Xr. 1'42.
Marburg, Sonntag, 20. Juni 1875.
x. Jahrgang.
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Im Feuilleton der Zeitung kommen im nächsten Quartal einige sehr spannende Erzählungen von Wartenburg, Streben und Anderen zum Abdruck. Auch wird die Marburger Chronik in demselben fortgesetzt.__
Politische Wochm-Uebersicht.
Nachdem Kaiser und Reichskanzler schon vor acht Tagen Bäder und Sommerfrischen ausgesucht haben, ist auch am Dienstag die Session des preußischen Landtages, nach sünfmonatlicher Dauer (vom 16. Januar bis 15. Juni) geschlossen worden. Die Mitglieder, welche größtentheils auch dem Reichstage angewohnt hatten, haben den augenblicklich sehr gesteigerten Gesetzgebungs-Bcdürfniffen des vaterländischen Staats reichliche Opfer gebracht; aber sie nehmen das Bewußtsein mit nach Hause, daß die bedeu tenden Ergebnisse der Session der Anstrengung werih waren. Die betreffenden Minister werden nur noch die allerhöchste Vollziehung einzuholen und die nöthigen Ausführungs- Verordnungen vorzubereiten haben und dann auch ihrerseits den Staub der sandigen Hauptstadt von sich abschüt- tein und der Erholung in frischerer Luft zucilen zu dürfen. Inzwischen sitzt die Justizcommission des Reichstages noch unverdrossen im Schweiße ihres Angesichts bei ihren Arbeiten. In Baiern sind die neuen Landtagswahlen nunmehr ausgeschrieben, auf den 15. Juli für die Wahlmänner, auf den 24. Juli für die Abgeordneten.
Der Kaiser von Oesterreich antwortete einer Deputation, die der bukowiner Landtag an ihn gesandt, er könne da« Budget nicht überschreiten, doch solle seine nächste Reise der Bukowina gelten. Den Verhandlungen über Fragen der Zoll- und Handelspolitik, die unter des Kaisers Vorsitze bei Anwesenheit von fünf ungarischen Ministern am 10. d. M. in Wien Statt gefunden, werden Konferenzen über die Ernennung des österreich-ungarischen Zoll- und HandelS-BündnisieS folgen.
Der Conflikt zwischen Bern und dem Schweizers Bundesrathe scheint sich einem friedlichen Ausgleich zu nähern.
In der italienischen Deputirtenkammer ist die Be- rathung des Gesetzes über die öffentliche Sicherheit fortgesetzt worden und hat zu mehreren stürmischen Auftritten geführt. Der Antrag Garibaldi's zur Regulirung der Tiber ist mit geringen Abänderungen von der Kammer angenommen worden. Der Papst hat am 16. Juni den dreißigsten Jahrestag seiner Erhebung auf den h. Stuhl gefeiert.
Auch diese Woche ward die französische Hauptstadt durch zwei große Schaufeste gekennzeichnet, durch ein mili tärisches und ein ultramontanes. Die Revue, welche der Präsident der Republik am Sonntag in den Longchamps des Boulogner Holzes unter ungeheurem Dolkszudrange abhielt, ward zu einem Marksteine in der jetzigen Entwick hing der Dinge. Die Franzosen fanden und fühlten sich wieder im Besitz einer großen, imposanten Truppenmacht. Nicht von demselben Selbstgefühle, doch von denselben Ideen ward das Fest der Grundsteinlegung der Kirche des Sacrs-Coeur auf dem Montmartre angeregt und getragen. Der Gott Frankreichs wird gebeten, „Rom und Frankreich im Namen des Sacrs-Coeur zu retten" und „den Nachfolger Petri durch einen seinen Schmerzen gleichen Triumph zu glorificiren". Die Feier fand am 16. Juni unter dem Zustrome einer unabsehbaren Menschenmenge ohne Unfall statt.
Wieder einmal melden Telegramme aus Spanien von einer Wiederaufnahme des Feldzuges gegen die Car> listen. General Jovellar, welcher den Befehl über die Centrumsarmee übernommen hat, soll den Anfang machen, ja, schon gemacht haben, ob dies mehr al» ein halber Anlauf sein wird, muß die Zeit entscheiden.
Das englische Parlament beschäftigte sich in der abgelaufenen Woche an erster Stelle mit den neuen Arbeitergesetzen, desgleichen mit der veränderten GerichtS- reformbill und der Ausdehnung der Prügelstrafe als Strafe für besonders grobe Brutalitäten. In den erstgenannten Gesetzen sind einige sehr wichtige Grundsätze ausgesprochen: die Gleichstellung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer in dem Sinne, daß letzterer für einen Vertragsbruch, für den ersterer nur civilrechtlich belangt werden kann, nicht mehr dem Strafrechte unterliegen soll; und bann der Grundsatz, daß das, was dem Einzelnen erlaubt ist, dadurch nicht strafbar wird, wenn es Mehrere nach Verabredung thun. Nur, wo durch eine solche Ver- ischwörung Gefahr für das öffentliche Wohl entsteht, ist seine Ausnahme gemacht.
