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Nr. 12S.

Marburg, Dienstag, 1. Juni 1875. X Jahrgang.

ObrrhH!-hc Jrilimg

Die Schutzzollbeweguug in Oesterreich.

eine zweckmäßigere Handels- und Zollpolitik die einheimische

Von hervorragender Bedeutung ist die Antwort, welche Graf Andrasfy einer Deputation österreichischer Industrie eilen ertheilt hat. Auf die Beschwerden derselben erwiderte er, daß er bei den bevorstehenden Zollvcrhandlungen in Oesterreich die Interessen beider Reichshälsten gebührend berücksichtigen werde. Er werde in seiner Zollpolitik nur den reellen Berhältnisien Rechnung tragen und die wichtige fchutzzöllnerische Strömung nicht aus dem Auge verlieren. Theoretische und ideale Anschauungen würden auf seine Entschließungen keinen Einfluß haben und in die Reihe dieser Anschauungen setze er den Freihandel. So viel an ihm liege, werde die Zollpolitik von 1865 nicht fortgesetzt werden Diese Acußerungen können als ein Wendepunkt in der Behandlung der Zollsrage aufgefaßt werden. Rur zu lange hat man bisher theoretischen Deductionen gefolgt, statt den praktischen Bedürsniffen der Industrie Rechnung zu tragen. Darüber hat diese Schiffbruch gelitten und die volkSwirthschaftlichen Zustände Oesterreichs und Deutsch­land« haben solche Verluste davongetragen, wie in gleich gewaltigem Maßstabe bisher noch niemals vorgekommen ist.

Die Freihändler, Manchestermänner genannt, wollen« allerdings der Welt einredcn, daß dies lediglich in Folge der Gründungöperiode ist, aber das ist durchaus unrichtig. Die österreichische Regierung hatte schon vor dem Jahre 1873 große Verluste zu erleiden. Es war namentlich die Textilindustrie, welche durch die NachtragSconvention von 1867 ohne Schutz gegen den ungleichen Import war. Durch jene mit England abgeschloffene Convention hat Herr v. Beust, wie man behauptet, gegen ein gutes „Trink­geld", den Zoll für Textilfabrikate herabgesetzt, daß die österreichische Industrie geradezu Brach gelegt wurde. ES lag vorzugsweise darin, daß die Engländer sofort nach dem Vertrage coloffale Massen von Shoddywaare für un glaublich billige Preise in Oesterreich einsührten, die die solide und reine Maare der österreichischen Fabrikation vom Markte verdrängten. Die Folge davon war eine allgemeine Stockung der einheimischen Textilindustrie, zahl­reiche Co icurse, Arbeitseinstellung und Rückgang der Fa- brication. Schon im Jahre 1869 machte sich eine groß artige Agitation gegen jene NachtragSconvention geltend, aber vergebens, denn Herr v. Beust war gegen die «logen der Industrie durchaus gleichgültig.

Nachdem nun aber seit 1873 jener allgemeine Zusam­mensturz in Oesterreich erfolgt ist, bricht sich immer mehr die Ueberzeugung Bahn, daß mit den banalen Phrasen der Manchestertheorie die Schäden nicht mehr geheilt werden

