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Marburg, Dienstag, 4. Mai 1875.
Nr. 103.
WerheUcht Jätung.
Anzeigen nimmt entgegen: die E^editto» d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendanl, A- Rete- meycr in Berlin; Carl Schußler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
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Das Klo-ergesetz,
daS nunmehr dem Landtage voriiegt, hat folgende Hauptbestimmungen :
§ 1 bestimmt: Alle Orden und ordensähnlichen Con- aregationen der katholischen Kirche sind vorbehaltlich des § 2 von dem Gebiete der preußischen Monarchie ausgeschlossen. Die Einrichtung von Niederlassungen derselben ist untersagt. Die zur Zeit bestehenden Niederlassungen dürfen vom Tage der Verkündung diese« Gesetzes ab neue Mitglieder, unbeschadet der Vorschrift des §2, nicht aufnehmen und find binnen 6 Monaten aufzulösen. Der Minister der geistlichen Angelegenheiten ist ermächtigt, diese Frist für Niederlassungen, welche sich mit dem Unterricht und der Erziehung der Jugend beschäftigen, um für deren Ersatz durch anderweite Anstalten und Einrichtungen Zeit zu lassen, bis auf 4 Jahre zu verlängern. Zu gleichem Behufe kann derselbe auch nach Ablaus dieses Zeitraums einzelnen Mitgliedern von Orden und ordensähnlichen Congregationen die Befugniß gewähren, Unterricht zu er- theilen. — 8 2 statuirt nun folgende Ausnahme: Niederlassungen der Orden und ordensähnliche Congregationen, welche sich ausschließlich der Krankenpflege widmen, bleiben fortbestehen; sie können jedoch jederzeit durch königliche Verordnung aufgehoben werden, bis dahin sind die Minister des Innern und der geistlichen Angelegenheiten ermächtigt, ihnen die Ausnahme neuer Mitglieder zu gestatten. — § 3 unterwirst die fortbestehenden Niederlassungen der Orden und ordensähnlichen Congregationen der Aufsicht deS Staates. § 4 bestimmt, daß das Vermögen der auf» gelösten Niederlassungen der Orden und ordenSähnlichen Congregationen nicht der Einziehung durch den Staat unterliegt. Die Staatsbehörden werden vielmehr dasselbe einstweilen nur in Verwahrung und Verwaltung nehmen. Der mit der Verwaltung beauftragte Commissarius ist nur der vorgesetzten Behörde verantwortlich; die von ihm zu legende Rechnung^ unterliegt der Revision der königlichen Oberrechnungskammer. Eine anderweite Verantwortung oder Rechnungslegung findet nicht statt. Aus dem Vermögen werden die Mitglieder der aufgelösten Niederlassungen unterhalten. Die weitere Verwendung bleibt gesetzlichen Bestimmungen Vorbehalten. DaS Gesetz soll am Tage seiner Verkündung in Kraft treten, mit der Ausführung desselben sind die Minister des Innern und der geistlichen Angelegenheiten beauftragt. Dieselben haben insbesondere die nähere» Bestimmungen über die Ausübung der Staatsaufsicht im Falle deS § 3 zu erlassen.
DaS Gesetz, dessen Inhalt wir im Vorstehendem mit- grtheilt haben, ist ein weiterer und consequenterer Schritt auf der Bahn der von unserer Regierung eingeschlagencn Kirchenpolitik. Es will die Klöster, sofern sie Brutstätten des Fanatismus, der Völlerei und Prasierei sind, mit einem Strich auS der Welt schaffen, dagegen die, welche der Krankenpflege dienen, bestehen lassen. Diese Ausnahme dars in Anbetracht der guten Sache, wenn auch das Prinzip
etwas durchbrochen wird, gewiß gebilligt werden. Man agt in Berlin, dem Kaiser sei es schwer geworden, das Gesetz zu unterzeichnen und daS ist denkbar. Denn die Maßregel ist einschneidender als irgend eine der früheren. Die Klöster, wenn sie einmal beseitigt sind, wird keine Macht der Erde, selbst die katholische Kirche nicht wieder aufrichten können, und darum wird die katholische Kirche ich schwer von dem Gesetze getroffen fühlen. Die anderen Gesetze nahm sie hin, weil sie auf einen späteren System- wcchsel,, also auf ihre Abschaffung hoffte: die alte Institution der Klöster, wird jedoch selbst bei einem Systemwechsel nie mehr ins Leben gerufen werden können.
