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*r. ISS

Marburg, Dienstag, 6. Juli 1875.

x Jahrgang.

OberhtMeIeilung

Das Tarifwesen der deutschen Telegraphie soll im nächsten Jahre einer Reform unterworfen, und dieser die Ergebniffe des laufenden Jahres zu Grunde gelegt wer­den. Eine Aenderung ist namentlich für § 6 b. des jetzigen Reglements vorauszusetzen, der von der Benutzung der Eisenbahntclegraphen im Reichsgebiete handelt; man hält allgemein dafür, daß den Verwaltungen der Eisenbahnen mh 2'/2 Sgr. bis zu 50 Worten eine genügende Entschädigung

Deutsche- »ei-.

~ 3. Juli. Die Reise des CultuSministerS

Dr. Falk nach den Rheinlanden hat einen großartigen Umschwung in der Auffassung von der Lage der Dinge in jener Provinz hervorgerufen. Es galt bis dahin als zuversichtlich, daß die große Mehrheit der Bevölkerung am Rhein der kirchlichen Politik der Regierung feindlich gesinnt

Nach tzc» Sturm.

Novelle von E- Streben.

(Fortsetzung.)

Sie war während ihrer langen Strafpredigt rüstig weiter geschritten, dm Kopf seitwärts gewendet, wo Sa­bine etwas kleinlaut, ein wenig hinter ihr zurückbleibend, folgte. Jetzt mäßigte sie ihre Eile und die beiden Mäd­chen gingen eine Weile schweigend neben einander her, auf dem mehr geschützten Fußsteige, der, auf der einen Seite von vorstädtischen Gärten, auf der anderen von Anpflanzungen begrmzt, nach der Stadt führte; bis die Aeltere da, wo fich zur Rechten ein Weg abzweigte, ste hen blieb.

Na, laß nur gut sein, liebe Seele. Hab' mir die Brust einmal leicht gesprochen, und Du bist und bleibst ja doch mein allerliebstes Herzgespiel und beste Freundin. Sei schön bedankt, daß Du soweit mitgekommm bist in dem bösen Wetter. Deine Gesellschaft war ein rechtes Labsal und ich vergeß Dir's nicht. Aber hier geht Dein Weg nach Hause; ich will Dich nicht länger auf­halten. Vergiß nicht, was Du mir zugesagt hast und komm bald zum Besuch. Eine heiße Tafle Kaffee und ein anständiges Butterbrod magst Du noch immer bei uns vorfinben."

Du dm alten Bog sichst, so grüß'ihn. Ich denk für gc-j schel....... ,

wiß, er wird heute Nachmittag noch zu uns kommen und! für Deinen Plunderkram I aus den Zeitungen Nachricht bringen. AdieuI" »-- - * -----

Der Wind war nach und nach flau geworden und am Rande des Horizonts staute sich eine fcharf abgegrenzte Wolkenbank auf. Mittag war vorüber, der Tisch abge­räumt, die beiden muntern, plappernden Schwestern, Riek- chm und Röschen zur Schule geschickt, der kleine Peter mir einem alten Spiel Karten beschwichtigt und Christiane eifrig mit Handhabung der Nadel beschäftigt, da die Ar beit bald abgeliefert werden sollte. ES war ordentlich still in dem Zimmer geworden; denn der Kleine, eine zartes, schwächliches Kind, ganz verschieden geartet von seinen kräftigen Geschwistern, saß ruhig auf dem Schcmelchen, mit seinem bunten Spielzeug beschäftigt und baute geduldig auf einem vor ihm liegenden Brettchen Kartmhäuser auf, während die Mutter, allerlei häusliche Dinge besorgend, aus- und einging. Sie war eine lange Frau, die Wittwe Völschow, stark von Gliedmaßen, weit ausschreitend, von steil aufrechter Haltung und wenn ste etwas eilig, wie jetzt, die Stube durchmaß, verursachten die schlicht am Körper herniederfallenden Röcke von derbem Stoffe eine richtige Zugluft hinter ihr drein.

