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Nr. 111.

Marburg, Freitag, 14. Mai 1875.

x Jaljrgaeg.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kaffe! und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M, Berlin, Leip­zig, CAn rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Q])brtl)f|Tifd)f Mutig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte«, sowie dre Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: JLger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- " meyer in Berlin; Carl Schüß» ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „Jllustrirtes SonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2i Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr). — Jnsertivnsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffcn werden 25 Pfg. berechnet.

Der Kaiserbesuch und der Friede.

Der erneute Besuch des Kaisers Alexander von Ruß­land am Hofe unseres Kaisers hat alle die lebhaften Ge­fühle und Stimmungen, welche seit Jahren dem kaiserl. Gaste entgegengebracht wurden, mit alter Kraft wieder hervortreten lasten: in der Bevölkerung wie in den Or gatten der öffentlichen Meinung findet überall die aufrichtige Verehrung für den hochherzigen Monarchen den wärmsten Ausdruck. >

Dies« wahrhaft sympathische Begrüßung beruht vor Allem auf dem in unserem Volke lebendigen Bewußtsein, daß Kaiser Alexander nicht bloö mit unserem Kaiser und dessen Hause durch innige Bande der Freundschaft ver­knüpft ist, sondern daß diese Freundschaft sich auch seit Jahren in der Gemeinschaft des politischen Strebens und in der aufrichtigen und fördernden Theilnahme an der Er­füllung der höchsten Jnteresten Preußens und Deutschlands bewährt und bethätigt hat.

Dieses immer entschiedener zur Geltung gelangte ver­trauliche Einvernehmen hat schließlich in der mächtigen durch die Drei Kaiser-Zusammenkunft fcstgestelltcn Politik eine erweiterte und erhöhte Bedeutung und gewissermaßen eine feierliche Weihe vor ganz Europa erhalten und ist seitdem der allseitig erkannte feste Grundstein einer die mächtigsten Staaten des Contincnts umfassenden, auf den Frieden Europas gerichteten Politik geworden.

In dem Trinkspruche, welchen Kaiser Alexander vor zwei Jahren auf „seinen besten Freund, den Deutschen Kaiser," ausbrachte sagt er: „Unser Freundschaftsband, von den Eltern herstammend, hoffentlich auf die Kinder übergehmd, giebt die beste Bürgschaft für den Allen er­wünschten Frieden Europa's."

Die Gemeinsamkeit der Auffassungen und des Strebens zwischen den beiden kasterlichen Regierungen hat sich auch seitdem in allen Fragen von allgemein europäischer Be­deutung vollkommen bewährt, und alle Versuche oder Wünsche der Widersacher des deutschen Reichs, die innigen Beziehungen Rußlands und Deutschlands zu stören, wur- den noch vor Kurzem vom Fürsten Bismarck mit der Ver­sicherung abgefertigt, daß unsere Beziehungen zu „der uns seit einem Jahrhundert und noch heute am intimsten unter den Mächten befreundeten russischen Macht," — „Gott sei Dank fest stehen und lhurmhoch über der Tragwette von dergleichen kleinm Versuchen."

Die jetzige erneute Bekundung des intimen VerhältnisteS zwischen den beiden mächtigen Staaten wird nicht blos in Deutschland, sondern unter den Friedensfreunden aller Na­tionen als ein neues Unterpfand einer weiterm friedlichen Entwickelung freudig begrüßt werden. Nachdem gerade in jüngster Zeit auf Grund gewisser Stimmungen und Anzeichen in benachbartm Staaten, auf deren mögliche Folgen sich die Aufmerksamkeit der polittschen Kreise rich­

tete, eine gewisse Beunruhigung und unklare Bcsorgniß in fast allen Ländern hervvrgetrcten ist, und nachdem die Gegner Deutschlands sich nicht gescheut haben, in Um­kehrung der Thatsachen unserer Regierung dunkle Kriegs- Pläne zuzuschreiben, wird die offenkundige Wiederbcthätigung der gemeinsamen Kaiserpolitik überall die beruhigende Ueber- zeugung neu beleben, daß das Deutsche Reich heute wie vor drei Jahren ernst und entschieden den Frieden will und seiner eigenen Friedtnsneigung um so zuversichtlicher folgen kann, als es sich zur Niederhaltung etwaiger frem­der Gelüste zur Störung des Friedens nicht blos aus die eigene bewährte und stets bereite Kraft, sondern auch auf die Gemeinschaft des politischen Wollens llnd Strebens mit seinen mächtigsten Nachbarn stützen kann.

