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Xr. 119«

Marburg, Dienstag, 25. Mai 1875.

x Mrg«ng.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip­zig, Cöln ic; Rudolf Messe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

WechlMe Zeitung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.-Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrirtes SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2‘4 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. lexl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfa. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Zur Situation

Noch immer findet man Betrachtungen in der Presie über die letzten Beunruhigungen, deren Ursprung, Zweck und Verlauf. Darüber ist man vollständig übereinstirn- wend, daß der Krieg nicht mehr in Sicht ist, es wird nur allein noch darüber debattirt, ob hinter den Kriegs plänen die Absicht des Fürsten Bismarck vertreten war, die Franzosen in ihren Rüstungen zu überraschen und den Krieg heraufzubeschwören. Die französische Presie möchte es der Welt gerne einreden, und die englische, an ihrer Spitze die Times, spricht es ihr nach. Aber mit Recht wird daraus hingewiesen, daß, wenn Fürst Bismarck hätte den Krieg vom Zaun brechen wollen, er wahrscheinlich nicht zu dem Mittel gegriffen hätte, Europa aus die Rüstungen Frank­reichs aufmerksam zu machen; gerade indem die Aufmerk­samkeit Europas auf diese Rüstungen und Jntriguen ge­richtet wurde, gelang es, den Krieg zu verhindern. Die Ansichten, welche Fürst Bismarck über Frankreichs Pläne hegt, hüllen sich ja durchaus nicht in ein undurchdringliches Dunkel. Er hat mehr wie einmal angedeutet, daß er durchaus keine Neigung habe, sich die Franzosen über den Kopf wachsen zu lasien, und daß er ihnen den Zeitpunkt, wann sie losjchlagen wollen, nicht zu überlassen gedenkt, indem er vielmehr bereit sei, wenn nun einmal das Be­treten der Mensur von ihnen für unvermeidlich gehalten, den ersten Hieb selbst zu thun. Wenn er nun die Mächte in irgend einer Form, wenn auch nicht gerade durch ein Rundschreiben, wie offiziös dementirt wird, auf die Vor­gänge in Frankreich aufmerksam gemacht hat, so liegt da­rin jedenfalls ein Zeichen, daß Fürst Bismarck die Absicht hatte, den Krieg zu verhindern, und dies schon durch das Klappern mit der Scheide vermöge. Der Erfolg hat ge- zeigt, daß diese Combination vollkommen richtig war. Es hat nur einer leisen Andeutung der Wachsamkeit bedurft, um die Wolken zu zerstreuen, und auch jene pessimistische Auffasiung zu zerstören, als ob Deutschland isolirt sei. Es ist gewiß wahr, daß Rußlands Freundschaft sich bei jeder Gelegenheit wieder aufs Klarste documentirt hat, und daß diese Gesinnung zur Klärung der Situation beige­tragen hat, aber irrig ist es daraus ableiten zu wollen, daß der Frieden erhalten ist, weil Rußland es gewollt. Die sriedliche Gesinnung war auf der deutschen Seite das eigentliche Movens in der ganzen Campagne, und die Prüf ng der öffentlichen Stimmung fiel so auS, daß DeMschland sich wenigstens nicht darüber beklagen kann. Die französische Presse giebt sich übrigens einer argen Selbsttäuschung hin, wenn ste glaubt, daß der Einfluß Frankreichs bei der jüngsten Krisis in irgend entscheidender Weise zur Geltung gekommen sei. Die Jsolirung Frank­reichs in dem europäischen Concert hat seit dem letzten Kriege sich nie Klarer als gerade jetzt, erwiesen. Die ver­

