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Ur. 171.

Marburg, Mittwoch, 28. Juli 1875.

x.gIa-rg«»z.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatter, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M ; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

MMWIcilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Giqreditton d. Blatter, sowie bte Annoncen-Bureaus von ® L Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jüger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendonk, A Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint t ä g l i ch außer den Wetttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für da? Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS SonntaaSvlatt" durch die Ervedition lKock'lcke Buchdruckerei) bezogen 2, Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Zür die Monate 21 u g u ft und September Cr bitten wir Bestelluuge« auf die Bberhessische Zeitung und des

Mustrirten Sonntagsklattes

bei den Postanstalten baldigst machen zu wollen.

3R** Im Feuilleton kommen in diesen beiden Monaten einige sehr spannende Erzählungen zum Abdruck. Auch wird ein ausführlicher Original- Bericht über die Enthüllungsfeier des Hermanns­denkmals im Teutoburger Wald mitgetheilt werden.

Die Exped. d. Oberh. Ztg.

Tagesbericht.

Wie verlautet, geht man in Regierungskreisen mit der Absicht um, die in Preußen noch vielfach bestehende Com- binirung der directen und indirecten Steuererhebungen zu trennen und für jede Verwaltung besondere Beamte anzu- steüen. In früheren Jahren, als die Verwaltung der in­direkten Steuern, die bis 1827 von den Regierungen refsortitte, von diesen abgezweigt und für jede Provinz besondere Provinzial-Steuerdirertion ernannt wurden, ver­folgte man in der Steuersache das Princip, möglichst viele Aemter zu combiniren und von demselben Amte sowohl die directen als die indirecten Steuern erheben zu lassen; in der Neuzeit ist man hiervon jedoch abgekommen, weil sich bei diesen Combinationen eine Menge von Unzuträglichkeiten vorgefundcn hat, die durch eine Trennung zu vermeiden sind. Die Verwalter der combinirten Aemter, die sogenannten Kreissteuereinnehmer, ressortirten von der Regierung und sind von dieser angestellt, haben auch ihre Ausbildung als Regierungsbeamten erhallen und entbehren der technischen Kenntnisse deS indirecten Steuerbeamten, die für die Er­hebung dieser Steuerzweige: Zoll, Branntwein, Bier, Tabaksteuer u. s. w. durchaus erforderlich sind. Außerdem stehen diese combinirten Aemter unter doppelten Vorgesetzten, zunächst unter dem Kreislandrath und unter dem betreffen­den Landrath und unter dem betreffenden Steuerrath und in höherer Instanz unter der Bezirksregierung und der Provinzial-Steuerdirection. Auch dieses Verhältniß ist nach oben und unten kein zuträgliches und deshalb eine Aende- rung erwünscht, die jedoch natürlich nur allmälig erfol­gen kann.

Nach eingezogcnen Erkundigungen stellt sich die von derVoss. Ztg." aus Landeck gemeldete Verhaftung eines Grasen Dzembcck als eine Mystification heraus. Ein Gerichtsbeamter äußerte dort mehrfach gesprächsweise, er habe im Auftrage des Staatsanwalts die Verhaftung eines

Grafen Dzembeck vollzogen. Da sich ergab, daß der Name eines solchen dort überhaupt unbekannt ist, wurde eine Untersuchung gegen den Verbreiter der Nachricht eingeleitet, wobei derselbe bekannte, Alles erfunden zu haben.

