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Vr. 116«

Marburg, Freitag, 21. Mai 1875.

K Zahrgaag.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasensteiu &• Vogler in Frankfurt a- M., Berlin, Leip­zig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc-

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AnMgen nimmt entzögen: die Echeditio« d. Blattes, sowie bie Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- " meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagcn. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllustrirteS SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'fche Buchdruckerei) bezogen 2$ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. lexl. Bestellgebühr). — Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Ultramontaue« in Oesterreich.

Ucbereinstimmenden Nachrichten aus Oesterreich gemäß rüsten sich die Ultramontanen zu einem Sturmangriff. Die Niederlage, die sie in letzter Zeit überall erlitten haben, die Hoffnungslosigkeit ihres Widerstandes in Deutschland, ihre vergeblichen Bemühungen, Oesterreich und Italien mit Frankreich zu einer gemeinsamen Aktion gegen Deutschland zu verbinden,, der, mißlungene Versuch, Europa in Krieg zu stürzen, scheint den letzten Rest der Ueberlegung den Ultramontanen genommen zu haben. Bisher hat die österreichische Regierung mit übergroßer Geduld ihrem Treiben zugeschaut; sie hat eine allzugroße Nachsicht ge übt, alles fern gehalten, was den CleruS verstimmen konnte, und bisher dem Drängen nach gesetzlicher Regelung und weiterer Ordnung des Verhältnisses von Kirche und Staat, wie namentlich der Einführnng der Civilehe gegenüber sich zurückhaltend bewiesen. Eine Zeit lang schien eS, als ob vollständiger Friede zwischen dem katholischen CleruS und der österreichischen Regierung herrschte. Der Kampf war nur la ent und sollte ganz allein auf dem Boden der Ver- saffung und auf parlamentarischem Wege ausgefochten wer­den. Zu diesem Zwecke gründete Cardinal Rauscher die katholische Reichspartei nach dem Muster der CentrumS- Partei in Deutschland. Die Ultramontanen wollten auf diese Weise sich allmählich in Besitz der Regierung setzen und dann auf ganz verfassungsmäßige Weise das Con cordat wieder Herstellen, und alle ihre LieblingSwünsche zur Erfüllung bringen. Indessen scheint ihnen doch zu einer solchen Taktik die Geduld zu fehlen. Es scheint auch, alS ob dieser Weg im Vatikan keinen Beifall gesunden hat, und der Streitlust desselben nicht entspricht. Seit einiger Zeit nämlich bemerkt «an, daß die Sprache der Ultramontanen wieder heftiger und leidenschaftlicher geworden ist. Ihre Organe ergehen sich in den frechsten Schimpf reden und Drohungen. Sie suchen namentlich durch auf­regende Reden die Landesbevölkerung aufzustacheln, damit dieselbe sich zu Thätlichkeiten hinreißen laffe. Sie verlangen insbesondere, daß die Angehörigen der in Deutschland aus- gelösten Klöster in Oesterreich ausgenommen werden, um aus diese Weise womöglich einen Konflikt zwischen Oester­reich und Deutschland herbeizuführen. Diesen Zweck hat auch die Uebersiedlung deS Fürstbischofs von Breslau. Bekanntlich wollte derselbe ursprünglich in BreSlau blei­ben; aber wahrscheinlich auf das Drängen der Bischöfe in

Oesterreich und der Curie hat er seinen Sitz nach Jo- hannisberg verlegt, und wird von hier aus die Leitung des Bisthums weiter führen. Da nun nach der Meinung der Ultramontanen daraus auf jeden Fall ein Konflikt zwischen Oesterreich und Preußen entstehet muß, so kündigen sie schon jetzt ihre Handlungsweise an. Wenn Oesterreich einem eventuellen Ansuchen Preußens nachgeben, und etwa den Dr. Förster ausliefern sollte, so kündigen sie für diesen Fall bereits die Revolutionirung der Massen an. Sie scheinen diese Eventualität geradezu zu wünschen. Es spricht sich in klerikalen Organen eine wahre KampfeSwuth aus, ein leidenschaftliches Drängen, einen Zusammenstoß herbeizuführen. Es kann nicht geleugnet werden, daß diese Situation sehr bedenklich ist, und daß sie sehr leicht der österreischen Regierung große Unbequemlichkeiten bereiten kann. Wie dieselbe sich zu diesen Provokationen zu ver halten gedenkt, ist bis jetzt noch nicht klar. Bedenklich würde es erscheinen, wenn sie sich damit begnügen würde, die Sache an sich herankommen zu lassen und sich ihr gegenüber rein abwartend zu verhalten.

