Xr. 16$.
Marburg, Sonnabend, 17. Juli 1875.
x Zhrgmg.
Anzeigen nimmt entgegen: die (SflwMtion d. Blatte», sowie die Nnnoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln re; Rudolf Masse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
Q)brrl|flTifd|c Jritung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frarckfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Stete« meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn« und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirkeS SonntagSblatt" durch die Expeditton (Koch'sche Buchdruckerer) bezogen Mark, durch bte Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr). - Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zette 10 Psa.
Mr m der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Abreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Die Theuerung der Lebensmittel.
Unter den vielen wirthschaftlichen Fragen der Gegenwart ist eine der wichtigsten ohne Bedenken die der Preise der Lebensrnittel. Mit der Ueberproduktion und der Schwindelperiode stiegen die Lebensmittelpreise ebenfalls zu ungebührlicher Höhe und wurden dadurch ein hervorragendes Agitationsmittel der Socialdemokraten, um die Arbeiter für die Erhöhung der Löhne zu engagiren. Die Freihandelspartei gab sich der Hoffnung hin, durch die Aufhebung der Schlacht- und Mahlsteuer werde die unnatürliche Preissteigerung der Lebensmittel abnehmen; aber wie diese Richtung sich in so vielen Dingen getäuscht, so ist es ihr auch mit dieser Frage gegangen. Trotzdem daß das vorige Jahr ein glänzendes Erndtejahr gewesen, wie seit lange nicht, und die Preise für Korn und Vieh bedeutend gefallen find, haben Bäcker und Schlächter, namentlich in den größeren Städten die Preise von Fleisch und Brod auf gleicher Höhe aufrecht erhalten, und ziehen den Gewinn, den die Aufhebung der Schlacht- und Mahlsteuer mit fich bringt, ganz allein für sich ein. Nach der Man- chestertheorie müßte der Staat sich um diese Frage durchaus nicht kümmern, sondern alles dem freien Angebot und der Nachfrage allein überlassen, wenn auch dadurch ganze Bevölkerungskreise aufs bitterste leiden. Man weist in der Regel auf die Coalition der Consumenten hin, und will in deren Initiative das beste CorrectionSmittel sehen. Jn- desien haben bis jetzt die Consumvereine in Deutschland und Oesterreich sehr wenig auf die Herabänderung der Preise eingewirkt, und so dürste wohl auch in der Zukunft kein allzugroßer Einfluß wahrscheinlich werden; und so ist rS dringend nothwendig, daß im allgemeinen Interesse der deutschen Industrie, sowie der Consumenten im Allgemeinen der künstlichen und unnatürlichen Steigerung der Lebensmittel entgegmgearbeitet werde. In Frankreich tritt bekanntlich der Staat regulirend ein, sowie eine übermäßige und das Volkswohl " gefährdende Theuerung der Lebensmittel sich geltend macht, und ordnet die Preise durch die Municipalbehörden.
In Oesterreich ging man früher die Bahnen der FreihandelSpartci, und überließ die Festsetzung der Preise ganz allein den Händlern. Jetzt indessen scheint sich doch eine andere Ansicht geltend zu machen. Der Ministerpräsident Fürst Auersperg hat an den Stadthalter von Niederösterreich einen Erlaß gerichtet, in welchem er die Noth< Wendigkeit von Maßregeln gegen die künstliche Steigerung der Lebensmittel anerkennt, und eine Zustimmung zu solchen von vornherein erklärt.
Dieser Vorgang ist äußerst wichtig, insofern auch dort |
anerkannt wird, daß die Bahnen der Freihandelspartet nicht länger in Oesterreich ohne Schädigung deS Gemeinwohls beschritten werden können. Es ist eine Thatsache, daß der Zwischenhandel in wucherischer Weise die Lebens, mittel vertheuert, daß er sich zu einer Herabsetzung der Preise durchaus nicht bequemen mag, dagegen sehr gern bereit ist, jede Steigerung der Rohprodukte durch einen unmäßigen Aufschlag zu begleiten. Die Auffassung, daß die Frage der Lebensmittel den Staat nicht allein in Beziehung auf die sanitäre Ueberraschung angeht, sondern daß auch die Ordnung der Preise, mit Rücksicht auf das allge meine Wohl nothwendig ist, hat bei den Erfahrungen der letzten Jahre bedeutenden Anhang gewonnen. — Schwerlich kann sich unsere Regierung ähnlichen Erwägungen entziehen, wie sie gegenwärtig in Oesterreich fich geltend machen.
