®r. LS8.
Marburg, Freitag, 9. Juli 1875.
x Mrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureanx von Th. Dietrich & Co in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfutt a. 21!.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
Werhejsischt Jritung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.^'Jüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Ouattal mit der wöchentlichen Beilage „JllufttirteS SonntaaSblatt" durch die Erveditin» Buchdruck-re.) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf» (eyl. ®en7agebül,r”. - Jn&iBn1“STbi; gÄaltene A- IO Psn * Für ,n der Expedition zu eriheüende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
Die A«-wauderu«g-frage.
Die Auswanderungsfrage, welche in der letzten Zeit die deutsche Presie nicht dies vom politischen, sondern auch vom volköwirthschastlichen Gesichtspunkte aus, so vielfach beschäftigt hat, findet gegenwärtig in den maßgebenden Kreisen Italiens die eingehendste Berücksichtigung. Unter den Auspicien der Minister Visconti Venosta, San-Bon und Finali, sowie mehrerer Senatoren und Abgeordneten, hat sich sich nämlich ein Verein zum Schutze der italienischen Auswanderer gebildet. Die Auswanderungsfrage ist von hoher Bedeutung für die Staaten; und die Re- gtemngen derjenigen Nationen, unter welchen die Auswanderung große Dimensionen gewonnen hat, haben sich schon lange damit beschäftigt, wenn auch in verschiedenem Sinne, denn während einige in der Auswanderung eine Entziehung von Kräften erblickten, und deßhalb Mittel suchten, sie zu verhindern, hielten andere die zu erwartenden Vortheile für größer, und begünstigten sie. Diese Meinungsverschiedenheit zwischen Gegnern und Fördern der Auswanderung zeigte sich auch aus dem Gebiete der Volks wirthschaft. Klare Köpfe und aufmerksame Beobachter dieses großen socialen Phänomen- kommen zu dem Urtheil, daß eine direkte Einmischung der Regierung den AuSwandern gegenüber durch ein förmliches Verbot der Auswanderung nicht zugethan sei, weil dies eine Beschränkung der persönlichen Freiheit constituirt. Indessen ha: aber der Staat den AuSwandrern gegenüber die Pflicht, sie zu beschützen, damit sie nicht Täuschungen und Betrügereien zum Opfer fallen; er hat die Aufgabe, sie auszuklären, um sie namentlich vor dem Mißbrauch und der Ausbeutung der Speculation zu bewahren. Die Erfahrung hat gelehrt, daß gerade die Spekulation die Lage der Auswanderer sehr erschwert, indem denselben lügnerische Schilderungen von den Vortheilen gewacht werden, die sie in ihrem neuen Vaterlande erwarten sollen, während ihnen für Transport und Unterhalt auf der Reise so viel Geld als möglich abgeprcßt wird. Die vielen und schweren Nachtheile, welche daraus entstanden, haben die Regierungen zur Intervention veranlaßt, es wurden feste Normen aufgestellt, in Bezug auf das Verhältniß der Zahl der transportirten Auswanderer zur Größe der Schiffe, sowie auf die Lebensmittel, die ihnen geliefert werden müssen, und andere Vorsichtsmaßregeln getroffen, um die Gewinnsucht der Unternehmer auf Kosten der Auswanderer rinzuschränken. Indessen ist die Ausführung derartiger Bestimmungen mit großen Schwierigkeiten verbunden, deßhalb haben sich in den Ländern, wo die Auswanderung große Proportionen gewonnen hat, Privatgesellschaften gebildet, um die Regierungen zu unter stützen, und vor allem, um über die wirkliche Lage der Dinge in den überseeischen Ländern und das von den Auswanderern dort zu erwartende Loos, Aufklärungen zu er
halten und dann zu verbreiten. In Ländern mit freier Preffe kann die Regierung unmöglich alle» Uebertreibungen entgegentreten, welche künstlich verbreitet werden, um die Einwohner zur Auswanderung zu verleiten. England und Deutschland haben bereits Schutzgesellschaften, wie die, welche jetzt in Italien in Bildung begriffen ist; die sich jedes direkten Auftretens dem einzelnen Individuum gegenüber enthaltend, umfaßt das Land in seiner Ausdehnung, und macht es sich zur Aufgabe, dies über die Länder aufzuklären, nach denen sich die Auswanderung richtet, sowie über den Schutz, den die Auswanderer von der Regierung zu er- warten berechtigt sind.