Die Hauptbestimmungen der von der internationalen Telegraphenkonferenz vereinbarten Convention sind folgende: Der Terminalsatz für Depeschen von Deutschland nach Krankreich und nach Rußland ist 3 FrcS., von Oesterreich nach Großbritannien 2</2 Frcs. Die anderen Terminal­sätze für die europäischen Länder bleiben dieselben wie früher. Ein neuer Satz von 71/2 Frcs. ist Spanien zu­gestanden für das direkte spanische Kabel; zwischen Barce­lona und Marseille ist die Transitgebühr des Kabels auf 4 FrcS. festgesetzt. Für alle außereuropäischen Länder ist eine Worttaxe vereinbart und gleichmäßige Terminalsätzc sind sestgestellt für Telegramme von Europa nach Indien und umgekehrt, für die Stationen westlich von Chittagong durch türkisches Gebiet 5 FrcS. das Wort, durch Rußland 51/2 Frcs.; östlich von Chittagong durch türkisches Gebiet 5Vi Frcs., durch Rußland 5% Frcs.; nach Madras durch türkisches Gebiet 3% Frcs., durch Rußland 4 FrcS. Zu den nicht obligatorischen Neuerungen gehört, daß Depeschen von höchstens 10 Worten mit % der Gebühr einer 20- Wort-Depesche berechnet werden. Dringliche Privat-Tele- gramme sollen gegen Bezahlung der dreifachen Gebühr den Vorrang in der Beförderung haben.

Eine nicht nur intereffante sondern selbst wichtige Nach­richt geht aus Tultscha (in der Dobrudscha) ein. Es haben gegen 300 deutsche Familien, die einer deutschen Colonie in Beffarabicn angehörten, ihre bisherigen Wohn­stätten verlassen und sich nach der genannten Stadt ge­wendet, um hier von den türkischen Behörden Grund und Boden zur Bildung einer neuen Colonie zu erhalten. Die türkischen Behörden sind diesem Verlangen nachgekommen, haben ihnen unentgeltlich ein großes Landgebiet angewiesen und gewähren ihnen auch andere Vergünstigungen. So ist jetzt an der Mündung der Donau ins schwarze Meer eine deutsche Colonie im Entstehen begriffen.

Die Nachrichten aus der Herzegowina sind bis jetzt nichts weniger als beruhigend. Oesterreichischen und un­garischen Nachrichten zufolge werden angesichts der Aus­dehnung des Aufstandes österrcichischerseits Truppcnnach- schübe an die Grenze bei Metkowich zur stärkeren Bewa­chung derselben birigirt werden. Der Frater Karaula, ein sehr populärer Geistlicher, der kürzlich auch den Kaiser von Oesterreich im Namen seiner Stammesgenossen begrüßt hatte, ist von den Türken am Eliastage bei der Heimkehr aus der Kirche erschlagen worden. So sollen, wie man aus Spalato schreibt, die Aufständischen von Kruper sich mit denen von Cyabela vereinigt und daselbst alle Türken vertrieben haben. Die Aufständischen zogen die kaiserliche Fahne in Cyabela auf und bereiten sich vor, die Türken in Starn Struga und Tasovci anzugreifen. Die Bewegung

ist übrigens schon so weit gediehen, daß sic diplomatische Demarschen veranlaßt hat. Das österreich-ungarische aus­wärtige Amt ist, wenn auch nicht in offizieller Weise, davon in Kenntniß gesetzt worden, daß die Pforte, da alle Führungsversuche fruchtlos geblieben find, sich in der Lage sieht, die Aufständischen in der Herzegowina durch Gewalt zur Ordnung zurückzusühren. Der Fürst von Montenegro hat übrigens auf das Bestimmteste erklärt, daß er eine Einmischung seiner Unterthanen nicht dulde und türkischer- seitS hält man daran fest, daß der Aufstand rein localer und durchaus nicht politischer Bedeutung sei. Jedenfalls aber steht fest, daß die Erbitterung, die in der Herzegowina zwischen Christen und Türken herrscht, sowie die geogra­phische Lage des Landes der Angelegenheit doch wohl ern­stere Folgen geben können.

Deutsches «eich.