Tagesbericht.

Der König von Sachsen, welcher am Dienstag in Berlin eingetroffen, wurde vom Kaiser am Bahnhofe em­pfangen, begab sich am Mittwoch Morgen mit Letzterem nach Potsdam, um dem Brigade-Exerciereu beizuwohnen und kehrte um 11 Uhr nach Berlin zurück. Mittwoch findet ein Galadiner von 70 Couverts statt, zu welchem die königl. Prinzen, die Minister, der Feldmarschall v. Man­teuffel, der sächs. Gesandte, der sächs. Militärbevollmächtigte und die zu Truppenübungen anwesenden sächs. Offiziere geladen sind.

Das schwedische Königspaar trifft am 29. d. MtS. in Berlin ein. Am Hofe trifft man große Vorbereitungen für den Empfang. Es ist auch die Rede von einem ita­lienischen Gartenfest im neuen Palais bei Potsdam, wie zur Zeit der Drei - Kaiser - Zusammenkunft. Dies würde die Rückkehr des kronprinzlichen Paares bestätigen. Die Frau Kronprinzessin wird die Honneurs für Ihre Maje­stät die Kaiserin machen, welche ihre Badekur nicht unter­brechen kann.

Fürst Bismarck hat vor seiner Abreise alle Anordnun gen getroffen, die durch seine längere Abwesenheit von

Dir Hexe von Gmunden.

Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVII. Jahrhunderts.

(Fortsetzung).

„Weiß schon, weiß," fiel ihm Klempfl in die Rede; „und der gestrenge Herr handelt wie ein Vater an mir und dem Fratzen. Denk' Er nur, Herr Lerchenauer, der gestrenge Herr hat uns die Oberthor-Hiesel Toni-Renzerl verrathen, deS Rauchfangkehrers Geschwisterkind, ein Wai- serl. DaS Dirn'l ist sauber, hat zweihundert Gulden, und schaut in den Franzl wie in einen Spiegel. Er lacht ihr wohl auch zu, der Schlankl, wo er sie steht, aber es steckt ihm halt doch eine andere im Kopf."

„Und die soll er nicht haben," rief der Syndikus aus; „ich hab' auch meinen Kopf, und ich leid's nicht, daß der braven Emerentia solch ein Schimpf widerfahre. Wenn der Franzl fte nicht nimmt, so sind wir geschiedene Leute, und die Löffelkathi-Zenzerl kriegt er doch nicht. Ich leid's nicht, ich, der Syndikus."

„Ich leid's wohl zuerst nicht, ich, der Vater;" schnarrte eine etwas schwere Stimme vom Eingang her, und auf der Schwelle stand der Teininger, jetzt vollkommen ein altes Mannerl, angethan mit dem Schurzfell, in derHand Hammer und Zange.

„Der kommt auch nicht von der Arbeit," meinte der Syndikus.

„Ich denke wohl, er wird aus dem Schiff kommen; sein Gang ist so viel unsicher," witzelte der Bader. Seine Hörer wußten schon, welch ein Schiff von gebrannten Steinen damit gemeint war. Zu dem Schmied gewendet fuhr er fort: „WaS bringst Du Neues, Loisel? Oder kennst Du leicht Dich nimmer aus? Aus die Wochen kommt erst Dein Bärttag."

Loisel ließ sich auf den Schemel fallen, glotzte den Bader aus stieren Augen an, und sagte bann dumpf: „Ich sollte dennoch wohl wissen, wer meine Zenzi freien will? Geh! DaS Dirn'l gehött ins Kloster, sag' ich. Sie soll fleißig für ihre Mutter und Geschwister beten, und für mich auch. Ich hab's nöchig, ihr Herren, enten » und drenten *). MögtS schon glauben."

