihre welken, heißen Lippen murmelten Worte des Schrecken«:Fort, fort . . . laßt mich in Frieden . . . War ich Schuld daran? Ach . . . was starrst Du mich an? Nahm ich Dir Dein Kind? Du wolltest nicht zur Messe? Der Priester dort, flehst Du, wie er dem Dra- gvner befiehlt . . . Ach, und der Unbarmherzige, er reißt das Kleine Dir vom Arm und peitscht es mit dem Rie­men des Steigbügels . . . Grinzt mich nicht an mit den hohle» Äugi-n . . . War ich Schuld, daß ber König bas Edict am'hob? Warum würbet Ihr Calvinisten? O, Er­barmen, Eibarmen, warum reißt Ihr mir das Fleisch von den Gliedern ..."

Sie röchelte dumpf, ein leichter Schaum trat auf ihre Lippen Die Schalten der gemarterten, von HauS unb Hof .gejagten und gemordeten Hugenotten, denen auf ihren An ttieb, die freilich wieder ein Werkzeug ber Jesuiten waren, bie Religionsfreiheit burch König Lubwig genommen wor­ben war, umschwebten ihr Todtenbett.

MafttrS beugte sich tieferschüttert auf ba« Bett nieder und berührte mit seinen L ppm bie bleiche, abgezehrte Hand ber Sterbenden. Eine Thräne fiel aus seinen Augen, die seit einem halben Jahrhundert nicht mehr geweint. Diese warme, heiße Thtäne weckte Vie Greisin aus ihren Phan­

tasien; sie schlug ihre halbgeschloffenen Augen auf, unb al« sie ben Greis an ber Seite ihres Bettes erblickte, flog ein matter Strahl der Freude über ihre bleichen Züge.. . Es war vrübergehenb wie der Blitz am nächtlichen Ge­witterhimmel.

Doch winkte sie allmälig dem Greis, fich ihr zu nähern. Endlich flüsterte sie auch noch, zwar mit schon ersterbender Stimme:Ich tonnte nicht sterben, Fried­rich, ohne Dich noch einmal zu sehen. . . . Beten Sie

Der Greis that es. Ein tiefes Schweigen umgab Beide. Frau von Maintenon war tobt. .

Der Greis brach hülferufenb zusammen. Al« auf bie« Geräusch ber Diener unb der Priester wieder herein« traten unb sie ben allen Mann wieder aufhoben und saust hinauSsührten, murmelte er, noch einen letzten Blick auf da« Antlitz ber Tobten werfend:ArmeS Weib!"

Wenige Wochen darauf begrub man auch Herrn von Malprs, den treuen, edlen Freund.

X«tz«lk«> I. als ThntterrezeUsent.

Die Schlacht von Austerlitz war geschlagen, die siege«, trunkene pariser Bevölkerung begrüßte ben Helden derselben mit Jubel; sie bocumentiite ihren Patriotismus, ihre Be­geisterung für ben großen Mann durch mannigfaltige rasch auseinander folgende Festlichkeiten. - Die Theater, entweder von der Strömung mit fortgeriffen, oder was das Wahr­scheinlichste ist, höheren Inspirationen folgend, brachten eine Reihe von militärischen Dramen, in denen viele Kosaken niedergesäbelt, viel Pulver verschoffen unb noch mehr Pa- triotismus gepredigt wurde.

Unter diesen theatralischen Mißgeburten machte ein Drama, dasJetta, die Tochter des KosakenhelmanS" hieß das größte Ärmchen. Niemannd kannte den Bersaffer, der sich pseudonym JuleS Merlin nannte und sein Stück ano- nym der Intendanz zugeschickl Halle, ohne sich weiter um daMbe zu kümmern. Die Direction fand bie Arbeit zeit, gemäf} unb setzte sie mit dem größtmöglichsten Pompe in ®c£nr' ""en außergewöhnlichen Erfolg erwartend. Selbst­verständlich beschäftigte sich baS Publikum schon acht Tage vor der Aufführung nicht nur mit bem Stücke, sondern auch mit dem geheimnißvollen Bersaffer, der da« Interesse