Der König von Dänemark wird nebst dem Kronprinzen Ende dieses MonatS nach Jütland reisen, daS Uebungslager bei Halb besichtigen, der LandmannSversamm- lung in Wiborg beiwohnen und dann der seeländischen Nordwestbahn von RoeSkilde nach Kallundborg, die übrigens schon seit Neujahr befahren wird, die feierliche Weihe geben.
Der König von Schweden und Norwegen ist aus Deutschland am 13. d. Mts. in Stockholm wieder eingetroffen.
Das von der ultramontanen Preffe, zuerst vom „Kuryer PoznanSki" angestimmte, vom Pariser „Union" mit voller Kehle nachgesungene und bann in allen möglichen Zungen nachhallende Lieb von einem zwischen ber russischen Regierung und dem Vatikan zu Gunsten ber römisch- katholischen Kirche in Polen uub Rußland abgeschlossenen Concordat erweist sich richtig als eine Dichtung. Ein polnischer Prälat, Msgr. Ciuski in Rom, scheint sich da- mit wichtig gemacht zu haben.
In Griechenlanb herrscht einstweilen Ruhe, so erregt auch die einzelnen Parteien sich geberden mögen. Alle Gerüchte, daß der König abdanken wolle und daß zu seinem und seiner Familie Schutz die Großmächte ihre Geschwader vor den PiräeuS legen wollen, find unbegründet.
Die Pforte scheint den Spruch des zur Lösung der rumelischen Eisenbahnfrage eingesetzten Schiedsgerichts nicht gelten lasten zu wollen, sie behält sich, wenn derselbe für sie ungünstig ausfällt, Berufung an die Landes- gerichte vor.
Zum Primas von Rumänien und Metropoliten von Bukarest ist am 12. d. MtS. von den vereinigten Mitgliedern der Synode, des Senats und der Deputirtenkammer Kalinik, der bisherige Metropolit von Jaffy, gewählt worden. Die Kammer verhandelt feit dem 15. d. in lebhaften Debatten über die AntwortSadreste auf die Thronrede.
Tagesbericht.
Die Frage, ob die Handelsgerichte beibchalten werden sollen, enthält einen Punkt, der oft übersehen worden, nämlich, daß der Entwurf des BundeSrathcS nur die fakultative Errichtung von Handelsgerichten da beabsichtigt, wo dieselben nach Ansicht der betreffenden Bunbesregierungen nöthig sinb. ES ist erklärlich, baß besonbers rheinische Juristen in Folge ihrer birekten Erfahrungen, so entschieden gegen bie Handelsgerichte auftrtten, da diese am Rhein so höchst mangelhaft organisirt sind, aber es ist sicher, daß die nach dem Entwurf deS BundeSratheS zu bildenden oder
Schuldig »der schuldlos?
Original-Novelle von Ernst Strehlen.
(Fortsetzung.)
Nach einigem freundschaftlichen Hin und Wider, in Erkundigungen und Aeußerungen der Theilnahme seinerseits und scherzenden Vorwürfen seines Wirthes, daß er ihn so lange vernachlässigt habe, zeigte der Besuch seine auf den nächsten Morgen bevorstehende Abreise an, indem er mit dem AuSbruch warmer Empfindung seinen Dank für die ihm erzeigte Gastfreundschaft, für alle zuvorkommende Güte, alle Beweise des Wohlwollens aussprach. Nicht geringe Bestürzung rief diese Nachricht in dem kleinen Kreise hervor. Der harmlose Rentier verstummte im eigentlichen Sinne des Wortes, er wollte kaum seinen Ohren trauen. Dann schüttelte er mit unwilliger Miene den Kepf und murmelte dazu unverständliche Worte in den Bart; vielleicht hatte er eine Eröffnung ganz verschiedener Art erwartet. Die Mutter, welche den letzten Rest ihres Vor- urtheils bei dem Erscheinen deS in letzter Zeit so gern ge schenen Gastes hinschwinden fühlte und eS ihm innerlich Dank wußte, daß er ihrer etwas verlegenen und beschämten Miene mit so unbefangener Freundlichkeit entgegen kam, erwiderte er nach einer langen Pause mit einer Phrase des Bedauerns, — beinah hätte ihr dazu die Fassung gemangelt, indem sie, den Blick auf ihre Tochter richtend, einer marmorgleichen Erstarrung, einem fast leblosen Auge begegnete.
