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Sr. 104.

Marburg, Mittwoch, 5. Mai 1875.

x. Mkgmg.

Anzeigen nimmt entgegen: dir Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

(ilbcrhflTifdic Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes, sowie bie Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.-Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. , M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Unsere sociale» Zustände

bedürfen einer Aenderung, wenn wir nicht ernsten Ge- fahren entgegen gehen wollen. Die Wege auf denen wir jetzt weiter gehen, führen uns theils zu einem Ruin der Industrie, theils zu einer herrschenden Macht des Socia- lismuS, welche im Stande ist, unsere ganze Bildung und die hostorische Entwicklung unseres Volkes auf den Kopf zu stellen. Der Grund hierfür möchte nicht zum kleinsten Theil in unserer Gesetzgebung liegen.

ES ist wahr, Preußen hat auf diesem Gebiete stets eine liberale Gesetzgebung verfolgt; aber der letzte wenn auch consequente Schritt hat ihm, wie sich jetzt heraus­stellt, bedeutenden moralischen und materiellen Schaden eingebracht. Wir meinen die Aushebung des Zunftwesens und die Einführung der Gewerbesreiheit. Nicht als ob wir diese selbst irgendwie verurtheilen könnten oder gar wieder abschaffen wollten, wohl aber gilt es, von Neuem ein Zunftwesen zu gestalten, welches die Gewerbe freiheit in gewisiem Maße wieder einschränkt.

Unsere Industrie liegt jetzt brach darnieder, unsere Produkte werden auf dem Weltmarkt nicht gekauft, weil sie nicht die Concurrenz mit den französischen und eng­lischen aushaltcn können, und die Ursache hierzu ist einfach die, daß unsere Arbeiter zu schlecht arbeiten. Dabei ver­langen sie, wie das ja auch ganz natürlich und durchaus nicht zu tadeln ist, denn jeder Mensch strebt nach Besserung seiner Lage erhöhte Löhne, die zu gewähren der Fabrikherr bei dem schlechten Absatz der schlecht ge­arbeiteten Waaren nicht in der Lage ist. Gewährt er sie, so geht das Geschäft zurück, gewährt er ste nicht, so ris- kirt et; [einen Strike, der dem Geschäfte gleichfalls sehr schaden kann. Auf keinen Fall darf bei solcher Lage der Dinge das Geschäft ein blühendes genannt werden können, und wenn nicht irgend ein Mittel zu finden, so geht unsere Industrie buchstäblich einen Krebsgang, wodurch natürlich Arbeiter wie Arbeitgeber zu leiden haben.

Unsere Arbeiter lernen nichts mehrt das ist die Wurzel alles UebelS und alle Reform, welche die Industrie sowohl wie auch den Arbeitern zu Nutz und Frommen dienen wird, darf einzig und allein nur von der Hebung dieses UebelstandcS ausgehen.

j Schon seit längerer Zeit ist in England eine Bewe­gung im Gange, um den modernen Verhältnissen ent­sprechendeZünfte^ wieder cinzurichten; diese mürben ober und daS weiß man in England keinen Sinn haben, roenn man nicht hiermit zu gleicher Zeit das Lehrlingswesen regelte. Man beabsichtigt daselbst, daS Institut der Lehr­linge natürlich den modernen Fabrikverhältniffen ent­sprechend wieder einzurichten und ihnen die Pflicht einer vierjährigen Lehrzeit aufzuerlegen.

Auch in Preußen ventilirt man diesen Gedanken, indem man der sehr richtigen Anschauung huldigt, daß die obli­

gatorische vierjährige Lehrzeit sowohl die Moralität der Arbeiter, wie die Qualität der Arbeiten beffern werde. Besonders ist eS der Reichskanzler, der in letzter Zeit die sociale Frage zu seinem besonderen Studium gemacht hat, der diesen Gedanken in die Gesetzgebung einzuführen be­strebt ist. Welche Stadien derselbe noch zu durchlaufen hat, bleibt abhängig von dem Umstande, in wie weit die herrschende national-ökonomische Theorie eine Concession zu machen bereit ist.