Tagesbericht.
Dem „Reichsanzeiger" zufolge ist der Handelsvertrag zwischen dem Zollverein und dem Königreich Italien vom 31. Dezember 1865 und die Schifffahrtsconvention zwischen dem Norddeutschen Bunde und Italien vom 14. October 1867 vom italienischen Gesandten gekündigt worden.
Der Kaiser hat dem Dr. Nachtigall zunächst für das Jahr 1875 aus Reichsmitteln einen Betrag von 6000 M. bewilligt, damit derselbe in ungestörter Ruhe und unter der nöthigen Pflege seiner Gesundheit die Früchte seiner mühseligen Forschungen in wissenschaftlichen Ausarbeitungen der Verwerthung entgegenführen könne.
Verschiedene Projekte sind zur Deckung deS bcvor- Dcfizirs im Reiche vorgeschlagen worden, wie Bier-, Brau«, Kaffee- und Petroleumsteuer; jetzt fängt man an, davon zu sprechen, die Einnahmen aus der Lotterie den Einzel stauten abzunehmen und auf das Reich zu übertragen. ES ist nicht zu leugnen, daß der jetzige Zustand der deutschen Einheit wenig entspricht. Sachsen, Braunschweig und Hamburg besitzen Lotterien, deren Existenz wesentlich auf dem Absatz der Lose in Preußen beruht, während es in Preußen verboten ist, in diesen „auswärtigen" Lotterien zu spielen; eine Reichslotterie mit einer Emission von 400,000 Loosen, die auf den Consum der genannten vier Lotterien berechnet ist, würde eine Einnahme von 15 Mill. Mark gewähren, also daS Defizit decken, aber wahrscheinlich auf großen Widerstand stoßen.
Die Reichsjustizcommijsion wird vom 10. d. M. ad bis zum September in Vacanz fein, und sich, da der Aufenthalt in Berlin während des Spätsommers sich eben nicht empfiehlt, wahrscheinlich wieder in Baden-Baden versammeln, zur Wahl welchen Ortes wohl hauptsächlich die Ursache sein mag, daß Herr Lasker in Freiburg weilt, den man so leichter zu den vorzunehmenden Arbeiten heranzuziehen hofft.
Der Ausschuß der deutschen ReichS-JndustrieauSstellung in Berlin 1878 hat unter allgemeiner Zustimmung der
Großindustriellen seine Thätigkeit nunmehr begonnen. Da« Centralbureau befindet sich Wilheimstraße 28. Von Berliner und auswärtigen Industriellen sind bereits zahlreiche Anmeldungen eingegangen.
Bei der jetzt in Baiern stattfindenden Wahlbewegung kommt mehrfach die Abschaffung der Reservatrechte, welche weder Baiern noch Deutschland Vortheile bieten, zur Sprache. So ist jetzt in einem pfälzischen Wahlkreise eine Wählerversammlung der liberalen Partei gehalten worden; kein Widerspruch machte sich in derselben geltend, al« der Wahlkandidat, Pfarrer Reifel, die Worte aussprach: „Auch ich will den Ausbau de« Reiche« nach innen und außen, will es schützen helfen gegen innere und äußere Feinde; die baierischen Reservattechte müffen abgeschafft werden. Wenn wir in unser Programm aufnehmen „Festhaltung an den geschloffenen Verträgen", was thun wir denn da Besonderes? Dieser Paffns steht auch im Wahlmanifest der patriotischen Partei. Nein, wir dürfen nicht dabei stehen bleiben, sondern das Reich muß mehr Freiheit bekommen und in diesem Sinne muß der Nationale Gedanke von uns stets hochgehalten werden."
DnttscheS »eich.