*) Diesseits und jenseits-

„Nun, nun," versetzte beschwichtigend Lerchenauer; „eS wird wohl nicht völlig aus fein. Wir sagen ja auch, daß der Bader-Franzel Dein Dirn'l nicht bekommen soll. Darum muß sie lange noch nicht in's Kloster. Schon manche hat einen oder zwei nicht bekommen, und ist des­halb doch nicht übrig geblieben. ES giebt noch viele brave Buben am See und an der Traun, und die Zenzi ist ein sauberes Dirn'l, das mir altem Narren selber gefiele, wenn ich ein Bue wäre."

Der Schmied schüttelte trübsinnig den Kopf, und sprach, nach seiner Weise mehr zu sich selber als zu der Umgebung: „Sie ist so viel krank, und Niemand mag ihr helfen, als der himmlische Vater. Ich hab' mir's wohl gedacht, daß es so kommen würde. Ich habe sie der alten Fee nicht lasten wollen, aber mein Weib hat'S nicht anders gethan, B.S vor fünf Jahren; da hat sie mir erlaubt, das Menscher! heimzuholen. Und da ist die Zcnzerl halt trübselig geworden, und hat nix als geweint, und dann . . . dann . . . bann . . ."

„Heba unb bann?" fiel ihm Grilleneder barsch in'S Wort; „was ist bann geschehen?"

Loisel fuhr sich mit ber flachen Hand über die Stirn, lächelte schlau in sich hinein und entgegnete ausstehend: „Heut ist mein Barttag nicht. Ich hab'S nur gemeint. Nichts für ungut."

Unsichern Schrittes entfernte er sich. Ihm nachblickend flüsterte der Bader: „Der sagt auch nicht Alles was er denkt, aber verfängliche Reden führt er feit einiger Zeit, das muß wahr fein."

„Nun, und was denkt der Brucken Loisel?" fragte ber Syndikus.

„Ja, wenn ich das wüßte!" seufzte ber Bader, setzte aber gleich baraus mit gewohnter Zuversicht hinzu: „Uebri- gens werd' ich's erfahren, ehwenn der Traunstein einen grünen Hut aussetzt ..."--

Zu selbiger Frist, da von ihm in seines Vaters Hause idie Rebe war, wäre der Baberfranzl richtig am Erbl zu »reffen gewesen. Die Hütte ber Löffelkathi sah bester aus, ials 16 Jahre zuvor und war auch größer geworden. Aus Seiner Seite war ihr eine Kammer zugewachsen, worinnen ‘ein Federbett stand; auf ber andern ein Koben, der ein

Berlin ernöthigt worden. Der Fürst wird wohl von Lauen­burg zunächst nach Varzin gehen.

Ende dieses Monat« wird in dem Kieler Hafen ein interessantes Flottenschauspiel statlfinden. König Oskar II. wirb dort am 28. d. M. an Bord der Coroelte „Geste" unb in Begleitung eines schwedischen Geschwaders in Kiel eintreffen unb dort dm deutschen Boben betreten. Dies ist das erste Zusammentreffen schwedischer und deutscher Flot­ten. zu dem auch dort das diesjährige Uebungsgeschwader eintreffen, das größte Panzergeschwader, das je unter deut- scher Flagge beisammen war.

Die ständige Deputation deS deutschen JuristentageS in Nürnberg hat unter Vorsitz des Professors Gneist be­schlossen, daß der Juristentag in diesem Jahre vom 26. bis 28. August in Nürnberg stattfinden soll. Im vorigen Jahre ist diese Versammlung ausgefallen. Vor 2 Jahren hat der Juristentag in Hannover sehr wichtige Beschlüsse hinsichtlich der Strafprozeßorbnung gefaßt, nur ist fraglich, ob biese bcn zahlreich in ber Reichsjustizcommission aus­gesprochenen Einwendungen gegenüber bestehen werden.