Tagesbericht.

Der Kaiser ist am Montag früh 8i/i Uhr wohlbe­halten in Berlin eingetroffen.

In der Montagssitzung des Abgeordnetenhauses haben die Minister des Handels und der Finanzen den Gesetz­entwurf über den Ankauf und die Vollendung der Pom- merschen Centraleisenbahn und der Berliner Nordeisenbahn sowie die Verwendung der verfallenen Cautionen für die bezeichneten Eisenbahu-Unt ernehmungen vorgelegt.

Die Reichs-Justizcommission hat auch am Sonnabend in einer Abendsitzung ihre Arbeiten fortgesetzt und den Entwurf einer bürgerlichen Prozeßordnung bis inet. § 194 erledigt. Im Allgemeinen hat auch hier der Entwurf die Zustimmung der Commission erhalten, und eS wurden die meisten Abänderungsanträge von der Majorität abgelehnt. Es trat jedoch, was besonders zu betonen ist, bereits jetzt ein erhebliches Mißtrauen gegen das, in mehreren deutschen Ländern seither unbekannte Institut der Gerichtsvollzieher hervor. Die Erfahrungen, welche mit demselben in mehreren Landestheilen, woselbst es eingeführt ist, gemacht worden, waren ebenfalls nicht geeignet, die erhobenen Bedenken zu beseitigen. Von dem Abg. v. Focade de Biaix war zu § 194 ein Antrag eingebracht worden, in welchem eine größere Sicherung der Partei gegen Versäumnisie der Ge­richtsvollzieher bei Zustellung der an eine Nothsrist gebun­denen Schriftsätze zu verschaffen unternommen wurde. Dieser Antrag rief lebhafte Debatten hervor. Insbesondere wurde er von den Abgeordneten Dr. Bähr, Dr. Völk, Dr. Herz und Dr. Schwarze warm befürwortet und schließlich mit einer, wenngleich geringen Majorität, angenommen. Es ist nicht zu verkennen, daß das Institut der Gerichts­vollzieher nur dann eine Garantie für die ihm übertragenen Arbeiten zu gewähren vermag, wenn ihm zugleich die Mittel für einen anständigen Lebensunterhalt gewährt werden. Ist dies nicht der Fall so kann das Institut in so fern gefährlich werden, als dem Gerichtsvollstrecker sicher die Versuchung nahe gelegt wird, durch Mißbrauch seiner Be­fugnisse und schuldhafte Versäumniffe rechtswidrige Ver- mögensvortheile sich zum Nachth.ile der anderen Partei zu verschaffen. Die Commission setzt Montag Abend ihre Berathnngen fort.

Nach dem von dem Abgeordnetenhaus angenommenen Gesetz über den die Provinzial- und Kreisverbänden zu ge­währende Dotation wird den Provinzialverbänden von Preu­ßen, Brandenburg, Pommern, Posen, Schlesien, Sachsen, Schleswig-Holstein, Hannover, Westfalen und der Rhein­provinz, den Kommunalverbänden der Regierungsbezirke Kassel und Wiesbaden, den Stadtkreisen Berlin und Frank­furt a. M. und dem Landes-Kommunalverbande der hohen- zollernschen Lande die Verwaltung, einschließlich der tech­nischen Bauleitung, sowie die Unterhaltung der bereits auS- gebauten Staatschauffeen und derjenigen chaussirten Straßen übertragen, welche aus den den betreffenden Kommunal- Verbänden überwiesenen Fonds ausgebaut werden. Zu­gleich mit der Unterhaltung der bereits ausgebauten StaatS- chausseen geht das Eigenthum an denselben nebst allen Nutzungen und Pertinenzien auf die Kommunalverbände über. Für die Uebernahme der Verwaltung und Unter­haltung der Staatschauffeen einschließlich der Kosten der Besoldung und Pensionirung deö für die obere Leitung der Neu- und Unterhaltungsbauten, sowie für die Beauf­sichtigung der Chausseen neu anzustellenden, beziehungs­weise schon vorhandenen Beamtenpersonals wird den Kom­munalverbänden eine JahreSrente von 19 Millionen Mark gewährt. Von dieser Rente erhalten: 1. der Provinzial- Verband von Preußen 1,581,840, 2. Brandenburg 940,400, 3. Pommern 656,540, 4. Posen 401,520, 5. Schlesien 1,522,170, 6. Sachsen 1,549,510, 7. Schleswig-Holstein 1,001,690, 8. Hannover 1,896,890, 9. Westfalen 1,746.340, 10. Regierungsbezirk Kassel 1,071,110, 11. Regierungs­bezirk Wiesbaden 639,598, 12. Frankfurt a. M. 114,072, 13. Rheinprovinz 1,605,850, 14. Berlin 160,500, 15. Hohenzollernsche Lande 111,970, zusammen 15,000,000 Mark. Der Rest von 4 Millionen Mark wird auf die vorgenannten Verbände zur einen Hälfte nach dem Maß­gabe des Flächeninhalts, zur andern Hälfte nach der Zahl der Bevölkerung vertheilt.