Deutsches Reich.
= Berlitt 15. Juli. Der Bundesrath hat in seiner letzten am 25. v. M. abgehaltenen Sitzung von den Verordnungen und Bekanntmachungen Kenntniß genommen, welche von Seiten Preußens, Bayerns, Sachsens, Mecklenburg-Schwerins und Waldeck-Pyrmonts über die Einziehung des Staatspapiergeldes auögegangen. Sämmtliche Bundes- Regierungen (da Mecklenburg-Strclitz später auch hinzugetreten), welche Staatspapiergeld ausgegeben haben, sind auf diese Weise dem Wünsche des Reichskanzlers nachgekommen. Auch die Ausführungs-Anordnungen zu dem Gesetz über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ist schließlich -noch geordnet worden. Der preußische Antrag, die Vergütungssitze für ein mit zwei Pferden bespanntes Führwerk mit Führer um 25 pCt. herabzusetzen, sowie auch andere Sätze zu ermäßigen, ist abgelehnt worden, dagegen der Antrag Sachsens, die Ermäßigung für die genannte Portion um je 1 Mark, und die Sätze für andere Bespannung um je 50 Pfennige, angenommen. Die Sätze sind demnach folgende: in erster Klaffe für ein mit einem Pferde bespannte» Fuhrwerk nebst Führer 8V2 Mark, für jedes weitere Pferd 44/2 M.; für ein mit 2 Pferden bespanntes Fuhrwerk nebst Führer 13 M.; in 2. Claffe nach der vorstehenden Reihenfolge 8, 4, 12 M.; in dritter 7, 31/2, 10 M.; in vierter 6, 3, 9 M. Dann wurde es auch noch bezüglich der Verkehrstoleranz für die in Würtemberg und Baden, zur Aufnahme von rohen Obstsäften, Most u. s. w. dienenden sogenannten Herbst gesäße bei den Bestimmungen der Normal-Eichungs Commission, wie diese 1869 getroffen worden find, belasten, so daß ein hierauf etwa anzuwendender entgegenstehender Be
schluß nicht zur Geltung gelange. Endlich wurde noch dem Reichskanzleramte die Ermächtigung ertheilt, den Zeitpunkt, zu welchem der Anschluß gewister Bremischer Ge- bietstheilesan daSZollgebiet erfolgen solle, näher zu bestimmen. Das Gesetz über die Verfastung der Verwaltungsgerichte und des Verwaltungsstreitverfahrens, sowie das über die Ausgaben für das Oberverwaltungsgericht werden in den nächsten Tagen publicirt werden, sie sind vom Könige refp. am 3. und 4. d. Mts. publizirt worden. — Die „National- Zeitung" hatte in Folge der Artikel der Kreuzzeitung „Aera Bleichröder-Camphausen" die Ansicht aufgestcllt, man muffe für die Angriffe der Kreuzzeitung die ganze confer» vative Partei dadurch strafen, daß man jetzt die Reform des Herrenhauses auf die Tagesordnung stelle. Dieser übereilten Taktik gegenüber spricht die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" sich in sehr scharfen Ausdrücken aus. Sie hält den Zeitpunkt für die Anregung dieser Tage für den denkbar fchlechtgewählten, und constatirt, daß die con» servative Partei gerade in der letzten Landtagssession sich der Regierung enger angeschlosten wie früher, die Kreuzzeitung mit der conservativen Partei zu identificiren, hält das offiziöse Blatt für einen großen Jrrthum, denn jenes Blatt könne immer nur für das Organ weniger persönlich Unzufriedener angesehen werden, nicht aber als Ausdruck der conservativen Partei. Ein ernsthafter unmittelbarer Anlaß, jetzt die Forderung nach einer Reform deS Herrenhauses zu erheben, liegt bei alledem nicht vor. Im Gegentheil sprachen — abgesehen davon, daß Regierung und Landtag noch aus lange Zeit hinaus dringende Fragen zu erledigen haben, — recht ernste Gründe dafür, diese Frage einstweilm ruhen zu lasten, und nicht der conservativen Partei deS Herrenhauses eine Solidarität mit der „Kreuzztg." aufzudrängen, von welcher sie schon heute nichts mehr wiflen will, und welche sie bereits bei so vielen Veranlassungen mit immer mehr wachsender Energie gebrochen hat.