Denn wie dies neue herzliche Zusammensein der beiden Kaiser und die vertraulichen Besprechungen der europäischen Verhältnisse zwischen den Monarchen und ihren großen Staatsmännern der politischen Bedeutung »ach vor Allem im Anschlüsse an die Drei-Kaiservereinigung, an deren Ab­sichten und Ziele aufzusassen sind, so ist auch bei jeder solchen Begnung die fortdauernde innere Uebereinstimmung mit dem Dritten jener denkwürdigen Vereinigung, mit dem Kaiser von Oesterreich, die selbstverständliche und völlig gesicherte Voraussetzung. .

Welchen Werth Oesterreich aus diese Gemeinschaft legt, das ist erst vor wenigen Wochen im Hinblick auf den Besuch des Kaisers Franz Joseph bei dem Könige von Italien laut verkündet worden: „Der Glanz und die Freude der Festtage in Venedig (so wurde von österreichi­scher Seite versichert) werde noch durch die Erwägung gehoben, daß die Begegnung der Monarchen von Oester­reich und Italien ihren polittschen Charakter in der Kräf­tigung des Drei-Kaiserbündnisses finden werde, dem Ita­lien nicht ferne stehe und an das cS nur noch näher heran­gezogen werde."

llnd soeben wird der Besuch des Kaisers Alexander in Berlin von dem österreichischen halbamtlichen Blatte im Sinne einer neuen Kräftigung der Interessen des „allge­meinen Friedens und der Verstärkung der Beziehungen" gedeutet, „welche sich zwischen den drei Kaiserreichen in einer auch für Europa jo bedeutungsvollen und segens­reichen Weise vollzogen haben."

So wird denn der neue Besuch des Kaisers Alexander am Hofe des deutschm Kaisers, so wenig er auS politi­schen Beweggründen und Absichten, vielmehr nur aus dem Herzensbedürfnisse der beiden Monarchen hervorgegangen ist, doch unfehlbar von der segensreichsten Bedeutung für die weitere friedliche Entwickelung und für die allgemeine Wohlfahrt sein. Auch von dieser Zusammenkunft gilt, was Fürst Bismarck nach der Drei-Kaiser-Vereinigung sagte: daß der Glaube an den Frieden besonders für das Empor-

Die Hexe von Gmunden.

Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVII. Jahrhunderts. (Fortsetzung).

Bürger! fuhr fort: „Sie reut Dich, das beweisest Du alle Tage; und ich freu’ Dich nimmer, das seh' ich früh und spät. Warum behieltest Du sonst auch den Fratzen im HauS, der auSschaut als wär' er der Leiter! aus den Augen geschnitten? Die Frau Ahnd! begehrt das Dirn'l alleweil, und wenn die Zeuzi das ganze Jahr keinen Zahn sehen läßt, so lacht sie doch, wo sie die Löffelkathi nur von weitem erschaut. Du aber giebst sie nicht her, obschon ste mich nicht schmecken mag und mit fein freund­lich G'fries weist, wenn ich sie auch todtjchlüge. Warum gibst Du ste nicht her? Weil Du alleweil in sie hinein- jchaust wie in einen Spiegel, Du eidvergessener treuloser Mann. Antworte, wenn ich's nicht erraten habe."

„Du hast falsch gerathen," widersprach Alois mit heftiger Geberde und rauhem Ton; „ich gäbe das Kind nur gar zu gern in gute Hände und liebreiche Pflege. Aber ich habe der Lenerl auf ihrem Todbett noch verheisen müßen, die Zenzi nicht herzugeben."

