Hr. LS«.
Marburg, Mittwoch, 7. Juli 1875.
X ZhkMg.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich <L Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. k.
Odrrhtßslhc Jritung.
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Utber die Arbeilerverhälluifse in Deutschland.
Die -läge über die Demoralisation und die geringe Tücht(>keit der Arbeiter ist in den Kreisen der Industriellen so allgemein verbreitet, daß eine Untersuchung dieser Frage zur Hebung unserer Industrie sehr bedeutend in die Wagschale fällt.
O Der Arbeitermangel, der sich unmittelbar nach dem französischen Kriege aller Otten fühlbar machte, hat allerdings bei dem völligen Darniederliegen der Industrie gegenwärtig bedeutend nachgelasien; aber eS ist nicht zu verkennen, daß ein normaler Zustand noch immer nicht wieder eingetren ist und die Jndusttte an den Folgen jener Zeit fchwer leidet. Wenn e» nur die Erhöhung der Löhne allein wäre, so würde sich dies vielleicht noch tragen lassen, wenn damit eine intensivere Arbeit und eine größere Intelligenz, da« verstärkte Bestreben ausgezeichnete Arbeit zu liefern Hand in Hand ginge. Leider aber ist dies nicht der Fall. Es liegen uns darüber von berufenster Seite die eingehendsten Erklärungen vor, welche das Gegentheil bezeugen und Nachweisen, daß mit der Erhöhung der Löhne gleichzeitig eine bedeutende Herabminderung der ArbeitS- thätigkeit ringetreten ist.
Die Agitation der Soeialdemokratie mit ihren jeder vernünftigen Auffassung der Dinge widersprechenden Vorspiegelungen hat es dahin gebracht, daß einem großen Theil der Arbeiter die WillenSkrast, durch treue Pflichterfüllung und größere Arbeitsleistung seine Lage zu verbessern, Der- loten gegangen ist. E« kann auch nicht geleugnet werden, daß zu biefem traurigen Zustande unsere übereilte liberale Gesetzgebung nicht wenig beigetragen; die Fülle der neuen Freiheiten hat dem Arbeitevtzand, bet, wie es sich jevt hinreichend dargethan hat, für eine solche Ent Wickelung noch nicht reif war, überrascht und da« Resultat zur Folge gehabt, daß er diese Freiheiten mißbraucht hat, Namentlich sind es die neuen EoalitionSgesetze und die damit verbundene Aufhebung de« EontraetdruchS, die Ab fchaffung des Paßzwanges, das Freizügigkeitsgefetz und einzelne Bestimmungen der Gewerbeordnung, -welche die Industrie nicht unwesentlich geschädigt Haden. Man kann als Resultat aller dieser Errungonschasten heute sagen, die Arbeiter haben ste nicht dazu angewandt, ihre Lage in
Wahrheit zu öerbeffetn, sie haben allerdings einen bedeutend höheren Lohn erpreßt, aber befinden sich trotzdem durchschnittlich noch in der früheren Lage, denn sie haben die Erhöhung deS Lohne« nicht dazu benutzt, sich gleichzeitig materiell zu heben, sondern ihr Verdienst größtentheil« in Wirthshäusern verschleudert und flch einer zügellosen Vergnügungslust überlasten. Durch die Aufhetzung der Socialdemokraten ist es dahin gekommen, daß der Arbeiter sich seinem Brodherrn meistens feindlich gegenüber stellt, und ost genug sind Fälle von vorsätzlicher Beschädigung und Untreue vorgekommen. Gegenwärtig haben allerdings eie Wühlereien der Socialmokraten bedeutend nachgelasien, aber damit ist nicht ausgeschlosirn, daß dieselben ihre Wirksamkeit in einer besseren Zeit mit erhöhtem Eifer wieder aufnehme«; man hegt die Hoffnung, daß eine vergrößerte Bilvung des Arbeiterstandes auch eine bessere Einsicht verbreiten werde; die Ansicht liegt aber noch in weiter Ferne. Man kann ei daher den Kreisen der Industriellen nicht verdenken, wenn sie von der Gesetzgebung eine geringe Remedur, namentlich mit Rücksicht auf den Eontraktbruch, erwarten. Die Ansicht verbreitet sich immer mehr, daß eine solche Aenderung dringend nothwendig ist, und nur sie im Stande ist, unS vor den weiteren Ausschreitungen der Socialdemokratie zu bewahren.
