Marburg, Mittwoch, 21. Juli 1875.
für. 168.
x. Mw.
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ilung.
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Aus -er Chronik Marburgs.
1641, 1. April stellte der Unterbürgermelster in der Raths- sttzung vor, weil die Bettelleute den Bürgern bis In die Nacht vor den Häusern lägen, deswegen eine Nvthdurst die Belteivögte anzuhalten, sie bei Zeiten vor den Thüren weg und aus der Stadl zu weisen, woraus beschlossen ward, keinen Bettler nach 4 Uhr Nachmittags auf der Straße zu dulden.
1641, 2. Juli wurde in der Rathsfitzung ein Schreiben fürstlicher Regierung vorgelesen, des Inhalts, daß die neue Taxordnung solle vorgenommen werden, und ein jeder Krämer, Paktierer und Handelsmann eine Speci- ficalion wie er die Waare eingekauft, innerhalb 8 Tagen an Eidesstatt bei 100 Rthlr. Strafe einzulie- fern habe.
1643, 10. August fand die Beisetzung der Leiche des zu Butzbach verstorbenen Landgrasen Philipp von Heften statt. Bürgermeister und Rath hiervon benachrichtigt, erschienen an dem genannten Tage im Trauerhabit auf dem Rathause, und Zünfte und Gemeinde auf dem Markte, und gingen in Processton zur Pfarrkirche, woselbst eine Grdächtnißpredlgt gehalten ward,
Deutsches Strich.
*» Berlin, 15. Juli. Das „Journal deS Debats" bespricht in einer seiner letzten Nummern den angeblich vom Fürsten Hohenlohe herrührenden Brief über die bayerischen Wahlen und bestreitet die darin enthaltene Insinuation, daß man in Frankreich auf deren Resultate mit großer Spannung warte und ein Sieg der Clericalen die chauvinistischen Gelüste zu neuen Gluthen ansachen würde. Frankreich suche keinen Bundesgenossen mehr, der Traum von einer katholischen Liga sei aufgegeben und spucke nur noch in einigen durchaus unverbesserlichen Köpfen, Frankreich selbst sei von der Illusion geheilt, daß es auö den deutschen Parteiungen Nutzen ziehen könne. ES wäre gewiß erfreulich, wenn diese Erkentniß sich wirb lich in ganz Frankreich Bahn bräche, eS würde alsdann auch jeder Regierung unmöglich sein, die Nation zum un besonnenen Vorgehen mit sich fortzureißen, wie dies 1870 geschah. Wenn Frankreich begreift, daß eS ohne größere Allianzen sobald nicht an einen Krieg denken kann, wird wohl der Frieden noch g-.raume Zeit erhalten bleiben, zu welchem Zwecke augenblicklich, Frankreich ausgenommen, ja fast alle europäischen Staaten im Anschluß an das Drei- Kaiserbündniß in intime Beziehungen getreten sind. — WaS übrigens die Ursache des Krieges von 1870 anbe» langt, so entwickelt gestern die „Germania" in einem Artikel, der unter der Rubrik „reichssrcundlicher Schwindel" zu beweisen sucht, daß seit dem siebenjährigen Kriege jede große Thatsache der preußisch-deutschen Geschichte durch einen Schwindel eingeleitet sei, die Ansicht, jene Ursache sei der Benedettischwindel gewesen, die Behauptung, daß Benedetti den König von Preußen persönlich beleidigt habe. Es gehört ein gewifter Muth zu solcher Entstellung der Wahrheit. Denn niemals ist eine persönliche Beleidigung des jetzigen Kaisers als Ausgangspunkt des großen Con flictes hingestellt, sondern das demüthigende Ansinnen der französischen an die deutsche Regierung. — Falls sich die Nachrichten über die Majorität von zwei Stimmen, welche die Clericalen bei den bayerischen Wahlen errungen haben wollen, bestätigen sollte, so ist dies schwerlich als ein Sieg zu bezeichnen, zu dem sich der Ultramontanismus gratuliren kann. Wenn er trotz aller unsäglichen Anstrengungen, der Lüge, daß eS sich um den Bestand der katholischen Religion selbst handle, nicht mehr erreichen konnte, so wird Niemand mehr seinen Worten Glauben schenken, daß die bayerische Bevölkerung ihm gehöre. Er wird vermuchlich auch jetzt in Bayern keine andere Rolle spielen, wie bisher. — Noch immer tritt in einige» Berliner Berichten die Nachricht von Neuem auf, daß der Polizeipräsidenten von Madai demnächst aus dem Dienste scheiden werde. Man sucht dies jetzt damit zu motiviren, baß man auf einen
Conflict hinweist, der zwischen dem Polizeipräsident und dem Obersten der Schutzmannschaft, Herrn v. TempSky, statthatte. Die Motivirung ist indessen schon aus dem Grunde ungenügend, weil die Beurtheilung diese« Conflicts überall an maßgebender Stelle zu Gunsten deS Herrn v. Madai ausgefallen ist.
