IWr. M9,
Marburg, Dienstag, 29. Juni 1875.
x Zahrgaug.
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Im Feuilleton der Zeitung kommen im nächsten Quartal einige sehr spannende Erzählungen von Wartenburg, Streben und Anderen zum Abdruck. Auch wird die Marburger Chronik in demselben fortgesetzt.
Tagesbericht
Das Gesetz wegen anderweiter Clasfensteuer-Veranlagung hat unter« 16. Juni die allerhöchste Sanktion erhalten und ist am Sonnabend verkündigt worden.
Das berliner Stadtgericht sprach im Prozeß gegen die Vorsteher der Berliner katholischen Vereine die definitive Schließung dcS katholischen Gesellenvereines als politischen, mit auswärtigen Vereinen gleicher Tendenz in Verbindung stehenden Vereins aus und verurtheilte den geistlichen Rath Müller zu 90 Mark Geldstrafe, die anderen Angeklagten, ausgenommen einen, welcher ganz sreigesprochen wurde, zu geringeren Geldstrafen. Die polizeiliche Schließung der übrigen katholischen Vereine als nicht politische wurde aufgehoben.
In der am 12. Juni beendeten Woche wurden für 891,290 Mark Goldkronen geprägt/ DaS Goldagio ist im stetigen Fallen.
Die vom ReichSkanzler-Amt gefertigte Nachweisung der Einnahmen des Deutschen Reiches für die Zeit vom 1. Januar bis Schluß des Mai 1875 ergiebt als Jsteinnahme 163,343,920 M. Da die Gesammt-Mehreinnahmen mit 13,208,902 Mark den Gesammt - Mindereinnahmen mit 13,542,391 Mark gegenüber stehen, so ergibt sich ein Ausfall von 333,489 Mark gegen das Vorjahr. — Den einzelnen Staaten ist mitgetheilt, daß laut Bundesraths- Bejchluß vom 4. Juni Syphons nicht unter Flaschen und Krüge gerechnet werden, welche das amtliche Waarenver- zrichniß bei der Position Mineralwasier aufführt.
Die Reichsregierung wünscht lebhaft die beiden Gesetze über die Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben des Reiches, sowie über den Rechnungshof deS deutschen Reiches,
welche dem Reichstage schon mehrfach vorgelegt worden, in der nächsten Session zum Abschluß gelangen zu sehen. Es wird eine eingehende Revision dieser beiden Gesetze vorgenommen, und soweit eS eben thunlich, mit Berücksichtigung der in den Rcichstagscommisstonen hervorgetretenen Ansichten.
Der BundeSrath ist bei dem Gedanken zur Ausarbeitung der Gesetzentwürfe über die Erhöhung der Brausteuer und Einführung der Börsensteuer, von der Voraussetzung ausgegangen, daß zur Steigerung der Reichseinnahmen im Etat für 1875 auch eine Steigerung der Matricularbeiträge nöthig würde, und das voraussichtliche Deficit, würde sich, wie vorläufig berechnet, auf 20 Millionen Mark belaufen.
In der Reichsjustizcommission ist die Verhaflungsfrage weiter berathen worden. Die Dauer der Haft im Vorbereitungsverfahren ist auf zwei Wochen herabgesetzt, und die Befugniß Steckbriefe zu erlasien, sowohl der Staatsanwaltschaft als den Polizeibehörden entzogen worden.
Die gesammte preußische Armee wird auf ausdrücklichen Wunsch des Kaisers von Rußland durch eine Deputation aller Waffen und Grade vom General bis zum Subaltern- Offizier bei den in den nächsten Wochen stattfindenden großen russischen Manövers vertreten sein. Die dazu de- putirten Offiziere muffen sich am 27. d. M. in Warschau melden. Es heißt, daß Kaiser Wilhelm befohlen habe, ihm über den Verlauf der Manöver eingehenden Bericht zu erstatten.
Man schreibt aus Metz, daß man dort eines von einem französsischen Polizeicommissar gedungenen Spions auf ziemlich seltene Weise habhaft geworden. Ein nach Mainz adressirter, wegen Unbestellbarkeit nach Metz zurückgckom- mener Brief wurde vorschriftsmäßig eröffnet. Er enthielt 250 FrS. mit einem Schreiben des genannten Pollzeicom- miffars an einen gewissen L. aus Lothringen, welches L. aufforderte, sich nach Mainz zu begeben, sich dort zu etab- liren, zu heirathen u. s. w., um dem Absender regelmäßige und große Berichte über den Stand und die Bewegungen der Truppen in Mainz, sowie die Festungswerke daselbst zu erstatten. Als Lohn wurden ihm, wie bisher, monatlich 250 FrS. übersandt. Die beigeschloffene Summe trug diesen Charakter. Als L. diesen Brief auf der Postanstalt in Metz abholen wollte, wurde er festgeitommen; diese Angelegenheit wird wohl vor dem Kriegsgericht in Straßburg verhandelt werden. Vorläufig ist L. dem Untersuchungsgericht übergeben worden.
Deutsches «eich.