Jetzt hatte ste draußen Alles zu Schick gebracht und setzte sich nun, ebenfalls eine Handarbeit zu beginnen, der Tochter gegmüber. Beide stichelten eine geraume Zeit lang schweigend und emsig darauf los, und die Wittwe zog den mächtig langm Faden mit ziemlicher Beanspruchung des Raumes eifrig in die Höhe. Nach und nach jedoch wur­den ihre Bewegungen langsamer; sie ließ die Nätherei sinken und stemmte beide Hände aus daS Knie.

«Ei, zum Henker, Mädchen," brach ste mit gutmüthig

j scheltender Stimme los,such Dir nur 'nen andern Maat C Deinen Mnnve^n, 'S ist mir zu dünn und flitt- irig unter den Fingern und am Ende mach' ich Dir's nicht einmal groß zu Dank, wie neulich auch. Weiß nicht wie Du es gut machst, die heilen Stunden auf dem Fleck' zu sitzen; meine Sach' wär's nicht! Bin nur froh, daß wtr nächstes Jahr wieder hinausziehen in die Vorstadt Da grebt S doch was Grünes und immer draußen was zu schaffen und zu scharwerken in Hof und Garten, statt wie hier das kahle Steinpstaster anzuguckcn. Will man sich einmal verthun und unseres Herrgotts frische Luft schöpfen was giebt'S da erst für Sparenzen mit Antakeln und aus den Leib hängen, hier 'nen Lappen, dort ein Fähnchen und obendrauf gar ein Deckel statt Hut. Und dann : lauf Du und der Teufel, ehe Du einen grünen Halm zu sehen kriegst oder ein Kornfeld! Na, da lob ich mir das schmucke Nest von dem alten Voß, wo Du einmal zu wohnen kommst mit dem Mathias! Alles blitzsauber und spieael- blank wie ein Putzkastcn. Da kannst Du's haben nach Gelüst und Begehr: Herz was verlangst Du? Ja, wenn ein SeemannSweib auf der einen Seit' es auch schlimm hat, und in Aengsten und Bangen schwebt um den Liebsten und sich allein abquälen muß mit dem Hauswesen und TL.1"" gewohnt zuletzt; die Freude und der Jubel find desto größer bei der Heimkehr, und aus der anderm Seite hin wieder: da ist Keiner, der herumgeht und knurrt und in die Töpfe guckt, der'S so 0 kommandirt und den leidigen Groschen

zwischen den Fingern zwackt."

l!e6^e Mutter, wie herzensgern wollt' ich so ein mSchen Brummen vorlieb nehmen, wenn ich nur immer bei sem, alle Gefahr mit ihm theiten könnt«! Aber hie-

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt o. M. ic.

Tagesbericht

Der Justizminister hat unterm 29. Juni an die Ge­richte und die Beamten der Staatsanwaltschaft eine Ver­fügung erlassen, in welcher er sie daratlf aufmerksam macht, daß der Geschäftsverkehr mit den Vertreten fremder Staa­ten am diesseitigen Hofe nur durch Vermittelung des Reichskanzlers (Auswärtiges Amt) stattfinden kann, eine direkte CorrespoUdenz mit denselben sei unzulässig.

Am 5. d. M. wird der Minister der landwirthschast- lichen Angelegenheiten, Dr. Friedenthal von Ostpreußen, in Elbing anlangen, am 6. früh nach Kahlöerg fahren, von wo aus er mehrere Orte der Nehrung besichtigen wirb, dann am selben Tage nach Elbing zurückkehren, und am 7. früh über Tiegenhof, Stutthos und Steegen, sich nach Danzig begeben.

DieNordd. Allg. Ztg.", an die Thatsache des vbr- gcstern auf 20 Mark 52 Pfennige gefallenen Wechselcour, se« aus London, der die Verwendung deutscher Goldmünzen zu Zahlungen auf London nicht mehr lohne, anknüpfend, beschreibt in einem längeren Artikel die Durchführung der Münzreform. Zu Neujahr werde auch Bayern die ReichS- mirkwährung übernehmen. Der Zeitpunkt sei dann da, wo der vollständige Uebergmig zur ReichSgoldwährung keine Schwierigkeiten mehr finde. Das Blatt spricht das feste Vertrauen aus, daß rechtzeitig Anordnungen erfolgen, um kommendes Neujahr als den Zeitpunkt zu bezeichnen, zu welchem die Reichswährung im gejammten Reichsgebiet in Kraft tritt; dazu werde es plötzlicher Maßregeln nicht be­dürfen. An grobem Silbercourant süddeutscher Währung gehen seit vorgestern mit noch 39 Millionen Guldenstücke, wovon etwa 20 Millionen in wirklichem Umlauf sind. Bezüglich des BanknotenverkehrS werden weitere Umge­staltungen sich Bahn brechen müffen. Außer 157 Millio­nen in AppointS unter 50 Mark müffen bis Neujahr noch ncihe bei 200 Millionen an Banknotenappoints zwischen 50 und 100 Mark ausgegeben werden. Bezüglich der höheren AppointS müfle die Erkenntniß verbreitet werden, daß sie Zahlungsanweisungen auf Goldmünzen feiert.

