Sr. 171«
Marburg, Sonnabend, 24. Jllli 1875.
X Iahrgaig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M-, Berlin, Leipzig, Cöln re; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. rc-
ObrchcMc Jritung.
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«ur Krage über die Theuerung der Lebens» mittel.
Die Theuerung der Lebensmittel, die sowohl in Deutschland als in Oesterreich als ein großer Uebclstand empfunden wird, scheint in Oesterreich zu entscheidenden Schritten zu führen. Sehr bcmcrkenSwerth ist in dieser Beziehung ein Artikel der hochofficiösen „Montagsrevue", auS dem wir nachfolgendes hervorheben:
„So peinlich es für jede Regierung fein mag, in rein lokale Fragen mit ihren großen Machtmitteln einzugreifen, so zwingend stellt sich ein solches Einschreiten in dem vorliegenden Falle heraus. Ein provisorisches Mittel, dessen Anwendung Zeit zur Gewinnung dauernder besserer Verhältnisse gewährt, ist die Einführung der Satzung. Wir wissen recht gut, daß die Wiederherstellung derselben nur wenig mit dem Gcwcrbegesctze wie mit den ganzen Handels politischen Grundsätzen des gegenwärtigen Ministeriums harmonirt; allein cs kann ein Gebot der Roth sein, dem Hochmuth einer Producenten-Kaste auf so lange scharfe Zügel anzulegen, bis cS gelungen ist, ihn für immer zu brechen. Die provisorische Einführung der Satzung wird sich als eine solche unvermeidliche Notywendigkeit erweisen, wenn die Lebensmittel in der Residenz trotz der tiefgesun- kenen Preise im Großen für den Consumcnreu auf ihrer bisherigen unerschwinglichen Höhe bleiben, und dann wird die wiedereingesührte Satzung nicht nur auf die ganze Skala ausgedehnt werden, durch deren Einführung sich die getroffenen Produceuten ehedem ihren Consequenzcn so geschickt zu entziehen wußten, sondern man wird ihre unbedingte Gellung mit den strengsten Mitteln aufrecht erhalten muffen. Denn was ist die künstliche und ungerechtfertigte Verthcucrung der Lebensmittel anderes als ein Wucher der schlimmsten Sorte! Die Wuchergesetze sind zwar aufgehoben, aber der Wiener Staatsanwalt, das öffentliche Gewissen, hat den Muth gehabt, den ausschreitenden Wucher in der Gestalt Getzel WilkenfeldS vor die Geschworenen zu stellen, und ste haben ihr „Schuldig" gesprochen. ES wäre vielleicht der Mühe werth, einmal in einem eclatanten Falle den Gerichtsspruch der Bevölkerung auch über die „ nichtswürdigen Vertheurer und Verderber der zur Erhaltung des Daseins uothwendigsten Lebensmittel
zu erfahren." — Die „MontagSrevue" .findet erhöht Unterstützung und Entfaltung der Concurrenz und nament' sich ist der Hausirhandel sehr geeignet eine „dauernde Abhülfe" dieses Leidens zu gewähren, der Hausirhandel ist in Wien bisher nur aus Humanität geduldet worden, während in Paris z. B. derselbe einer der Hebel der dortigen billigen Verprovistonirung ist. „Der Hansirer schleppt in seinem Handwagen nicht nur Brod und tausend andere Dinge in jedes Haus und in jeden Palast der glänzendsten Straßen von Paris. Er kann überall auf sicheren Absatz rechnen, denn er verkauft in Paris nur reife und gute Waare, weil er, wie der Größte, ein französischer Kaufmann ist, waS im Allgemeinen mit der Festhaltung honetter geschäft- licher Prinzipien gleichbedeutend ist." Der Artikel schließt mit den Worten: „Mit nahen Hinterländern, mit Mastvieh, wie Galizien, Rußland und Rumänien, mit einer Kornkammer wie Ungarn, mit den Gärten Südtirols, JstricnS und SteyerrnarkS muß eS gelingen, eine Residenz gut und billig zu verproviantirrn, wenn es möglich ist, Paris mit österreichischem Vieh, London mit ungarischem Getreide, Berlin mit Tyrol'schem und Jstrianischem Obst und Gemüse zu versehen, welche dort billiger zu haben sind als in Wien, dem Mittelpunkte aller dieser ErzengungS- gcbiete wohl oder übel, die Regierung wird dem Belieben der Prooriccntcn zu steuern wissen."
DentschkS Strich.