*» Berlin, 26. Juli. Die von derVosi. Ztg." gebrachte Mittheilung, daß in Landeck ein Graf Dzembek wegen Attentatsplänen auf das Leben des Kronprinzen verhaftet sei, soll nach amtlichen Ermittelungen eine Mistifi- caiion sein. Ein schon längere Zeit schwachsinniger Re. ferendariuS hat diese Mähr an der Table d'hote in Landeck erzählt, als habe er auf Befehl der Staatsanwaltschaft den Grafen Dzembek verhaftet. Ein Berliner Correspon- dent hat diese Nachricht an der Table d'hvte aufgeschnappt und sie, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, in die Welt posaunt. Dies ist amtlich sestgestellt und eS ist auch durchaus keine dem ähnliche Thatsache vorgefallen, so daß die ganze Sache in Dunst ausgeht. UebrigenS ist Graf Dzembek dieses Jahr nicht in Landeck, welches er sonst wohl besucht, anwesend. DieVolksztg." weiß, daß Fürst Bismark Anfangs August nach Kissingen gehe. In amtlichen Kreisen weiß man nichts davon, im auswärtigen Amte fehlt jede Nachricht darüber. Herr v. Bülow hat bereits seine Function als Staatssekretär übernommen und sein Vertreter, Herr v. Philippsborn, ist nun auf Urlaub gegangen. Das Verhalten der Bischöfe, deren Schritt gewürdigt wird, setzt dieGermania" in eine unheimliche Stimmung; sie zieht es vor, sich in vorsichtiges Schweigen zu hüllen, kann aber doch nicht umhin, zu erklären, daß sämmtliche Bischöfe dem Beispiel Försters folgen würden. In Folge einer Beschwerde hat der Minister des Innern im Einvcrständniß mit Dr. Leonhardt sich dahin ausge­sprochen, daß den Geistlichen in Preußen und zwar unter der Herrschaft des Preußischen Gesetzes vom 9. März 1874 die gebührenfreie Einsicht in den Standesregistern nicht vorenthalten werden kann; jedoch wird daraus hingewiesen, daß die Einsicht in die StandcSrcgister selbstverständlich nicht auf die Sammelacten sich erstrecken dürfen und nur den Geistlichen selbst, aber nicht den Vettretern zu ge­statten sei.

Einiges «brr die amerikauische Prrffe.

(Fortsetzung.)

Ueber den schnellen Witz, die Schlagfertigkeit unserer Jungen habe ich unter Anderm zwei Beispiele erlebt, die so charakteristisch sind, daß ich sie den Lesern dieses Blattes glaube mitthcilcn zu dürfen. Als im Herbst 1864 der RebcllionSkrieg im Süden noch blutig wüthete, stand ein höherer Offizier der V. St. Armee auf dm Stufen des Astor House am Broadway in Newyork und sah in Ge­danken vertieft in den dämmerndm Abendhimmel hinaus. Ich ging gerade vorüber. Da wurde er und ich plötzlich aus unseren Gedanken au^eschreckt durch eine helle Kinder- stimme, welche rief:Große Schlacht am Potomac, 20000 Todte, dieBoys in Blue" (V. Staatentruppen) geschlagen, die letzten Kriegsnachrichten!"

Der Offizier kam die Stufen des Hotels herab und indem er dem kleinen seine 5 Cts. für ein Blatt gab, fragte er:Nun, mein Junge, wo soll denn die Schlacht gewesen sein?"Sie können'« natürlich nicht wissen," war die rasche Erwiderung,wenn Sie hier im Astor House find, statt vor der Krönt, wo Sie hingebörenl" Eine Schlacht war überhaupt nicht geschlagm worden. Ein ander Mal hatte Horace Greeley, der Gründer und Re­dakteur derN. N Tribüne" und spätere Präsidentschafts- Kandidat, in Kingston (N. A) eine Rede gehalten, bei Gelegenheit einer Staatswahl-Kampagne. Mich führte ein Geschäft in derselben Gegend den folgenden Morgen nach Newyork. Der Zufall wollte eS, daß nicht nur Greeley denselben Zug, wie ich benutzte, sondern ich kam in den­selben Wagen mit ihm, gerade hinter den alten originellm Mann zu sitzen, den jede» Kind an seinem stereotyp grauen