„DaS hat sie zufleiß gtthan, die boshafte Kröte," tief das Weib; „ste wußte wohl, daß ste mir damit eine Hexe in die Wirthschaft setzte. Und hat sich der Unsegm nicht alsbald offenbart? Haben wir nichck schon zwei von unfern Kindern Morgens tobt in der Wiege gesunden, in die ich sie Abends frisch und gesund hineingelegt? Aber Du giebt keine Ruh' bis der Hanserl und die Pepi auch noch hin sind sammt denen, die leicht*) kommen werden, blos damit Haus und Hof für die Zenzi allein bleiben. DaS wird eS sein, was Du Deiner Seligen versprochen hast."

*) „Leicht" wird für „vielleicht" gesagt.

— Walpurg brach bei diesen Worten in Thränen aus, der kleine Johannes und das Kind auf dem Arm begannen zu heulen, da ste die Mutter weinen fahen, und Zenzi allein blieb gleichgültig, obschon ihrem Ohr keine Sylbe der Wechselreden entging. «

„Wenn ich aber schon sage," sprach bet Schmied nicht gar laut, aber nachdrücklich, „daß die. Alte mit bösen Hexenkünsten umgeht, und eines unschuldigen Kindes be­darf, um eö ihrem Herrn und Meister, Gott fei bei uns! zum Opfer darzubringen?"

„Das plaufchst Du nur so daher," antwortete Walpurg, „um die alte Fee in den Block zu bringen, damit sie das Dirn'l nimmer begehren kann."

„Die Heiligen mißen, ob ich außer Dir jemals einer sterblichen Seele davon offenbart, sagte Loisel mit einem Blick ^zum Himmel.

Ein herbeikleppctnder Rettet unterbrach die böseZwie- sprach. Der Schmied blickte nach der Brücke hin, deren Bohlen unter den RosseShusen erdröhnten, und erkannte im Reiter den Pfleger der Herrschaft Orth, einen noch leiblich jungen Mann mit freundlichem offenen Angesicht und Hellen Augen.

„Da kommt der gestrenge Herr Lerchenauer selber," rief zur Werkstätte gewendet, der Meister, und zuversichtig erscholl die Antwott heraus: „Wenn er Kloben frißt, mag er schon drei haben, heiß wie aus der Pfannen heraus."

Die fpöttliche Rede vernahm vor dem Haus anlangenb der Rettet, und die Zügel anziehmd, sprach er lachend dagegen: „Wir haben immer noch etwas beffetes in Orth zu eßen, als glühendes Eifenzeug, aber ich dank' Euch für den guten Willen und nehm'S für genoßen."

(Fortsetzung folgt.)

blühen der Gewerbthätigkcit fast ebenso wichtig sei, als die Erhaltung des Friedens selbst.

Dem kaiserlichen Gaste aber, dessen Besuch solchen segenbringenden Friedensglauben weithin verbreitet, möge der Aufenthalt in unserem Lande und an der oft bewähr­ten Heilquelle neue Erfrischung und Stärkung für die weitere freudige und kräftige Erfüllung seines erhabenen Berufes in reichem Maße bringen! (P.-C.)

e Tagesbericht

Kaiser Alexander gedenkt am Donnerstag (13.) früh Berlin zu verlaßen und sich direkt nach Bad Ems zu be­geben. — Einer der ersten Besuche, welche der Kaiser Ale­xander am Tage seiner Ankunft machte, galt dem Reichs­kanzler Fürsten Bismarck, welcher bald darauf von dem erhabenen Monarchen im russischen Palais empfangen wurde und in längerer vertraulicher Besprechung dort ver­weilte. — Der russische Reichskanzler Fürst Gortschakoff hatte täglich Confermzen mit dem Fürsten Bismarck.