Stuttgart Die Vorbereitungen zu dem 5. Deut scheu Bundesschießen, das in den Tagen vom 1. bis 9. August in der schwäbische» Residenz ftatifinbet, werden mit immer rastloserem Eifer betrieben. Die soeben im Hall-- berger'sche» Verlag erschienene Festschrift, von Professor I. Klaiber volksthümlich verfaßt, ein elegantes Oklavbänd chen mit Illustrationen in Tondruck, jedem Schützen als GratiSgabe jetzt schon zu Diensten stehend, faßt die Hauptmomente des Festes übersichtlich zusammen und giebt dem Fremden ein orientirendeS Bild über Stuttgart und feine Geschichte. Nachdem am Sonnabend 31. Juli, der feierliche Empfang der ankommenden Schützen auf dem Bahnhof stattgefunden, wird am Sonntag, 1. August, die eigentliche Eröffnung des Festes durch den Festzug, die Festtafel und das Festkonzert erfolgen. Der Festzug umfaßt erstens Darstellungen der in den einzelnen Landeötheilen von Württemberg heutzutage noch üblichen ländlichen Trachten, aus je 24 entsprechenden Paaren gruppirt, und zweitens eine Nachahmung des Festzuges, den Herzog Christoph im Jahre 1560 bei dem große» Armbrustschießen in Stuttgart veranstaltete, und wobei die malerischen mittelalterlichen Trachten sowohl bei Berittene» als Fußgängern zu schönster Wirkung gelangen werden. Von den Unterhaltungen der solgenden Tage, als da sind Militärconzerte, Gesangsproduktionen, Besuche in de» königlichen Schlösser», Festball u. f. w., heben wir noch hervor, die am Donnerstag 5. August stattfindende Vorstellung der lebenden Bilder auf der eigens zu diesem Zwecke in der Festhalle erbauten Bühne. Um die fremden Gäste mit einigen der historisch und landschaftlich intereftanleste» und anziehendste» Punkte des Landes bekannt zu machen, werden Festfahrten nach der Hohenzollern'schen Stammburg, nach Hechingen, Tübingen und Reutlingen einer-, und nach Weinsberg zur Weibertreu und nach Heilbronn andererseits veranstaltet. — DaS Schießen dauert von Montag den 2. August, Morgens 6 Uhr, bis Sonntag den 8. August, Abends 8 Uhr, und zwar jeden Tag von 6—12 und 2—8 Uhr. Die Festzeitung, welche im Verlage der Fr. Müller'schen Luch- brmferri (Neues Tageblatt) erscheint, wird die Haupter- ereignisse jedes einzelnen Festtags zusammensteüen. Die Wohnungsfrage ist nunmehr in einer Weise geregelt wor den, daß auch der größte Andrang von Fremden bequem und in entsprechender Weise bewältigt werden kann.