Berlin, 7. Juli. Der bereits telegraphisch in einem Theil der gest. Nr. auszüglich mitgetheilte Artikel der „Provinz.- Corr." über „Die Durchführung der Münzreform" lautet wörtlich: „Die deutsche Finanzpolitik ist in den letzten Wochen, namentlich in Betreff der Durchführung bet Münzreform, Gegenstand lebhafter Angriffe gewesen. Mit großer Bestimmtheit wurde behauptet, daß die Einführung der Goldwährung so gut als gescheitert sei, indem die Fi- nanzverwaltuiig nicht mehr im Stande sei, den Abfluß der deutschen Goldmünzen ins Auslanv und die hieraus hervorgehenden bedeutenven Verluste für das deutsche Reich zu verhindern. Diese Klagen sind auffallender Weise gerade in dem Augenblicke mit besonderer Schärfe hervorgelreten, wo nach dem übereinstimmenden Urtheile aller sachkundigen volkswirthschastlichen Stimmen bereits unverkennbare Anzeichen dafür Vorlagen, daß die größten Schwierigkeiten für die Durchführung der Münzreform überwunden sind und das Gelingen in naher Aussicht steht. In der Thal sprechen die neuesten volkswirthschastlichen Wahrnehmungen dafür, daß die Einführung der Goldwährung ungeachtet der unerwarteten Schwierigkeiten, welche die ungünstigen Verhältniffe der letzten zwei Jahre bereitet hatten, zu dem von vornherein in Aussicht genommenen Zeitpunkte, dem 1. Januar 1876, eine vollendete Thalsache fein werde. Mit dem 1. Juli d. I. ist für die Entwickelung der Bank- und Münzverhältmffe ein wichtiger Abschnitt eingetreten, inbem von diesem Zeitpunkt ab allen Notenbanken durch das Bankgesetz untersagt ist, Noten von 50 Mark und
»ach dc« Stur».
Novelle von E- Streben.
(Fortsetzung.)
l;@r zog eine zusammengezogene Zeitung aus der Brusttasche und warf sie auf den Tisch. Die Wittwe griff mit zitternder Hast danach, entfaltete die Blätter und breitete fle vor sich auS, mit unstärem aber kundigem Auge nach der Unglücksbotschaft forschend. Währenddem erhob sich langsam der aUe Schiffer und trat zu der in ihrem trostlosen Schmerz fast vergehenden Braut seines Sohnes, die rr einige Zeit trüben Blickes und mit einer Art von trau riger Genugthuung betrachtete. Dann legte er sanft den Arm um sie herum und zog sie an sich.
„Recht hast, Dirne", murmelt« er mit heiserem, fast erloschenem Tone, „Recht hast, Dich zu grämen; er hat'S verdient um Dich, der Mathias! War ein wackeres treues Blut und hatt' Dich lieb so recht aus dem Herzensgrund. Aber halt unserem Herrgott nur still, Du bist meine liebe Tochter wie immer und wir zwei halten zusammen bis anS Ende, dabei bleibt'«."
Und er drückte das bebende, in hefttgem Schluchzen fast erstickende Mädchen fest an seine Brust.
Nun war eS dicht vor der Thür, das liebe WeihnachtS- fest, mit seiner sorgsam vorbereiteten, von allen Kinderherzen so heiß ersehnten Freude, die mehr als Sonnenschein die kurzen, dunklen Tage, den ganzen einförmigen Winter durchleuchtet mit wunderbarem, unvergeßlichem Glanz, lleberall verdoppelte Geschäftigkeit, die selbst schon ein hei tereS Gepräge trägt; ein Hasten und Vorwärtsdrängen auf den Gaffen, ein Bieten und Feilschen, Verwerfen und Wählm, Suchen und Finden, bedenkliches Ueberschlagen und freudige« Entschließen, Helle Mienen und aufgethane Börsen und Herzen auf dem Markt und an den Buden. Darüber schwebend, wie eine unsichtbare WeihnachtSwvlke
es einhüllend, der würzige Duft der Tannenbäumchen. Ucberall bunter, lockender Flitter zwischen dunklem Grün in heiteren Farben hervorspielend, geschaffen, so recht das Kinderherz zu entzücken. Kurz, eS war mit einem Worte der Tag vor dem 24. Dezember, der bann alle biefe Herrlichkeit erst spendet unb austheilt.
