Vr. LSS.
Marburg, Sonnabend, 3. Juli 1875.
x Mrgang
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Die Rede de- Papste- an den römischen Ade»
In seiner Antwortrede an den römischen Adel am 20. v. M. drückte sich der Papst folgendermaßen auS. „Ich danke den Römern für ihre Treue und Ergebenheit an meine Person, und wünsche mirs Glück unter ihnen ge blieben zu sein." Dann, des Grasen San-Matinos, der ihm einen Bries vom König Victor Emanuel überbrachte, sowie deS Grafen Arnim, der damals preußischer Gesandter beim heiligen Stuhle war, gedenkend, suhr er fort: „Bald nach dem Jahrestage der Geburt der heiligen Jungfrau Maria überreichte mir ein Piemontestscher Edelmann einen Brief von einem katholischen Monarchen. Als ich ihn las, bemerkte ich, daß dieser Monarch sich für den Hüter und Garanten der Geschicke aller Italiener nach GotteS 93or- sehung und dem Willen der Nation erklärte, und daß er sich für verpflichtet hielte, die Verantwortlichkeit für die Aufrechterhaltung der Ordnung auf der Halbinsel und für die Sicherheit deS heiligen Stuhles zu übernehmen, daß er seinen Truppen befohlen habe, zur Unterstützung der Römer und ihrer Absichten, Rom zu besitzen, und zwar, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, daß sich seine Streit macht aber aus eine conservative Action beschränken werde. Bald darauf, fuhr der Papst fort, näherten sich die Truppen dieses Monarchen, den Mauern der Stadt Rom, schlugen ihr Lager auf, entwickelten ein großes Gepränge von Streitkräften, und warteten mehrere Tage auf die Kundgebungen der Absichten der Römer, aber vergebens. Gewiß ist, daß alles geschah, waS irgend für zweckmäßig gehalten wurde, um diese Kundgebungen der Absichten der Römer zu Gunsten der angreifenden Partei hervorznrufen. Emissäre kamen aus dem Lager in die Stadt und umgekehrt. Unter diesen zeichnete sich vor allen ein Gesandter aus, der von einer fremden Macht beim heiligen Stuhle beglaubigt «ar. Dieser wahre Ahitophel unserer Tage (loquebatur pacem cum proximo suo, malo autem in corde suo) führte im Vatikan gerade eine daö Gegentheil von dem, was er im Lager sagte, auSdrückende Sprache. Ich wünscht, daß Ihr allen, die, wenn auch nicht von Eintracht, doch von Annäherung zwischen dem heiligen Stuhle und der italienischen Regierung reden, weil der Zustand der Ungewißheit schon zu lange dauere, und die Ge-nüther im Interesse aller beruhigt werden müßten, zu beKnken gebet, daß auf Vulkanen zu wandeln nichts weniger als beruhigend ist. Die Erde erbebt unter unseren Füßen und das furchtbare Getöse, welches die Wandungen der Gebirge erschüttert, ist der Vorbote neuer vulkanischer Ausbrüche. Deßhalb müssen wir uns von gefährlichen Pfaden entfernen, und Wege suchen, die den Flammen weniger ausgesetzt sind; nur meine Pflicht zu erfüllen, und die Rechte deS heiligen Stuhles zu wahren, wiederhole ich
meinen schon mehrfach erhobenen Protest gegen die begangenen Rechtsverletzungen aller Art, welcher mit dem ausdrücklichen Versprechen sich unS gegenüber auf eine conservative Action zu beschränken in einem ungeheueren Widerspruche stehen.
Tagesbericht.
