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%r. 133.

Marburg, Donnerstag, 10. Jnni 1875.

x Jahrgang.

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ritung

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte«, sowie die Annoncen-Bureanx von ® L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meher in Berlin; Carl Schüße ler in Hannover; C. Schlott- in Bremen.

Anzeigen nimmt entgegen: die d. Blatte»,

sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; taasenstein & Vogler in rankfurta-M, Berlin, Leip- •ifl, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

t«ali<b außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'fche 6 Buchdruckerei) bezogen 2‘5 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf», lexl- Bestellgebühr). - ^lnsettionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf».

w Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 2» Psg. berechnet.

Die volkSwirthschaftliche Lage

Seit Monaten sicht man sich vergebens nach einer rettenden Thal um, die den Europäischen Markt wieder inS Gleichgewicht bringen, Handel und Industrie heben, und die aus allen Gebieten herrschende Baisse beseitigen soll. Eine kurze Zeit hatte eS den Anschein, als ob von Frank­reich her eine Acnderung herbcigeführt werden würde. Frankreich hatte sich in Folge des Krieges fein von dem großen Gründungsschwindel gehalten, es hatte durch aus­gezeichnete Ernten die großen Verluste des Krieges wieder eingebracht; Industrie und Handel hatten dort einen feite- «en -Aufschwung genommen; während Deutschland durch die unaufhörlichen Strikes in der Entwickelung seiner In dustrie geschädigt war, producirte Frankreich unter dem Eindruck des Krieges weit billiger und überflügelte die

namentlich die Löhne eine angemessene Reduction erfahren, j Damit ist aber die Sache keineswegs beendet; denn um solche billige Löhne zu erzielen, muß gleichzeitig auch eine ganz erhebliche Reduction der Lebensmittel und der Woh- nungsmiethen eintreten.

Die Freihandelspartei hatte sich der Hoffnung hinge- geben, daß durch die Entfesselung des Handels und Capi tals alle Lebensbedürfnisse billiger würden. Durch die Aufhebung der Schlacht- und Mahlsteuer soüie die Con- currenz belebt werden und die Preise sinken; statt dessen associrten sich Bäcker und Schlächter, um die hohen Preise aufrecht zu erhallen. Man hob die Wuchergesetze auf und die Pfandleiher traten gleichfalls zusammen uns gingen mit ihrem Prozentsatz um 100 Prozent in die Höhe. Man erleichterte die Anlage von Eisenbahnen und bekämpfte die Monopolisirung der Bahnen durch den Staat unter dem Vorwande, den Verkehr billiger zu machen, und die Folge war, daß der Tarif bedeutend erhöht wurde und die Bahnen in ihrer E nnahme zurückgingen. Wo nur immer der Freihandel seine Hand im Spiele hatte, da wurden unserem volkswirthschaftlichen Leben tiefe Wunden geschlagen Dazu kamen noch andere große Veränderungen auf wirth- schaftlichcm und finanziellem Gebiete, welche statt das Vertrauen zu beleben, es erschütterten, und nicht dazu bei­trugen, das Gleichgewicht wiederherzustellen. Es sind daS namentlich das Bankgcsetz und die Münzreform. Durch das erstere werden eine ganze Reihe von Banken zur Li­quidation veranlaßt, was an und für sich kein Schaden ist, aber doch in gegenwärtiger Zeit nicht ohne Verlust abgehen kann. Die Münzreform hat die Beforgniß einer Münzkrisis hervcrgerufen, die durch Mangel an Gold und durch den starken Export eine fortgesetzte Nahrung erhalt. Es ist eine offenkundige Thatsache, daß Berliner Banquiers das Gold in großen Quantitäten nach Belgien schicken und es dort gegen ein Agio von 3 pro Mille einschmelzen lassen. Wenn diesem Treiben nicht bald Einhalt geschieht, so ist Gefahr vorhanden, daß die kostspielige Münzreform scheitert und Deutschland einer wirklich bedenklichen Münz­krisis zutreibt.

AlleS dieses zusammengefaßt zeigt die schwierige Lage, in der sich noch fortgesetzt Deutschland befindet und die noch durch Extravaganzen der Freihandelspartei künstlich gesteigert ist. Schneller und gründlicher konnte der Be­weis nicht geführt werden, daß die Prinzipien des Frei Handels noch lange nicht für Deutschland angewandt wer­den können, und daß wir ohne die größte Schädigung

deutsche Industrie.