Tagesbericht.
Wie die „National-Ztg." meldet, wird der Kronprinz anläßlich der Anwesenheit de« Kaiser« von Rußland am 9. Mai alleki in Berlin eintreffen und dann später zur Kronprinzessin zurückkehrcn, welche in Italien zurückbleibt.
Der Unterrichtsminister hat die Regierung ermächtigt, denjenigen Lehrern und Lehrerinnen, welchen für 1874 AmtSaltcrszulagen bewilligt worden sind, dieselben Beträge auch für 1875 zu zahlen. Letztere sollen monatlich im Vorau« bezahlt, die Vorschlagslisten zur Vcrtheilung jener Alterszulagen künftighin auch früher ciugereicht werden.
Wie verlautet, sind im landwirthfchaftlichen Ministerium jetzt die Berathungen über die Rechtsverhältnisse der ländlichen Arbeiter wieder ausgenommen worden. Dieselben finden, in Rücksicht aus die Eigenthümlichkeit der thatsäch- lichen und rechtlichen Stellung dieser Arbeiter • Kategorie, ganz getrennt von den gleichzeitig jetzt stattfindenden Berathungen im Handelsministerium über die gewerblichen Arbeiter, statt.
Da« Abgeordnetenhaus wird sich vielleicht vom 13. Mai.ab auf 25 Tage für die Pfingstfcrien vertagen. Wie e« scheint, wird aber das Herrenhaus sich nicht vertagen, bevor es die erste und zweite Lesung der Gesetzvorlage betreffend die Abänderung der Art. 15, 16 und 18 der Verfassung erledigt haben wird.
Der deutsche Handelstag wird am 29. Mai in Berlin zusammentreten und al« einzigen Gegenstand seiner Tagesordnung die Frage der Handelsgerichte behandeln. Die Kommission, welche den Auftrag erhalten hat, sich über Gerichtsverfassung und Civilprozeßordnung gutachtlich zu äußern, ist seit Mittwoch in Berlin thätig und hat die Ueberzeugung erlangt, daß es unerläßlich ist, die Vertreter deS Handelsstandes zu einer Generalversammlung einzuberufen. Dieser Beschluß wird wahrscheinlich die Zustimmung des bleibenden Ausschusses, von dem er schriftlich eingeholt wird, erhalten.
England, in der Theorie so sehr gegen Annexionsgelüste, wird vielleicht bald in die Lage kommen, seine theoretischen Ansichten weniger zu berücksichtigen, und in der Praxis einige überseeische Landerwerbungen zu machen. Aus London wird nämlich telegraphirt, daß der Staatssekretär der eng
lischen Kolonien, Graf von Carnaron, eine Deputation empfangen, welche die Regierung aufgefordert hat, die Annexion von Neu-Guinea energisch in Angriff zu nehmen. Der Minister hob in seiner Antwort hervor, daß die Annexion eines so großen Landes allerdings von großer Bedeutung sei. Man habe, fügte er hinzu, indeß keine genügende Kenntniß von dem Charakter der Bevölkerung und wenn auch die Annexion so große kommerzielle Vortheile mit sich bringen sollte, wie die Deputation vorau«- setztc, so berühre die Sache doch eigentlich mehr Australien als England. Die Regierung werde jedoch nicht ermangeln, das Interesse der englischen Krone in allen Fällen zu wahren.
Deutsches Strich.