Heidelberg, 11. Juli. Das „Heidelb. Journal" veröffentlicht einen Brief deS Propstes v. Döllinger, den dieser unterm 18. Oktober 1874 an einen katholischen Geistlichen im badischen Oberlande richtete und der die Stellung Döllinger'S zum AltkatholicismuS unzweifelhaft klar stellt. Es heißt darin: „Gern beantworte ich die an mich gestellten Fragen, freilich als ein sehr in Anspruch genommener alter Mann, in nothwendiger Kürze.'1) WaS mich betrifft, so rechne ich mich aus Ucberzeugung zur altkatholischen Gemeinschaft; ich glaube, daß sie eine höhere ihr gegebene Sendung zu erfüllen hat, und zwar eine dreifache: a. Zeugniß zu geben für die altkirchliche Wahrheit und gegen die neuen Irrlehren von der päpstlichen Uni-
Schloffer als Eheprocurator.
(Fortsetzung.)
„Run — dann hat wohl der alte Moltke Euch deshalb unter den vielen tüchtigen Kerlen unserer famosen Armee ausgesucht, weil Ihr der liebenswürdigste Tänzer auf den Bällen der Frau Geheimen Commerzienräthin wäret, und weil ich mit Keinem lieber zu Tische sitze, als mit Euch? He, Freundchen? Sollte nicht doch das Recht eines anderen Verdienstes, an dem wir — nicht wahr, theure Freundin? — trotz allem Wohlwollen doch nicht den geringsten Antheil haben, hier entschieden haben? Ich habe eS ja immer gesagt, daß Ihr nach Berlin müßtet, daß, wenn ich Moltke wäre, kein Anderer als Ihr mein Alterego werden dürste. So ein alter Kopf, wie ich, hat doch auch so viel Einsicht und Verstand, daß ihm der be sondere Werth eines wissenschaftlich sich hervorchuenden, eines historisch gebildeten tapferen Offiziers fonnenhell in die Augen springt."
„Ah, Sie haben ja geschriftstellert; — richtig, richtig! Major Stengel sagte noch unlängst, als aus die schöne Bibliothek meine» seligen Mannes die Rede kam: die hat Roßdahl auch nicht umsonst benutzt; die wird ihm noch gute Zinsen einbringen." Y
„DaS ist es ja eben, weshalb ich lebenslang Ihnen, hochverehrte Frau Geheimräthin, meinen vollsten, aufrichtigsten Dank schulde und gern schulde," fügte der ehrliche Rittmeister nachdrucksvoll hinzu. Unter allen Werken ihrer reichhaltigen, mir.iso überaus freigebig geöffneten Biblithek war eS aber eines, das mich besonders festelte, da« wich besonders begeisterte und ausrüstete zu verschiedenen literarischen Versuchen."
„Ich habe ja gar nichts von diesem, hiernach doch so sehr billanten literarischen Debüt erfahren? DaS hätten Sie Ihrer alten Freundin doch nicht verschweigen dürfen! Sie Böser, Sie!" sprach die freundliche Wirthin mit jenem Blicke, der zu strafen scheint und doch nur die vollste An
erkennung ausspricht. „Aber welches Buch unserer Bibliothek hat Sie denn begeistert und zum Schriftsteller gemacht? DaS muß ja ein ganz besonder» tüchtige» Werk fein, und foll hinfort — wenn dem nicht schon so ist — gewiß den ersten Platz im Büchersaal haben."
„Kein anderes als Schlosser's Weltgeschichte," erwiderte Roßdahl mit dem Tone dankbarer Verehrung.