Industrie gegen die übermäßige Concurrenz des Auslandes | zu schützen. Was für Oesterreich gilt, ist auch für uns maßgebend. Auch Deutschland ist aus oft hervorgehobenen Gründen nicht concurenzfähig mit England und Frankreich. Während wir mit jenen Ländern maffenhaft importiren, ist unser Export dahin sehr unbedeutend. Die Folge davon ist, daß unsere Industrie dadurch coloffal einbüßt. Ueberall erheben sich Zollschranken, die dem Absatz unserer Industrie hinderlich sind. Wenn wir ohne ein entsprechendes Aequi- valent Freihandelpolitik betreiben, so ist das nichts anderes, als einem hübschen Prinzip zu Liebe und selbst zu rühmen. Die Nothwendigkeit, die Handelsverträge zu revidiren und neue Zollgesetze nach praktischeren und für unsere Industrie heilsameren Prinzipien zu erlaffcn, drängt sich immer mehr in den Vordergrund. Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt ge­kommen, mit Oesterreich ein auf gleichen Prinzipien be­ruhenden gemeinschaftlichen Schutzzoll gegen die anderen Länder einzuführen, nach welchen die Rohprodukte und Nahrungsmittel theilweise zollfrei, theilweise nur einem sehr geringen Zoll unterworfen sind, dagegen alle Halb- und Ganzfabrikate einem Schutzzoll, durch welchen die auswär­tige Concurrenz bedeutend beschränkt würde. Nur auf diesem Wege würde es möglich sein, die großen Verluste, welche die deutsche und die österreichische Industrie in den letzten Jahren erlitten hat, wieder einzuholen und diese beiden Länder vor dem überwuchernden Import Frankreichs und Englands zu schützen. Würden beide Reiche sich zu einem Zollbündnisse einigen, so würde dadurch ein hin­reichend großes Absatzgebiet für deren Industrie geschaffen, und durch den Ausschluß der englischen und französischen Fabrikate überdies ein vollständig genügendes Aequivalcnt für die großen Verluste der letzten Jahre gegeben.

Unmöglich kann die deutsche Regierung diese Erwägun­gen ganz von sich abweisen. Allgemein bricht sich die Ueberzeugung Bahn, daß die Manchestertheorie uns unend­lich viel Schoden zugesügt hat und daß wir, je eher je besser, von der Befolgung derselben zurückkehren müssen. Die Industrie ist in Deutschland ein so mächtiger Faktor, daß deren Bedürfnisse ohne Gefahr für da« allgemeine Wohlergehen nicht vernachläßigt werden dürfen.

|ber Kronprinz doch eine längere Unterredung mit dem neuen Kriegsminister Generalmajor v. Maillinger gehabt. Dieselbe drehte sich um die neue Organisation der bayeri­schen Armee, daher auch der Kronprinz seine Zusache ge. macht hat, auch in diesem Herbst wieder die bayrische Armee zu inspiciren.

Seit 4 Jahren beschäftigt sich, jedoch ohne merkbares Resultat, der BundeSrath mit einer Gewerbe-Statistik im deutschen Reich. Eine Commission, zusammengesetzt aus Commissaren der verschiedenen Bundesregierungen, hat in Berlin nun Anfang dieses Monats Sitzung gehalten und dem Reichskanzler sehr umfangreiche Vorschläge Übermacht, welche dieser seinerseits wiederum dem BundeSrath zugehen lassen wird. Eine wesentliche Vereinfachung der früheren Vorschläge ist darin eingetreten, auch ist die Bestimmung empfohlen worden, die Gewerbe-Statistik nicht von der Volkszählung getrennt aufzunehmen, sondern gemeinsam mit derselben am 1. Dezember stattfinden zu laffen. Die Resultate sind bis Ende 1876 bez. 1877 dem kaiserlich- statistischen Amt einzureichen.

Das Ministerium für die Landwirthschaftlichen Ange­legenheiten hat den preußischen landwirthschaftlichen Mitel- schulen kürzlich die officielle Mittheilung zugehen lassen, daß das Reichskanzleramt denselben die Berechtigung zur Ausstellung gültiger Zeugniffe für den einjährig-freiwilligen Militärdienst unter folgenden Bedingungen geneigt sei: 1) Annahme und genaue Durchführung des Normallehr- plancs; Genügende Qualifikation und Stellung der Lehrer. ES müffen mindestens 4 mit dee facultas doccadi für Fächer der allgemeinen Bildung oder, soweit die Fachwissen« schäften in Betracht kommen, mit einem Prüfungszeugnisse von einer landwirthschaftlichen Akademie oder dem land­wirthschaftlichen Institute einer Universität versehene Lehrer angestellt sein, und die übrigen mindestens die Quali-

fication als Seminarlehrer besitzen. Auch muß die Pensionsberechtigung der Lehrer geordnet sein. 3) Eon- trole der Organisation und Wirksamkeit der Schule durch die Organe deS Cultusministers und deS Ministers für landwirthschaftliche Angelegenheiten.