— Berlin, 23. Juli. Von verschiedenen Seiten ist in der letzten Zeit versichert worden, daS Verbot der Pferdeausfuhr werde binnen Kurzem aufgehoben werden, doch verlautet auS guter Quelle, daß diese Behauptung verfrüht sei, da noch dieselben Bedenken bestehen, die dies Verbot veranlaßt hatten, und weil in den russischen Grenz- distrieten von der französischen Regierung die allerbeveutmd- sten Pferdeankäufe gemacht werden, fo daß die Aushebung dieses Verbots zu fürchten gäbe, daß Frankreich sofort seine Ankäufe auch auf Deutschland auSdehnen dürfte. — Die Anforderungen, welche gegenwärtig an die Aspiranten zum einjährig-freiwilligen Militärdienst gestellt werden, sollen, gutem Vernehmen nach, gesteigert und damach auch die Bedingungen geändert werden, welche jetzt für diejenigen
bestehen, die das mangelnde Schulzeuguiß durch eine be» sondere Prüfung ersetzen muffen. Nach jetzt geltenden Anordnungen mflfftn die Schulzeugnisse für die auS der Secunda eines Gymnasiums oder einer Realschule erster Klasse abgehenden Schüler ergeben, daß diese mindestens ein Jahr der Klasse angehört haben, ferner daß der Schüler sich das Pensum der Untersecunda gut angeeignet und sich gut betragen hat, und es werden Abgangszeugnisse, die sich über den Stand der erworbenen Kenntnisse sowie über Fleiß und Betragen ungünstig aussprechen, nicht al» ge» nügend angesehen. Unter Aufrechthaltung aller dieser Einschränkungen soll nun das Schu zeugniß den Abgang ans der Unterprima, wo eine solche besteht, sonst den einjährigen Aufenthalt in der Prima Nachweisen, und die Mangel« eines Schulzeugnisses anzustellende Prüfung soll ermitteln, ob der zu Prüfende denjenigen wissenschaftlichen BildungS- grad erlangt habe, welcher durch Vorlegung von Schulzeugnissen nachzuweisen ist. Die Reichsschulcommission dürfte darnach ihre Vorschläge auch einbringen. Jedenfalls wird das Lateinische ans der Prüfungsordnung nicht entfernt werden, wogegen das Griechische für die Realschulbildung durch das Englische ersetzt wird. — Das Deutsche Reich ist auf der am 15. Juli in Paris eröffneten Ausstellung des geographischen CongresseS durch die geologische LandeSanstalt in Berlin, den Verein für deutsche Nordpol» fahrt in Bremen und die Commission zur Untersuchung der deutschen Meere vertreten. Auch die angesehmsten kartographischen Firmen Deutschlands haben ausgestellt, doch ist von den Ausstellern nur die wissenschaftliche Seite der Ausstellung inS Auge gefaßt worden.
Magdeburg, 21. Juli. Während des Gottesdienstes in der katholischen St. Marienkirche ist es letzthin zu einer Demonstration gegen den bischöflichen CommiffariuS und Probst Löffler gekommen, welche von gewisser Seite in der gehässigsten Weise anSgebeutet wird. An denselben war, wie die M. Z. berichtet, von der Regierung, um die Sperrung seines Gehaltes abzuwendm, eine Anfrage in Bettest seiner Stellung zu der neuen kirchlichen Gesetzgebung gerichtet worden, wobei ihm anheim gegeben wurde, seine «Erklärung in der ihm genehmsten Form abzugeben. Herr »Löffler hat, ohne auf eine materielle Behandlung der Sache
AuS eine« Pariser Heirathsinflitut.
Ein junger Mann kommt in höchster Eile an.
— Mein Herr, sagt er zu dem Direktor des Instituts, ich habe keine Minute zu verlieren, ich habe eine Droschke auf Seit, ich kann mich also nicht unnütz aufhalten.
— Sie wünschen, daß ich Sie verheirathe?
— Ja, mein Herr, ich habe in der Zeitung Ihre Annonce gelesm, die Sie seit einiger Zeit einrücken lassen, to scheint darnach, daß für Sie ein Tag genügt, einen jungen Mann oder eine junge Dame zu verheirathen.
— Gewiß, mein Herr.
— Ich kann cS mir kaum benten; nichts destoweniger habe ich Lust Ihr System zu versuchen. Ich habe ein großes Geschäft in einer Provinzialstadt und ich bin nur hierher gekommen, um mich zu verheirathen. Ich muß nothweudiger Weise heute Abend meiner Geschäfte halber zurück reifen, denn wenn ich fehle, bleibt Alles stehen und liegen.
— Morgen werden Sie Ihre Fran Gemahlin Ihren Gefchäftsfreundm vorstellen können.
— Sie fetzen mich in Erstaunen!
— Sie haben die notarielle Srlaubniß Ihrer Estern zu» Heirathen?
— Hier!
— Das ist von Wichtigkeit, und das genügt für mich!
— Nun, was habe ich zu thun?
— Wenig; bitte treten Sie in diesen Garten.
— Das ist ja ein Mädchenpensionat!
— ES sind auch Wittwen barunter, blefe Letzteren tragen ein rotheS Bändchen an der Achsel. Sie können nun hier wählen und die Frau nehmen, ,die Ihnen gefällt.
— Warten Sie einen Moment, ' damit ich mein Binocle ausfetze. Diese große Blondine gefällt mir besonders.
— Sehr wohl; nehmen Sie diese Blume und gehm Sie hin, bieten Sie ihr dieselbe ah; wenn sie sie an ihren Busen steckt, so bedeutet das, daß sie Sie zum Gatten annimmt.