„Richtig, richtig I" fiel der alte Oberst ein und vergaß ganz, daß ex sich gerade eine neue Cigarre anzünden wollte. „Ja, der Schlaffer, der Schlosser! Ich habe es Euch ja immer gesagt, al» wir noch in dem ganzen Elende der vermaledeiten ConflictSperiodc waren und man schon ganz klug sein konnte und doch nicht wußte, wohin das führen und treiben sollte; die Geschichte muß unsere Diplomaten und Patrioten lehrmeistern und auf den rechten Weg bringen. Wir müssen erst begreifen, daß wir auf Irrungen und schiefen Bahnen unS befinden, und daß unserem schönen Deutschland nicht anders geholfen »erben kann, als wenn durch die Federfuchfereien von 1815 ein kräftiger Strich gemacht und von vorn wieder angefangen würde. Ich dachte immer, wenn der alte Blücher noch diesen dicken, dicken Strich mit seiner echten, festen deutschen Faust noch machen könnte. War eö nicht so Freundchen? Haben wir nicht oft hierüber gesprochen, während fie fich in den Kammern zankten und Bismarck die Sendboten Über die Köpfe hieb? Jst's nicht so?"
„Gewiß! Und deßhalb gerade bin und bleibe ich auch Ihr Schuldner Zeit meines Lebens. Auf Ihrem Zimmer mtstand an einem herrlichen Abend in mir, wa» wenige Tage darauf die Feder dem willigen Papier vertraute. Es lag draußen eine dumpfe Schwüle auf den regungslosen Bäumen de» Gartens, am Horizont erhob sich's, als sollten wir zur Nacht ein Gewitter haben. Wir sprachen von dem nationalen Elende feit dem Wiener Kongreß; Sie konnten mir so manches denkwürdige Erlebuiß, manches treff'nde Wort von Männern der damaligen leitenden Kreise von der nationalen BundeStagSwirthschaft, welche
jenen französisch österreichischen und russischen Verhandlungen folgten und das sieghafte Preußen in den Satrapendienst der Metternich'schen Politik stellte, mittheilen, und ich glaube, ich war ein lernbegieriger aufmerksamer Schüler."
„Ja, wenn ich an die Polizeiwirthschaft, die in der Eschenheimer Gaffe Ziel und Ausgang hatte, dachte, ward mir immer warm nm's Herz, und wenn ich auf Preußens Stellung in Deutschland, in Europa sah, so pochte es hier drinnen von Scham und bitterem Schmerze. Ich erinnere mich auch noch jenes Abends im Mai 1866, aber nicht, weil ich da die Offenbarung ober ein Prophet gewesen, sondern nur, weil ich damals den jungen Fähnrich von Roßdahl, den einzigen Sohn meines besten, liebewerthen Freundes, beim Glase echten Rüdesheimer bei mir hatte und gern der Ahnung mich hingab, daß er berufen fei, an ter Belebung des preußischen Staates, an dem Neubau be» Deutschen Reiches tapferen Antheil zu nehmen. Daö eiserne Kreuz auf Eurer Brust ist der redende Zeuge der glänzenden Erfüllung meiner Ahnung; die heutige Beförderung aber weist Euch an einen Platz, von wo Ihr klarer wie bisher die Aufgabe unserer nationalen Zukunft durchschauen, wo Ihr die Fülle Eure» Wirken» und den Ernst Eurer Kraft für ihre ganze Lösung folgenreich ein- setzen werdet."
Der Oberst hatte diese Worte mit tiefer Empfindung gesprochen und sich selbst damit ein von dem jungen Freunde wohlverstandenes Zeugniß ausgestellt. Hatte ihm fein Leiden früher, als et wünschen konnte, den Degen aus der Hand genommen, so war doch sein Herz ganz bei der Armee, die mit Gott für König und Vaterland reorgani- sirt werben mußte, geblieben, und mit Zuversicht und Freude hatte er den Ernst und die Einsicht, da» Wiffen und den Willen feines jungen Freundes wahrgenommen. Doppelt freute er sich jetzt, daß er ihm stets ein so günstiges Horoskop gestellt hatte.
(Fortsetzung folgt)