ir. m.
Jllarfiurg, Dienstag, 22. Ium 1875.
x Jahrgang.
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1869 trat eine energische Reaktion gegen jene durch und durch verfehlten Experimente ein. Damals hörte man nicht auf die Klagen jener Industriellen, und ließ den Verfall immer weiter wuchern. Jetzt, wo Handel und Industrie vollständig lahm gelegt sind, wo die Folgen jener falschen Theorieen auch dem blödesten Auge klar geworden sind, beugt man ein. Wenn cS nur hier nicht, wie ost in Oesterreich, heißen wird: Zu spät! Den zahllosen rui nirten Existenzen ist zunächst nicht wieder au'znhelfen; aber auch der Rest wird schwer zu kämpfen haben, alle die Verluste, die er erlitten hat, wieder nachzuholcn. Die hohe Bedeutung des Entschlußes, den Handelsvertrag zu kündigen, liegt aber vorzugsweise darin, daß er nicht ohne Einfluß und Folge für Deutschland bleiben wird. In dem Moment, wo Oesterreich zum Schutzzoll zueückkehrt, kann Deutschland nicht ohne große Schädigung bei seinem Zollprinzip verharren: Das beste würde allerdings sein, wenn Deutschland, welches ähnliche Produktionsbedingungen hat, wie Oesterreich, mit diesem ein gemeinsames Zollgebiet bildete, dagegen den anderen Ländern, namentlich Frankreich und England durch erhöhte Eingangszölle die Möglichkeit der Concurrcnz auf seinem Gebiet entzöge, und außerdem sich entschlösse, so wie Frankreich seinen Industriellen im Falle der Ausfuhr eine Prämie zu bewilligen. Durch eine solche engere Verbindung mit Oesterreich, und durch die Zurückweisung der auswärtigen Concurrenz, würde unserer Industrie ein hinreichend großes Absatzgebiet gesichert, und sie würde aus der problematischen Lage, in der sie sich jetzt befindet, erlöst, und sich zu einer festeren und sicheren emporzuarbeiten im Stande sein. Wenn daher die bisherige Politik beibehalten würde, und die neueste Wendung in Oesterreich nicht auf unsere Gesetzgebung zurückwirken sollte, so wird eine weitere Jsolirung eintreten, und unsere Industrie noch mehr einbüßen, wie eS bis jetzt schon geschehen ist.
Tagesbericht.
Das deutsche Panzergeschwader geht am 26. dS. nach Swinemünde und findet dort Ende deS Monats die Be» sichtigung durch den Kronprinzen statt, welcher sich direct über Stettin dorthin begibt. Das amerikanische Geschwader verläßt heute die Elbe und trifft im Lause der nächsten Woche in Kiel ein.
Da die Reichsgewerbeordnung die Gemeinden ermäch« tigt, Gesellen, Gehülfen und Lehrlinge bis zum 18. Lebensjahre zum Besuche der Fortbildungsschule deS Orts, sowie die ArbeitS- und Lehrherrcn zur Gewährung der für diesen Besuch erforderlichen Zeit zu verpflichten, so sollen diese Bestimmungen nunmehr in Preußen bei vorhandenen Be dürfnissen durchweg ausgeführt werden. Um den Gemein den die Errichtung solcher Anstalten zu erleichtern, wird
deshalb die Hälfte der Unterhaltungskosten, mit Ausnahme der Kosten für Heizung, Beleuchtung und Local, vom Staate übernommen werden, jedoch nur unter folgenden Bedingungen: Die Schule ist als Gemeindeanstalt zu gründen und zu erhalten; dem Unterrichte muß ein nach den vom Unterrichtsminister ausgestellten Grundzügen entworfener Lehrplan mit Genehmigung der betreffenden Bezirksregierung zu Grunde liegen; der Schulbesuch muß obligatorisch sein; aus eine etwaige Abneigung von Handwerksmeistern, während der Unterrichtszeit auf die Arbeitskräfte der Lehrlinge zu verzichten, darf keine Rücksicht genommen werden, weil die Reichsgewerbeordnung eine solche Rnckstchtsnahme ausdrücklich ausschließt.
Die gegenwärtig die Justizkommission beschädigenden ReichSjustizgcsetze umfassen nicht alle Vorlagen für Bundes raih und Reichstag. So fehlt noch die Concursordnung und es wird jetzt noch an den Vorbereitungen zu anderen Gesetzen gearbeitet, welche vom preußischen Justizminister als Bevollmächtigter des BundesrathS in Aussicht gestellt sind. Da aber die seit Anfang der Session des Reichstages zuerst vorkommenden Angelegenheiten das Budget und einige andere geschäftliche sind, so hat die Justizcommisston die genügende Zeit zum Abschluß ihrer Arbeiten.
Professor Heinrich v. Sybel hat in Berlin die Stellung als Director dec Staatsarchive angenommen. Man glaubt in Folge dieser Ernennung, daß künftighin Veröffentlichungen, die aus den L-taatsarchiven geschöpft, zu erwarten sind, und man darf wohl annehmen, daß Herr v. Sybel auch Vorlesungen an der Universität Berlin halten wird.
