Ur. 117.
Marburg, Sonnabend, 22. Mai 1875.
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Hassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Laasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leipzig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.
©btrljrlftfdjf Jeiluiu.
Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von G. L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Soun- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen Sh Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). — Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Psjg.
Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Et» Epilog z« de» SriegSgerüchteu.
Jetzt ist wieder Friede ringsum und alle Kriegsgerüchte find ad acta gelegt. Aber noch immer tobt der Kampf in den Blättern über die Priorität jener Gerüchte und gehässtgc Recrirninationen finden gegen die statt, welche eine kriegerische Situation in Sicht erklätten; man wirst denselben Chauvinismus und Frivolität vor, und eine Gefährdung des öffentlichen Wohls. Wenn jene Gerüchte jedes Halte« entbehrt hätten, wenn jene Nachrichten nichts als müssige Combinationen der Preffe gewesen wären, dann allerdings läge hier ein sträflicher Leichtsinn vor, der nicht schwer genug zu verurtheilen wäre. Aber das war keineswegs der Fall und die „Kölnische Zeitung", welche zuerst am 31. März jenen Befürchtungen in einer von Wien datirten Zuschrift Ausdruck gab, bemerkt sehr richtig, daß die Art und Weise, wie Frankreich nicht bloS eine kriegstüchtige Armee herzustellen, sondern eine solche Kriegsstärke herbei- zuführen sucht, daß sie nicht als dauernde Einrichtung, sondern als Vorbereitung aus einen nahestehenden Krieg, erschien, in Berlin bei den höchsten militärischen und politischen Autoritäten ernste Beforgniffe hervorgerufen hatte, und daß jener von ihr reproduzirte Artikel die Auffassungen treu abgespiegelt habe, die in den höchststehenden deutschen Kreisen verbreitet waren. Diese Besorgnisse waren jeden falls nicht unbegründet; sie mußten noch um so mehr steigen, wenn gleichzeitig die ganz besondere Rührigkeit der »ltramontanen Partei in allen Ländern beobachtet wurde, und das sortgesetzte Hetzen und Jntriguiren, daS geradezu aus eine Verbindung zwischen Frankreich, Italien und Oesterreich hinzielte, in der letzten Zeit besonders eifrig betrieben war. Die Gefahr einer solchen Coalition war keineswegs ganz ausgeschlossen; ste war bei der bekannten Hinneigung der regierenden Kreise in Italic« zu Frankreich und bei dem großen Einfluß der Ultramontanen bis zu den höchsten Sphären in Oesterreich kein Ding der Unmöglichkeit. Wenn von deutscher Seite auf diese Eventualität aufmerksam gemacht und Zweifel über den Bestand des Friedens Ausdruck gegeben wurde, so war dies auf keinen Fall frivol, noch viel weniger chauvinistisch, im - Gegentheil, diese Darlegung war einzig von dem Bestreben diktirt, die Situation zu klären, die Aufmerksamkeit Europas auf das Kriegshetzen der ultramontanen Partei und auf die Gefahren, welche irgend welche Connivenz gegen deren Bestrebungen mit sich bringm würde, zu leiten. Man war sich allerdings beffen wohl bewußt, daß Frankreich ohne Aussicht aus Allianz schwerlich in den Krieg ziehen werde; aber e- war doch auch nicht zu übersehen, daß
Dir Hexe von Gmunden.
Qine Geschichte aus dem Volksleben des XVII. Jahrhunderts. (Fortsetzung).
Die Dirne überhörte geflissentlich die offenherzige Anmerkung und fuhr fort: „Ich habe viele böse Stunden, bin gar zu ost allein und da muß ich an.allerlei denken, waö mich nicht freut. Wenn Du aber bei mir bist, mein Franzl, so wird mir schon viel geringer*) um's Herz. Nzrr mußt Du nicht sagen wollen, was nicht von selber über die Zunge wag. Du darfst schon ganz still dasitzen und ich merke dennochwohl, daß Du bei mir bist."
