Einzelbild herunterladen
 

Ar. 176.

Marburg, Freitag, 30. Juli 1875.

x Ichtgang.

Anzeigen nimmt entgegen: vir Expedition d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- M-; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a- M, Berlin, Leip­zig, Cöln ic; Rudolf Masse in Berlin, Frankfurt a. M. ic.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Taube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis ftlr das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SountagSblatt" durch die Expedition (ftoch'sche Buchdruckerei) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr). - Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf,, berechnet.

/ür die Monate A u g u st und September 5 bitten wir Bestellungen auf die Dsterhessische Zeitung und des

Mustrirten Sonntagsblattes

bei dm Postanstalten baldigst machen zu wollen.

tflgc* Im Feuilleton kommen in diesen beiden Monaten einige sehr spannende Erzählungen zum Abdruck. Auch wird ein ausführlicher Original- Bericht über die Enthüllungsfeier des Hermanns­denkmals im Teutoburger Wald mitgetheilt werden.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Tagesbericht.

Ucber die Dispositionen für die nächsten Reisen und Besuche Sr. Majestät des Kaisers bringt dieProvinzial- Correspondenz" gleichzeitig mit der Mittheilung, baß Se. Majestät die Badekur in Gastein regelmäßig und mit gün­stigem Erfolge fortsetze, folgende Angaben:Nach der voraussichtlich am 9. August stattfindenden Rückkehr von Gastein, wird seine Majestät theilweise auf Schloß Babels berg restdiren, am 15. August, wie bereits erwähnt, der Einladung zur Enthüllung des HermanndenkmalS folgen, in der zweiten Hälfte August und im September zunächst den Herbstübungen des Gardekorps bei Berlin und Pots- bam, sodann dem großen KönigSmanöver des V. und VI Armeekorps in Schlesien und vom 19. September ab den Herbstmanövers des IX. Armeekorps bei Rostock beiwohnen, sowie (am 22.) die große Revue des Panzergeschwaders auf der Rhede von Warnemünde abnehmen."

Professor von Sybel trifft, wie diePost" hört, im September in Berlin ein, um die Leitung der Geheimen Staatsarchive zu übernehmen. Die Berufung des berühm ten Historiker« soll, wie man uns mittheilt, mit den In terventlonen des Fürsten Bismarck in enger Verbindung stehen, insofern dieselben hinsichtlich der bisherigen Auf­gaben des Geheimen Staatsarchivs eine Aenderung bezwecken. Während nämlich bisher die Schätze de« Archivs Haupt sächlich für Fragen der Verwaltung benutzt wurden und den Beamten neben dieser Thäligkeit nur noch die Con- servirung der Urkunden und deren allmälige Veröffent­lichung für die Geschichte Preußens oblag, beabsichtigt der Fürst Reichskanzler, eine engere Verbindung des vorhane denen historischen Materials mit der Gegenwart, ihre po litischen und staatlichen Bewegungen eintreten zu lassen. Für eine solch' höhere Aufgabe bedurfte man nach betn |

Abgänge deö Geh. Raths Max Duncker eine namentlich auf dem Gebiete der neueren Geschichte bewährte historisch Krast, und sind die Bemühungen der Regierung, nachdem Droysen und Schaefer zur Annahme des Postens sich nicht entschließen konnten, bei Herrn v. Sybel erfolgreich ge­wesen. Professor v. Sybel wird im bevorstehenden Winter­semester noch keine Vorlesungen an der Universität halten, va für« Erste die Arbeiten in dem Staatsarchiv seine ganze Thäligkeit in Anspruch nehmen werden.

Wie die Nuss. Welt meldet, befinden sich zur Zeit in St. Petersburg mehrere französische Remonteure, die für die französische Armee Pferde einkaufen. Die Unterhand­lungen mit mehreren der russischen Pferdezüchter werden lebhaft geführt. Die von den Herren gebotenen Preise sollen überaus günstig sein.