— Berlin, 26. Juni. Der Minister der landwirth schaftlichen Angelegenheiten Dr. Friedenthal wird auf seiner Reise durch die Provinz Preußen die Nogat- und Weichsel
niederungen, sowie diejenigen Ortschaften der frischen Nehrung, die der Versandung ausgesetzt sind, besichtigen und sich am 6. Juli von Elbing aus dorthin begeben; wahrscheinlich werden ihn Dcputirte der Stadt Elbing begleiten. Der Finanzminister hat das gesammte preußische Staatspapiergeld zur Einlösung gerufen und zwar bis zum 31. Dezember 1875 folgende: 1) Die Kassenanweisungen vom 2. Januar 1835. 2) Die Darlehenskassenscheine und 3) die kurhesstschen Kassenscheine und die Noten der Landesbank zu Wiesbaden, einschließlich der Scheine der vormaligen LandcScreditkasse daselbst. — Für die gleichfalls zur Einlösung einberufenen Kaffenanweisungen vom 2. November 1851, vom 15. Dezember 1856 und vom 13. Februar 1861 ist die Festsetzung der Präclusivtermins noch Vorbehalten. Selbst die in die öffentlichen Kassen fließenden älteren Münzen werden wohl vom Anfang künftigen Jahres ab außer Verkehr gesetzt werden können, da die Ausmün- zung der deutschen Reichsmünzen in einem Maße vor sich gehen soll, nach welchem zu dieser Epoche eine vollständig genügende Zahl neuer Münzen disponibel sein wird. Auch setzt man in größerem Maßstabe die successive Einziehung einzelner Münzsorten fort; Württemberg und einige kleinere Bundesstaaten wollen selbst diese Einziehung vom 1. Oktober d. I. ab auf alle ihre Münzsorten ausdehnen; die Vereinsthaler allein sollen von dieser Maßregel ausgenommen werden. Im nächsten Monat wird eine Verfügung von der preußischen Regierung erlassen werden, durch welche die 2i/2-Silbergroschcnstücke außer Umlauf gesetzt »eiben sollen, eine um so wünschenSwerthere Maßregel, als von allen Münzstücken gerade diese zu den meisten Mißhelligkeiten Anlaß geben. — Der Kultusminister hat die Regierungen um genaue statistische Angaben über die Verhältnisse der emeritirten Volks schul leh r er ersucht. Die in der letzten Session erhaltenen Nachweise stellen scharf genug heraus, wie nothwendig Hülfe nach dieser Richtung hin geworden und darf man diese nun von dem nächsten Etat erwarten. 717 dieser Emeritirten bezogen am 15. November 1874 unter 100 Thaler Ruhegehalt und 310 von ihnen waren durch die Beschränkung ihrer eigenen Mittel auf diese unzulängliche Staatsunterstützung angewiesen. Freilich hat man einige vorhandene Bestände zur Nachhülfe verwendet, doch aber damit nicht alle diese Ruhegehalte auf 100 Thaler bringen können. Von den Emeritirten beziehen 1169 ein Ruhegehalt von 100—150 Thaler, 492 zwischen 150—200 Thaler und 541 über 200 Thaler. Diese Zahlen sind selbstsprechend genug, um dem Staate seine Pflicht zu bezeichnen.
Pose», 23. Juni. Die durch das alberne Gerücht von der Kinderentführung aufgeregten Gemüther der unteren polnischen Volksklafsen^in unserer Stadt können sich noch immer nicht beruhigen. Gestern umlagerten zahlreiche
Im Juli 1863 wurde sein Name wieder allgemein genannt, als er das in der Geschichte der Technik sensationelle Werk der Hebung des im Bodensee versunkenen Dampfers „Ludwig" vollzog. Damit hatte er sich wohl Ruhm und Ehre, leider aber auch ein schweres gichtisches Leiden' zugezogen, welches sich mit den Jahren stets verschlimmerte. Gelähmt und der Sprache verlustig, verbrachte der Unglückliche, dessen Geist trotz körperlicher Mühsal ungebrochen blieb, seine endlos langen Tage im Lehnstuhl, von einer kleinen Pension, die ihm König Lud- wig gewährt hatte, lebend. Noch einmal, ehe sein Geschick sich ganz verdüsterte, fiel ein Heller Sonnenschein des Glücke« auf Bauer. Die Kunde seiner Lage hatte durch die „Gartenlaube" weite Verbreitung gefunden und das deutsche Volk beeilte sich, seinem genialen Sohne eine Ehrengabe zu widmen, die ihm das Leben soweit zu versüßen vermochte, als es bei seinem Zustande eben anging. Am 20. Juni Nachmittags ist Bauer gestorben. Ihm
seeische Fahrten. Es war ihm für seine Leistung ein großes Honerar auSgcsctzt worden; da er sich aber den
Dasselbe sollte in großem Maßstabe für die österreichische Marine ausgeführt werden; daS Projekt scheiterte
in schamlosester Weise auszubeuten suchten, nicht Folge leistete, wurde er vielfachen Jntriguen ausgesetzt und mußte fast flüchtigen FußeS unter dem Schutze des baierischen Gesandten Rußland verlassen. Er weilte dann wiederholt in London und ging endlich nach München, wo er eifrig seinen Selbststudien oblag.