„Da schau", antwortete der Bue, „um wie viel geringer wird Dir sein, wenn Du einmal ein ... ein ... ein Weiberl bist? Osten**) bist Du nimmer allein." — Zenzi schüttelte wehmüthig den Kopf. Franz sprach geläufig weiter, indem er ihre Hand erhaschte: „Schau, sei gescheit, Dirn'l. Auf Allerheiligen werd ich fünfundzwanzig Jahre alt und der Herr Vater will mir die Badstuben übergeben. Er will sich zur Ruhe setzen, ich soll heirathen. Eine beffere Gelegenheit findest Du nimmer."
Sie schüttelte abermals das Haupt, noch trübseliger denn zuvor. „Mein Loos ist geworfen", fagte sic kaum vernehmbar, „und Du kannst mich nicht mehr bekommen."
Im Bewerber erwachte die Eifersucht. „Ist Dir Einer lieber wie ich?" fragte er ungestüm, „oder hat Dein Vater Dich schon verschenkt?"
„Nein, mein Franzl und wiederum nein."
„Nun, jo weiß ich nicht, was uns im Wege stände, mir wie Dir? Wir haben unS von Herzen lieb, sind freie ledige Leute, underiagt und unbedingt. Ich bin jung und frisch, versteh mein Handwerk so gut, als der Herr Vater und bekomm ein gutes Geschäft. Was ist also da gefehlt? Waö haben wir zu fragen nach Menschen, Welt, Tod, Hölle und Teufel?"
*) Leichter.
**) Dann.
Frankreich, obwohl eS in Wahrheit noch nicht genügend gerüstet war, sich 1870 für erzbereit hielt und zuverlässig auf Allianzen rechnete und vielleicht auch nicht ohne Grund rechnen konnte. Mit Rücksicht darauf war die Besorgniß durchaus gerechtfertigt, daß Frankreich auch diesmal die Sache überstürzen könnte. Wenn man daraus hat folgen wollen, die deutsche Regierung wolle den Krieg vom Zaume brechen, so ist dieser Vorwurf durchaus unmotivirt. Wer die Situation für bedenklich hielt und den Krieg deshalb in den Kreis seiner Betrachtungen zog, war damit noch keineswegs Chauvinitt oder gar frivol. Im Gegentheil, jene Darlegungen, die gerade von durchaus etnster Seite, die über den Verdächtigungen eines Börsenmanövers oder impudenter, unsittlicher Sensationsmacherei und Effekthascherei erhaben ist, gemacht worden, tragen den Stempel einer patriotischen und dabei durchaus friedlichen Gesinnung in sich. Jedenfalls hat es sich als weit vortheilhafter er wiesen, die Gefahren der Situation offen darzulegen, als den Schleier des Gcheimniffes darüber zu breiten und unter der Decke deffelben sich die gefahrdrohenden Ver- hältniffe ruhig weiter fortspinnen zu lasten. Dieses Benehmen hat ohne alle Frage seine Früchte getragen. Das Gespinnst der Ultramontanen ist zerrissen, die Hoffnungen der Kriegspartei sind für längere Zeit beseitigt. Frankreich selbst hat in seinen Rüstungen innegehalten und erkannt, daß cs isolirt dasteht. Alle anderen Mächte, Jtakivü, Oesterreich, England und Rußland haben sich an Deutschland angeschlossen, um den Krieg zu verhindern, den Frieden aufrecht zu erhalten. Die Unsicherheit der Situation ist einer Klarheit gewichen, welche für Handel und Industrie weit vortheilhafter ist, als die bisher empfundene Un gewißheit. Wenn auch für den Augenblick die Geschäfts well und namentlich die Börse unter dem Eindruck dieser Campagne noch leidet, so wird ste sich nun, nachdem eine unzweideutige Friedensdemonstration stattgefunden, und nachdem sich aufs Neue die Einmüthigkeit der Mächte zur Erhaltung des Friedens gezeigt hat, auch das Vertrauen wieder zurückkehren. Sie wird nicht bloö die vorübergehende Störung überwinden, sondern die Geschäftswelt wird überhaupt wieder festes Vertrauen zu der friedlichen Entwickelung fasten können. Nur der hohle Pathos doktrinärer Allwissenheit kann von dieser Niederlage sprechen, wo in Wahrheit ein Ersolg zu verzeichnen ist.
