Sr. MO.
Marburg, Freitag, 18. Juni 1875.
X Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlm, Leipzig, Cöln rc; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
OhcchrUlhc Jalung.
Anzeigen nimmt entgegen: die ejcyebitüm d. Blatte-, sowie dre Annoncen-Bureaux von,®. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M,; JLger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Earl Schüß- ker in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quattal mit der wöchentlichen Berlage „JIttstrirte- SonntagSdlatt durch dre Erpedrtton(Kochsche * Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches S Mark 50 Pfg. (»xl. Bestellgebühr). — Znsertlousgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.
eben gelungen, die alten Parteigegensätze zu Wemüiden. | Franken unterzeichnet, zusammen für 600,000 Franken,
so daß die finanzielle Grundlage des Vereins vollständig
Aus den besonnenen Elementen aller politischen Parteien
Das parlamewtarifche Wirke» uud Gchaffe» in der jüngsten Session
Die LandtagSsesflon, welch« soeben geschloffen worden ist, wird in der parlamentarischen Geschichte Preußen« eine hervorragend« Stelle einnehmen, nicht blos durch die große Zahl bedeutender gesetzgeberischer Erfolge, sondern vor Allem durch den wahrhaft parlamentarischen Sinn und Geist, welchem diese Erfolge zu danken find.
Noch in keiner Session, so lange die jetzige preußische Verfassung besteht, hat die Hingebung und Treue gegen den Geist derselben so durchgreifende Geltung erlangt, wie in den letzt« Monaten; noch niemals sind die Grund« bedingungen der verfassungsmäßigen Entwickelung des StaatSlebenS so ernst erfaßt und treulich erfüllt worden, wie eS diesmal innerhalb der großen politischen Parteien in jedem der beiden Häuser, sowie zwischen den beiden Häusern der Fall gewesen ist.
„Die Bast« des constitutionellen Lebensprozesses ist der Kompromiß", — dieses Wort des Fürsten Bismarck hat in der jüngsten Session durch daS gemeinsame Streben und die gemeinsamen Erfolge der politischen Körper- schaflen eine glänzende Bestätigung erhallen: der Corn- promiß, die Ausgleichung und Verständigung über die Mittel und Wege zu gemeinsam erstrebten Zielen hat die wichtigsten Erfolge auf fast allen Gebieten de« StaatS- teben« «rreichm taffen.
So bedeutend und tiefgreifend die einzelnen Gesetze sind, welche durch die hingebende Arbeit der letzten Wochen zum Abschluß gelangt find, und so sehr die Hoffnung berechtigt erscheint, daß die Ausführung derselben dem Vaterlande zum Segen gereichen werde, so bezieht sich doch die Freude an dem schließlichen Gelingen nicht blos auf das Zustandekommen dieser Gesetze selbst, sondern eben so sehr auf das bereitwillige patriotische Zusammenwirken, welchem das Gelingen zu danken ist, und in welchem eine Frucht der gejammten politischen Entwickelung der letzten Jahre zu erkennen ist. . ,
Mehr als in irgend einem früheren Werke der Gesetzgebung ist an den Verwaltungsreformen zur Wahrheit geworden, daß ächte Freisinnigkeit und ächter ConfervatiSmuS nicht im Gegensätze zu einander stehen, vielmehr zu wirklich organischen Schöpfungen für den Staat zusammen wirken müssen: eS ist in diesem Sinne ein glückliches Anzeichen, daß jetzt, nachdem das Werk vollendet und der Streit über bic einzelnen Punkte erledigt ist, der Conser- vatismuS nicht minder als der Liberalismus den wesentlichen Anthell an der schließlichen Gestaltung für sich in Anspruch nimmt.
Bei der Lösung der großen Reformaufgaben, ist es
gefichert ist.
In der Fortsetzung de« Prvzeffe« Arnim beantragt der Staatsanwalt, den Angeklagten aus Grund der Artikel des Strafgesetzbuchs 348 Al. & 3,50 und 133 (Beiseiteschaffung von Urkunden und -Unterschlagung in amtlicher Eigenswaft empfangener Sachen) schuldig zu erklären und zu einjährigem Gcfängniß zu vemrtheilen. Nach dem Plaidoyer der beiden Bertheidiger Dockhorn und Munkel verkündet der Gerichtshof nach kurzer Berathung, daß die Verkündigung de« Urtheils am 24. d. M., Nachmittags um 3 Uhr, erfolgen werde.
