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Sfr. 124.

Marburg, Sonntag, 30. Mai 1875.

X. Mw-

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition b. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc-

OlmhcMc Zeitung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie bte Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- »er in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

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_______________Die Exp. d. Oberhess. Zeitung.

Politische Wochen-Ueberficht.

Unser Kaiser hat noch vor Schluß der Woche den Be­such deS Königs und der Königin von Schweden erhalten. Die Kronprinzlichen Herrschaften sind über München aus Italien zurückgekehrt, auch Fürst Bismarck wird während deS Besuches deS schwedischen KönigSpaareS in Berlin an­wesend sein. Das Herrenhaus hat in der Provinzialorb- nung einige abweichende Beschlüsse gefaßt, von denen es zweifelhaft ist, ob sie im Abgeordnetenhaus Annahme finden werden, ebenso hat es bei dem kirchlichen Vermögensver- waltungSgesetz die Regierungsvorlage in ihrer ursprünglichen Fassung wieder hergestellt, so daß auch diese Vorlage noch einmal an daS Abgeordnetenhaus gehen muß. Die Reichs- Regierung ist mit Anordnungen zur Ueberführung der preußischen Bank in die Reichsbank und mit weiterer Aus­führung des Reichsmünzgesetzes beschäftigt. Der hessische Landtag wurde am vorigen Freitag (21 Mai) durch den Minister-Präsidenten geschloffen mit besonderer hoffnungs­voller Anerkennung des sür die Volksschule und für die Ordnung der kirchenpolitischen Verhältniffe Geleisteten. Bischof von Kettler scheint in Bezug auf die hessischen Kirchengesetze sich leidlicher fügen zu wollen als seine Ge- noffen in Episkopate gegenüber den preußischen Kirchen- Gesetzen.

Der Kaiser von Oesterreich, auS Dalmatien zu­rückgekehrt, hat aus SparsamkeitSrückstchten die Reise nach Galizien aufgegeben. Die Ausfüllung deS Cabinets ist erfolgt: Banhans wurde entlassen, Chlumecky zu deffen Nachfolger und Graf Mannsfeld zum Ackerbau - Minister ernannt. Der Reichsrath tritt Mitte Oktober wieder zu­sammen. DaS Ministerium hat beschloffen, den englischen Zollvertrag zu kündigen. Am 24. d. M. hatte eine größere Anzahl Industrieller eine Audienz beim Kaiser, um den bevorstehenden Zollverhandlungen eine schutzzöünerische Richtung zu geben. Wegen eines Attentatsplanes auf Bismarck ist jüngst ein gewiffer Wiestnger verhaftet wor­den. Dem Anscheine nach hatte derselbe eS nur auf den Seckel deS Jesuitenordens abgesehen. In Pesth wurde am 24. Mai die letzte Session des Reichstages geschloffen und der Reichstag aufgelöst.

In der Schweiz ist die wichtige Volksabstimmung über daS Civilehegesetz und das StimmrechtSgesetz am Sonntag (23. Mai) erfolgt. Das Civilehegesetz ist mit 211,500 gegen 201,733 Stimmen angenommen, dagegen

das StimmrechtSgesetz mit 205,408 gegen 201,401 Stim­men verworfen.

Der italienische Senat hat das von der Deputirtenkammer bereits angenommene ReerutirungSge setz angenommen und damit die von den jungen Theo­logen in Beziehung auf den Militärdienst bisher ge­nossenen Privilegien verworfen. In Neapel haben die Studenten der dortigen Universität wiederholt Unruhen angestiftet, welche jedoch durch die Polizei und die An- drohung von Waffengewalt ohne Mühe unterdrückt wur­den. Einige Studenten wurden verhaftet. Die Universi­tät ist darauf provisorisch geschlossen worden.

Die Stimmung in Frankreich ist keineswegs mehr eine so kecke und zuversichtliche als in den letzten Wochen; dagegen wird offiziös jede Lähmung in Ausführung des Cadresgesetzes und der Rüstungen zur Sicherheit der Grenze insAbrede gestellt. Die friedlichen Gesinnungen Frankreichs seienunzweifelhaft". Die Unterredung, welche Hohenlohe am 21. mit DccazeS hatte, war in der Thatso friedlich wie herzlich". Dasselbe läßt sich weder von dem über­reizten Tone der ultramontanen Blätter noch von den drohenden Kundgebungen des Episkopats in Verbindung mit Vertretern der Armee bei Schluß des CongresseS der ka­tholischen Arbeitervereine sagen, wo der famose Rittmeister de Mun in Uniform eine syllabilistische Rede gegen die Reformation des sechszehnten Jahrhunderts und gegen Alles, was der Liberalismus seitdem geschaffen, hielt; auch in Orleans, in Douai und anderen Orten fanden politisch­katholische Demonstrationen statt und ähnliche wurden aus- geschrieben. Die offiziöse Preffe vertheidigt dieseWerke", welche dasUnivers" alsRevuen der Armee Gottes" feiert. Der Einfluß dieser fanatischen Richtung macht sich im Elysse immer unenthüllter geltend, desgleichen in dem politischen Leben von Versailles, wo selbst unter den Füh­rern der Liberalen Niemand wagt, offen gegen diese heil­lose Verquickung von Politik und Kirchenthum, von Agi­tation in Heer und Fabrik und von Eingriffen in die Beziehungen zu den Nachbarstaaten aufzutreten. Selbst die protestantischen Blätter beugen sich mit geringen Aus­nahmen diesem Treiben.