Die Commisstonsdeschlüße deS Herrenhauses betreffend die Proviuzialordnung haben in Den Reihen der Abgeord­neten große Mißstimmung erregt. Sollte das Plenum bieU Beschlüsse accepüren, so ist die Hauptarbeit der Ses­sion verloren, da das Abgeordnetenhaus diesen Beschlüßen in keinem Falle beitreten wird. Gewiß aber werden im Abgeordnetenhause noch ausgedehnte Erörterungen übet die Provinzialordnung stattfinden.

Am Dienstag hat die französische Nationalversammlung ihre Sitzungen in Versailles wieder auf genommen und be­schäftigte sich zunächst mit der Auslosung ber Bureaux und ber Festsetzung ber Tagesordnung. Diese letztere wird von großer Wichtigkeit sein, Denn eS handelt sich in der That darum, die Gesetzentwürfe zu bestimmen, welche vor ber Auflösung in jedem Falle diScutirt werden müßen. Die republikanische Linke, welche sich Tag« vorher versammelt hat, hat sich für die. Reduktion der Tagesordnung auf baß dringend nothwendigste erklärt; in ähnlichem Sinne haben sich auch die anderen Fraktionen der konstitutionellen Ma­jorität entschieden und wird über diesen Punkt schwerlich ein Streit stattfinden. Die Regierung begreift sehr wohl die Zweckmäßigkeit, die nächsten Wahlen zu beschleunigen und daß schnelle Vorlage der Gesetze über die Senatswahlen und die Beziehungen der öffentlichen Gewalt diese sehr er­leichtern würde. Daß Wahlgesttz, sowie daß Gesetz über die Presse würde erst später erfolgen. Die versöhnliche Haltung, die die Nationalversammlung in letzter Zeit bei den Verhandlungen gezeigt, wird sie hoffentlich auch in Zu­kunft bewahren. •

Deutsches Reich. . ,

•• Berlin, 12. Mai. Die Abreise des Fürstbischofs von Breslau „ohne Adieu" ist bereits als eine Flucht ge-

Die Bedeutung und die Kamen der Mannte der den verschiedene« Büller».

(Schluß.) ... ......——

Die alten Germanen, Die genau auf die Veränderungen des Mondes und der Sonne und die periodischen Erschei- nungen der Pflanzen achteten, richteten die Zeitrechnung ihres Kirchenjahres und ihrer Jubelfeste nach Dem Wüchse des Vogelleims ein, welcher am sechsten ober ersten Tage des Neumondes mit großer Feierlichkeit — im Winter — abgenommen wurde; da« bürgerliche Jahr aber begann bei ihnen mit Dem Frühling und März, an welchem Tage auch der große allgemeine Reichstag gehalten wurde, der später von Pipin auf den 1. Mai verlegt warb. Im longo- bardischen Lehnrecht findet sich sogar eine Stelle, die ver­ordnet, daß die Jahresfrüchte eines auSgestorbenen Mann- lehens den Allodialerben nur dann gehören sollten, wenn der Verstorbene den 1. März erlebt hätte, woher eS auch kommt, daß der Frühling als die erste der vier Jahres­zeiten gilt.

Bei den Chinesen beginnt das neue Jahr nach einer Verordnung des Königs Chumhion, welcher dritthalbtau- send Jahre vor unserer christlichen Zeitrechnung gelebt haben soll, nach dem 20. Februar mit dem Neumond des März, bei Den Turkinesen mit dem 15. Februar und bei den Japanesen mit dem 1. Februar. In Spanien, wo man sich an die Wunder-, nicht an die Naturerscheinungen mit seiner Zeitrechnung hielt, war bet 25. März, der Tag der Menschwerdung Christi, als Der erste Tag deS Jahres erwählt. So blieb auch lange bei den Venelianern der 1. März der Neujahrstag. Die Engländer und Schweden rechneten ebenfalls vom 25. März ab, also auch mit des Frühling« Einzug, ihr bürgerliches Jahr.

Interessant ist gewiß die Zeiteintheilung und Zeitrech-