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Marburg, Donnerstag, 29. April 1875.
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Anzeigen nimmt entgegen: Mt Expedition d. Matte-, sowie die Annonccn-Bureauk von Th. Dietrich &■ Co. in Kassel und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Cöln k ; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.
ObrrhcUlhc Jrituim.
Anzeigen nimmt entgegen: die E^editio« d. Blatte», sowie die Annoncen-Burraux von ®. L- Daube & Co. in
Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A Rete- meyer in Berlin; Carl Schütz- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erlckeint täalich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 59 Pfg. lexl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.
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Vorgänge in Belgien «nb Holland.
Die Vorgänge in Belgien finden selbst in den besonnenen belgischen Blättern keinen Anklang. Das „Echo du Parlement", eines derjenigen Blätter, welches die wahren Interessen deS Landes vertreten, weist darauf hin, wie verschieden die belgische Regierung sich der Ermordung des Erzbischofs von Paris und den Mordplänen DucheSne'S gegenüber verhalten hat. ES tauchte nämlich im Jahre 1857 ein Gerücht im „Journal de Bruxelles" auf, wonach der Mörder deS Erzbischofs von seinem Vorhaben einer Brüsseler geheimen Gesellschaft Mittheilung gemacht haben sollte. Sofort wurde diese Zeitungsnotiz zum Gegenstand einer Kammerverhandlung gemacht und aus dieser ging hervor, daß der Minister der auswärtigen Angelegenheiten bereits in energischer Weise den Justizminister zum Ein. schreiten aufgeforbert hatte. Und doch handelt- eS sich da mal« nur um ein bloßes Gerücht, nicht um erwiesene Thatsachen. Ganz ander« verhielt sich aber die belgische Regierung den Mordplänen DucheSne'S gegenüber. Hier handelte cs sich um die Briefe eines bekannten Individuums und Reclamationen einer befreundeten Regierung. Diesmal war man nicht so eilig, man hörte auf die ultramontanen Blätter und gab das Ganze für eine Mystification aus, handelte es sich doch nur um einen Protestanten und deutschen Reichskanzler. Dieses Verhalten der belgischen Regierung, das selbst bei einheimischen Blättern Tadel erregt, ist bezeichnend genug, um es noch näher zu charakteristren; deutlich genug tritt der Haß gegen Deutschland in Belgien zu Tage. Als der Abg. Bara von der Linken vor Kurzem dir Anordnungen der Regierung zum Empfange deS Erz bischvsS von Mecheln kritisirte, antwortete der Abg. No. thomb, der Bruder des belgischen Gesandten m Berlin: Man macht mir glatte Unterwürfigkeit vor dem Episcopat zum Vorwurf! Jedem, welcher sich dieser Aeußerung bedient, könnte man erwidern, daß es eine glatte Unterwürfigkeit sein würde, wollte man vor der triumphirenden Gewalt niederknieen, die gegenwärtig in Berlin thront." Diese provocirenden Worte wurden allerdings von dem Cabinets- chef Jules Malor desavouirt, obschon er bei denselben todtenbleich geworden war; aber ttotzdem werden sie ihren Eindruck nicht verfehlen.
Der religiöse Fanatismus hält dort förmliche Orgien. Ein Offizier der Garnifon Alost hatte als Freidenker ein Civilbegräbniß in seinem Testament verlangt. Als nun der Civilleichenwagen aus Brüffel dort ankam, verübte der fanatische Pöbel leidenschaftliche Exceffe, denn nur durch eine militärische Escorte wurde er von einer Schändung der Leiche abgehalten. Bei den Wallfahrten am letzten Sonntag in Lüttich sangen die Pilger keine religiösen Lie- der, sondern Schlachtlieder, die zum Kampf gegen die Ketzer aufforderten. Solche Thatsachen beweisen hinlänglich die Umtriebe der Jesuiten und ihre Wirkung in jenem Lande, die von der Regierung auf alle mögliche Weise unterstützt werden, wie jetzt durch die Aushebung der Handelskammern wegen ihrer liberalen Zusammensetzung. An unseren Grenzen, nicht bloß in Belgien, sondern auch in Holland, auf den Besitzungen von Hellermund, Exstein, Bleyenbeck, Ber. gen, Wyandrade, BölS, finden die Jesuiten freundliche Aufnahme und unterhalten von dort auS fortgesetzte Beziehungen zu der Rheinprovinz, ja, leiten die Clericalen Agitationen auS ihren Zufluchtsörtern. Die deutsche Regierung hat lange genug eine zu große Nachsicht gegen diese Vorgänge gezeigt. Es wäre wohl an der Zeit, mit den auf ihre Neutralität pochenden Staaten eine ertiste Sprache zu reden. Solche Beleidigungen, wie sie täglich, namentlich in Belgien, dem deutschen Volke angethan werden, muffen schließlich zu einer ernsten Abrechnung führen.