---- Berit», 1. Mai. Das Klostergesetz ist von Sr. Majestät dem Kaiser seinem wesentlichen Inhalt nach bestätigt worden und auch heute dem Abgeordnetenhause bereit« zugegangen. Damit fallen alle jene unmotivitten und durchaus übertriebenen Gerüchte zusammen, welche bereit« von einer neuen Kanzlerkrist«, von einer Differenz zwischen dem Kaiser und seiner Regierung, von Bedenken Allerhöchsten Ort« zu berichten wußten. Eine hiesige Correspondenz, welche sich gelegentlich den Anschein gibt, ganz besonders gut unterrichtet zu sein, hatte auch bei diesem Anlaß wieder das Ihrige geleistet, um eine Situation, die überall nicht vorhanden, mit den schwärzesten Farben zu erdichten. Sofort wurde dies von den Blättern von dem Schlage der „Germania", der „Kreuzzeitung", der „Frankfurter Zeitung" und ähnlichen reichs- und regie» rungsfeindlichen Blättern benutzt, um die öffentliche Meinung zu irritiren. Wir hatten dagegen bereits vor meh» rercn Tagen nach zuverlässigen Informationen da« ganze Gerede in seiner Nichtigkeit hingestellt, können e« un« aber nicht versagen, noch einmal auf diesen Gegenstand zurückzukowmen. Es ist bereit« von un« hervorgehoben, daß die Vorlage auf Befehl Sr. Majestät des Kaiser« und nach den ihm vorgetragenen Prinzipien ausgearbeitet war. Die Vorlage ging dem Cabinet Sr. Majestät aber so spät zu, daß sie vor der Abreise nach Wiesbaden nicht mehr geprüft werden konnte und dorthin mitgenommen wurde. Wenn Se. Majestät alsdann von Wiesbaden au« nähere Angaben und Belege von Seiten der Regierung über die Vorlage nachfordern ließ, so lag darin durchaus kein Zeichen von Mißbilligung derselben, vielmehr da« Bestreben, über einzelne Punkte eine genauere Aufklärung zu gewinnen. Es kann nicht oft genug hervorgehoben werden, daß Se. Majestät seinen hohen Beruf von der ernstesten und gewissenhaftesten Seite auffaßt und daß er nichts unterschreibt, was er nicht einer allseitigen und genauen Prüfung unterzogen hat; aber eine Differenz, wie sie wieder colportirt wurde, wat von vornherein ausgeschlossen. Se. Majestät befindet sich mit allen Maßnahmen feinet Regierung und speziell mit den durch den kirchlichen
Die Here van Gmunden.
Eine Geschichte aus dem Volksleben des XVIL Jahrhunderts.
1.
Die Funken flogen sprühend vom AmboS unter den schweren Hammerschlägen von des Schmiedes rüstiger Faust, die, stark und gelenk durch lange Uebung, die Stange leicht zum Hufeisen formte. Aus dem Heerd glühten in flammenden Kohlen der Eisenstaugen noch mehr, der Blasbalg schnaufte unheimlich wie ein Sterbender, das Hünd- lein im Rad bellte, und Meister Alois Leininger pfiff einen Steierischen Ländler zu seinem Werk. Mit Hand und Sinn war er bei der Arbeit, und warf keinen Blick hinaus, wie verlockend auch der hellste Sommertag durch das weite Thor in die rußige Werkstätte des Huf- und Nagelschmiedes lächelte. Das Teiningcrhaus stand auf Pfählen Über dem Wasser zunächst der Brücke, wo Traundorf (in Oberösterreich) feinen Anfang nimmt, das erste in der Zeile. Vorn, jenseits der Straße glitzerte leicht- gekräuselt der See; neben einer langen zitternden Feuersäule, dem Spiegelbild der Nachmittagssonne, tanzten zahllose Lichtblitze, immer einer auf jeder Wellenfpitze. Seitwärts sahen die Fenster auf die Brücke mit dem festen Thurm, zu dessen beiden Seiten die rasche Traun, grün und durchsichtig wie Smaragd, dem See entströmt. Stattlich spiegelten sich in der klaren Fluth blanke Häuser mit den hohen Feuerwänden, wohinter nach alter Landesart noch Heulzutag Gmundens Dächer sich bergen. Ueber dem westlichen Seegestade hinter dem gedoppelten Schloß Orth entfaltete sich im prangendsten Festgewand ein Theil jener Landschaft, deren Schönheit der Eingeborene nicht versteht, bis er, fern von der Heirnath, erkennen lernt, daß Gottes