Tagesbericht.
In einem öffiziösen Artikel der „Nvrdd. Allg. Ztg." heißt eS: „Die der „Augsb. Allg. Ztg." telegraphirte und
auch anderen Blättern mitgetheilte Nachricht, daß sicherem Vernehmen nach Fürst Bismarck vor wenigen Wochen an die deutschen Vertreter im Ausland betreffs vertraulicher Mittheilungen an die auswärtigen Regierungen ein Rundschreiben gerichtet habe, welches das französische CadreS- gesetz einer eingehenden Kritik unterzieht, und dasselbe als eine ernste Gefährdung des europäischen Friedens bezeichnet, entbehrt der Begründung. Ein solches Rundschreiben exi- stirt nicht."
DaS „Berl. Tagebl." schreibt: „Wie mit Bestimmtheit verlautet, hätte der Oberprästdent der Provinz Hessen- Nastau, Freiherr von Bodelschwtngh, zum 1. Juli seine Entlastung erbeten. In amtlichen Kreisen, versichern zwar die offiziösen Blätter, sei davon noch nichts bekannt; eS bedeutet diese Ableugnung indesten allem Anschein nach nur, daß sich der Kaisek noch Nicht hat entschließen können, dem Gesuche Folge zu geben. Darüber kann kein Zweifel sein, daß die Durchführung der kirchlichen Gesetze auch für diesen Beamten daS Bewegniß zum Rücktritt ist. Gerüchte von dem Bevorstehen destelben tauchten schon wiederholt auf, verstummten indesten immer wieder nach kurzer Zeit. Sie scheinen aber doch ein Zeichen dafür gewesen zu sein, daß Herr v. Bodclschwingh selbst die Unzulänglichkeit seiner Kräfte zur strikten Geltendmachung der Maigesetze schon seit längerer Zeit wohl empfunden hak."
Der Abschluß der Verträge wegen Abtretung der preußischen Bank an daS Reich soll nunmehr erfolgt sein. Der Kaufpreis für die Gebäude beträgt 22 Millionen Mark. Der BundeSrath hat dem vom Ausschüsse vorgeschlagenen Reichsbankstatut zugestimmt. — Prinz Wilhelm von Württemberg, Oberstlieutenant und Commandeur deS Garde Husaren-Regiments, hat den nachgesuchten Abschied unter Besörderung zum Obersten und Versetzung zu den Offizieren ä la suite der Armee erhalten. Der Prinz begibt sich am Sonnabend nach Stuttgart.
Der flüchtig gewordene Redacteur der ultramontanen „Wests. VolkSztg.", Hr. Blum, hatte in Amsterdam Vorträge über den Culturkampf begonnen, mußte dieselben aber einstellen, weil sich ihm plötzlich alle öffentlichen Lokale verschlossen. Man vermuthet wohl mH Recht, daß dies auf einen Wink von oben geschehen sei, da der holländischen Regierung ein Notenwechsel mit der deutschen Regierung jetzt nicht genehm sein dürfte.
DnttscheS Reich.
— Berlin, 20. Mai. Herr Thiers soll gegen die Nachricht protestirt haben, die von mehreren deutsche^
Zenzi zuckte krankhaft. Ihr« Wangen überzogen sich mit fahler TodeSfarbe, aus den halbgeschlostenen Augen verschwanden die Sterne, und ihre blauen Lippen mur- melttu: „Der Teufel, ja, der böse Feind! Ihm . . . . ihm ..."
„Zenzrrll" schallte draußen die Stimme der Großmutter. Die Dirne fuhr in die Höhe, als hätte der Blitz vor ihren Füßen eingeschlagen. „Was soll's?" fragte sie, „brennt es oder gibt es Mord und Todschlag?"