mittelnden Anerbietungen, welche die europäischen Groß mächle gemacht haben, waren alle nach Berlin gerichtet. Der Dank, welchen die französischen Blätter jetzt der eng­lischen Regierung für ihre Vermittelung zollen, kann nur ein sehr getheilter sein, da die Intervention derselben, durch­aus nicht im Interesse Frankreichs geschah. In diploma­tischen Kreisen wird übrigens die Nachricht, daß die brit- tische Regierung ein Rundschreiben zur Förderung des Friedens erlassen habe, für unbegründet erklärt. Die Vertreter der englischen Rcgi.rung in Berlin und an den Höfen der leitenden europäischen Mächte haben in einem für die deutschen Jnteresien freundlichen Sinne für den Frieden gewirkt. Und wenn nun die Unzufriedenen, die ihr Heil täglich an der Börse suchen, sich für die leider noch Millionen zählenden Verluste bedanken wollen, so mögen sie es dieses Mal bei der deutschfeindlichen in- und ausländischen Presie thun, und die fadenscheinige Redens­art über offiziöses Säbelgerastei endlich einstellen.

Tagesbericht.

Aus Venedig wird vom 21. d. Mts. telegraphirt, daß der Kronprinz und die Kronprinzesstn gestern Abend nach Verona abgereist sind. Vor der Abreise wurde ihnen vor dem Hotel ein Ständchen gebracht. Das kronprinzliche Paar wurde von der versammelten Volksmenge mit leb­haftem Enthusiasmus begrüßt. Gegen 10 Uhr bestiegen sie die Gondel, und begaben sich im Geleit einer großen Zahl von Gondeln zum Bahnhofe, wo die Behörden zur Begrüßung anwesend waren. Der Kanal war durch ben­galische Flammen erleuchtet. Die Abreise erfolgte um 11 Uhr.

Man erwartet in Berlin zum 27. oder 28. d. M. die Rückkehr des Fürsten Bismarck, der sich nach der Abreise des schwedischen Königspaares mit feiner Familie zum Sommeraufenthalte nach Varzin begeben wird. Ueber eine eventuelle Badekur ist noch nichts bestimmt.

In den diplomatischen Besprechungen, welche zur Zeit der Anwesenheit des Kaisers von Rußland in Berlin statt gefunden haben, sollen auch die italienischen Verhältnisse, soweit sich dieselben auf die Stellung dieses Staates zum Vatikan bez ehen, eine Hauptrolle gespielt haben. Den ge gcbenen Anknüpfungspunkt hierfür bildete die kürzlich stattgehabte Zusammenkunft des Kronprinzen von Deutsch­land mit dem König Victor Emanuel, zu welcher die Entrevue in Venedig den ersten Anlaß gegeben hatte. Rußland ist bei dem Ergebniß einer künftigen Papstwahl kaum minder interesstrt als Deutschland, weil es zumeist von dem demnächstigen Oberhaupte der römischen Kirche abhängt, ob die Verhältnisie in Polen zu einem steten Heerde von Unruhen und Agitationen gegen die russische Regierung werden sollen, oder nicht. Wie man wissen

will, hat es daher die lebhafteste Befriedigung des Fürsten Gorischakoff erregt, daß der König von Italien dem deut­schen Kronprinzen die beruhigendsten Zusagen bezüglich deS nächsten ConclaveS gegeben, und dem Standpunkte, welchen die deutsche Regierung diesem Ereignisse gegenüber ein­nimmt, in allen Hauptpunkten zugestimmt hat.

Das Herrenhaus nahm nach längerer Debatte in zwei­ter Berathung den Gesetzentwurf betr. die Aufhebung der Verfassungsartikel 15, 16 und 18 an und genehmigte so­dann das ganze Gesetz in namentlicher Schlußabstimmung mit 68 gegen 25 Stimmen. Hierauf wurde das Kloster­gesetz in erster Berathung unter Ablehnung mehrerer von Graf Landsberg gestellten Abänderungsanträge unverändert nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses genehmigt.

Im Kriegsministerium haben bereits die Arbeiten zur Aufstellung des Etats der preußischen Armee für das Jahr 1876 begonnen. Die Arbeiten bewegen sich jetzt in der Richtung, daß bei den verschiedenen Truppenkörpern Er­hebungen über den Bedarf, über den Umfang an Erspa- rungcn sowie über die Tragweite der neuen Einführungen auf den militärischen Gebieten gemacht werden. Die Be­richte werden dann an das Kriegsministerium erstattet, um dort als Material verwendet zu werden.