Am 29. April ist von Seiten liberaler und regie­rungsfreundlich gesinnter Männer der Stadt Münster in Westfalen, auf Anregung des VereinsFreie Vereinigung" eine Zustimmungsadresse an das Abgeordnetenhaus ge­richtet worden, welche folgenden Wortlaut hat:Die dem confessiouellen und kirchlichen Frieden aller Bekenutniffe zugeihanen Bürger und Einwohner der Stadt Münster in Westfalen geben bei dem immer brennender werdenden kirchenpolitischen Kampfe ihrer ©eftnflung in der offenen Erklärung hiermit Ausdruck, daß ste in dem Kampfe des Ultramontanismus gegen den Staat und dessen Gesetze treu stehen zu Kaiser und Reich, zu König und Vaterland und die Reichs- und Staatsregierung in diesem Kampfe fest zu unterstützen gesonnen sind." Die Adresse hat rund 600 Unterschriften erhalten, eine Zahl, die alle Eu- Wartungen übertroffen hat und bei den in Münster or-

Die Hexe von Gmunden.

Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVIl. Jahrhunderts- (Fortsetzung).

ES geht und steht wies mag," sagte sie unwirrsch: und der Herr Vater schickt dem Meister da allerlei zum Zurichten. Muß aber fertig sein zum Erchtag*) in aller Früh, weil der Herr Vater mit seiner Zillen**) auf Sta­del soll."

Der Schmied lachte wie ein Schelm.Schon recht," sprach er dazu;ich werde den Salzzillenwastel nicht auf­halten, und meinetwegen dürft' er bis Linz, bis Wien hinunterfahren, oder nach Ungarn, wo die Donau ein End' hat sammt der getauften Welt. Am Erchtag komm' ich zu Dir, mein Dirn'l."

r-j Walpurg schüttelte den Kopf.Die Mutter leidek's nicht," sagte sie, und hatte doch längst keine Mutter mehr, und der Schmied-Löffel könnte schon etwa« Besseres thun, als mich in der Leute Mäuler bringen. Wo ich geh und wo ich steh schaut er mich an wie einen heiligen Leib. Meine Frau Ahndl selig hat wohl recht gehabt; Mannen- lieb und angezündet Pulver, hat sie immer gesagt, die hält kein Reife» mehr. Er machts um kein Haar besser. Darum laß Er mich aus, ein für allemal und bleib Er bei seinem Lenerl. Er hat ja das Leuerl doch lieber, als Er mir immer vorredet, und es ist nichts so fein gespon­nen, das nicht zuletzt an die Sonnen käme. Nun, Glück auf 1 Wenns ein Dirn'l giebt, so empfehl ich mich als Godel. Will dem Fratzen ein goldenes Fingerringel ein- binden, daS ich so nimmer brauchen kann."