DieNordd. allgem. Ztg." bringt ebenwohl die in un­serer berl. Korrespondenz am Samstag mitgetheilten Nachricht indem fie schreibt: Die Nachricht, daß der Oberpräsident von Heflen, v. Bodelschwtngh, die Absicht kundgegeben habe, aus seiner Stellung zu scheiden, scheint sich zu bestätigen. Die Gerüchte seines eventuellen Nachfolgers beruhen indeß auf willkürlicher Conjectur.

gür m bet Erped.twn zu Eilende Auskunft und Annahme von Abreffen werden 25 ^.berechnet " ö 10

Sie schaute der Gefährtin mit Heller Freundlichkeit in die wieder munter aufblitzenden Augen, ihr die Hand zum Abschied reichend. Jene erwiderte mit gleicher Herzlichkeit und wendete fich dann, oft zurückschauend und nickend, den an grün angestrichenen Geländern entlang führenden ! Pfad, der im Hintergrund zierliche, weißgetünchte Häuser I hindurchschimmern ließ, zu verfolgen. Richt lange jedoch, s und ste hörte sich beim Namen rufen.Sabine, wenn

Die beabstchtigte Revision des Strafgesetzbuches hat mehrfach die Frage angeregt, ob nicht das Strafgesetzbuch am geeignetsten sei, in gewiffen Fällen auf kirchenpolitischem Gebiete zu entscheiden; man kann in dieser Beziehung auf bie Motive zu dem Gesetzentwurf über die Verwaltung der erledigten kathölischen BiSthümer Hinweisen, welche sich dahin aussprechen,daß in der weitergehenden Competenz ber Reichsgesetzgebung die Möglichkeit geboten ist, zum Schutze der bedrohten Rechtsordnung des Staates Siche- rungSmittel aufzurichten, die in ebenso wirksamer, als der Lage bet Verhältnisse entsprechender Weise vollkommeneren Erfolg erhoffen lassen, als eine im Wege 6er Landesgesetz­gebung herbeizuführende Strafverschärfung." Die preußische Regierung hat auch bis jetzt keine dahin gehende Anträge beim BundeSrath formulirt.

Die Ausführung des DotationSgesetzeS in ber Provinz Pofen erheischt eine Vervollständigung in den Einrichtungen der dortigen provinzialständischen Einrichtungen, inSbeson bete wird ein Organ ständischer Natur für Chauflee- und WegeverwaltUng in Posen geschaffen werden müffen. Wenn die Provinzialordnung auch in Posen zur Ausführung ge kommen fein wird, wird man auch durch Einsetzung eines Provinzial-AusschufleS und eine« Landesdirektor zur Neu­gestaltung der ständischen Verwaltung schreiten können, biS dahin müffen die gegenwärtig geschaffenen ptoisorischen Ein­richtungen in Kraft bleiben.

Man schreibt aus Wien:Der Kaiser Ferdinand wird heute ln der Kapuzinergruft mit allen Ehren seiner kaiserlichen Würde beerdigt werden. So wenig er im ganzen selber gethan hat, so lebt er doch wegen seiner freundlichen liftb wohlwollenden Gesinnung im guten An denken der Wiener; e« entspricht daher ganz ber Auffassung der Wiener Bevölkerung, wenn von Seiten ber Commune auf sein Grab ein Lorbeerkranz mit der InschriftFerdi­nand dem Gütigen," niedergelegt wird. Am seltsamsten ist es, daß die Czechen den Tod deS Kaisers Ferdinand zu hrer Progaganda benutzen, indem ste ihm als dem letzten gekrönten Könige von Böhmen, und als dem Verleiher , einer specifisch böhmischen Verfassung einen Nachruf : widmen.