Die telegraphische Nachricht aus Lüttich, daö dortige Gericht erster Instanz habe im Anschluß an die bezüglichen Anträge der Staatsanwaltschaft auf Einstellung der Unter­suchung gegen den Kesielschmied Duchesne erkannt, macht Aufsehen und bringt in Erinnerung, daß der belgische Zwischenfall, wie Herr Malou dies in den letzten Kammer­verhandlungen selbst anerkannt hat, noch keineswegs abae- schlosien ist._________________________________________________

Deutsches Reich.

•• Berlin, 22. Mai. Die Reform der Einrichtun­gen in den höheren Schulen ist schon seit längerer Zeit Gegenstand der Verhandlungen in den betreffenden Kreisen gewesen. Ganz besonders hat sich eine in Dresden abge- hatten- Conferenz von Schulmännern mit dieser Frage be­schäftigt. Auf Grund der von dieser Conferenz entworfe­nen Vorschläge hat der preußische Cultusminister den Plan einer neuen Programmordnung ausarbcitcn lassen und dasselbe den deutschen Regierungen zur Annahme befür­wortend übersendet. Mit Ausnahme Baierns haben alle deutschen Regierungen dem Entwürfe zugestimmt. In Folge dieser zustimmenden Erklärungen hat Dr. Falk den Directoren der Gymnasien und Realschulen den Plan zu- gestellt mit der Anweisung, für die alsbaldige Einführung der neuen Programmordnung zu sorgen. — Dr. Falk hat vorgestern im Herrenhause einen doppelt schwierigen Stand­punkt gehabt, indem er nicht allein gegen die katholische Opposition Front zu ükachcn, sondern auch die protcstan-

Dir Hexe von Gmunden.

Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVII. Jahrhunderts- (Fortsetzung).

Da begann der Schmied: „Zeter schrei ich und Wehe Über die Frau Ahndl dieser meiner Tochter, über Katharina Grueberin, des KuflerS Wittib. Die verdammte Hexe hat mir drei Kinder im See ertränkt, zwei in der Wiege tobt« gehext, mein erstes Weib, ihre leibliche Tochter, vergeben, und meine Crescentia dem bösen Feind überantwortet. Zeter . . . Zeter!"

Erschöpft sank der alte Mann neben Zenzi in die finite. Das Volk rief voll Entsetzen das Zeter nach und während der Schmied mit seiner Tochter unter Dach und Fach gebracht wurde, eilten die Stadtknechte, von neugie­rigem Gesindel geleitet, mit Spießen und Stangen der Vorstadt zu, um die Hexe zu fangen. Der SyndicuS gab ihnen die Ermahnung auf den Weg, die Unholdin ja recht fest zu binden und das Ende deS Strikes nicht aus der Hand zu lasien, damit sie nicht etwa mit des Gottseibeiuns Beistand sich unsichtbar mache und entwische. Zum köpf schüttelnden Lerchenauer aber sprach er: „Wir werden jetzt wohl inne werden, Herr Confrater, woher seit 30 Jahren die vielen Hagelwetter kommen, vor denen kein Garten recht gedeihen mag und die grausigen Stürme auf dem See." — „Hagel und Sturm macht der Hergott selber", versetzte der Pfleger, aber es war so gut, als hält er nichts gesagt. Ein paar Jahrzehnte später würd' ihm das freie Wort zum Verderben gereicht haben; doch dazumal war das Laster der Zauberei im Land zu Oesterreich noch gar i» wenig bekannt, der Blutrichter verstand noch nicht recht, die Frevler und ihre Mitschuldigen aufzuspüren und ein angesehener Mann durfte immerhin wagen, den Aufruhr der Elemente einer himmlischen Fügung zuzuschreiben,

Patt sie ein Werk des Satans und seiner Untergebenen zu nennen. 4.