Jetzt aber wendete sich Berthold mit einem eigenthüm- lichen Ausdruck zu dieser. Er vermied dabei, sie anzusehen und seine Stimme war umflort, als er begann: „Thenres Fräulein, bie Erinnerung an Ihre, mir für ewig unvergeßliche Güte verleiht mir ben Muth, Sie um bie Gunst einer kurzen Unternbung zu bitten." Langsam erhob er den Blick zu dem Angesichte deS Mädchens, über welche« jetzt in scharfer Abgrenzung eine flammende Röche
schoß. Das für einen Moment entschwundene Bewußtsein kehrte ihr zurück. Sie senkte die Wimper, ihre innere Bewegung zu verschleiern, die gewaltige Erschütterung, die ihr die Brust zerschnitt, nicht hervorspringen zu lassen. Stumm bejahend neigte sie das Haupt. Der Vater, welcher im Begriff stand, seinem beinah aufgebrachten Erstaunen über die vorhin vernommene Nachricht Luft zu machen, blieb mit geöffnetem Munde völlig überrascht und verdutzt stehen, die Mutter machte eine unwillkürliche Bewegung des Dazwischentretens. Der junge Mann sah ihr ruhig mit einem Blick schwermüthigen Ernstes ins Auge, der eine Versicherung zu enthalten schien, daß sie nicht nöthig habe, sich zu beunruhigen.
„Denken Sie, gnädige Frau, daß Sie durch die mir ertheilte Erlaubniß einem Scheidenden das Herz erleichtern!" sagte er sanft, doch nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit. „Es ist vielleicht eine selbstsüchtige Regung in mir, welche biefen Wunsch auf meine Lippen übertrug; aber meine Worte bflrfen unb sollen keinen ftörenben Schatten auf bas Glück ihres Hauses werfen." — Er verbeugte sich unb folgte Franziska nach, welche voran roanbelnb burch das anstoßenbe Zimmer in ein kleines Nebengemach ging. Hier hielt sie an, beutete schweigend — um die Welt nicht hätte sie zu sprechen vermocht — mit einer einladenden Bewegung der weißen Hand aus einen Sitz am Fenster und nahm dann gegenüber Platz. ES wollte ihr die Brust zersprengen vor beklommener Furcht, die bad Herz um klammerte, besten lautes Klopsen all ihr Denken über- täubte. Sie mußte sich mit Anstrengung bie Gegenwart zurückrufen, um in ber minutenlang anbauernben Stille nicht einer sie beschlcichenben Täuschung anheim zu fallen, die alles für einen unheimlichen Traum erklären wollte. Ihr gegenübersitzender Gesellschafter verharrte, den Oberkörper vorüber gebeugt, ohne sich zu bewegen. Er schien in Gedanken abwesend, es vergessen zu haben, daß er sie um eint Unterredung gebeten. Erst ein tiefer Seufzer,
ber ihren Lippen sich entrag, ließ ihn zusammenfahrend zu ihr aufblicken.
„Thor," sagte er auSbrechenb mit leidenschaftlicher Selbstanklage, intern er sich vor die Stirn schlug, „sinnloser, verbrecherischer Thor, der ich bin 1 Ich mache Ihnen Schmerz, Ihnen, bie ich — o Gottl — Ich sagte eS vorhin wohl, daß ich selbstsüchtig handelte, Ihren Frieden zu stören, und doch. —“ Er stand auf und machte einen Gang durch das Zimmer, bann kehrte er zu bem verlassenen Sitz zurück. Er hatte bie heftige Gemüthsbewegung nieder- gekämpft, seine Züge waren regungslos und gefaßt.
„Ja. zürnen Sie mir," sagte er dumpf, „zürnen Sie meinem Andenken; strafen Sie mich dafür, daß ich es wagte, Sie zu lieben, ewig Sie lieben werde! Ich spreche dies Geständniß aus — ich vermag eS nicht zurück zu halten! Aber seinetwegen züchtige ich mich selbst; ich ver- abreiche zu gleicher Zeit das Gegengift. — Wissen Sie denn, Franziska, daß jene Beschuldigung, bie mich inmitten seliger Hoffnungsträume emporschrecktt, bie mich ber kurzen Vergessenheit grausam entriß, jene räthselhaste Anklage, beten vollen Inhalt ich ahne, Wahrheit enthält! — ES ist so: ich entfloh vor fünfzehn Jahren, weil ich —" Seine Lippen zitterten, erst nach einer Weile konnte er mit erloschenem Tone vollenben: „Ich entfloh, weil ich meinen Vormunb getöbtet hatte."
Das Mädchen fühlte eine plötzliche Dunkelheit ihre Augen überschatten. Ein Schwindel erfaßte fic, Frost unb Grauen riefelten burch ihre ©lieber. Das Unmögliche war also wahr, geschehen; er, ben ihre vergötternde Liebe so hoch gestellt, war — ein Mörder! — Er war zu ihren Füßen gesunken und barg sein Haupt in den Falten ihres Kleides. In halber Bewußtlosigkeit, wie zerschmettert, lehnte sie im Sessel. — „Stehen Sic auf!" sagte sie zuletzt mit Anstrengung. —- Er hob bad Gesicht empor. Ein so roilber Schmerz, eine so grenzenlose Verzweiflung sprach sich darin u»S, daß es sie mit tiefem Mitleid zu ihm nie«