Der CanonicuS Künzer hat sich mit einer Erklärung an den Kaiser gewandt, welcher dieselbe dem Eultusrninistw überwiesen hat; wie sie lautet, ist unbekannt, Thatsache ist, daß ch« ein huldvolle« Antwortschreiben zu Theil geworden ist. Ein zweiter Geistlicher der Diöcese Breslau, der eine Erklärung abgegeben, ist der Pfarrer Pischel in Giesdorf bei Ziegenhals, der Name eine« dritten ist der „Schlesischen VolkSztg.", der wir diese Nottz entnehmen, unbekannt. — Man schreibt der „Schics. Volkszeitung" aus Berlin: „Die von dem Gerichtshof für Ärchliche Angelegenheiten angeordnete Untersuchung gegen den Fürstbischof ist schon so weit vorgeschritten, daß die Acten deS Untersuchungsrichters an den Gerichtshof zurückgelangt sind. Man versichert un8 mit Bestimmtheit, daß der Gerichtshof aus dem ihm vorgelegten Material die Ueber- zeugung geschöpft chabe, daß man da« Verfahren auf Absetzung gegen den Herrn Fürstbischof auf Grund deS gesammelten Materials nicht «niesten könne. (?) Die Acten sollen, wie verlautet, an den Untersuchungsrichter zurückgegangm sein, und der Gerichtshof will sich in einer für den 19. d. Mts. anberaumten Sitzung schlüssig machen."
Oestevreichische Blätter melden au« Wien, 14. Juni: Der Kaiser empfing heute die Deputation des bukowinaer Landtages, welche ihn zum Besuche deS Lande« anläßlich der hundertjährigen Säcularfeier deffelben und der Errichtung der Czernowitzer Universität einlud. Auf die Ansprache der Deputation erwiederte der Kaiser: Ich freue Mich über die herzlichen Worte, -die Sie an Mich gerichtet, und Ich danke Ihnen dafür, daß Sie bei diesem bedeutungsvollen Feste an Mich gedacht haben. Es ist Mein sehnlichster Wunsch, das Land Bukowina zu besuchen; allein Ich kann da« Budget nicht überschreiten und bei den gegenwärtigen wirthschaftlichen Verhältnissen an die Reichs« regierung nicht mit einem Nachtragscredite herantreten,
hat sich je länger je mehr eine umfassende Gemeinschaft zu ernst patriotischem practtschem Wirken und Schaffen herausgebildet, welche nicht mehr die vermeintlich idealen Forderungen der Parteilehre, sondern die thaffächlicheu Zustände und Bedürfnisse des Landes zum Ausgangspunkte ihrer Erwägungen und zur Richtschnur bei ihrem Handeln nimmt.
Rur auf solcher Grundlage war eS möglich, die Aufgaben für die Reform des gesamutten inneren StaatSlebenS zu einem so versöhnlichen und hoffnungsreichen Abschlüsse zu führen, wie es zunächst für den östlichen Theil der Monarchie gelungen ist, und damit den sicheren Grund sowohl für die weitere Ausdehnung der Reform auf die übrigen Provinzen, wie auch für die nothwendige Neugestaltung auf anderen Gebieten de« Staatrlebens zu legen.
Nach dem Verlauf und AuSgang der jüngsten Session kann man mit erhöhetem Vertrauen der weiteren inneren Entwickelung auf den gewonnenen Grundlagen «utgegen- sehen.