Auch in bem vom Kummer heimgesuchten Hause ber Wiltwe Völkert war ein Abglanz biefer weihnachtlichen Freudigkeit eingekehrt. War doch neben dem Verlust, der sie betroffen, neben der Klage um verloren gegangenes Glück und geknickte Hoffnungen, reichlich noch Ursache vor- handm, den erhaltenden Later im Himmel zu preisen, der, wie die erfreuende, aus zuverlässiger Quelle rührende Kunde lautete, die Söhne und Brüder beffelben in brängenber Gefahr gnädig beschützt unb das hart bedrohte Schiff, das sie beide trug, glücklich in den bergenden Hafen geleitet hatte. Ja, man konnte von Herze» dankbar sein, man mußte, nenn auch mit einer Thrine, die nicht blos ber Freude angehörte, hinauf blicken zu ihm, bet Winde und Wogen regieret, Tod und Leben entsendet. Ach, die« Geschenk des so oft und schwer gefährdeten Daseins, wie es der Seemann aus Sturm unb Wellendrang sich erbeutet unb glücklich in die Heimath rettet, ist jedesmal eine köstliche, frisch «neuerte Gnadengabe für die Seine»! Aber das liebende Mädchen, die Braut, die den Stern ihres Lebens, Denjenigen, welchen ihre ganze Seele so innig und treu umfaßte, untergegangen wußte in den erbarmungslosen Fluten — was tröstete sie, wer gab Ersatz ihrem
Wohl fühlten Alle mit ihr, die Mutt« war so mild, so herzlich und gütig, wie dies selten sonst zu Tage trat; sie sprach gedämpften Tone«, wie zu einer Kranken mit ihr. Die Geschwister, mit fast scheuern Mitleid auf sie blickend, mieden in Gegenwart der bleichen Schwester das laute
Auftreten, die lärmende Fröhlichkeit ihres Alt«s. Ab« das Leben ging feinen Gang. ES gab so Vielerlei zu besorgen, zu schaffen unb zu bedenken in dieser eiligen Zeit, und wenn auch daS arme Him schmerzte von der fieberhaften Anfttengung, dis verminten, müden Gedanken auf andere Dinge zu lenken, als auf das eine Furchtbare daS wie eine tiefe brennende Wunde sich ihm eingegraben hatte, die schwer Getroffene mußte sich zusammen nehmen. Und sie wollte die«, sie kämpfte redlich mit dem Herzeleid I daß es sie nicht gänzlich in den Staub beugen ihre Seele unrettbar lähmen sollte. Nein, die Kinder sollten nicht darunter leben, das Geschick, daS sie betroffen, nicht ent. gelten I Entbehren die armen Geschöpfe nicht ebenfalls des Vaters, der für sie sorgte und sie erfreuen konnte mit reichlichen Gaben, wie wohl ehedem? Sie sollten darum doch nicht leer ausgehen bei bem Feste, da« allen Kindern und denen, die kinderlichen Herzen« sind, Freude und Segen bringt. Und fiel auch manche heißgeweinte Thräne auf die in nächtliche Stille geförderte Arbeit, Christiane schaffte emsig und unermüdet für die Mutter unb bie Geschwister, ihnen einen Strahl beS Glückes in die Brust zu senken, ba« sie selber zu empfinben nicht fähig war
Drei Uhr Nachmittag« war vorüber, fte hatte ihren Mantel umgethan und sich aufgemacht nach ber Wohnung de« alten Voß, ihn zu besuchen, was feit mehreren Tagen im Drang Überhäufter Beschäftigung nicht geschehen war Fühlte sie sich doch in sein« Nähe wohler als sonst irgendwo; und wenn sie bei ihm eintrat, und er ihr bie rauhe Hand zu« stummen Gruße entgegenftntfte, wenn sie sein! ge- trübten Augen so fest und treulich auf sich gerichtet sah, und wie auf den harten Zügen ein stilles, kummervolles Lächeln flüchtig hervortrat bet ihrem Anblick: bann fühlte Pe, daß Der, ben sie betrauerte, einen guten Theil feiner KindeSrecht« unb KindcSpflichten auf sie übertragen, ihr