Vom spanischen Kriegsschauplätze ist zu verzeichnen: Die königliche Armee concentrit sich bei San Sebastian; die Carlisten befestigen sich um Renteria; sie sollen ver- wundete Soldaten, welche nicht im Stande waren, nach dem Orte, wo die Auswechselungen der Gefangenen statt­finden sollten, zu marschiren, maffacrirt haben. Don Juan, der Vater des Don Carlos ist über die französische Grenze zu den Carlisten gegangen und in Tolosa angekommen, wo er mit großen Freudenbezeigungen empfangen wor­den ist.

Der englische Minister Earl of Derby hat an die Regierungen Deutschlands und Frankreichs eine Depesche

Die Hexe von Gmunden.

Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVII. Jahrhunderts. (Fortsetzung).

Die Wahrheit kommt nie zu spät, wo es noch Zeit ist, die schlimmen Folgen der Lüge abzuwenden;" sagte Gregor dagegen.

Die Löffelkathi aber sprach:Dim'l, was sangst Du an? Du weißt dennoch wohl, daß ich Dich in der fin­stern Kammer gegeißelt habe, damit Du dem Feind Dich übergäbest?"

Die Frau Ahndl hat mir keinen Streich gegeben", tief Zenzi,es wär aber schon bester, Sie hätt mich todt- geschlagen, mich verlogene Sünderin."

Besinn Dich, herziges Dockerl", fuhr die Alte fort, ich habe Dich angespieen in aller Teufel Namen und der schwarze Mann hat sich zu Dir in den Kreis gelegt?"

Nein, Frau Ahndl, nein!"

Dein langes Haar hab ich abgeschnitten, um es mei­nem Meister zu opfern?"

Mein Haar liegt ja in der Kapellen zu Altmünster, Frau Ahndl."

Weil ich's hab herausgeben muffen, Schätzer!. Be­sinne Dich doch und laß mich meine gerechte Strafe auS- halten."

»Ich gehöre auf den Scheiterhaufen, Frau Ahndl, nicht Sie", rief Zenzi, eilte stürmisch auf Kathi zu, und mit beiden Armen die Großmutter umfangend, fuhr sie fort: »Ich habe die Frau Ahndl soviel lieb. Ich kann'S nicht überleben, daß ich Ihre Mörderin bin I Frau Ahndl, Frau Ahndl, Sie ist keine Axe!O Kind, o Kind, Du machst mir's Herz so schwer! Und doch habe ich mit meinen bösen Gedanken und Reden den bösen Feind an

Deinen Großvater, an Deine Geschwister!, an Düne arme Mutter gehetzt, so daß er Dich selber, arm's Früchtl, im Mutterleib mit seinen Krallen geschlagen! Schau, Zenzi, das hält' mir der Himmel nimmer vergeben, wenn ich nicht auf dieser Welt dafür Buße litte! Darum und daß Du gesund wirst, muß mein alter Leib gestraft werden und gebrannt, bis Deine und meine arme Seel' rein und gott­gefällig ist!"

Ach, Frau Ahndl... ich sag'« ja, ich bin Ihre Mör­derin!" schluchzte Zenzi.

Du bist's nicht, Zenzerl. * Ich verdiene den Tod", antwortete Kathi und fügte zuversichtigen Tones hinzu: wir werden aber nicht lange getrennt sein, lieb'S Dirn'l."

Die Dirne hing schlaff im haltenden Arm der Groß­mutter und einen Anfall von Verzückung fürchtend, wollte Gregor sich nähern. Zenzi winkte ihn zurück.Mir wird immer Wohler", sagte sie. Kathi streichelte mit den dürren Fingern ihre Wangen und flüsterte geheimnißvoll:Heute Nacht war auch die Muttergottes von. Zell bei mir. Sie hat mir zugelacht und gesagt: stirb ruhig zu, alte Löffel­kathi ; im Feuer läutern sich alle Deine Sünden, ich führe Dich dann ein zum himmlischen Vater, und die Zenzerl wird auch bald bei Dir fein! Schau, liebe Docken, das hat mir die heilige Jungfrau gesagt. Warum soll ich nun nicht gern und gering sterben? Mein Tod erlöst uns beide und bald sind wir bei'nander in ewiger Freude."