„Nicht doch, Dirn'l", beschwichtigte Franz, selber noch voll Schrecken über ihr wunderliches Benehmen, „die Kathi ruft nur nach Dir; Deine Frau Ahndl will Dich."
Zenzi rieb sich wie schlaftrunken die Augen, während das alte Weib herein kam, den Kunden mit mißtrauischen Blicken musterte und ohne ein Wort an ihn zu richten, sich zur Enkelin wandte. „Nimm den Zecher*) mit den Löffeln", sagte ste, „und trag sie zum Schiff, aber schleun' Dich. Der Traunwieser - Achazi wartet auf die Waare, und hat'S genöthig, über den See zu kommen, weil er heute noch auf den Wildenstein soll. Er wird Dir wohl auch einen Kreuzer schenken. Der Achazi läßt sich nicht lumpen."
Crescentia nahm den Korb und ging mit einet» kurzen: „Schon recht, Frau Ahndl und b'hüt Gott!" ihre« Weges. Franz folgte ihr, redete ihr dringend zu, ihn zum Bräutigam anzunehmen und hielt eS für ein günstiges Zeichen, daß ste sichtlich von Schritt zu Schritt in immer größere Aufregung gerieth, obschon ste keine Sylbe erwie bette. Wenn er sich nur rin Bischen hätte einbilden können, wie dem armen Hascherl zu Muth war, wär' ihm das Zureden schon von selber vergangen und er hätte weiter keinen Bescheid begehrt. So aber führte er seine Sache mit steigernder Zuversicht, unbekümmert um die vielen Leute, von denen die Straßen wimmelten.
*) Korb
(Fortsetzung folgt.) '
Die Schlacht hei Seda».
DaS neueste den Schluß deS ersten Bandes bildende 8. Heft des GeneralstabSwerks ist dem Tage von Sedan gewidmet, jenem Tage, dessen Ereignisse mit Flammenschrift in daS Buch der Geschichte unserer Tage eingetragen, dessen Andenken daS patriotische Empfinden, wie daS nationale Selbstgefühl deS deutschen Volkes stets zu edelster Begeisterung aufschwingen und dessen Erinnerung den späteren Geschlechtern eine AuSgebutt mythenbildender Volks- Phantasie erscheinen wird, umstrahlt von dem Glanze selbstloser Vaterlandsliebe und edelster kriegerischer Tugend. ES ist die Schlacht, welche der Gcsammtheit der Kämpfe gegen daS Napoleonische Kaiserreich den Abschluß gab und die alle die denkwürdigen Ereignisse, welche zwischen ihr und dem Morgen deS 4. August 1870 lagen, zu einer einzigen großen That des deutschen Genius zusammenfaßte.
„Es war der Rechnungsabschluß zwischen zwei Nationen, wo ausgeglichen ward mit Kaiserkronen."
Folgen wir der in durchsichtiger Klarheit gehaltenen Berichterstattung, um in allgemeinen Umrissen ein Bild zu gewinnen, wie diese für die Wciterführung deS Krieges fo folgreiche Entscheidung errungen wurde.
Nach den im Laufe des 31. August im deutschen Hauptquartier Über die feindliche Armee eingelaufenen Mel- düngen war anzunehmen, daß der Gegner am nächsten Tage versuchen werde, sich der ihn bedrohen Einschließung aus irgend eine Weise ohne Kampf zu entziehen; am wahrscheinlichsten war der Abmarsch in der Richtung auf Me- zisrcs, äußersten Falles auch rin Entweichen Über die belgische Grenze. Nach diesen Erwägungen wurde am späten Abend deS 31. die Aufgabe für die Operationen des 1. September an die einzelnen deutschen Corps vertheilt.
Das 5. und 11. preußische CorpS sollten in aller Frühe von Donchery als linker Flügel in nördlicher Richtung vorrücken, die württembergische Divisionen ihnen folgen, um sowohl als Rückhalt zu dienen, wie um die Beobachtung von MezisreS zu übernehrnm. Bier Kavallerie- divisionen (2., 4, 5., 6.) und das 6. preußische Corps