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Marburg, Mittwoch, 12. Mai 1875.
x Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Franlfutt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a- M-, Berlin, Leipzig, Cöln rc; Rudolf SDtoffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
OhcrhcUlhc Zeitung.
Anzeigen nimmt entgegen: die Wrrditio» d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Franlfutt a. M.: JLaer'sche Buchhandlung in Framfutt 0. „ M.; Jnvalidendanl, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ter in Hamover; 6. Schlotte in Bremen.
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Tagesbericht
lieber die Reisedispositionen unseres Kaisers nach dem Aufenthalte in Ems wird gemeldet, daß Se. Majestät in den ersten Tagen des Juli nach Gastein zu gehen, Anfangs August aber wieder auf Schloß Babelsberg einzu- treffen gedenke. Wahrscheinlich würde der Kaiser dann der Mitte August stattftnd enden Enthüllung des Herrmanns- DenkmalS beiwohnen. Das Königsmanöver werde den Kaiser in den ersten Tagen des September in die Nähe von Liegnitz führen und wenn, was immer mehr an Aussicht gewinne, die italienische Reise noch zur Ausführung gelangen sollte, dürfte diese Reise .zwischen die Zeit des Königsmanövers und des Geburtstages Ihrer Majestät der Kaiserin fallen, den der Kaiser, wie gewöhnlich, in Baden-Baden zubringen werde.
Kaiser Alexander ttaf am Montag um 12'/r Uhr auf dem Ostbahnhofe in Berlin ein, wo Kaiser Wilhelm, sämmtliche Prinzen, die Feldmarschälle, die Generalität und die obersten Hoschargen anwesend waren. Die Begrüßung der Monarchen war eine überaus herzliche. In der Stadt wurden dieselben von einer zahlreich auf dem Wege nach dem katstrlichen Palais versammelten Volksmenge mit lebhaften Zurufen begrüßt. Im kaiserlichen Palais wurde Kaiser Alexander durch die Kaiserin Augusta bewillkommt. Die Monarchen begaben sich sodann nach dem russischen BotschaftShvtel, wo, während die Monarchen die in der Front aufgestellte Ehrencompagnie von den Kaiser Alexander -Grenadieren abschritten, sich die Kaiserin mit sämmt- lichen Prinzessinnen versammelte. — Der Kaiser von Rußland fuhr des Nachmittags gegen 3r, Uhr beim auswärtigen Amte vor, um. den Fürsten Reichskanzler mit einem Besuche zu beehren.'
Zu der gestrigen Nachricht unseres Berliner Correspon- deuten über ein gegen die Person des Fürsten Reichskanzler und deS Kultus Ministers Dr. Falk gerichtetes Komplott, wird heute gemeldet, daß diese Nachricht, wie au» amtlichm Mittheilungen hervorgeht, leider nicht ohne ernste Unterlage sei. Die Spuren, soweü sie bis jetzt haben entdeckt werden können, weisen auf polnische Geistliche als Anstifter des Komplotts und auf drei dem Namen nach bereits bekannte Individuen als zur Ausführung befleißen gedungen hin. Wie es scheint, hat in dem vorliegenden Falle der religiöse FanattSmuS sich nicht ohne Erfolg an den politischen gewandt.