Die Zenzi wußte nicht« darauf zu erwiedern. Nach­dem sie der Großmutter Stirn und Wangen geküßt, ließ sie ohne Wiederstand sich losreißen und von bannen führen, in eine Kammer, wo nur GregoriuS bei ihr blieb. Zu selbiger Stunde verließ der böse Feind für immerbar feine Wohnung in ihrer Brust. Ihr wurde wundersam leicht und wohl. Noch lag sie in stillem Gebet auf den Knieen,

gerichtet, in welcher et die guten Dienste Englands zur Bewahrung des Friedens anbietet. Diese aus eigenem Antriebe hervorgegangene Einmischung Englands in die festländischen Angelegenheiten ist von derTimes" zum Gegenstände eines sehr schwungvollen Artikels gemacht worden, deS Inhalts, daß England nicht daran denke und nie daran gedacht habe, sich von der allgemeinen europäi­schen Politik zurückzuziehen, und daß dies in den letzten Jahren ebenso wie früher nur geschehen sei, Weil höchst wichtige auf der Tagesordnung stehende innere Fragen die Aufmerksamkeit und die Theilnahme Englands von den auswärtigen Angelegenheiten abgezogen hätten.

In Dänemark ist daS bisherige Ministerium noch im Amt; die Bildung eines ganz neuen Cabinets muß wohl ganz besondere Schwierigkeiten haben.

Während der Abwesenheit des Königs von Schweden führen die schwedischen und norwegischen Minister vereint die Regierung und fassen ihre Beschlüsse nach Stimmen­mehrheit. Am 26. d. ist die Session des schwedischen Reichstages vom Justizminister im Namen des Königs ohne Thronrede geschloffen worben.

Rußland soll neuerdings mit dem päpstlichen Stuhle ein Abkommen getroffen haben, wonach den römisch katho­lischen Bischöfen in Polen wieder etwas freiere Hand ge­lassen worben wäre. (?) Seit 1868 stehen die Diözesen unter der Synode in Petersburg und jede direkte Corte- fpnbenz mit Rom ist den Bischöfen streng untersagt.

Das neue Ministerium in Griechenland hat eine Proklamation an das hellenische Volk erlaffen. Nun soll die Charte eine Wahrheit" werden.

Die Pforte hat sich mit dem Baron Hirsch nunmehr dahin geeinigt, die Entscheidung in der rumelischen Eisen- bahnbaufrage einem Schiedsgerichte von zwei türkischen und zwei österreichischen Persönlichkeiten zu überlaffen. Die bei den blutigen Vorgängen von Podgoritza beteiligt gewesenen Montenegriner sind von chrem SenatSgerichtShose zu schwerem Kerker auf die Dauer von 6 bis 18 Monaten verurtheilt worden.

Tagesbericht.

Das Herrenhaus trat am Freitag in die Spezial- berathung der Provinzialordnung. Der ganze erste Titel (Grundlagen der Provinzialverfaffung) wurde in feinen drei Abschnitten ohne Debatte angenommen. Dagegen er­regte der erste Abschnitt des zweiten Titels, welcher in den 88 925 die Bestimmungen über die Zusammensetzung der Provinzialordnung eine Generaldiscussion eröffnet, in welcher verschiedene Amendements vorgeschlagen wurden und an der sich der Oberbürgermeister v. Voß, Graf Pückler, Graf zur Lippe, der Minister deS Innern, Oberbürger- meifter von Fovckeukrck, Herr von Kleist - Retzow, Obet-

alS die Asche der Hexe schon in alle Winde stob und der eifrige Herr Lerchenauer wohl bereits Lambach erreicht ha­ben mochte auf seinem Weg nach Linz, wohin er reiten wollte, um feine Beschwerde gegen die von Gmunden per­sönlich zu betreiben. AIS endlich Zenzi sich erhob, stand neben dem geistlichen Herrn ihr Vater, und dann noch wer, deffen Blicke ihr Auge mit verklärter Freude begegnete. Aber die Freude währte nicht lang. Die Dirne fiel ihrem Vater um den Hals, reichte dem Baderfranzl die Hand und sagte dazu:B'hüt eng*) Gott. Es wat Recht, daß ich eng nochmal schaue."

Oh", versetzte der Franzi,deswegen stnd wir nicht da, nmB'hüt Gott" zu sagen. Nicht wahr, alter Loisel?"

Loisel nickte lächelnd. Um desto ernster sprach ZeD, einen Blick deS Verständnisse« mit Gregor wechselnd:Der hochwürdige Herr führt mich heute noch nach Wels. Ich muß fleißig für die Frau Ahndl beten und für Euch alle. Hab' nicht gar zu lange Zeit mehr dazu. In der Welt und unter den Leuten mag ich mich so nimmer sehen lassen, aber der himmlische Vater fragt nicht nach Schände urib Spott und wird in seinem Haus mich vor allen Anfech­tungen zu bewahren wiffen. B'hüt Gott, auf Nimmer- Wiedersehen."

Die CreScentia hat Wort gehalten, ist in'- Stift gegangen und vor ferneren Anfechtungen deS bösen Feindes sichet geblieben bis an das Ende ihrer Tage. Selbiges Ende hat aber auch nicht gar lange auf sich warten lassen.

*) Euch.