Der Aufstand in der Herzegowina nimmt immer größere Dimensionen an. Zwischen den Aufständischen und dm Türken fanden bereits an mehreren Orten Gefechte statt, die jedoch zu unbedeutend sind, als daß wir ausführlichere Berichte darüber schreiben sollten. Zu einem größeren Zu­sammenstoß kam erst bei Revestnje. In diesem Kampfe, der beiderseits mit größter Heftigkeit und Erbitterung ge­führt wurde, sind die Türken gänzlich unterlegen. 12 Tür­ken und Pferde fielen in die Hände der Christen. Der Kampf endete mit einer regellosen Flucht der Mohamedaner. Drei Tage nachher kam es unweit Revestnje wieder zu einem womöglich noch größeren Kampf als es der erste gewesen ist. Auch dieser endete mit einer vollständigen Niederlage der Türken. Viele BegS sind im Kampfe ge­fallen, während andere schwer verwundet in die Hände des Feinde« gelangten. Alle übrigen Mohamedaner ergriffen Die Flucht. Der berüchtigte Selim Aga-Forto, der, wie wir unlängst meldeten, den Mehandschi Jovo Gurdelja ermordete, erhielt eine schwere Wunde. Die Aufregung unter den Mohamedanern wächst progressiv. Sie vertheilen allen Munitionövorrath unter ihre Leute. Die Behörden leisten in jeder Hinsicht Vorschub. Andererseits aber wächst auch die Kampflust der Christen. Die Zahl der Aufstän bischen wächst von Stunde zu Stunde. Die bisherigen Erfolge wirken auf dieselben aufmunternd ein. Der Geist unter den aufständischen Christen ist ein sehr guter. Stündlich erwarten wir Nachrichten Über einen großen Zusammenstoß, zu dem beiderseits Vorbereitungen getroffen werden. In Montenegro ist die Stimmung eine Überaus erregte. Die Montenegriner brennen vor Ungeduld, um nötigenfalls auch an den Kämpfen theilzunehmen, wiewohl Fürst Nikolaus dies vorderhand strengstens untersagte Doch wird dieses Verbot nicht lange aufrecht erhalten werden können, und Fürst Nikolaus wird selbst die Auf­hebung desselben anordnen muffen. Die« ist schon deshalb zu gegenwärtigen, da die Türken bereits auch gegen die

montenegrinische Grenze vorzurücken beginnen. Die Feind­seligkeiten zwischen den Albanesen und dem türktschm Militär dauern wie wir aus Scutari vernehmen ungeschwächt fort. Der Chef des Kriegsdepartements Wolwoda Hiza Plameuac weilt gegenwärtig in Wien. Dessen Rückkehr ist bevorstehend. Woiwode Plamenac ist wegen einer Gewehrlieferung nach Wien abgereift. Die montenegrinischen Truppen sind gegenwärtig im besten Stand.Es finden oft Uebungen statt, welchen die Ober- kommandanten beiwohnen."

Deutscher Reich.

Berlin, 28. Zuli. Gleich nach der Verkündigung deS Gesetzes über die Vermögensverwaltung in den katho­lischen Kirchengemeinden traten in der Thal Anzeichen her­vor, daß die Bischöfe die katholischen Gemeinden mindestens nicht hindern würden, an der Ausführung des Gesetzes Theil zu nchmen. Bald daraus verlautete, daß den Ge­meinden die Mitwirkung nicht bloS gestattet, sondern von dm Geistlichen empfohlen werben solle. Dagegen blieb e« höchst zweifelhaft, ob die Bischöfe sich auch zu dem zweiten Schritte der Anerkennung, zu der im Gesetze geforderten ausdrücklichen Erklärung mtschliißen würden. Noch bet der letzten Berathung im Abgeordnetenhause (am 2. Juni) hatte der Abg. Windthorst dringend gemahnt, von dieser Forderung abzustehm:Haben Sie wirklich die Absicht, mit der Kirche möglichst diese« Gesetz im Frieden auSzu- führm, dann stellen Sie die Dinge nicht auf da» theore- tische Prinzip--Eine derartige Erklärung, da« brauche