Den neu geschaffenen Einrichtungen der Selbstverwal tung aber möge derselbe Geist versöhnlichen patriotischen Zusammenwirkens, welcher sie in's Leben gerufen hat, auch bei der practischen Durchführung überall zu kräftiger Stütze gereichen. (Pr.-Corr.) ;
Tagesbericht
Vergangenen Sonnabend hatte der Kronprinz einen Kreis von durch ihre Stellung dazu bezeichneten Personen um sich versammelt zur Förderung des in Belgien bevorstehenden CongreffeS für Gesundheitspflege und Rettung Verunglückter. ES waren dies der Wirkt. Geheimerath v. Philipsborn, General-Major v Voigts-Rhetz, die Pro- fefforen Gneist und Virchow, Herr von Hollebm, Ober- tribnnalSrath und Vorsitzender des Centralvereinö für die Pflege der Verwundeten im Felde, v. Bunsen, Kammerherr v Normann. Es handelte sich um vorbereitende Schrite zur Gründung eines Vereins, besten Vorsitz ber Kronprinz übernehmen wirb. Die Mitglieber sollen Vereinsgenoffen namentlich in München, Stuttgart unb Dresden cooptiren. In drei bis vier Wochen soll dann eine weitere Sitzung stattfinden zur wirklichen Constituirung des Vereins, so wie jum Erlaß eines Aufrufs an die betheiligten Äreife., Man weiß, daß die Gesellschaft des Rothen Kreuzes unb!
bic bes Frauenvereins mit ber Zustimmung ber Kaiserin eine gewisse Zahl von Actien unterzeichnet haben. In _
Belgien selbst würben schon 3000 Actien jebe zu 2000 nachdem die vorhandenen Mittel für die Kosten einer sol-
Schuldig -der schuldlos? Original-Novell« von Ernst Strehlen.
(Fottsrtznng.)
Bald gewann er auf dem Wege zur Stadt zurück feine volle, knabenhafte Munterkeit wieder. Er trabte lustig dahin, pfiff eine Melodie und griff inzwischen in die Tasche, um irgend eine Näscherei zum Munde zu führen. „Ist der Alte einmal splendid gewesen," lachte er halblaut zwi-, scheu den Zähnen. „Und der blanke Thal«, den er mir geschenkt hat! ES wird fein werden, wenn da« so fort-: geht. Ab« mit ihm gehen, wie <t sagt, das thu' ich doch nicht. Nein, nein, er wird mich doch wieder prügeln wie ehemals, ich kenne das schon. Wenn ich an mein Mütterlein denk' — die Leute sagen: er hat schlecht an ihr gehandelt!" — Man erräth, daß er von seinem Vater sprach, den et in jenem Fremden auf dem Boden wieder erkannt hatte. — „Ei was," fuhr er fort, „er kann mich nicht zwingen, da er sich nicht zeigen darf! Ich bleibe doch lieber hier, bet dem guten Fräulein. Wenn ich nur wüßte, wie ich —." — Wieder flog ein Zug zweifelhafter Unruhe Über sein Gesicht. Er schlenderte langsamer einher, indem er über etwas nachzudenken schien. Dann nickte er, schnippte sorglos mit den Fingern und eilte in raschen Sprüngen die kurze Strecke nach der Stadt zurück.
Berthold hatte indessen seine Wohnung im Wellmann- scheu Hause nicht verlaffen gehabt. Er beschäftigte sich unter einem trüben Stillschweigen mit dem Ordnen feiner Sachen, der Durchsicht seiner Papiere. Er fühlte sich wieder von hinnen getrieben — keine Hcimath, kein Glück für ihn! Er wollte den Mieihzin« für da« laufende Vierteljahr «uttichten und die Stadt verlassen, die ange- knüpsten Unterhandlungen und Geschäfte abbrechen. Fürchtete et etwa verfolgt zu werden, trieb ihn jene räthselhaftc feindselige Beschuldigung fort? — DaS war es nicht; er lächelte bitter in sich hinein. Mochte geschehen, wa« wollte, mochte man denken von ihm nach Gefallen, — eS war