Besonders in Cisleithanien herrscht eine sehr rege Agi­tation für den Schutzzoll; ein ministerielles Organ erklärt bei dieser Gelegenheit, daß von Seiten der österreichischen Regierung ein Rückschritt in das Schutzzollsystem niemals zu erwarten fei, aber daß andrerseits die Aufhebung oder Abänderung der englischen Nachtragsconvention, eine bessere Kategorisirung der Waarenklassen und ein neuer Zolltarif, in welchem auf das wirkliche Interesse des österreichischen Handels Rücksicht genommen werde, in Aussicht ae- stellt fei. “

Man schreibt aus Wien in Betreff der Verhaftungen in Krakau: Aus Requisition btt deutschen Botschaft er» theilte der Minister deS Znuern Lasser preußischen Crimi- nalbeamten Legitimation zur Vornahme einer Hausdurch­suchung und Verhaftung bei dem russischen, in Krakau wohnenden Unterthanen Dunin. Ein bei Dunin gefundener Brief veranlaßte die Verhaftung des ErziehungSanstaltS- JnhaberS Gostapski, der jedoch auf Antrag des Staats­anwalts sofort wieder freigelassen wurde. Dunin war eine Zeit lang Kanzler des französischen Consulats in den Do- nausürstenlhümern und späterhin in Paris mehrfach zu geheimen Missionen verwenbet worden. Man hat DuninS Auslieferung an Rußland beantragt.

Die italienischen Blätter sind voll des enthusiastischen paar stattliche Schweine beherbergte und schier reinlicher anzuschauen war, wie ehedem das Wohngemach im Häus­chen selber. An der Fenfterlucke, wohindurch einst die unglückselige Magdalena ihre Kinder zum letztenmal hie- nieden erblickt hatte, saß jetzt, zur Jungfrau herangewachsen, Lenerls Tochter, mit Löffelmalen beschäftigt. Eine fdne, zierliche Gestalt, noch um vieles bleicher und schwächlicher als dereinst bie Mutter gewesen, aber von einem wunder­samen Liebreiz übergossen, dessen Zauber keiner so tief empfand, als Franz, deS Bader« Sohn. Er war sonst einer ber lustigsten Buben in ber Stadt und wußte auch, wie gut er sich in seinem blauen Schamperl, mit den kur­zen Hosen von grauem Tuch, den weißen Strümpfen über derben Waden und den bis über die Knöchel reichenden Buntschuhen ausnahm. Zudem hatte die Amme nicht vergessen, ihm die Zunge zu lösen. Dennoch saß er zag­haft und stumm vor der Zenzi, die Hände mit dem Hut auf die Kniee gestemmt unb wußte kaum ein Wörtlein zu finden, obschon ihm das seltene Glück geworden war, die Dirne allein unb etwas minder ernst als gewöhnlich an- zutreffen. Sie arbeitete emsig fort, ließ bert stummen ftunbw gewähren unb schien an nichts zu denken, als an die bunten Blumen und Schnörkel, die ihre kunstreiche Hand mit feinem Pinsel auf den dunklen Grund voit Lack­farbe malte. Franz seufzte, sie gab nicht Acht daraus. End­lich faßte er sich ein Herz und hob zu reden an: „Lof aus, Zenzerl, ich sollt' Dir wa« sagen, längst schon, aber eS will nicht heraus."

CreScentia'S Miene hüllte sich in Wolken. „Laß es lieber ungesagt", versetzte sie, aber nicht in dem Ton, ber sonstwohl in ähnlichen Lagen angeschlagen wird, wie eine verstellte Flucht, die zur Nacheile locken soll. Der Zenzi war es bitter Ernst.

Betreten fragte Franz: „So wenig gern hast Du mich also, mein Dirn'l?"

„Dennochwohl, ich habe Dich lieb", versetzte sie, „recht viel lieb, als wärst Du mein Bküderl."

Der Beginn der Antwort hatte dem Franz überaus gefallen, desto weniger dehagte ihm der Zusatz. „Schwestern hab ich selber daheim", brummte er.

(Fortsetzung folgt.)