ich nicht zu erörtern, stellt aber die Sache aufs Princip, und ich frage die Herren, ob Sie mit gutem Glauben eine Erklärung von dm Bischöfen verlangen können, welche sagt: sie wollen ein Gesetz befolgen, welche« in mehreren Punkten sich auf die Maigefetze bezieht, welches namentlich den kirchlichen Gerichtshof ausdrücklich in Bezug nimmt, der in dieser Art und in dieser Kompetenz unmöglich an« eifannt werben kann." Nach solchen Aeußerungen durfte es wohl einigermaßen überraschen, al« die Bischöfe sich nach dem Erlaß des Gesetzes dennoch entschlossen, die von ihnen geforderte ausdrückliche Erklärung abzugehen. Der Fürstbischof von BreSlau hat die Reihe eröffnet, alle üb­rigen Bischöfe oder bischöflichen Verwaltungen dürften in­zwischen bereits gefolgt fein. Daß hierin eine bedeutsame Wendung in dem Verhalten der Bischöfe zu Tage liegt, ist nach dem obigen Verlaus der ganzen Angelegenheit und nach den früheren Aeußerungen der Bischöfe und der ultramontanen Wortführer völlig unzweifelhaft und durch keine Spitzfindigkeiten der ultramontanen Blätter wegzn- Deuten. Je entschiedener die Bischöfe von vornherein eine grundsätzliche Bedeutung des Gesetzes auch für die inneren Verhältnisse der Kirche und zugleich die Unvereinbarkeit

Reh sein Junges säugt, sie wirft ein Netz von Wurzeln und Schlingpflanzen um dm Fuß deS Verfolgers und schirmt das Asyl der Bedrohten mit den Schrecken der Wildniß, mit Sumpf und Dornengestrüpp. Sie hütet, schirmt und pflegt die zahllosen Bewohner ihre« Gebietes allliebend und mütterlich; sie kann auch nicht dem stillen Reiz de« holden, bleichen Kinderantlitzes, der geschlossenen, von langen Wimpernumsäumten Augen, der ganzen, un­endlich rührenden Anrnuth dieser jungen Glieder widerstehen. Sie hebt da« Kind hinauf an ihre Brust; sie, die den kühl fließendm Saft im Baume spürt, der langsam, leise die Keime treibt und Blätter und Blüthen entfaltet, sie fühlt auch hier noch da« Leben verborgen weilend in seiner innersten Quelle. Erbarmend hüllt sie das Kind in ihr Gewand; leise wandelnd trägt sie e« mit sich fort in ihre Wohnung unter dm Wurzeln hoher Buchen an der heimlichsten Stelle im Walde.

Gar wunderbar war e« hier, aber lieb und traulich Aller süße Friede, alle wonnigen Schauer des Walde« hatten sich hier hinein geflüchtet. Zarte, grüne Dämme­rung, wie wenn im Frühling die Sonne durch das junge, frisch duftende Laub scheint, herrscht hier immerfort. Ge- heimnißvolle Märchenstimmen flüsterten von dem ewig jugendlichen Zauber, der sriedevollm Gottesruhe, der er­habenen Feier der Matur. Hier schlug ihr Herz, das volle, mütterliche, hier wob fie ihre holdesten Träume.

Zu jFüßen der Waldfrau ftlief da« kleine Mädchen den langen harten Winter hindurch, und fie behütete es mit den milden Augen und nährte mit weicher Hand die Flamme deS Lebens, daß sie nicht hinfank.

Und als nun der Frühling kam und all die kleinen Schläfer deS Waldes sich rührten an sonnigen Tagen: das drollige braune Eichhörnchen hervorlauschte au« dem warmen Rest, und sich dann, noch erstarrt uud schlaf.

Eine Sommerblume.

Ein Märchen.