Ueber den in voriger Nummer erwähnten Pariser TimeSbrief, welcher die Situation als gefährlich schildert und von einer in Preußen bestehenden Kriegspartei redet, die es darauf abgesehen habe, Frankreich zu überfallen, telegraphitt man der „Magd. Ztg." aus Paris: Jener alarmirende TimeSbrief ist zuverlässigen Quellen zufolge
ein Preßmanöver des Herzogs von DecazeS, welcher angesichts der bevorstehenden Enttevue einen Druck auf das Russische Cabinet üben und ganz Europa gegen das Deutsche Reich mißttauisch machen will. — Vor einer Abreise nach Deutschland hatte Fürst Hohenlohe eine Unterredung mit dem Herzog von DecazeS. „Der Fürst, der seinen Abschiedsbesuch machte, hat — so schreibt man der „Wes. Ztg." aus Berlin — der französischen Regiemng den Beweis geliefert, daß die Reichsregierung an ihrer pessimistischen Auflassung deS CadreSgesetzeS festhält und in der Ausführung desselben auf die Bedrohung des Friedens gerichtete Absicht Frankreichs sehen würde. Anläßlich dieser Unterredung verbreiteten sich sehr bald beunruhigende Gerüchte über die Beziehungen Frankreichs und Deutschlands, welche die Agence HavaS für gegenstandslos erklärt, was nur dann einen Sinn hat, wenn die Ausführung des CadreSgesetzeS ststirt wird. Gleichzeitig verlautet, injPariS beglaubigte großmächtliche Vertreter hätten sich in ähnlicher Weise über die Consequenzen des fraglichen Gesetzes geäußett. Ob der englische Botschafter einbegriffen ist, mag dahingestellt bleiben; wohl aber soll der deutsche Botschafter in London, Graf Münster, die englische Regierung ^wiederholt auf die beunruhigenden französischen Rüstungen aufmerksam gemacht haben." Wie man der M. Z. versichert, scheint der Herzog von DecazeS die Abreise des Fürsten Hohenlohe erst abgewartet zu haben, um den Bries in die Times lanciren zu können. — Der Na- tional-Zeitung wird zu dem Pariser Briefe der Times noch aus Paris unterm 7. d. privatim telegraphirt: Selbstredend ist man in dipomatischen Kreisen sehr begierig, ben Eindruck zu erfahren, welchen die Correspondenz im Auslände und namentlich an gewissen Höfen, auf welche sie gemünzt ist, machen wird. Vorläufig weiß man noch nicht, ob dies Manöver den Ruf der Gewandtheit erhöhen wird, welchen der Inspirator der Alarm-Correfpondenz genießt. Man wird nicht ermangeln, zu bemerken, wie sehr diese beunruhigenden Mittheilungen mit ben Versicherungen con- trastiren, welche neuerbings bie Pariser offiziösen Organe meldeten, die hier zu derselben Stunde verbreitet wurden. Uebrigens war seit Montag in ben eingeweihten Kreisen bekannt, baß in der Times ein Sensationsartikel erscheinen werde. — In dem hochofficiösen Journal de Paris veröffentlicht der Chefredacteur, Herr Eduard Hervo einen feierlichen Artikel über denselben Gegenstand unter der Ueberschrist: Die Zusammenkunft in Berlin. In diesem Artikel wird in ganz derselben Weise, wie in dem Pariser TimeSbrief auSzuführm versucht, daß eS ungeachtet der vernünftigen und friedlichen Gesinnungen von ganz Frank' reich wirklich in Deutschland eine gegen Frankreich gerichtete Kriegspartei gebe. Das Journal glaubt jedoch an
die Erhaltung des Friedens, weil Preußen nach dem im Jahre 1872 bei der Drei-Katser-Zusammenkunft festgesetzten Uebereinkommen Frankreich ohne Zustimmung Oesterreichs und Rußlands nicht angreifen könne. Der Arttkel bemertt, daß Rußland im Jahre 1870 Frankreich schlagen ließ, well es die Aufhebung des VettrageS vom Jahre 1856 wünschte. Heute könne Preußm wohl zu Rußland sagen: „Ueberlafle mit den Occident, ich überlasse Dir den Orient." Eine solche Sprache aber hat keine Aussicht, von einem gerechten und weisen Herrscher, wie dies Kaiser Alexander ist, gehött zu werden. Rußland habe heute kein Jntereffe mehr an einem Siege Preußens, wie im Jahre 1870. — Das ganze Manöver dürfte durch die vorstehende Zusammenstellung der bezüglichen Meinungsäußerungen in seiner Tendenz ziemlich klar gelegt sein; man steht, daß man Deutschland eine Rolle zuzuschreiben bemüht ist, die man anderwättS besser zu spielen versteht.
Deutsches Reich.