Fahrten mit günstigstem Erfolg. Da das Schiff indeß mit den bescheidensten Mitteln hergestellt war, wurde es bei der zehnten Fahrt leck und sank auf den Grund der Ostsee. Es war dies am 1. Februar 1851 um 9 Uhr Morgens. Man kann sich wohl die Angst der am Meereöstrande auf das Wiederaustauchen des Schiffes harrenden Offiziere und Soldaten denken, nimmermehr aber die furchtbare Lage vergegenwärtigen, in welcher sich Bauer und seine zwei Gefährten befand.
malS bedrängt war. Als während des Krim Krieges die englische und französische Flotte Kronstadt belagerte, erhielt Bauer vom Großfürsten Konstantin die Einladung, sofort nach Rußland zu komme» und ein Schiff zu backen, welches gegen die Belagerer zur Anwendung zu kommen hätte. Das Schiff wurde vollendet, als eben der Friede geschlossen ward. Gleichwohl unternahm Bauer damit 120 unter-
8ÜI deutscher Erfinder.
Aus München kommt die Nachricht von dem Tode Wilhelm Bauers. In ihm verliert Deutschland einen seiner genialsten Erfinder, dem es nun — da er ja todt ist — nicht mehr an allseitiger Anerkennung fehlen kann. Wilhelm Bauer wurde am 23. Dezember 1822 in Dillingen bei Augsburg als der Sohn eines baierischen Wachtmeisters geboren. Als Kind genoß er nur eine gennsügige Schulbildung und erlernte später das Drechslerhandwerk. Dasselbe sagte seinem lebhaften Temperamente, seinem Thatendrange jedoch durchaus nicht zu und so trat er denn mit sechszehn Jahren in die baierische Armee. Bei der Artilleriettuppe wurde Bauer mit den Fundamenten des mathematischen Wissens vertraut, welche- er mit rastlosem Eifer zu erweitern suchte. Im Unabhängigkeitskrieg Schleswig-Holsteins gegen Dänemark (1849) stand Bauer mit solcher Begeisterung aus der Seite deS „verlassenen" Bruderstammes, daß et als Freiwilliger den Reihen der schleswig holsteinischen Kämpfer sich anschloß. In den einzelnen Kriegspausen lag Bauer wieder seinen Studien ob oder gab sich dem Genüsse
Durch volle 6 Stunden befanden sie sich in der mit Anforderungen corrumpirter russischer Beamte, die ihn kromprimirten Luft gefüllten, ganz abgeschlossenen Kammer " "Tx ,r - - ■ - - -- -
deS Schiffes, wohin kein Wasser zu dringen vermochte; sie schienen ohne jede Hoffnung aus Rettung. Da kam Bauer ein glücklicher Gedanke. Er dachte, daß wenn er plötzlich der großen Menge stark komprimirten Luft einen bestimmten Ausweg erschließe, dieselbe mit Macht ausdringen werde. Nach geeigneten Vorbereitungen brachte er den Matrosen Friedrich Witt zunächst au die kleine, mit GlaS dicht geschlossene, nach oben gekehrte Luke der Luftkammer. Im entsprechenden Momente öffnete Bauer die Luke und zuerst Witt und dann er und der zweite Matrose wurden, wie er selbst angab, gleichwie Champagnerpfropfen in die Höhe getrieben, so daß sie glücklich an die Oberflächep>eS Meeres kamen. ES war dies um 31/2 Uhr Nachmittags. Das Schiff, welches er „Brandtaucher" genannt hatte, war natürlich verloren, aber die allgemeine Aufmerksamkeit richtete sich doch auf den jungen genialen Erfinder, und König Ludwig von Bayern, sowie der Prinz Albert von England gewährten ihm solche Unterstützungen, daß er ein neues Modell bauen konnte, welches auch vom Kaiser von Oesterreich besichtigt wurde.
der Natur hin.
Besonders gern weilte er am Strande des Meeres und sah dem Spiele der Seehunde, ihrem Auf- und Untertauchen zu. Und nach seinen eigenen Erzählungen weckte dieses Spiel in ihm den Gedanken der Erbauung eines Schiffes, welches, gleich dem Seehunde, sich leicht unter dem Meere bewegen könne — es war die» die schöpferische Idee der Unterseeischen Schifffahrt. Mit großen Mühen und Anstrengungen konstruirte Bauer ein kleines Modell zur Verwirklichung seiner Idee und dasselbe fand so viel Anklang, daß die Offiziere und die Mannschaft der Befreiungsarmee eine Subscription einleiteten, deren Ergebniß hinreichte, ein kleines Schiff zu bauen. Mit demselben unternahm Bauer, uu^^yu «««.., vu» vtvltu Wcutuc
begleitet von zwei wackeren Matrosen, zehn unterseeische > aber an den Geldverhältnisseu, von denen Oesterreich da-