München, 17. Juli. Die heutigen „N. Nachr."
schreiben: „Das Wahlresultat für da« gesammte Königreich läßt sich noch nicht genau übersehe», da die definitiven Ergebnisse aus Paflau und Würzburg noch immer nicht bekannt sind. Bis jetzt hat die liberale Partei auf 75 Vertreter im Landtage sicher zu rechnen, während den Ultra- montanen 78 Stimmen sicher sind. Sollte Pafla» die Zahl der letzteren mit einer und Würzburg mit zwei Stimmen vermehren, so würde in diesem ungünstigsten Falle das Verhältniß in der Kammer 75 Liberale zu 81 Ultramontanen fein — ein durchaus nicht bedenkliches Verhältniß, da sich in der Minderheit die Vertreter der Residenz und der größten Provinzialstädte befinden. Immerhin, selbst wenn die Wahl in Würzburg günstig für die liberale Sache ausfallen sollte, wird die ultramontane Partei sich in der Mehrheit befinden und wird ihr Gelegenheit gegeben werden, ihre Fähigkeit zum „Regieren" auch in den nächsten sechs Jahren an den Tag zu legen. Wir sehen diesen Proben mit großer Ruhe entgegen." (Bekanntlich ist seitdem telegraphisch gemeldet, daß in Passau durch die Wahlen der Landgemeinden die Clericalen, in Würzburg die Liberalen gesiegt haben. Es wäre das Verhältniß demnach 77 Liberale zu 79 Ultramontanen.)
Straßburg, 17. Juli. Die erste Session de« elsaß- lothringischen Landesausschufles wurde, nachdem derselbe seine Arbeiten beendigt, heute Abend im Namen Sr. Majestät deS Kaisers durch den Oberprästdenten geschlossen.
Wien, 15. Juli. Die Folgen der «irthschaftlichen Krisis treten in den Staats-Finanzen in sehr ernster Weise zu Tage. Wie sehr geschwächt die Consumtions-Kraft de« Volkes ist, erhellt am besten aus dem Umstande, daß das Verzehrungssteuer Erträgniß nach amtlichen Berichten im vorigen Jahre gegen das Jahr 1873 um rund sieben Millionen Gulden zurückgebtteben ist. Zugleich aber hat sich auch in den direkten Steuern in den ersten drei Monaten dieses Jahres ein Ausfall von mehreren Hunderttausend Gulden gegen den präliminirten Betrag ergeben, obgleich, wie aus Grund zahlreicher Klagen und Beschwerden conftatirt werden muß, die Finanzverwaltung bei der der Einhebung der Steuern mit der größten Strenge vorgegangen ist. Angesichts solcher Verhältnisse gewinnt die Nachricht von dem 21 Millionen-Pluö im Kriegsbudget »och ein besonderes Relief. — Nicht minder unerfreulich gestalten sich die Verhältnisse auf dem Gebiete des öffentlichen Unterrichts. Obgleich der Unterrichtsminister in feinem letzten Jahresberichte in wenig erquicklicher Weise über einen Mangel an Lehrkräften zu klagen bemüflig war, sehen wir roch, wie sich die Reibungen zwischen Unit versttäts-Professoren und Hm. v. Slremayer eher Der*
Schlaffer als Eheprocttrator.
(Fortsetzung.)
„Bitte sehr, verehrtester Herr Oberst", entgegnete Roßdahl, „da ist Ihre Literaturkenntniß hinter der Zeit zurückgeblieben. Im vorigen Jahre erschien in Oberhausen eine neue Ausgabe dieses unübertrefflichen Werkes und Professor Oskar Jaeger in Köln hat, ganz im Geiste und würdig des Meisters, die Weltgeschie.te der Gegenwart bis zu unseren Tagen herab hinzugeschrieben.
„Vortrefflich, vortreiflich, bann schaffe ich mir morgen am Tage den gegenwärtigen Schlosser an und pensionire den alten, und ich will noch einmal ihn durchstudiren, wie ich e« schon öfter gethan. Ich erbaue mich wahrhaft an bieftm klassischen Werke. Aber — wo ist das erschienen? In Oberhausen? Wo liegt denn das Nest?"