Deutsches Reich.
— Berlin, 5. Juli. Sonntags hat sich der Kron- Prinz mit Gefolge nach Wien begeben, um auf Allerhöchsten Befehl der dort in diesen Tagen stattfindenden Beisetzung deS verewigten Kaisers Ferdinand deizuwohnen. Der -General der Infanterie v. Biumenthal, der Hofmarschall Graf Eulenburg und die Majore v. Unruhe und Liebenau -begleiten den Kronprinzen. — Der Gesetzentwurf betreffend die Einverleibung de« Heizogthums Lauenburg in den preußischen Staat soll sicherem Verlauten nach dem nächsten Landtage vorgelegt werden. Da sofort nach Annahme de« Gesetzes die laufenden Geschäfte in die preußische Verwaltung übertragen werden müssen, so sollen alle Vorbereitungen dazu bereits von Seiten des lauenburgischen Ministeriums getroffen »erben. — Ein Gesetz betreffend die Benutzung -fließender Gewässer wird im landwitthschastlichen Ministerium vorbereitet; die dazu nöchigen Erhebungen werden
bereits seit längerer Zeit vorgenommen. Da« Botfluthgesctz von 1843, da« sich gegenwärtig als nicht mehr zeit- und zweckgemäß herausstcllt. soll nicht allein die den jetzigen Bedingungen gemäße Umgestaltung erhalten, sondern manche hie und da noch bestehende und unpraktisch gewordene Provinzialgesetze ganz ausgehoben werden. Zn den Kreisen aller Interessenten hat die Aussicht auf die Vorlage lebhafte Erregung hervorgerufen. — Im nächsten Jahre wird ohne Zweifel der Etat deS ReichSeisenbahnamt« eine Erweiterung erfahren müssen, da die Geschäfte immer umfassender werden; da jedoch gegenwärtig die etatmäßigen Stellen vollständig besetzt sind, so wird man vorläufig zur Heranziehung von Hüsisarbeitern seine Zuflucht nehmen. Der bisher an der hessischen Eisenbahnverwaltung beschäftigt gewesene Regierungsaffessor Clusiu« ist vor Kurzem al« HülfSarbeiter |in das ReichSeisenbahnamt eingetreten und darf man noch andere derartige Merufungen erwarten.
Mühlheim a. h 8t., 4. Juli. Der gestrige vorn Deutschen Verein zu Essen in Scene gesetzte Fackelzug gestaltete sich zu einer neuen glänzenden Ovation für den Herrn Cullnsminister, an dem sich mehr als 2000 Fackelträger von Esten und aus den umliegenden Ortschaften beteiligten. Der Zug bewegte sich vom Limbeck» Thor zu dem Effener Hof hin, woselbst Dr. Falk abgestiegen war. Eine Deputation des FestcomiteS begab sich zu demselben, und Herr Blumenfeld begrüßte ihn im Namen de« Verein«. Der Minister stattete von einem Fenster des Hotel« au« diesem und den übrigen Betheiligten für bereu Ehrenbezeigung seinen Dank ob, worauf der Zug unter Hoch unb Jubelrufen abzog unb sich nach dem ftäbtischen Garten hin begab. Binnen kurzer Zeit hatte sich der in diesem vorhandene Riesensaal sammt feinen Gallerieen mit Menschen angefüllt. Bald erschien auch Dr. Falk, begleitet von Vorstandsmitgliedern de« Deutschen Verein« und wurde mit stürmischem Enthusiasmus empfangen. Der Vorsitzende de« Verein«, Herr Justizrach Gützloe, ergriff bas Wort, indem er darauf hinwieS, daß die Liebe zu dem erhabenen Deutschen Heldenkaiser, dem Sieger von Schlachten, wie die Welt sie nie gesehen, nicht verlöschen »erbe. Di« ganze Welt wiffe, baß der Kaiser nur auf da« Wohl seine« Volke« bedacht sei, und dafür keine Opfer scheue.
noch zum Ueberfluß Die Schürze über den Kops gezogen
inneren Auge vorüber ziehen?