•• Berlin 10. Mai. Die Anwesenheit deS Kaisers von Rußland läßt alle anderen Dinge in den Hintergrund beten. Mit großem Enthusiasmus wurde Kaiser Alexander heute von den Berlinern empfangen. Man verschweigt sich nicht, warum das Hiersein des Czaren von momentan politischer Bedeutung ist. Gegenüber dem Unklaren, wtt- cheS seit einiger Zeit in der politischen Situatton liegt, ist es jedenfalls von hoher Wichtigkeit, daß sowohl die beiden Kaiser als ihre Minister vertrauliche Besprechungen pflegen und über die Frage, in welcher Weise das fett 1871 ans fester Grundlage bestehende Einverständniß zu wahren ist und welche Mittel zu Gebote stehen, diesem Bündniß die Gewährung der durch dasselbe bedingten Politik zu sichern. Der Kronprinz deS deutschen Reiches ist zur Begrüßung des Kaisers Alexander im besten Wohlsein aus Italien hier eingetroflen. — Der Bundesrath ist heute Mittag 12 Uhr zur ersten Plenarsitzung zusammen« gebeten. — In der Absicht bet katholischen Kirchenoberen soll es liegen mit Bezug auf bas Jubeljahr besondere kirchliche Prozessionen zu veranstalten. Wie man hött, wird die Erlaubniß zu diesen Prozessionen ans Grund eines RescriptS der Minister des Innern und des CnltuS, welches den Bestimmungen des VeteinSgesetzeS entspricht, versagt werden. — In der Presse tauchen neuerdings Combinationen auf über die noch in diesem Jahre statt- findende parlamentarische Session. Es soll nämlich der Landtag im November, der Reichstag im Dezember zusammentreten. Diese Nachricht wird in Regierungskreisen als durchaus unrichtig angegeben. — Die wissenschaftliche Prüfungscommisstonen in Leipzig, Rostock und Straßburg haben in dem Prüfungsverfahren für das Lehramt an
Die Hcxe von Gmunden.
Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVII. Jahrhunderts. (Fortsetzung).
Ein nur geringer Trost für den Verlust des zwölf- jährigm Buben und der nicht viel jüngern Dirne war die Kunde, daß Magdalena ein Mägdlein zur Welt gebracht, ein schwächliches Wesen, welchem die Wehmutter kein langes Leben prophezeihen wollte. Noch weniger tröstlich wollte Nachmittags das Zügenglöcklein klingen, das für die scheidende Magdalena zum Gebet mahnte. Zwar hatte der Schmied schon so oft in seinen Gedanken und wohl auch in vermessener Rede seinem Weib den Tod angewünscht, aber just darum konnte er der unvermuthelen Erfüllung des frevelhaften Wunsches nur um so weniger froh werden. Sein Gewissen nannte ihn Mörder, und das Gewissen hatte mit seiner Anklage wohl recht vor dem Richterstuhl des Himmels, wenn schon die Sache den Syndikus nichts anging. Mit allen Schauern der Angst vor dem jüngsten Tage in der Brust, warf er sich bei Magdalenens Lager wie ein Verzweifelter nieder, nachdem der Priester hinweggegangen, und die Sterbende zu ihm gesprochen:
„Ich verzeih' Dir alles, Loisel. Sei nur dem Dirnl ein rechter Vater, und leide nicht, daß die Walpnrg ihm roch thue. Wenn ein Kind eine Stiefmutter bekommt, so hat eS gewöhnlich auch einen Stiefvater. Thu nicht also mit dem armen Wurm, um der Sünden halber, so Du gegen das heilige Gelöbniß vor dem Altar begangen, um der Fürbitte willen, die ich mit meinen Kindern beim Herrgott und Deinem Schutzpatron, dem unschuldigen Jüngling AloisiuS, für Dich einlegen werde. Laß den Fratzen Crescentia taufen nach dem Namen Deiner Mutter, die ein gar gottseliges Weiber! gewesen ist; und das sag' ich Dir, überlaß mir nicht etwa bie Zenzi ihrer Fran Shnbl
Der Eintritt ber besagten Fran Ahnd! unterbrach bie Ermahnung. Die arme Kathi kam gebeugt von ber Last beS Unheils, unb mehr noch von bem entsetzlichen Verdacht, ben ihr Kind gegen sie ausgesprochen. Zu ber Alten gewendet, sprach Lener! mit erlöschender Stimme:
„Auch Ihr vergeb' ich, Frau Mutter unb werde fleißig für Sie beten. Aber ich bitt’ gar schön, laß bie Frau Mutter mein Dirnl am Leben, unb übergieb Sie's nicht auch in die Gewalt des bösen Feindes — Das waren der Teiningcrin letzte Worte. Die Wittwe des Kufenmachers sank neben ihrem Eidam in die Kniee. Als nach geraumer Welle ber Schmied sich erhob, zweifelhaft, ob Lenerl wache oder schlafe, war ihr Leib bereits zur ewigen Ruhe entschlummert, unb bie Hanb eines zerknirschten Sünders brückte ein erloschenes Augenpaar zu, das seit zwei langen Jahren keine gute Stunbe mehr gesehen hatte.