Aber eS war ein Jrrthum, dem man sich hingab, wenn Frankreich allein im Stande sein sollte, eine Wendung in der allgemeinen Lage herbeizuiühren; Deutschland übt einen viel zu großen Einfluß auf den Weltmarkt, als daß die fortwährend ungünstige Lage, in der sich das Herz von Europa, in Verbindung mit Oesterreich, befindet, nicht für aanz Europa und darüber hinaus, von entscheidender Be­deutung sein sollte. Ehe Deutschland nicht wieder zu ge­ordneten Zuständen zurückgekommen ist, kann an eine nach­haltige Besserung der volkswirthschasilichen Lage nicht ge­dacht werden. c ,,

ES find eine ganze Reihe von Gründen, welche zu- fammenwirken, um die tiefe Verstimmung auf dem Markte hervorzurufen. In erster Linie find es allerdings die Fol »en der Gründerperiode; eS wurden ungeheure Capitalten und Ersparnisse von Jahrzehnten in leichtsinniger Weise angelegt und verschleudert, so daß dadurch für die Folge das Kapital gegen jede Speculation, auch gegen die soli­deste argwöhnisch und zurückhaltend wurde. Es wurden außerdem große Capitalien in unfruchtbaren Unternehmungen angelegt, die nun nicht mobilisirt werben können, um sie zweckmäßiger zu placireu. Vor allem aber erwieS es sich daß viel zu viel producirt war, dag eine viel zu große Anzahl von Industrie - Etablissements ins Leben gerufen waren ; dieser Ueberschuß muß erst wieder reductrt werden ehe eine geordnete und dem Bedursmß entsprechende Pro- duction möglich ist; -S hat sich bitter gerächt, daß man die natürlichen Bedingungen unserer Production ganz außer Maß gesetzt hat. Während das Geld seinen Werth einbüßte, stieg die Theuerung der Production in ganz uu gemessener Weise. Soll daher wieder em gesunder Zu stand herbeigeführt, werden, so ist die erste Bedingung die ' ’ ** - ./vi . ..k. .ÄT -k. UMAkitMrf Mirh titln PAh

l diese Bahn nicht mehr länger einhalten dürfen. Es ist u n »uv.» u !,j nicht eine oder die andere Maßregel, nicht etwa, wie es

^aß0 wftdttb^bllliger" und'besser producirt wird, und daß «von verschiedener Seite gefordert wird, ein RettungSakt

der Regierung durch größere Beschäftigung der Industrie, sondern wir bedürfen ein System, eine Rückkehr zum grö­ßeren Einfluß des Staates auf wirthschaftlichem Gebiete, eine Aenderung in unserem Zoll- und Steuersystem, eine bedeutende Reduction der Preis- und Lohnverhältniffe, einen Schutz gegen den Wucher, kurz eine Beschränkung der Freihandelstheorie auf allen Gebieten des wirthschaft» ließen Lebens. Erst wenn diese angebahnt ist, können wir zu geordneten Verhältnissen zurückkehren.

Tagesbericht

Kaiser Wilhelm hat dem verdienten Forscher Dr. Nach­tigall die besondere Auszeichnung gewährt, ihn durch ein schmeichelhaftes Schreiben zu einer Audienz nach EmS ein- laden zu lassen; Dr. Nachtigall war bereits am Sonn­abend vom Präsidenten des Reichskanzleramtes empfangen worden, da ihm Fürst Bismarck wegen seiner bereit« er­folgten Abreise nach Varzin die nachgesuchte Audienz nicht hatte ertheileu können.

Das einheitliche Prüfungsreglement für die Apotheker- gehülsen, welches auf Ansuchen des Reichskanzleramts im preußischen Ministerium der geistlichen Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten ausgearbeitet worden, ist vom Reichskanzler dem Bnndesrath im Entwürfe zur Beschluß­fassung überwiesen worden.