Der „Brest. Ztg." bringt nachstehende Mittheilung: Herr Jakob Böhm, bisher Salarienkassenrendant in Leob- schütz, ist zum Geh. Calculator und expedirenden Sekretär im Cultusministerium ernannt worden. Der Fall würde an sich kaum ein besonderes allgemeines Interesse erregen, wenn nicht der neue Beamte des Cullusministeriumö ein Jude wäre. Seit langer Zeit bildet die Gleichberechtigung der Confejstonen einen Fundamentalsatz unserer Verfassung, aber nur spärlich ist demselben bisher in der Praxi- Folge gegeben.
Seitens der Abgeordneten Herz, Eysoldt und Klotz sind zum Gesetze über die Gerichlsverwaltung bei der Reichsjustizkommission schon sehr wichtige Anträge gestellt worden, dahin zielend, nicht nur Verbrechen, sondern auch politische Vergehen, sowie die der Presse in ihrem größten Theile dxn Schwurgerichten zur Aburtheilung zu übertragen, dagegen die von dem Entwurf adop irte Zuständigkeit deS Reichsgerichts für Untersuchung und Entscheidung in den Fällen deS Hochvcrraths und des Landesverralhs aber ab- zulehnen. Schwurgerichte für Preßsachen sind eine der Grundbedingungen der Preßfreiheit und darf man hoffen, daß die Reichsjustizkommission die Größe und Bedeutung
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Im Feuilleton der Zeitung kommen im nächsten Quartal einige sehr spannende Erzählungen von Wartenburg, Streben und Anderen zum Abdruck. Auch wird die Marburger Chronik in demselben fortgesetzt.
Auflösung deS Oeflerreichifch-Euglischen Handelsvertrages.
Die österreichische Regierung hat den Beschluß gefaßt, den mit England 1867 geschloffenen Handelsvertrag zu kündigen. Diese Nachricht ist von sehr großer Bedeutung und geht weit über die österreichische Grenzen hinaus, denn sie beweist, daß die Zollschutzbewegung in Oesterreich keineswegs zu unterschätzen ist, wie die Freihändler eS der Welt einxedcn möchten. Bekanntlich war jener Handelsvertrag nicht auS volkswirthschaftlichen Gründen geschlossen worden, sondern lediglich aus politischen. Herr von Beust gab die österreichische Industrie Preis, um England für seine politischen Revanchepläne zu gewinnen. Er träumte danach noch ein gewisses Bündniß, eine Trippelallianz zwischen Oesterreich, Frankreich und England, um Preußens Erfolge von 1866 rückgängig zu machen. Gleichzeitig ließ er sich von den Freihändlern als den Apostel deS Fortschrittes verherrlichen. Welche Folgen diese Handlungsweise für Oesterreich gehabt hat, weiß alle Welt. England nahm jene Concessionen zu Gunsten feines Importes sehr gern an. ES benutzte die Bahn, die ihm eröffnet war, und warf seine Produkte mit großem Erfolge aus den österreichischen Markt. Bald mußten die Hochöfen in Steyermark ausgelöscht werden, und die Webestühle in Mähren und Schlesien verödeten; ganze Jndustriebezirke wurden lahm gelegt, Tausende dem Bankerott zugeführt, und Hunderttausende an den Bettelstab gebracht. Zwar feierten die Gründer noch eine Zeitlang ihre Orgien, uno zeigten der Welt eine taube Biüthe des Wohlstandes; als aber auch diese fiel, zeigte sich aller Orten die von Beust inaugerirte leichtfertige Handelspolitik. Bereits im Jahre
Schuldig «der schuldlos?
Original-Novelle von Ernst Strehlen.
(Fortsetzung.)
So wie ich einmal war, rückhaltlos meinem Gefühl mich hingebend, ließ ich mich meine spätere Zuneigung für ihn alle Fehler seines Charakters übersehen. Er hätte, wie ich erst nach Jahren einsah, einen entsittlichenden Ein- fluß aus mich üben können; aber der mir zur Natur gewordene Ernst, die Ahnung von etwas Höherem in mir schützte mich davor. Schlau verstand er es, seinen schlimmen Gewohnheiten und Neigungen einen harmlosen Anstrich zu geben, sich selbst bei meinem Vormunde, den er doch wegen seiner pedantischen Strenge im Geheimen haßte, beliebt zu machen. Dieser hatte inzwischen seinen bisherigen Wohnsitz im H. . 'scheu mit einem andern in der Nähe der LandeSrcsidenz vertauscht. Wir verließen bald darauf fei« HauS, ich, um die nur wenige Meilen entlegene Universität zu b ziehen, mein Freund, um eben daselbst in ein kauimännisches Geschäft einzutreten. ES war bic8^ die glücklichste Zeil meines Lebens. Ich athmcte mit Entzücken die Luft der Freiheit; meine so lange nieder gehaltene und gevrückle Natur entfaltete sich zu frischer Thalkraft, zur Freude des Daseins. Eine weite, sonnige Aussicht in das Leben erschloß sich mir, jedes herrliche Ziel schien mir nahe gerückt und erreichbar. Ich schloß mich an Jünglinge meines Alters, der schöne Enthusiasmus der Jugend kettete Herzen an das meinige, die in gleichem Streben nach dem Schönen und Edlen sich mir verbrüdert fühlten. O damals war ich schuldlos, meine ganze Seele voll Dankbarkeit gegen den Schöpfer, voll warmer Theilnahme für die Menschheit. Von Leopold, meinem ersten Bekannten, war ich um diese Zeit zurückgekommen, wir trafen uns nur selten. Er vermied mich, und da ich feine Neigungen und
Ansichlen den meinigen zu sehr entgegen gesetzt sand, so trennten unsere Wege sich mehr und mehr. Der strengen Zucht entnommen, sich selbst überlasten, hatte er seine erste Saniere, eines schlimmen Streiches wegen, verlassen muffen, sich einem wüsten und unordentlichen Leben in die Arme geworfen.