**) Großes Sch ff auf dem See oder der Traun. Den Rachen heißt man Plätte.

Dem armen Löffel wurde weh ums Herz. Er wußte nicht, daß seiner Liebe Hoffnungen nach solchem Sturm nur um so frischer und grüner die Häupter heben würden, denn er hielt den Ausbruch der Eifersucht für einen ver­nichtenden Hagelschauer, und sah im Geiste die freudige Saat rettungslos in Grund und Boden geschmettert. Seine kurz zuvor so zuversichtige Miene nahm einen trübseligen Ausdruck an, seine Augen umzog etwas wie ein Nebel, und wie in eiserne Bande geschlagen, lag seine sonst wort- fähige Zunge im Mund gefangen; nicht etwa, weil ihm nichts beigefallen wäre, sondern weil die Wahl schwer zu treffen war, denn er hätte gar zu gern mit einem Streich den Feind aus dem Feld geschlagen. Und wie er noch so schwankte, ob er mit Betheuerungen heißer Liebe, ob mit meineidiger Verhöhnung seines ehelichen Weibes antworten sollte, trat Magdalene selbst unversehens aus dem Innern des Hauses in die Schmiede, eine schmächtige feine Gestalt mit bleichen abgehärmten Züge», entstellt durch die sichtlich sehr nah bevorstehende Erfüllung der seligsten aller Erden- hoffnungeu. Das Weib und die Dirne maßen sich gegen­seitig mit Blicken voll schnöden Hasses und unaussprech­lichen Hohnes, wie keines Mannes Auge ste so giftig und sicher zum Ziele treffend zu entsenden vermag. Loisel hämmerte in seiner Verwirrung auf das erkaltete Eifen los, und wagte keinen Blick vom AmboS zu erheben, bis Lenerl ihn anredete:Ich soll dem Vater fein Zeug mitbringen, Mann. Hast Du'S geschärft?"

Bejahung nickend deutete der Schmied in die Ecke. Dort liegt alles beisammen, Weib. Aber warum hat Dein Vater eS nicht selber mitgenommen ? Er war doch heule schon im Haus."

Er hat den Buben und daS Dirnl abgeholt, um sie in feiner Plätten in die Eisenau zu führen," beschied Lenerl;

er muß beim Leiten-Hansel Weib etwas bestellen. Ich geh' indeflen zur Mutter, und komm' hernach mit unfern Fratzen*) heim."

»Schon recht, geh' zu," machte Loisel, und hämmerte weiter.

*)Der Fratz: Das Kind.

«Fortsetzung folgt.)

Pulver und Dynamit.

Von Dr. M. B.

Zwei Elemente innig gesellt . . . ." könnte ich mit einer poetischen Floskel beginnen, ober mit katheder- weisheitlichem Ernste von dem berühmten Manne anfangen, »der das Pulver erfunden" ... um so mit einer mehr ober minder geschickten Wendung oder Phrase den lange intenbirten Uebergänz von der immer stiller werdenden Straße des resibenzlichen Lebensmarktes auf feitabliegenbe, aber deshalb nicht minder interessante Themata anregenber darf ich sagen: belehrender? Plauderei hinüberzu- leiten. Aber ich will ganz ehrlich das Kind bei feinem rechten Namen nennen und Nichts auf den lauten Markt einschmuggeln, was nicht birect in bie Budenreihe gehört. Ginge es nach dem eisigen Wintersmann, der uns selbst den Frühlingsanfang verschneien ließ, bann wäre eS nochSaison" ihm mag die Mode und die theure Zeit huldigen aber auch der flotteste Tänzer erlahmt, das lebhafteste Auge ermüdet in all' der Winterherrlichkeit und wann und wo es wieder unter grünen Blättern einmal Etwas zu plaudern giebt, da werden wir uns unter bie Nachtigallen, bie Zeisige, die Lerchen, meinetwegen unter die Staare, nur nicht unter bie Gimpel mischen und aus Herzensgründe mitsingen und mitschmatzen!