-mußte sich erst noch ein wenig austoben nach dem langweiligen Sitzen. Auch die beiden älteren Mitglieder bet- selben feierten noch ein Viertelstündchen „Schub- ober Schummerabend,* freilich wohl hauptsächlich nut, um ungestört ihren Gedanken nachzuhängen. Von außen fiel ein schwacher Schein der brennenden GaSlaterne in da« Stübchen herein, einen Theil des Fußboden« erhellend, und und verlieh dem erwärmten Raume einen traulich behaglichen Anstrich. Den Rücken der Helle zugekehrt, im dunkelsten Winkel deS Gemaches saß Christiane und hatte
hat. Und da« ist so gewißlich wahr, als ein ordentliches Seeschiff seinen Klabautermann hat, der e« bewacht. Mein Christophetbruder der vor Fehmarn geblieben ist, hat ihn selbst einmal gesehen; ein ganz kleines Kerlchen ist'«, mit einem spitzigen Hut auf dem Kopfe. — Doch ich will nut nach dem Kaffee sehen, da« ist besser, als alle« dumme Geschwätz."
Sie erhob sich noch etwa« unwirrsch, und ging hinaus. — Mochte nun die betrübte Christiane das Dasein eines Klabautermannes Mgeben oder nicht; ste that nur einen schweren Seufzer und treetnete ihre Augen, als sich ein Paar Arme um ihren Nacken legten. Es war der kleine Bruder, der sich liebkosend an sie schmiegte.
„Sei nut still, Schwesterchen; bet liebe Gott leibet« nicht, baß bet Mathias ertrinkt. Er hat versprochen, mir recht was schönes mitzubringen und Dir auch. Schaue, sollst nur sehcn. Er kommt gewiß bald wieder.*
Auf der Treppe hörte man die munteren Stimmen der hrimkehrenben Schwellern, die mit lautem Jubel bet Mut ter draußen erzählten, daß e« wieder zu schneen anfange unb baß man die Buden für den WeihnachtSmarkt auf richte, wie immer vierzehn Tage vor dem Fest. „Unb nicht wahr,Gliebe Mutter, wir kriegen bicSmal auch wieder einen Tannenbaum unb recht viele bunte Lichter daran?* — So lachend und plaudernd traten fie mit bet Mutter herein, welche die dampfende Kanne auf den Tisch setzte, um den herum Alle stch gruppitten.
E« war unterdeß schon dunkel geworden und die unruhige kleine Schaar — Ptter, bet Vorzug bet Familie, tummelte sich ebenfalls mit ben Schwestern herum —
Nach dem Sturm.
Novelle von E. Streben.
(Fortsetzung.)
Ja, unb als ich auffahre, wie ans einem Traum und mich vor Schrecken »och nicht besinnen kann, hör' ich deutlich meinen Namen rufen, ja, meinen Namen, und feine Stimme wat's, darauf will ich einen heiligen Eid ablegen. — Ich habe noch ganz andere Stückchen erlebt; thu Du nicht fo keck! Frag' Du nur jede SeemanuSfrau; die wissen Alle von solchen Dingen zu berichten. Das sind die starken Gedanken, wenn der Mensch in Lebensgefahr
Draußen hatte sich bet Wind gänzlich gelegt, unb hernach, als die Lampe angezündet worden, gab es wieder ein verändertes, in heitereren Farben hervortretendes Bild. Jugendlich« Füße hatten sich mit Geräusch vor der Thür den Schnee abgetrampelt und die rührigen Gestalten wieder warme« Leben mit sich gebracht, zugleich mit dem frischen Hauch der Kälte von der Straße, der ihr Haar, ihre Gewänder durchdrungen hatte. E« gab viel gestohlenes Gekicher, Anstoßen unb Lachen und allerlei schlecht versteckte Heimlichkeit; denn um diese Zeit hat ein jeder seine besonderen Pläne und Anschläge, die da« schöne Fest, auf das alle Gedanken stch richten, noch verschönern sollen durch herzliche Liebesbeweise. Die hellen Stimmen schwirrten luftig durch die Stube, und zuweilen mischten sich auch die tieferen Laute der Mutter anlheilnehmend oder verwes send hinein. — Dann kam wieder «ine ruhigere Zeit nach dem frugalen Abendessen, das zumeist au« dem beliebten Kaffee bestand, und die vier Köpfe der Geschwister reiheten sich um den braunen Tisch, wo die Lampe vor der älteren Schwester stehend, die wohlgebildeten Gesichter beleuchtete, immer ein herzerfreuender Anblick für da« Auge einer Mutter. Gewiß empfand die Wittwe, die ihrerseits jetzt in dem Winkel fitzend, emsig da« Spinnrad schnurren ließ, in diesem Augenblicke nur die« beglückende Gefühl, ihr froher Blick, ihre Miene sagten e«, als stch vor der Siubenthür schwere Tritte vernehmen ließen und gleich darauf ein Mann mit einem kräftig au« der Brust geholten „Guten Abend* hereintrat.