Seit vielen Wochen lag das alte Weib in den Block geschlossen tief unten im Kellergewölbe des RalhhauseS, wo eine niedere schmale Mauernische, von einem starken Gitter verwahrt, der Gefangenen zum Ansenthalt biente. Vom Tageslicht erblickte sie nur zuweilen einen zweifelhaften Dämmerschein, bet auf langem Umweg zu ihr gelangte. Ueber ihr hörte sie ben See an baS Gemäuer schlagen; es schien, als wollten die ungestümen Wogen mit Gewalt durchbrechen und die Elende zitterte für ihr Leben von 70 Jahren, das doch bereits wie dem Richter verfallen war. Ihre kranke Enkelin wat dem Leibe nach besser gebettet. Ein abgesondertes Kämmerlein im Spital, zwar vergittert, aber mit freier Aussicht auf die Traun, beherbergte sie mit ihrer Wärterin, einer frommen Schwester von Linz. Den­noch genoß Zenzi keine ruhige Stunde. Seit dem Anfall auf dem Markt kehrten Krämpfe und Zuckungen in immer kürzeren Zwischenräumen wieder. Ohne Unterlaß peinigten das unselige Geschöpf schwere arge Gedanken und Vor­stellungen, zusammengesetzt tu8 wirren Erinnerungen frü­herer Jahre, aus ben wilden Vorspiegelungen der Krank­heit, aus dem unbewußten Trieb des Blutes, aus der unverstandenen Neigung des jungfräulichen Herzens, und endlich aus Furcht vor dem gewattthätigen Guardian, welcher da meinte, durch grobe Reden den Bösen auszu treiben, und seine Beschwörungen eben so hartnäckig als erfolglos fortsetzte. Der verliebte Baderfranzel ging wie ein tiefsinniger Träumer umher, und die Holzhauer im Wald bekamen ibn öfter zu Gesicht, als die Kunden in der Stabt. DaS Volk trug sich mit Sagen der grausenhaste ften und abenteuerlichsten Art. Und mitten in diesem Gewirre wußte der Syndikus nicht recht, was ihm als Richter zu thun oblag. Aus einer Seite sprach Lerchenauer

die gefangene Zauberin als eine geborene Viechtaueriti an, und begehrte ihre Auslieferung in den Bann der Herr­schaft Orth; auf der anderen trieb und drängte der Schmied mit unermüdlicher Hartnäckigkeit, daß die Väter der Stadt Mittel schaffen sollen, seine Tochter aus den Banden der Hölle zu befreien.

„Euer Pater Guardian wird das Mensch nimmer lö­sen," sagte und wiederholte Teininger fort und fort: „der böse Feind fürchtet nicht ben krausen Bart, nicht ben reh- renben Stimmstock, nicht bie braune Kutte. Warum laßt Ihr nicht einen besseren kommen? Es könnte einen Stein erbarmen, geschweige benn einen Menschen, bas Elend au- zuschaucn, und wie bie Teufel mein Dirn'l peinigen. Wenn Ihr nicht bald ein Einsehen thut, werden die Quälgeister der Crescenz vollends das Genick abstoßen. Dann muß sie hinsahren ohne Beichl und Absolution, und wer weiß, was Euere Verantwortlichkeit der armen Seele Hel­sen kann."

Er sprach nicht nur so, sondern hatte in derselben Weise auch an des Kaisers Statthalter zu Linz eine Be­schwerdeschrift abgehen lasten, bie ihm für Gelb unb gute Worte ein Schreiberlein schön aufgesetzt. Die Antwort blieb nicht aus. Unb wer brachte sie? Ein ältlicher Herr in einem schwarzen Mäntelein, der begleitet von einem Schreiber und zwei Knechten in die Stadt ritt, sporn­streichs sich zum Ralhhaus verfügte, unb sich vernehmen liefe: „Er sei als Seiner kaiserlichen Majestät Rath im Erzherzogthum ob bet Enns anhergesenbet worden, um das Verfahren in Sachen der besessenen Magd sörderlichst betreiben zu lasten, um darüber Bericht zu erstatten." Dem Syndikus war der Herr von Linz her bekannt, und ob­schon unbequem, sowie sogar eine demüthigende Erscheinung, dennoch nicht ganz unwillkommen, weil er dem Schwanken ein Ende machte. (Forts, folgt)