Das Herrenhaus setzte am Sonnabend die Spezial- diskussion über die Provinzialordnung fort. Die §§ 65 bis 116 wurden nach den Vorschlägen der Commission genehmigt. Bei § 117 wurde die Debatte auf Montag vertagt. Ein Antrag Hobrechts zu § 65, welchen der Minister deS Innern befürwortete, das Laienelement deS 'Provinzialraths zu verstärken und den Provinzialrath aus dem Oberprästdenten, besten Justitiarius und fünf gewähl­ten Mitgliedern zusammen zu setzen, wurde mit 73 gegen 13 Stimmen ab gelehnt.

Tagesbericht

Der deutsche Kaiser beabsichtigt dem Herren Thiers ein besonderes sinnreich gewähltes Geschenk zu machen. Dasselbe besteht in einer prachtvollen speciel nur für den Kaiser gedruckten Ausgabe der »Oeuvres de Frederic le

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können, und daß der Staat die Verpflichtung hat, durch größten Format.

-i». Wandels-und Zollvolitik die einheimische! Trotz seines nur kurzen Aufenthalts in München hat

Die Schlacht bei Seda«.

(Schluß.)

Der deutsche Generalstabs - Chef vermochte hierauf nicht einzugehen. Er begab sich nun auf den Weg nach Vendreste, um dem Könige über den Verlaus der Verhandlungen mit dem französischen Oberseldherrn zu berichten. Inzwischen hielten sich die deutschen Truppen zur Wiederaufnahme deS Kampses bereit; die Artillerie stand fchußsertig in ihren Stellungen. Da von franzö­sischer Seite noch immer kein Bevollmächtigter erschien, so wurde Hauptmann Ziegler vom Generalstabe des großen Hauptquartiers in Begleitung des Generals Grafen Reille nach Sedan entsendet, um dem General Wimpffen mitzu- tbeilen daß die Feindseligkeiten um 10 Uhr Vormittags wieder' beginnen würden, falls bis dahin das Zustande­kommen der Kapitulation nicht gesichert sei. Der sranzö fische Oberbefehlshaber weigerte sich dennoch, die Vehand- lungen wieder anfzunehmen, indem er sich aus eine Weisung deS Kaisers berief, die Festung vor dessen beabsichtigter Unterredung nicht zu verlassen. Als indeffen der Haupt mann erklärte, daß er in solchem Falle den Auftrag habe, auf seinem Rückwege den vor Sedan befindlichen deutschen Truppen Befehl zum Feuern zu überbringen, entschloß sich General Wimpffen endlich zum Ausbruche, In den Rechen des französischen Heeres hatte seit dem Abend deS 1. Sep­tember die Entmuthigung begreiflicher Weise erheblich zu­genommen und von Stunde zu Stunde lockerten sich in immer höherem Grade die Bande des Gehorsams. Zahl­reiche Offiziere und Mannschaften ans Sedan erschienen bereits bei den deutschen Vorposten, um sich diesen zu er­geben; man mußte sie zurückweisen, weil ihr Geschick von den Uebrigen nicht getrennt werden durfte. Unter solchen Umständen traten die französischen Bevollmächtigten von Neuem in die Verhandlungen ein. Mittlerweile war Ge» nerti von Moltke um 9 Uhr Morgens auf dem Wege nach Vendreste dem Könige begegnet, welcher die ihm vorge­