weite Welt nicht überall so wohlbestellt ist, als bei dem seebespülten Fuß des Traunsteins. |
Wie gleichgültig jedoch den Handwerksmann aller malerische Reiz der Umgebung ließ, bald sollte seine Aufmerksamkeit sich von der Arbeit wenden. Die Stange zwischen den Griffen der Schmiedezange in seiner Linken erkaltete ungeschlagen, seine Rechte mit dem Hammer hing schlaff am Schurzfell nieder; dafür brannte fein Herz wie rothgeglühteS Eisen, und sprühten Funken aus seinen Augen bei dem Anblick der runden Walpurg, die mit Ketten und Hacken klirrend in die Werkstätte trat. Ein buntes Kopftuch verhüllte der Dirne braunes Haar, von den nur ein paar Locken sich an den Schläfen hervorstahlen; aus dem hochgefärbten Antlitz mit der breiten Stirn, der markigen Nase, dem aufgeworfenen und wohlgezeichneten Mund und dem starken runden Kinn blickte ein feuriges Augenpaar mit unbefangener Leichtfertigkeit; ein leichtes Mieder, ein nicht allzulanger „Kittel" von gefärbtem Linnen umschlossen die füllreiche Gestalt. Dem Meister wurde zu Muthe, als wär' er noch ein „Bue". Er vergaß, wie immer bei Walpurgs Anblick, Weib und Kinder sammt seinen eigenen fünsundvierzig Jahren, und leidenschaftlich flammte es auf in feinem braunen Antlitz, da er die Dirne anredete: „Gott zum Gruß, Burgerl."
„Eben soviel," versetzte sie trotzig, indem sie das Eisen- zeug aus ihrer Hand auf den Estrich fallen ließ.
Er beachtete nicht den herben Ton der Antwort, und fuhr fort: „Wie geht'S, wie steht'« Bürger!, und wa« bringst Du?"
«Fortsetzung folgt.)
Der Alchhmist v,n X.
In den „Oberschi. Skizzen" von Oscar Klaußmann befindet sich unter obiger Überschrift nachstehende ergötzliche Gründergeschichte:
Jrn Osten OberschlefienS liegt jener merkwürdige Punkt, wo die Grenzen der drei nordischen Kaiserreiche sich berühren. Auf einer nur wenige Quadratfuß großen Fläche stehen die verwitterten Grenzpfähle Rußlands, Oesterreichs und Preußens friedlich zusammen. Vorbei an dieser historischen Stelle wälzt die Przemsa ihre bescheidenen Finthen der Weichsel zu. Etwas weiter oben an der Przemsa, unmittelbar an der russischen Grenze, liegt X. Heute ist X. eine freundliche, kleine Stadt mit Gasbeleuchtung, Handel, Pflaster, UlttamontanismuS, Industrie, sehr vielen Gasthäusern, höheren Schulen, Vereinen; früher war die« anders. X. ist Knotenpunkt der Eisenbahnen nach Rußland und Oesterreich. Wenn Du, lieber Leser, von Westen kommend, in den großen Bahnhof hineinfährst, wirst Du rechter Hand ein kleines, fabrikartiges Gebäude entdecken, neben dem ein bescheiden hoher Schornstein steht. Dieser Schornstein ist der Pfahl im Fleische des X.'schen Patriotismus.
Wenn Dir nun aber da« Glück zu Deinem Eoupee- vis-a-vis einen (Singebornen von X. gegeben hat und Du ihn nach der Bedeutung jener Fabrik ftägst, so wird et Dir entweder haarsträubend grob kommen oder Dir mit inbignirter Miene gar nichts erwidern. Da« hat aber darin feinen Grund: Es ist schon ziemlich lange her (aber doch wahr), al« in X. ein Mann erschien, der tief au« den unbekannten Gegenden Ungarn'» kam und den biederen Bürgern von X. erzählte, er sei im Besitze des