Anzeigen nimmt entgegen: bie Expedition b. Blattet, sowie bie Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.'Iüger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidcnbank, A- Rete» meyer in Berlin; Earl Echüß» I ~ ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

kurze Strecke auf welcher sie eine sei und sich in entschiedenster Opposition gegen dieselbe Depesche bi« zur nächsten ReichStelegraphenstation beför- befinde. Dieser Glaube wurde durch die Darlegung der »Nb so auch dlejemgen Depeschen, die auf die ultramontanen Presse bestätigt, welche mit großer Befrie- Elsenbahntelegraphenlinlen von den ReichStelegraphenlinien digung von dem katholischen .Rheinstrom" sprach und sich »vergehen. so geberdete, als ob ste das Regiment in den Händen

: hätte. Die ultramontane Freiwilligkeit der Demonstrationen 1 i» alle den Städten, welche der Cultusministcr besuchte, : und die allgemeine Betheiligung derselben, hat ihnen eine Bedeutung gegeben, welche weit über die einer persönlichen Huldigung hinausgeht. ES gelten dieselben zunächst aller- vingS dem muthigen Kämpfer gegen ultramontane Bestre­bungen, bann aber der kirchlichen Politik der Regierung überhaupt. Diese Thatsache wird durch die kleinliche Ner­gelei der ulttamentanen Blätter und durch ihr Bestreben, die Großartigkeit und Einmüthigkeil der Demonstrationen wegzuleugnen und ste als eine ausschließlich von Frei­maurern, Beamten, Protestantei,, Alikatholiken und Juden ausgeführte hinzustellen, nicht entkräftet, vielmehr gerade durch dieses Bestreben der ultramontanen Blätter der Nachweis geführt, wie unangenehm ihnen dieses Ereigniß ist und welche hohe Bedeutung sie ihm selbst beilegen. Nach jenen Vorgängen hat die ultramontane Partei und ihre Prefle, in ber sich bieGermania" namentlich bnrch ihre maßlose Heftigkeit auszeichnet, nicht mehr baS Recht, die Rheinprovinz ausführlich für sich in Anspruch zu nehmen, vielmehr gehört ein nicht unwesentlicher Theil und zwar der Kern der Bevölkerung, entschieden der freieren Partei an, welche der bisherigen Politik ber Regierung in ber kirchlichen Frage nicht nur zustimmt, sondern auch die­selbe zu unterstützen bereit ist.

Esse«, 3. Juli. Der Fackelzug, welcher dem Herrn CultuSmtnister gestern Abend nach seiner Rückkehr von Bedburg in Düsseldorf bargebracht würbe, barf zu ben glänzendsten und großartigsten Ovationen gezählt werden, womit Se. Excellenz auf der Reise durch bie Rheinland« geehrt worden ist. Zwischen 8 und 9 Uhr versammelten ich die Fackel-, Banner- und Schildträger, sowie die Musik- Corps, welche ben Zug begleiteten, auf dem Exercierplatze. Nachdem die zahlreichen Vereine, die Deputationen aus der Stadt und Umgegend und die vielen einzelnen Theil- nehmer sich zu einer riesigen von Licht Übergossenen, mehr- ach verschlungenen Kette formirt hatten, setzte sich ber Zug gegen 91/» Uhr unter klingendem Spiel in Bewegung, worauf hinter dem ersten Musikcorpö 3 Vorreiler, denen »4 die Gesellschaft Malkasten, die Mitglieder zum Theil ,n mittelalterlicher malerischer Tracht, anschloß. Dann erschienen in unabsehbarer Reihenfolge die verschiedenen Eompagnien des Bürgerschützenvereins, der Düffeldorfer . iriegetocrein, der Männerquartettverein und der städtische lkännergesangverein. Hinter einem von mehreren Männern getragenen riesigen, Germania die Schutzgöltin Deutsch- anbö darstellenden Bilde schritt der Sebastiansschützenvereiu einher; an diesen reihten sich die Gesellschaft Ludwig, ber