Rock, seinem hellgrauen Hut und seinen sonstigen Einzeln- heiten kannte. In Ponghkeepsie am Hudson war die erste Gelegenheit gegeben, Morgenzeitungen zu erlangen. Als wir hielten, stürzte sofort ein Zeitungsjunge in unfern Car, musterte rasch die Reisenden und verweilte einen Moment länger bei Prüfung meines VormanneS, bann rief er mit gellender Stimme:Große Rede Horace Greeley's in Kingston! Ungeheure Redei" Greeley winkte. Der Junge kam langsam durch den vollen Wagen heran, rechts und links Zeitungen verkaufend. Endlich wurde auch Herr Greeley bedacht, bann verschwanb der Junge schleunigst Greeley durchflog sein Blatt, zuerst die erste Seite, wo die Depeschen stehen, bann bie zweite, briltc, vierte, er suchte jebenfallS den Bericht feinerungeheuren" Rede! Auf einmal stöhnte der Alte vernehmlich:Der verdammte Junge hat mir eine gestrige Zeitung aufgehängt!" Wir alle anderen hatten die heutige. Zn was eS mitunter solche kleine ZeitungSverkäuser bringen können, beweist ge- rabe derselbe Horace Greeley, der früher selbst ein solcher kleiner armer Zeitungsjunge war, sich mit dem Verdienst seines sauren Fleißes selbst bildete, und der Begründer wurde deS Blattes, baS feit Jahren, wenn nicht als reich­stes unb größtes Blatt, bvch als baS bedeutendste, anstän­digste und beste Tagesblatt in Amerika bekannt wurde

Auch für die Bildung dieser Zeitungsjungen ist in jeder großen Stadt durch besondere Tages- und Abendschulen, die NewSBoy's Schools", gesorgt. Den Waisenknaben^ welche sich dieses Geschäft zum Erwerb auserlesen, sind ebenfalls besondere Heimatstätten, die New-Boy's Home«, geschaffen, in welchen sie neben einer Wohnstätte und Pflege auch Schulunterricht und ärztliche Hülfe finden. Nicht immer sind eS aber nur arme Knaben, die diesem Verdienst

nachgehen. AlS ich letzten Winter in einer Car Chicago'« fuhr, sprang ein nett angezogener Junge mit Zeitungen

heran und bot sie an. Auf einmal redete er einen neben

mir sitzenden bekannten geizigen aber wohlhabenden Kauf­mann mit dem GrußHolla Pa!" an. ES war der

Sohn des Kaufmann« und verdiente sich auf diesem nicht

mehr ungewöhnlichen Wege sein Taschengeld.

Da« Verlangen de« Publikum« nach dem Neuesten bringt es mit sich, daß die hiesigen Zeitungen, auch die bcfferen, oft in Sensation machen. Der Stoff dazu geht selten aus, und darf bei den gewissenlos rebigirten Blättern nie ausgehen. Jeder Unglücksfall auf Eisenbahnen oder Gewässern, jede Skandalgeschichte in der höheren Gesell­schaft, den Zirkeln deroberen Zehntausend", jede Criminal- Prozeßvcrhandlung und Hinrichtung wirb mit einer Au«- führliLkeit behanbelt, als ob an jedem Wort bas Wohl unb Wehe bcS Staates hinge. Diese ausführlichen, Nie- manb schonenden Berichte, wie sie bann wieber unb wieder gedruckt in allen Blättern erscheinen, lasten leicht den irri­gen Glauben aufkommen, als wären hier solche Störungen der öffentlichen Sicherheit und des friedlichen ruhigen Lebens ebmso Tagesbedürfniß und Allgewöhnliches, wie die Zei­tungen selbst, welche sie veröffentlichen. Man macht hier leicht, um bie Zeitung zu füllen, au« einer Mücke einen Elephanten, unb in ber Fremde, wo bie Verhältnisse nicht richtig verstanden werben, lebt bann eben nur ber Ele- phartt fort.

Daß biese Richtung ber TageSpreffe einen demorali- sirenden Einfluß ausübt, besonder« auf bie unreife Jugend ifi nicht zu leugnen, wie gute Folgen sie im einzelnen Fall' auch haben mag.

(Schluß folgt.)