tragenen Kapitulationsbedingungen durchaus genehmigte und zugleich erklärte, daß er nur im Falle der Unterzeich­nung derselben zu einer Unterredung mit dem Kaiser bereit sei. Nachdem General v. Moltke mit dieser Bescheidung im Schloß Bellevue bei Frsnois eingetroffen war, erfolgte daselbst um 11 Uhr Vormittags ohne ferneren Widerstand die Unterzeichnung der Kapitulation auf der am vorigen Abend von deutscher Seite erfolgten Grundlage. General Wimpffen mußte anerkennen, daß seine Armee bei gänzlichem Mangel an Lebensmitteln und Munition und angesichts der sie umgebenden überlegenen Streitkräfte, kaum noch widerstandsfähig fei, daß eine Fortsetzung des Kampfes daher nur zu nutzlosen Opfern führen könne. General Wimpffen richtete demnächst durch Vermittelung des deut­schen GeneralstabeS an den Kriegsminister in Paris eine telegraphische Mittheilung über daS Schicksal der Armee von ChalonS. Der Abschluß dieser denkwürdigen Kapi- tutation wurde dem Könige gemeldet, welcher mit den deutschen Fürsten und einem zahlreichen Gefolge auf der Höhe von FrsnoiS eingetroffen war. Unter dem mächtigen Eindrücke des hier vor sich gehenden weltgeschichtlichen Ereignisses richtete der König an die um ihn Versammelten tiefgefühlte Worte des Dankes für alle Theile des deutschen Heeres und zuversichtlicher Hoffnung aitf eine glückliche Zukunft. Darauf begab sich der königliche Heerführer, vom freudigen Zurufe der Truppen begleitet, nach Schloß Bellevue, wo mittlerweile auch Napoleon eingetroffen war. Ein bairisches Bataillon bildete die Ehrenwache. Die Begegnung unter so außergewöhnlichen Umständen hatte daS Herz des Monarchen mit hohem Ernste erfüllt.

In kurzem, schonungsvoll geführten Gespräche nahm er die Wünsche des Ueberwundenen entgegen und traf Bestimmungen für dessen nunmehrigen Aufenthalt. Dem nächst betritt der König mit feinem Gefolge bis tief in die Nacht hinein das ausgedehnte Schlachtfeld, um die Truppen in ihren Bivouaks zu begrüßen.

Ein französisches Uriheil über die Landwirthschast in Deutschland.

Im „Journal offtciel" finden wir einen interessanten, vom Marquis Dampierre erstatteten KommisstonSbericht über einen Antrag des Grafen Bonille auf Gründung einer höheren landwirthschaftlichen Lehranstalt. Dieser Bericht enthält über die entsprechenden Einrichtungen in Deutsch­land und Oesterreich folgenden lesenSwerthen Abschnitt:

Vor Allem verdient Deutschland in diesem Augenblicke unsere Beachtung. Die Natur hat für Deutschland nichts gethan, was ihm eine Superiorität sichern könnte. Mit wenigen Ausnahmen ist sein Boden ein unergiebiger, sein Klima der rauhesten eine«; daher eS denn auch nach 100- jährigen bewunderungswürdigen Anstrengungen, was seine Ertragskraft betrifft, noch merklich hinter Frankreich zu­rückbleibt. Den Beweis liefert folgende Thatsache: ein um 2 Millionen Hektaren ausgedehnteres Gebiet bringt nur 34 Millionen Hektoliter Weizen, d. L ein Drittel deS Erträgnisses Frankreichs, hervor, während die übrigen Ge­treidearten (was von einem schnöden Boden zeugt) 226 Millionen Hektoliter, d. i. 10—15 Millionen mehr alS in Frankreich, ergeben. Freilich sind 11 Mill. Hektaren des deutschen Gebiets mit Wald bedeckt und der angebaute Boden beträgt 5 Mill. Hektaren weniger als in Frankreich. Auf der anderen Seite aber hat der Bodenanbau für Jndustriezwecke in Deutschland (was das Zeichen einer reichen Kultur ist) eine ungeheuere Entfaltung genommen. Die Tabakpflanzungen nehmen 25,000 Hektaren ein, au« dem Hopfen werden 19 Mill. Hektoliter Bier gebraut, während Frankreich deren nur 7 erzeugt. Endlich nimmt der Anbau der für die Zuckerfabrikalion bestimmten Run­kelrüben für unfern Markt beunruhigende Verhältnisse an, denn wir allein thun es hierin Deutschland noch zuvor. Unser Nachbar gewann im Jahr 1850 nur 575 Mill. Kilogramme Runkelrüben, mit denen 148 Fabriken jver- sorgl wurden; im Jahre 1873 zählte Deutschland 328