Daß der jetzige Handelsminister weit gewandter sei, als sein Amtsvorgänger Gras Jtzenplitz und dem Abgeord­netenhaufe gegenüber geschickter operire al« dieser, will zwar an sich nicht viel heißen, so bemerkt die heutige „Vosstsche Ztg.", verdient aber doch hervorgehoben zu werden, beson­ders wenn davon ein so schlagender Beweis geliefert wird, wie daS in der Freitagssitzung geschah. Als nämlich in dieser der Abg. Berger dm Minister aufforderte, noth- wendige Bestellungen für die Staaiseisenbahnbauten jetzt während der schlechten GeschäjtSperiode zu ertheilen, um dadurch billige Preise zu erlangen, und gleichzeitig die nothleidende Industrie in legitimer Weise zu unterstützen, war Dr. Achenbach im Stande, sofott in Zahlen mitzu- theilen, was er in dieser Hinsicht bereit« gethan habe mid noch zu thun gedenke. Jedermann im Hause glaubte nun und mußte glauben, daß Berger von der durch ihn beab­sichtigten Anregung dem Minister vorher Kenntniß gegeben und dieser somit Gelegenheit gehabt hätte, sich das ein­schlägige Material znsammenzustellen. Aber, wie die „Boss. Ztg." authentisch erfährt, traf diese Muthmaßung durchaus nicht zu; Dr. Achenbach hat nur die gute Gewohnheit, über wichtige schwebende Fragen die hauptsächlichsten Notizen jedes Mal mit sich zu führen, wenn er in der LandeS- oertretimg erscheint.

Gut gelaunt mit dem Finger drohend, näherte diese« flch

*) Nachdruck verboten.

fangs halblaut gepflogene Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter jenen, auf eine scherzende Aufforderung der

Unfriedens, so verstrich seine Kindheit. Der eigene Vater nach seiner entdeckten Fälschung spurlos verschwunden, hatte sich von jeher wenig um ihn gekümmert, was wunder, daß das Kind verwilderte, daß die schlimmen Angewohnheiten feiner Jugend nicht so leicht auszurotten sind. Wir müs­sen Geduld haben. Nicht wahr, beste Muttter, wir sind eS dem Andenken des sanften und liebevollen Geschöpfes schuldig, daS meine ersten Jahre leitete und pflegte, ihr einziges Kind, das sie sterbend unserer Fürsorge so rührend anempfahl, nicht zu verlaffen?"

„Aber, Mädchen, heißt denn das verlaffen, wenn man ihn in eine gute Pension bei rechtlichen Leuten, unter strenge Aufsicht thut? Mich dünkt, es wäre so am besten für ihn gesorgt. Der Junge ist an und für sich eine Störung. Ich finde eS so unbehaglich, sich mit schlechten Subjekten zu befaffen. Aber wie du willst, mir soll es gleichgültig sein." Sie brach in einem resignirenden Seufzer ob und lehnte sich wie ermüdet zurück. Ihre gerundeten Hände strichen langsam glättend über den Stoff ihres bauschigen Seidenkleides.

„Ei, eil" ließ sich jetzt die Stimme des Gemahls aus dem Hintergründe des Zimmers vernehmen, indem er den stattlichen Umfang feiner Gestalt mit einiger Anstrengung aus dem Sessel emporrichtete, welcher sich zur Seite eines Schachtischchens befand. Er hatte eine Weile mit krauser Stirn und vorübergebeugtem Kopfe daran geseffen, in Ge­danken noch einmal die Wechselfälle der soeben beendigten Partie durchgehend, die vor Kurzem ihn und seinen jün­geren Gegner in Anspruch genommen hatte, bis die an-

feine Meinung auszusprechen, eine Meinung, welche auch bei dem Haupte der Familie einigen Anstoß zu erregen

Schuldig «der schitldlos?