Die Protokolle über die Vernehmung von Sachverständigen in Betreff der Einführung deS Musterschutzes sind dem Bundesrath noch vor seiner Vertagung zugegangeu. 9 Künstler und 27 Gewerbetreibende aus den verschiedensten Zweigen der Industrie sind vernommen worden; 7 Mitglieder deS Bundesraths unv 3 des ReichSkanzleramtö leiteten die Vernehmungen, deren Resultat bejahend ausfiel für die Fragen: Ob die Werke der bildenden Kunst gegen unbefugte Nachbildung in Erzeugnissen der Industrie, der Fabriken, Handwerke und Manufactur zu schützen seien; ob den Erzeugnissen der Kunstindustrie ein Schutz gegen unbefugte Nachbildung gewährt werden soll und ob sich die Einführung eines allgemeinen Musterschutzes empfehle; man darf hier einer Gesetzvprlage für die niste Reichstag session entgegensehen. Die Aufnahme einer Gewerbestatistik für das gcsammte deutsche Reich ist im Bundesrath ebenfalls beschlossen worden.
Die „Prov.-Corr." meldet, daß die neue Provinzial- ordnung sür die Provinzen Preußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen mit dem 1. Januar 1876 in Kraft tritt, daß aber bereits im Laufe des Jahres 1875 die Wahl der Mitglieder der neuen Provinziallandtage vorgenommen werden soll, vermuthlich im Oktober d. I.; die desfallstgen Anordnungen werden nach Allerhöchster Bestätigung des Gesetzes getroffen werden. — Die neuen Provinziallandlagc werden dann wohl in den ersten Tagen k. I. einberufen werden.
Zur Ausführung des DotationSgefetzcS, welches gleichfalls noch der Allerhöchsten Bestätigung unterliegt, wird in denjenigen Provinzen, in welchen die neue Provinzialordnung nicht in Kraft tritt, also in Posen, Schleswig- Holstein, Hannover, Westfalen, Rheinpcvvinz, Hessen- Nassau und Hohenzollern, die Berufung der Pronvinzial- beziehungsweise Communallandtage noch in diesem Jahre erforderlich sein und wahrscheinlich im Ansang Oktober statlfinden.
Die Ausführungsbestimmungen der bereits von Reichstag und BunveSrath beschlossenen Gesetze und die Vor- liereitungen neuer Gesetze rufen im Reichskanzleramte eine lebhafte Thätigkeit hervor; ein gleiches findet im Reichsjustizamte statt und beweist aufS Neue die Nothwendigkeit dieses letztere, welches sich auch mit dem Gesetz über Ge- sängnißwesen beschäftigen soll, das dem Reichstage vorzulegen ist, obschon sich ihm große Schwierigkeiten entgegen
setzen, da die verschiedenen Einzelstaaten in dieser Beziehung eine große Verschiedenheit der Anschauungen und Gewohnheiten haben.
Der Cultusminister hat die Bezirksregierungen darauf aufmerksam gemacht, daß vorherige Genehmigung der zu« ständlichen Staatsbehörde zum Collcctiren erforderlich ist, daher das unbefugte Collectiren zu Gunsten von Geistlichen, denen nach dem Gesetz vom 22. April 1875 keine Leistungen aus Staatsmitteln mehr gewährt werden, in jene Ca- tcgorie fällt.
Deutsches «eich.