Alle sprangen eilfertig von ihren Sitzen empor unb umringten ben Angekommenen, der seine Mütze auf den
ist und in Todesangst; die machen stch dann frei Dorn’ Weinte ste, ließ sie Die Bilder düsterer Ahnung an ihrem Körper und eilen zu Demjenigen hin, den man am liebsten inneren Auge vorüber ziehen?
Tisch warf und in seiner stark nach vorn gebeugten Haltung näher stapfte. „Guten Abend", wiederholte er nochmals, „grüß' Gott Alle mit einander.* (Forts, folgt.)
Der Manat Juli.
Dieser Monat soll der Regel nach die wärmsten Tage des Jahres Haden. Heftige, von starken Regengüflm de- gleitete Gewitter kühlen die Hitze wenig ab. Die Temperatur nimmt bis gegen den 25. gleichförmig zu. Um diese Zeit treten im Mittel die wärmsten Tage ein, die häufig dis Mitte August dauern. Daher erhitzt sich denn auch die Erdoberfläche im Sonnenschein bis auf -f- 50 OR. - Die meisten Vögel wärmerer Himmelsstriche, die während des Sommers in unseren Gegenden sich aufhalten, bleiben noch bei uns, nur der Kukuk zieht Ende Juli schon wieder weg. Die Streichzeit der meisten Fische ist vorüber. Dagegen fliegen viele Schmetterlinge und JohanniSkäferchvi leuchten. An heißen Tagen werden Wespen, Bremsen und Hornisse durch ihre Stiche sehr lästig, die Bienen trage« stark ein unb schwärmen noch immer. — Im Pflanzenreiche sinb viele perennircnde Pflanzen unsere« Klima's bereit« verblüht. Dagegen blühen nun erst Hopsen, Mohn, Kartoffeln, Stechapfel, Tollkirsche, Fingerhut, Erbsen, Wicken Klee, bic Lilien und Nelken. ES reift bet Samen ooa Senf, Spinat, Kohl, Rettig unb Zwiebeln; die Getreideernte ber Winterfrüchte nimmt ihren Anfang. Linde« blühen; manche Obstatt reist und endlich stellt fich oft schon in diesem Monate ber zweite Safttrieb ein. — Im Mrmbe des Volkes haben sich über diesen Monat folgende „Bauernregeln" erhalten: Was der Juli nicht kocht, kann der September nicht braten. — Regnet'« an Unsrer Frauen tag (2 ), so regnet« nach einander 40 Tag. — Am Mar- gartthentage (13.) ist Regen eine Plage. — Regnet'« am Maria-Magdalenatag (22), folgt mehr Regen nach. — Ist'« zu Jakobi (25.) hell unb warm, macht zu Weihnachten ben Ofen warm. — Warme Helle Jakobi, kalte Weihnachten. — Wenn am St. Jakobitage weiße Wölkchen bei Sonnenschein am Himmel stehen, sagt man: „Der Schnee blüht für ben nächsten Winter." — Werfen die Ameisen am Annatag (26.) höher auf, so folgt zuverläßig ein harter Winter darauf. — Hundstage hell und klar, deuten auf ein gute« Jahr; werden Regen sie bereiten, kommen nicht die besten Zeiten.