ihm alles fo unendlich gleichgültig geworden, feit er der Hoffnung, die aus Franziskas strahlenden Augen ihm »er« heißend entgegen gelächelt, inn«lich entsagt hatte. Und -er hatte freiwillig auf die Hoffnung, auf das Glück verzichtet. Er hatte mit sich selbst gerungen, schwer und heiß; aber nun war das vorüber, zu Ende. Er sagt« es sich mit Entschloffenheit, die verlockenden Wünsche von sich weisend — es mußte ja sein! Thöricht, unedel, war eS gehandelt, sie, die Geliebte, die Schuldlose, in fein Geschick verstech icn zu wollen. Der holde Traum war vorüber; auf'S neue sah er mit dem müden Blick trostlosen Darbens in das Leben, di« Zukunft, — wa« konnten sie ihm ferner bieten? —
Spät am Abend raffte er sich empor aus dem Zustand gedankenlosen Brütens, ber ihn zuletzt bewältigt hatte, um einer langjährigen Gewohnheit folgend, einen Gang hinaus in das Freie zu thun. Abgekehrt von der Außenwelt, in sich versunken, schritt et dahin, ohne die ihn beobachtenden Augen, die unruhige Beweglichkeit deS jungen Thomas zu beachten, welcher bald vor, bald hinter ihm schwärmend, bald auf jener Seite deS Pfades einhertralne. Schon am Nachmittag hatte der Knabe ab unb zu in ber Nähe feines Zimmers sich umhergetrieben. Jetzt blieb btefer allmälig hinter ben immer weiter ausgreifenden Schritten des Mannes zurück, dem er nicht in gleicher Entfernung zst folgen vermochte, wie e« seine Absicht zu sein schien. Jener verließ bald den um diese Zeit stark besuchten Spaziergang, um einen einsamen Pfad längs dem Straube aufzusuchen. Das Ufer war hier stach und sandig, in zahllosen Buchten ausgeschnitten, unb ber Blick schweifte frei über die malerisch hingelagerte Stobt unb einige nahe gelegene Insel, jenseits welcher bic buntelnbe Wasserfläche ruhig unb groß sich ausdehnte. Gleichmäßig plätschernd kam die unermüdliche sanft gehobene Welle heran, sich still zu ben Füßen des Schauenden verlierend, ber schwer auf« fcufyno, -mit verschränkten Armen in bie Weste starrend,
am Ufer stehen geblieben war. Ein herber Ausbrnck lagerte um seinen Mund, lastende Gedanken furchten seine Stirn, die «tief sich herunter senkte.
Plötzlich fühlte er sich von hinten am Rocke gezupft. Eine schüchterne doch dringende Stimme nannte seinen Namen. Zugleich erschreckt und aufgebracht drehte er sich um, .den frechen Störer zu bestrafen. Dieser wich ebenso schnell zurück und er erkannte in ihm den ihm wohlbekannten Knaben, ber jetzt, sich weislich entfernt haltend, mit verlegener und scheuer Miene, gleichsam auf dem Sprunge stehend, sich die Hände rieb. — „Was soll's?" fuhr ihn Berthold gebieterisch an; „weshalb bist du mir nachgeschlichen? Antworte!" — Er schritt drohend auf ihn zu, bet in seinem Schweigen beharrte unb ruckweise zurückwich. — „Sie brauchen gar nicht böse zu sein, Herr Berthold!" fing er endlich halb trotzig, halb zaghaft an; „ich weiß eS ja doch, daß Sie dem Fräulein gut sind und da wollte ich —Er stockte und schien nach Worten zu suchen, während sein -Überraschter Gegner sprachlos von Betroffenheit seine Schritt« hrmmte.
„Ja, Herr Berthold", begann Thomas jetzt wieder, durch die Dunkelheit beherzt gemacht, mit Hast unb Geläufigkeit sprechend, „ich meine nur so — Sie wollen gewiß auch nicht, daß ihr ein Schabe ober Leib geschehe — unb es könnte ja sein, daß in dieser Nacht — ab« sagen darf ich e« nicht!" Er lachte kurz auf; e« klang schon entfernt, als er zurück rief: „Vielleicht hat es mir auch nur geträumt!" — Er j»ar in Sprüngen immer weiter und weiter entwichen, stand bann auf einem Hügel einige Augenblicke still, sich nach bem Zurückgebliebenen umzusehen, schwenkte feige Mütze unb bog in raschem Lauf in ben Psab, der die Richtung, nach der Stadt bezeichnet«. Bald war er hinter einer Biegung ben Blicken entschwunden. Berthold verfolgte ärgerlich hinterher den Weg, auf 4inan> genehme Weise aufgepüttelt aus bem halb traumhaft« Zu-