.. Berlin, 1. Juli. Die schlesische Volkszeitung bestätlgt nunmehr, datz Fürstbischof Förster dem Oberpräsidenten von Schlesien einen Weihbischof vorgeschlagen hat. Diese Nachricht wird nicht verfehlen, das größte Aufsehen hervorzurufen und beweist, daß man sich allmählig auch an maßgebenden Stellen in der katholischen Kirche über die Unfruchtbarkeit der bisherigen Haltung klar wird Bezeichnend ist, daß die „Germania" die Nachricht der Breslauer Ztg., welche dasselbe gemeldet hatte, ohne weiteren Commentar in einer Beilage meldet. Man darf neugierig fein, was sie nunmehr sagen wird. — Die Dotation der Provinz Posen wird eine Vervollständigung der dort bestehenden provinzialstSirbischen VerwaltungSeinrich- lung nothwenvig machen, namentlich bidarf es eines geeigneten ständischen Organes für die provinzielle Chaussee- und Wegeverwaliung. Von der Einsetzung eines Provin- zialauöschusses und eines Landesdirektors wird man vermuthlich bis zur Einführung einer neuen Provinzialordnung Abstand nehmen. Augenblicklich sind die Verhandlungen über die zu ergreifenden Maßregeln noch in der Schwebe die betreffenden Vorlagen werden s. Z. dem Posen'schen Provinziallandtage zugehen. — Oberpräsident von Norden- flycht und Geh. Oberbaurath Wiebe im Handelsministerium, sind jetzt definitiv auö dem Sraatsoienst geschieden. — Polizeipräsident von Madai ist heute aus Ems nach Berlin zurückgekehrt, wird aber dcmnächt einen achtwöchentlichen Urlaub antreten, auch der Geh. Ober-Regierungörath Persius vom Miiristetium des Innern ist für mehrere Wochen auf Urlaub gegangen. - Die Kreuz-Zeitung hat 3 aufeinander folgende Artikel über das angebliche System Bleichröder-Kamphausen Delbrück geschrieben, in denen die Finanz-Politik des Regierung mit äußerster Heftigkeit angegriffen wird, alö deren Urheber, Herrn Bleichröder sie bezeichnet. Der erste Artikel schloß mit dem Verjprechen die allgemeinen Behauptungen durch Thatsachen zu erläuteren' Die weiteren Artikel haben indessen nicht eine einzige Thatsache ondern beide unbewiejeue persönliche Insinuationen gebracht' die noch dazu eine gründliche Unkenntniß aller einschlagen- den Verhältnisse an den Tag legen. Die Artikel mögen
Des Eultus-Mtnistcrs Dr. Falk Anwesenheit ia Köln. (Schluß).
Dazu bedarf es der nachhaltigen Mitwirkung der ge- sammten Nation. Daß solche Mitwirkung nicht fehle und daß sie, wenn heute auch noch Vieles fehlt, was der Ausgleichung und Abmachung bedürfen mag, doch zu einem allerseits befriedigenden Auögange führen werde, das, glaube ich, hält Jeder für gesichert, der die Begeisterung der weitaus meisten Gebildeten unseres Volkes für unseren Dr. Adalbert Falk fleht und hört. Diese Stimmung in Thaten übersetzt, halte ich für eine Gewähr, daß sein Werk nicht, wie es vordem geschehen ist, durch eine brutale Reaction gestört und vernichtet werde. Wenn wir unserem Herrn Minister wirklich einen Dank darbringen wollen, so muß eS geschehen, indem wir geloben, Jeder so viel er an seinem Theile vermag, seine Wirksamkeit zu unterstützen. Dieses Gelübde darzubringen, bitte ich Sie, und nur in diesem Sinne fordere ich Sie auf, Ihre Gläser zu erheben und mit mir einzustimmen in den Ruf: Unser hoher Gast, der Minister Herr Dr. Adalbert Falk, lebe hoch!
Gewaltig ertönte das Hoch auf Dr. Adalbert Falk durch den Saal und in froh festlicher Stimmung wurde nun das schöne Sieb, gedichtet von einem bekannten Sänger des Rheines, gesungen: „Der Edelfalk am Rhein." Brausender Beifallssturm erhob sich bei der Strophe:
Ja, Preis dem Aar, der wohl bemißt, Was Kaisers und was Gottes ist, Daß ungewehrt und unbeschwert Im deutschen Reich man Gott verehrt, Daß kein V rbot, kein Geisterbann Gewissensfreiheit hindern kann!