Der junge M«m tritt in den Garten und kehrt einige Augenblicke später zurück.
— Ich bin angenommen.
— Ich weiß eS, ich sah es von diesem Fenster aus. Wir können nun zu den üblichen Formalstäten schreiten, gangen wir mit dem Aufgebot an.
— DaS dauert ein paar Wochen.
— In Uebereinkommen mit dem Beamten und einem Geistlichen haben wir das Alles abgekürzt; die Aufgebote werden verlesen und in 5 Minuten wird man Ihnen die nölhigen Papiere zustellen.
— Ich bin starr vor Erstaunen.
— Run, verehrter Herr, sagte der Director, haben Sie die Güte, Ihre Befehle betteffs deS HochzeitSdinerS zu geben.
— Aber Gäste ?
— Ich liefere ste, ein Hochzeitsdiner ohne Gäste ist nicht zu benten. Sie erwarten Sie in bem Speife- falon.
— Oh, es sind charmante Leute. Mein HauS ist ja ein HauS des Vertrauens; seien Sie ohne Sorge. Unter den Geladenen werden Sie Ihren Herrn Schwiegervater und Ihre Frau Schwiegermutter sehen. Die Eltern kommen jeden Mittag zwischen 1 und 2 Uhr um zu sehen, ob ihre Töchter verheiraihet sind und sind stets in Hochzeits- toilette.
— Aber ich könnte vielleicht noch einige Freunde ein- ladcn.
— „Warum wollen Sie Zeit verlieren?
— Das ist wahr, ich vergas, daß ich eine Droschke auf Zeit genommen habe.
— Bitte also ein Diner zu 25 Couverts.
— Sehr wohl; während dessen können wir in dieses Zimmer treten und den Contract unterzeichnen.
Der Director des Instituts öffnet eine Thür: Der Notar und sämmtliche Gäste sind bereits auf ihrem Posten.
— Mein Herr, sagte der Beamte, währmd wir Sie erwarteten, haben wir bereits den Conttact gelesen; da« Fräulein bringt als Mitgift 100,000 Francs; und Sie?
— Die gleiche Summe . . .
Ich habe nur diese Ziffer hinzuzufügen; wenn Sie jetzt nur die Güte haben wollen, Ihren Namen neben den Stempel zu setzen.
Ein Küster zeigt an, daß bet Geistliche das Ehepaar zur Trauung erwartet.
Sämmtliche Gäste begeben sich in die Capelle des HauseS.
— Wünschen Sie die übliche Predigt? fragt der Geistliche.
— Nein, ich danke, antwortet der Gatte, ich kenne fie, ich habe schon so vielen Hochzeiten beigewohnt!
— Deßhalb fragt ich nur. Indem wir die Predigt weglaflcn, gewinnen wir eine halbe Stunde.
— DaS ist mir lieb, denn ich habe eine Droschke auf Zeit, die mich an der HauSthür erwartet.
Man begiebt sich in den Speisesalou, wo alle Bor» bereitungen zu dem Festessen getroffen sind. Bevor man sich zu Tische setzt, wendet der Gatte sich an seine Gemahlin und erlaubt sich die Frage nach ihrem Bor» namen.
— Ich heiße: Amalie.
— Und ich Eduard.
Amalie und Eduard reichen sich zärtlich die Hand. — DaS Festmahl ist sehr heiter. Einzelne der Gäste halten ernste, andere humoristische Reden.
— Ist das in ben Kosten de« DinerS einbegriffen? fragt bet Gatte ben Direktor.
— Ja.
— Ihr Institut ist ein Meisterwerk; erlauben Sie, daß ich Ihnen bie Hand reiche.
Der Gatte wartet noch ab, baß bet Kaffee und Liqueur gereicht wirb, bann erhebt er sich und sagt:
— Meine werthen Gäste, verzeihen Sie mir, daß ich Sie so schnell verlassen muß. Aber es ist schon 9 Uhr und ich habe nicht nur eine Droschke auf Zeit, sondern der Zug, mit bem ich nach Hause fahren muß, beht um 9 Uhr 50 Minuten.
Man begleitet bie Neuvermählten bi« zur Droschke. Der Kutscher trägt im Knopfloch ein kleines Blumenbouquet — zarte Aufmerksamkeit seitens des Direktors bes Instituts. — Im Moment bes EmsteigenS steht sich bet junge Ehemann von einer Dame angehalten, bie heiße Thränen vergießt:
— Sie werben Sic gewiß recht glücklich machen, sagte ste schluchzmb.
— Wen?
— Meine Tochter.
- Ah, Sie stnb bie Mutter! Entschuldigen Sie, ich hatte nicht bie Ehre Sie zu tennen. Ich war heut so beschäfttgt, baß ich keinen Moment Zett fand, mit meiner neuen Familie zu plaudern. Besuchen Sie unS doch zu Pfingsten! Hier ist meine Adresse.