2.
Unter bie vielen Dinge,"bie hienieden nicht gut thun, gehött auch bie zweite Ehe, wenn sie au6 verbrecherischer Neigung und aus treuvergessenen Flammen ihren Ursprung leitet Da spendet das Sacrameni nicht ben Segen mehr, womit irdische Liebe zu heiligen es eingesetzt wurde von des Himmels Gnade, sondern eS wird zur Buße, und das geweihte Band drückt als schwere Kettenlast, wie sie ber Tob zum zweiten Male nicht so bereitwillig lösen wirb. Das mußte ber Leininger schwer empfinden. Seine bittere Reue an LenerlS Sterbelager war nicht so nachhaltig gewesen, baß sie ihn hätte loSreißen können von dem Zauber, worin seine Seele sammt bem Herzen unb ben Sinnen gefangen lagen. Auch hatte die Neigung gar leichtes Spiel gehabt; sie brauchte ja nur einzustimmen in bie Reden des Volkes, welches da sprach: der Schmied sei schuldig die Walpnrg heimzuführen als sein angetrantes Weib. Also war eö geschehen. (Forts, folgt.)
Die Bedeutung und die Rnmeu der Mouutk M tat verschiedenen Bollern.
Bekanntlich war die Reihenfolge ber Monate früher eine anbere als heute, auch hatte man statt ber zwölf nur zehn, unb eröffnete bas Jahr nicht mit bem Januar ober bem April, besten Name von aperire öffnen, als berjenige Zeitpunkt, in welchem die Mutter Erde auf das Neue ihre- Quellen deS ReichthurnS erschließt, abgeleitet ist, sondern mit bem Martins ober März, ben ber Segrünber Roms, welcher ben Zehnmonatkalender anorbnete, als seinen Vater verehrte.
Damit jeboch auch der Liebe zur Mutter Rechnung getragen würbe, erhielt ber zweite Monat nach ber Venus, von welcher RomulnS seine Verwandten mütterlicherseits entstammt wähnte, ben Namen Aprilis, ber mit ber griechischen Bezeichnung ber Göttin ber Liebe stamrnverwanbt in ethymologischer Beziehung ist; es blieb daher auch dieser Monat ber Aphrodite geweiht unb galt als der der Wonne, für welchen wir im Norden den Mai erkennen, der in dem Kinderliede: „Komm, lieber Mai und mache" und so weiter als berjjenige gilt, in welchem die Bäume erst grün werden sollen.
Der Mai oder Majum erhielt seinen Namen zu Ehren der Alten und der Juninm war den Jungen gewidmtt. Die übrigen Monate wurden durch die betreffenden Zahlen: QuintiliuS, SeptlliuS n. f. w. bezeichnet, rote heute noch diese Regel für die vier letzten Monate unsere- Jahres gitt.
Der Nachfolger deS RomulnS fügte zu den zehn noch zwei hinzu, die er dem, mit dem Frühling beginnenden März voranstellte, und gab dem ersten den Namm Januar, welchen er von JanuS in zweifacher Beziehung ableitete. Erstens von Janus — eine Thür, weil ber Monat daS Jahr eröffnete unb man bnrch ihn in boffelbc, wie durch eine Thür in ein Haus tttte; zwettenS von JanuS, bem