Frei steht im deutschen Reich der demsche Mann!
und immer neu erklangen die Hochs nach der letzten Strophe, die lautet:
Wen hat zur Wacht bestellt der Aar! Wer nimmt des Reichs Gesetze wahr Als Auserwählter des Geschicks? Das ist der Mann des Falkenblicks. Vor allen andern Ihm allein Soll dieser Gruß gewidmet fein: :,: Heil Dir, Du Edelfalk, am deutschen Rhein! :,:
Nun erhob sich der gefeierte Gast der Stadt Köln. Er gedachte zunächst des mächtigen Eindrucks, den er in dieser i&tabt empfangen bei allem, was er diese kurzen Tage gesehen, erlebt. Vieles, was nicht Jedem werde, habe er entgegennehmen können. Zunächst müsse er aber der freudigen Zustimmung der Bürgerschaft Kölns in der Weise, wie sie Herr Oberbürgermaster Becker in so treffenden Worten gezeichnet habe, gedenken. Nicht nur daS über- fprudelnde Jauchzen jugendlicher Begeisterung, nein, auch die Zustimmung ernster und verständiger Männer der Stadt fei ihm geworden. Der Redner schildert nun den ihm gewordenen Empfang, den Abend des Fackelzuges, das Fest in der Flora, das ihm wie die Verkörperung eines Feenmärchens erschienen, mit kurzen Worten und geht über auf den Empfang in diesem Saale, in dessen alter und neuer Gestalt ganz andere Gäste schon gefeiert, wie seine Person. Ein Loblied sei ihm mit auf den Weg gegeben worden aus dem Munde des mit so richtiger Würdigung der Person an seine Stelle von der Bürgerschaft gewählten Mannes, für das er den tiefsten Dank aussprecben müsse, den Dank, der sich aber erhebe, wenn er darauf Hinweise , daß ihm dieses alles geworden zur Stärke in der Erfüllung seines Berufs und feiner fchweren Pflichten ; daß ein Mann eines tieferen Dankes fähig werde, der seinen Berus recht pflegen wolle, mit ganzem Herzen und ganzer Seele sich ihm hingebe. Er habe seine Reise an- getreten im Hinblicke auf die ernsten Verhältnisse, die in dieser Provinz herrschten. Er habe aber dennoch und auch
Dcn beÜ<n Kreisen solchen Gesinnungen, ein solches Denken und streben gefunden, das ihn unterstütze unv ihm Kraft verleihe. Er sei auch der lieber« »eugung, daß sich dieje Gesinnung in noch lebendigerer und energischerer Weise entfalten werde. Und das gebe ibm Kraft und Muth, stärkeren Muth, weiter zu gehen auf bem Wege den er eingefchlagen habe. (Lang anhaltendes Bravo, tu das die Musik einftel, folgte dieser Erklärung) Er betonte nun, wie eS immer mehr sich ergebe, daß der eingeschlagene Weg der rechie, der allseitig gerechte sei, und daß er nur in dieser Ueberzeugung stets gelebt und immer mehr bestärkt worben sei. Er lebe auch der Ueberzeugung, vag sich immer mehr der rechte Sinn Bahn breche je langer und je mehr sich eine liefere Erkenntniß und Würdigung der Bedeutung unseres Zieles verbreite. Ein solcher Sinn, wie er in Köln gefunden, könne ihn nur stärken und et erlaube sich ein Gedicht vorjulesen das ihm heute telegraphisch auch von einem Bürger Kölns aus Honnef gesandt worden, nicht des Lobes wegen, das darin enthalten, sondern des Geistes und Denkens wegen das darin ausgesprochen. Das Gedicht lautet:
Vom Nord ein Edelfalk flog zum Rhein, Wo's Lesen uns geht so wonniglich ein Em Ländchen sonder Gleichen auf Erden Rach eigener Fa;on selig zu werden: ' Zu prüfen mit eigenem Augenschein, Wie liberal, wie ultra sie fei’n, ~ '
Macht er sich auf an unseren Rhein, Unb frei von jedem Lug und Trug Und so bestimmt wie ein offenes Buch.
Ein frisches Volk er dorten fand, Dem Kaiser treu und dem Vaterland; Sem großer Haß gilt den Franzosen, SD« größere doch den Vaterlandslosen. Wir stehen treu zu Deinem Streben,