ES ist Zeit zur Ruhe zu gehenI" so sprachen zum Walde die schrägen blassen Strahlen der Sonne, wenn sie Abends, Abschied nehmend, auf den falben Blättern weilten, die leicht erzitterten wie im bangen Vorgefühl des Ver­gehens.ES ist Zeit zur Ruhe zu gehen!" flüsterten die langen, wolkenverhangenen Nächte, wenn sie den starren Frost, den glitzernden Reif von ihren gütigen schüttelten ES ist Zeit zur Ruhe zu gehen!" brauste auch der Sturmwind, wenn er dahin fuhr über die Bäume und tyrannisch seine Gewalt sie fühlen ließ, daß sie sich beugten im ahnenden Schauern, ächzend und stöhnend, und die Blätter müde herab taumelten und eins über das andere sich niederlegte auf die hart gewordene Erde. Längst schon hatten die Zugvögel es dem Walde zugesungen, als sie sich rüsteten zum langen Fluge in ein anderes Land; die Schwalben hatten im Vorbeistreisen eS gezwitschert, der Storch, der Kranich, die wilde GanS hatten es aus der Höhe ihm gugerufen und still ergeben hatten sich schon längst die zarten Blumen zurückgezogen in ihr Kämmerlein. Auch die Bäume halten die Mahnung verstanden. Sie hatten sich sorglich gerüstet für den Winter; das veraltete, nutzlos geworbene Sommerkleid hatten sie von sich gestreift, aber die fcheinbar kahlen Zweige waren reich an Hoffnungen für den Frühling. Die garten Keime schlummerten sicher gebettet und waren eingehüllt, daß der rauhe Hauch ihnen nicht schade; sie warteten und träumten.

Wenn bann der Wind sich matt getobt hat und eine Weile rastet und der Vollmond lächelnd und friedeverhei­ßend hernieder schaut vom Himmel, Alle« in seinen milden Glanz einhüllend und verklärend, bann geht die Walbsrau durch die Räume ihrer friedlichen Herrschaft, durch den frisch gefallenen Schnee, der noch lose und dünne aufliegt,

durch die horchende Stille der Nacht, um Abschied zu nehmen von Allem, was sie liebt, ehe sie hinabsteigt tu ihr unterirdisches Wintergemach, das sie hernach nur selten, an schönen Tagen oder Nächten, verläßt. Sinnend, das Haupt gesenkt, gleitet sie dahin, schimmernd, schattenlos, hoch und lieblich zugleich. Die Bäume rühren sich, wo sie vorbei geht, durch die kahlen Wipfel schauert ein geheimitißvolles Rauschen; ein kosender Luftzug flattert in ihrem Gewände. Der Wald grüßt sie ahnend, liebevoll, doch fein Grüßen ist stumm; der gewaltige Bann des Winter« hat ihn um- fangen, die Freude ist von ihm genommen.

Die Waldfrau fühlt ihn nicht, diesen strengen, schnei­denden Hauch, der herrschend über der Erde waltet. Ihr Blut kann er nicht starr machen, ihre Brust nicht betlem Inten, ihre hehre Schönheit nicht antasten; aber ein armeS, hülflose« Menschenkind lag dort, still und in sich geschmiegt auf dem starr gewordenen Moose. Dürftiges Gewand hüllte spärlich die Glieder und auch das Mondlicht um­hüllte sie mit seinem nicht wärmenden Schein, golden schimmernd auf diesen blonden Locken, die sich in reicher Fülle um den weißen Nacken, das bleiche Gesicht ringelten. Schlief das kleine Mädchen, ober war es schon im Tobe erstarrt? Ein armes Kinb, bem die Eltern unlängst gestorben waren, daS verlaffen die kleinen Hände dem Mit­leid entgegenstreckte. Doch das Mitleid war ihm wohl nicht begegnet auf seiner rauhen, irren Bahn; wie wäre eS sonst hier im öden unwirthbaren Walbe, hülflos hingesunken am Fuße dieses BaumeS, der für seinen Schmerz kein ant­wortendes Gefühl hat.

Wohl ist das Herz der Waldfrau wild und voll Er­barmen. Sie biegt mit sorgsamer Hand die schützenden Zweige um daS Nest des Vögleins, daß eS kein lauernder Feind entdecke und ihm die nackten Kleinen raubte; sie hüllt in Frieden und Heimlichkeit die Stätte, wo da« wehrlose