Original-Novelle von Ernst Strihle.*)

Wie dankbar ich Ihnen bin, Herr Betthold, daß Sie die Partei meines Schützlings nehmen!" — Sie schlug das Auge mit einem fast schalkhaften Aufleuchten zu ihm empor, ein Lächeln der Befriedigung umspielte gewinnend ihren Mund. „Ja, um so dankbarer," fuhr sie fort „als ich gegen die ehrwürdige Autorität von Vater und Mutter mich auflehne, und schon anfangen wollte Gewis­sensbisse zu empfinden, bi« sie mir so -de muthig zu Hülse kamen!« - „Wer wäre nicht gern auf Seite der Herzensgüte, selbst auf die Gefahr hin gegen seine eigene Ueberzcugung zu verstoßen!« — Die Phrase Munde eines Herrn, einer jungen Dame gegenüber, erfä, fo natürlich; ober eS lag etwas in fitnem bewundernden Blick, in dem warmen Tone seiner Stimme , in der hin- gebenden Freundlichkeit, die wie ein fluchtiger Sonnen- blitt den für gewöhnlich schwermüthigen Ernst seiner 3uge so strahlend verklärte, daß die ältere Dame aus bem ®°: pha mit einer Art Ueberraschung den Blick auf ihnen weilen ließ, ehe sie ihn auf die Tochter richtete, welche ihren Platz am Fenster verlaffend, zu ihr trat, zärtlich ihre Hand zu erfassen.

»ES ist also abgemacht, liebe Mama, der Thomas bleibt bei uns, und wir versuchen es noch einmal mit der Befferung. Mag er bestraft werden, wie es die Gerechtig­keit fordert; aber eS wäre mir zu schmerzlich, den Sohn meiner guten Anna verstoßen zu sehen! Bedenke doch nur, daß eS kaum anders sein kann. Ohne die Zucht eines Vaters aufgewachsen, seit zwei Jahren seiner Mutter be- _ ...... uu| .... ...

raubt, die, kränklich und schwach seit ihrer Verhetratyu g, (e^teren veranlaßt hatte sich den Damen zu nähern und der schlechten Aufführung ihre« ManneS nur Bitten und - " - --

und Thränen entgegensetzen konnte Hernach bei den ' Pstcgeeltern täglicher Zeuge von Rohheit und häuslichen f ie„ - " '

der Gruppe. „Bestärken auch Sie mir da« Mädchen in ihren mehr als romantischen Ansichten? Ich hätte Ihnen da« kaum zugetraut, Herr! Wir armen Rentiers pflegen alle einen naturgemäßen und wohlbegründeten Abscheu ge­gen das Geschlecht der Langfinger, selbst wenn sie noch auf der Entwickelungsstufe befindlich zu empfinden. Sie muffen erfahren," setzte er erläuternd hinzu, „daß der Bengel, seit Fräulein Tochter ihn zu ihrem Pagen ernannte, schon mancherlei Streiche, die in diese« Gebiet hinüber spielen, ausgeheckt hat. Die Klagen der Köchin über Mausereien und Naschhaftigkeit nehmen kein Ende und ich besorge — nun meine Franziska mag gerne ihren kleinen Willen durchsetzen: wir haben sie nun einmal ver­wöhnt, und wenn sie die Verantwortlichkeit übernehmen will ■—«

„Die übernehme ich, liebster Papa!« Sie schmiegte zärtlich ihren anmuthigen Kopf mit den braunen Haar­flechten an seine Schulter, ihn mit beiden Armen herzlich umfassend. „Dank für die Erlaubniß, und damit Du ste beruhigt geben kannst, will ich mich der Erziehung be« verwahrlosten Burschen annehmen. Ich werde ihm mit­unter Religionsunterricht ertheilen, seine Schularbeitm überwachen, fein Ehrgefühl zu wecken suchen, kurz seine Begriffe von Recht und Unrecht entwickeln.« — „Ha, ha, ha, Kind, welche Einfälle du hast!« Der würdige alte Herr lachte und schüttelte dabei den Kopf so mächtig und anhaltend, daß sein Gesicht eine fast braunrothe Färbung annahm. „Hat mau jemals in der Welt so etwa« gehört! Nein, sagen Sie mir: ist eS nicht ein Hauptspaß, eine Kapitalgrille, aus freien Stücken die Erziehung eine« sol­chen halbwüchsigen Rangen leiten zu wollen? — Dazu gehört, meiner Treu', Courage und ein ganz besonderer Appetit! Nun ich gratulire zu diesem Prtceptoramte."

Er überließ sich einem neuen Anfalle von Lustigkeit, welcher feine gutmütigen grauen Augen unter den Lach­salten, die sich umher bildeten, fast verschwinden ließ. In