„Eine neue Sonne ging mir auf. Ich liebte mit der Gluth der ersten Jugend. Ja, Franziska, damals nannte ich die« Gefühl, das mich zu einem schönen, aber oberflächlichen Mädchen hinzog, Liebe. Es war ein Rausch, eine Selbsttäuschung, aber aufrichtig und rein in ihrer Unerfahrenheit, blind in ihrem unbegrenzten Vertrauen. Ich fühlte mich von Fittigen des Glückes getragen. Die Geliebte, meinem stürmischen Drängen nachgebend, hatte eingewilligt, die Meinige zu werden. Das akademische Studium beabsichtigte ich ohnehin nicht fortzusetzen; mit meinen erworbenen Kenntnisten, mit den Verbindungen, zu welchen sich 'mir günstige Anknüpfungspunkte genügend darboten, konnte es mir, wie ich glaubte, nicht schwer wer den, einen häuslichen Heerd zu gründen; wenn nur mein Vormund geneigt war, mir zu besten Erl mgung behülflich zu fein, indem er mir die Hälfte meines kleinen Vermögens, das er bis zu meiner Volljährigkeit verwaltete, dazu aushändigte. Meine Liebe ließ mich über alle Schwierigkeiten hinweg schm, ich hätte mich in ihr stark gefühlt gegen eine Welt zu kämpfen. Mein Vormund kam um diese Zeil in die Stadt; es war um eine bedeutende Geldsumme zu erheben. Ich hatte ihn in zwei Jahren nicht gesehen, hatte verlernt, mich in seine Weise zu finden. Er hörte meiner Mittheilung, die von der Gluth und Uebeischwenglichkeit des mich befeeligendm Gefühles zeugte, schweigend und mit schlecht verhehltem Spotte zu. AlS ich geendigt, lachte er sarkastisch, fragte, ob daS die ganze Geschichte sei, nannte mich einen lächerlich unstunigen Thoren, der verrückte
Pläne schmiede. Dann wandte er sich ab, und mit der schroffen Geringschätzung, die mich von jeher am meisten empörte, erklärte er die Sache für abgemacht und verließ das Zimmer. Ich blieb zurück; von kränkender Beschämung übergoffen, konnte ich lange meine Gedanken und Entschlüsse nicht ordnen.
Lei der Geliebten, wo ich in dem Kummer meiner getäuschten Erwartung Trost zu finden hoffte, empfing mich eine sich beleidigt stellende Kälte, eine zur Schau getragene Empfindlichkeit. Gereizt und empört kehrte ich zuletzt in meine Wohnung zurück, wo ich eine ruhelose Nacht zu- brachte. Am andern Morgen suchte ich sie wieder auf. Sie wollte mich anfangs gar nicht anhören, wie ich, beredt in meinem aufrichtigen Schmerz, mein ganzes Herz vor ihr ausschüttete und sie beschwor, bis zu meiner Volljährigkeit zu warten, meiner Treue gewiß zu sein. Sie erklärte, daß sie es sich selber schuldig sei, bas Verhältuiß mit mir abzubrechen; daß sie nicht an eine Liebe glauben könne, die von dem ersten Hinderniß feige sich zurückschre- cken laste. — Sie brachte mich aufs Aeußerste durch ihre Thränen, ihre Vorwürfe, so ungerecht sie waren. „Gut denn", erwiderte ich, „ich werde dich überzeugen, daß ich nicht feige bin. Ich werde ihn nochmals aufsuchen, ihn zwingen, mir zu willfahren!"
„Ich verließ sie und eilte nach dem Hotel meines Vormund.s. Er war schon früh am Morgen abgereift. Ich folgte ihm auf demselben Wege nach. Spät am Nachmittag holte ich ihn in dem Wirthshause eines Dorfes ein. Da er mit seinem eigenen Wagen reifte, hatte er ausspannen listen, es war etwas daran in Unordnung geraden. Ich war inzwischen besonnener geworden und nahm mir vor, mich nicht von meiner Heftigkeit hinre ßen zu lasten. Ich redete ihn bescheiden an, bat ihn, eine Strecke mit mir ins Freie zu gehen, weil ich dort ungestörter mit ihm zu