„An dem großen offenen Schienenwege von Köln nach Berlin", erwiderte von Roßdahl; „es ist allerdings eine der allerjüngsten Städte, aber ein schon sehr bedeutender Jndustrieort, der in seiner Mitte die große Buchdrnckerei und Verlagshandlung von Ad. Spaarman» als besonders fchätzenswerthiS Institut besitzt."
„Große Verlagshandlung?" fragte der Oberst kopfschüttelnd. „Habe noch niemals davon gehört. Ich denke, alle großen Verleger müflen in Leipzig und Berlin wohnen und wirken."
„Dem scheint doch nicht so", erwiderte der Rittmeister. „In dieser neu und wunderbar schnell auf sandigem Heidegrunde hervorgewachsenen, von der Kohlen und Eisenindustrie bevölkerten Stadt, am Knotenpunkte der westdeutschen und holländischen Bahnen, erscheine» zwei so bedeutsame literarische Werke, daß diese allein schon jener Stadt den Ruhm einer literarischen Pflegestätte verschaffen."
,2a« wäre?" fiel der alte Lfteratursreund ein.
»Die Schlosser'sche Weltgeschichte und Pie- rer's Univerjal-Conversationö-Lexikon", erwiderte Roßdahl.
„Ah, das muß ja ein ganz unglückliches Buch fein", warf die Geheimräthin unter Zustimmung ihrer Tochter dazwischen. „Hier bei dem „Daheim" finde ich schon zum zweiten oder dritte» Male Blätter, auf denen nichts als Streit und Krieg über Pwrer und Meyer geschrieben steht. Wie hängt das eigentlich zusammen, Herr von Roßdahl?"
_ „DaS Unternehmen erblickte nicht unter günstigem Sterne das Licht des Daseins. Die Redaction der neuen Bearbeitung, welche die sechste Auflage bildete, war in die Hand eines einer solchen Aufgabe nicht gewachsenen Literaten gelegt. Gute Freunde eines ähnliche» concurrirenden Werkes versuchten alsbald die unliebsame Concurrenz zu beseitigen und über den neuen „Pierer" fiel man mit einer weder nöthigen noch gerechtfertigten literarischen Recen- sio» her."
„Und der „Pierer" war natürlich ruinirt ?" meinte der Oberst.
»Wenn das Werk einen anderen Verleger gehabt, viel leicht. Aber Letzterer hat die Selbstverleugnung beseflen, den bereits erschienenen ersten Band der 6. Auflage aus dem Buchhandel zurückzuziehen und gänzlich zu vernichten und, unterstützt von den besten Krätten vorzüglicher Mitarbeiter und durchaus tüchtiger Zweig- unv Hauptredactionen, die Bearbeitung des Pierer ganz von Grund auf neu zu beginnen, um einen „neuen Pierer" in des Wortes vollster und bester Bedeutung herauSzugeben."
„Und ist schon etwas davon erschienen?" fragte die Geheimräthin gespannt.
„schon drei Bände, gnädige Frau", erwiderte Roßdahl, „der vierte muß aber schon in den nächsten Tagen folgen. DaS Pierer'jche ConversationS-Lexikon ist jetzt in der Thai
| so vorzüglich und gediegen, daß man es als das beste und vollständigste Werk dieser Art bezeichnen darf."
„Ganz einverstanden, Roßdahl", fiel der Oberst lebhaft ein, „und der neue Pierer — nun, den muß ich mir wohl gleich bestellen, literarischer Mentor?"
„Freilich, wenn Sie einen solch gediegenen, wiflens- reichen, immer zuverlässigen Rathgeber und Lehrer auf allen nur denkbaren Gebieten deS Wissen«, der Kunst, der Industrie, deS Handwerkes haben wollen, so kann Ihnen kein andere« Werk mit gleichem Erfolge empfohlen werden."
(Schluß folgt.)