Tagesbericht.
Fürst Bismarck befindet sich auf dem Wege der Besserung und hütet nicht mehr das Bett, auch erwartet er nur etwas wärmere Tage, um das Zimmer verlassen und zuerst im Garten einigt Spaziergänge machen zu können. Zunächst würde er dann einen kurzen Aufenthalt in Lauenburgnehmen und zur Ankunft des Kaisers von Rußland nach Berlin zurückkehren.
Die Justizcommisflon des Reichstages hat wurde ihre Arbeiten begonnen. Von den Mitgliedern fehlten in Folge von Etkrankung drei Abgeordnete, Lasker, Bernhards und Lieber. Die letzteren beiden Herren sind bekanntlich zu» gleich Mitglieder des Abgeordnetenhauses und fungiren dort als Schriftführer und der Abgeordnete Lieber nimmt schon seit längerer Zeit nicht Theil an den Versammlungen. Den Vorsitz führte Abgeordneter Miquel, als Protokollführer fungiren unter Controle der Schriftführer der königlich preußische Gerichts-Assessor Sydow, der königlich bayerische StaatsanwaltS-Substimt Dr. Seuffert in Augsburg
Urdrr einige bemrrkenswerthe Eigenschaften Kf Salieylsiiure.
Von Prof. Dr. Kolbe in Leipzig. (Fortsetzung.)
Vom Hellem Leipziger Bier vorzüglicher Qualität wurden in mehreren wetten Bechergläsern, hernach mit Papier lose bedeckt, je 1000 Gramm vertheilt und 14 Tage lang bei einer zwischen 20 und 240 Cels. schwankenden Tem peramr hingestelll. — Jene Menge Bier wurde in einem Gefäße mit 0,2 Gramm, im zweiten mit 0,4 Gramm, im dritten mit 0,8 Gramm, im vierten mit 1,2 Gramm pulveriger Salicylsäure versetzt und durchmengt. In einem anderen Glase blieb das Bier unvermischt. Dieses letztere fing schon am Ende des zweiten Tages an zu verderben und fich mit einer Pilzdccke zu überziehen. Im Gdfäße mit 0 2 Gramm Salicylsäure begann die Pilzvegetation am dritten Tage, in dem Bier mit 0,4 Gramm Salicylsäure am fünften Tage, mit 0,8 Gramm am zehnten Tage, und die 1000 Gramm Bier, welchen 1,2 Gramm Salicysäure zugcjetzt war, zeigten selbst nach 12 Tagen noch,keine Pilzbitdung. Selbstverständlich war das Bier in dem offenen Gefäße sauer geworden. Ein Tausendstel Salicyl- säure dem Biere beigemischt genügt also dasselbe vor dem Verderben durch Pilzbitdung zu schützen.
Wir haben uns sodann noch durch einen Versuch davon überzeugt, daß frische reine Kuhmilch mit 0,04 Procent Salicylsäure vermischt und bei einer Temperatur von 18« Cels. in einem offenen Gesäße stehen gelassen, 36 Stunden später gerinnt, als die daneben gestellte gleiche Menge Milch, die keine Salicylsäure enthielt. Zusatz von etwas mehr Salicylsäure verzögert das Sauerwerden und Gerinnen noch länger. Die Milch bleibt wohlschmeckend; die kleine Beimengung von Salicylsäure ist durch den Ge- schmack durchaus nicht wahrzunehmen.
Frisch gelaffmer Harn wurde in zwei Theile getheilt und in gesonderten Gesäßen mehrere Tage hingestellt, nachdem der einen Halste wenig Salicylsäure zngesetzt war. Dieser Harn war am dritten Tage noch klar und frei von
Amoniakgeruch, während die unvermcngte Probe längst in Fäulniß übergegangen war und starken Geruch verbreitete.
Frisches Fleisch, mit Salicylsäure eingerieben, hält sich an der Luft wochenlang, ohne zu faulen. Ich habe eben eine größere Menge frisches Ochsen- und Hammelfleisch, mit Salicysäure präparirt, in einem bedeckten großen Topfe fest zusammengelegt, um dasselbe nach Ablauf zunächst eines Monats auf feine Brauchbarkeit in der Küche und auf seinen Geschmack zu prüfen. Die Salicylsäure läßt sich vor dem Gebrauche durch Abwaschen größtentheW «iedcr entfernen. Der zurückbleibende Antheil der Salicylsäure wird, da sie einen nicht unangenehmen, schwach süßlichen Geschmack besitzt, hernach schwerlich durch den Geschmack wahrgenommen werden können. Wenn diese Versuche ein günstiges Resultat geben, so verspricht die Salicylsäure ein Mittel zu werden, welches es ermöglicht, daß ein Theil der Fleischmengen, welche jetzt in FrayventoS zu Licbigschem Fleischextrakt verarbeitet werden, aus Südamerika zu geringem Kostenpreise in wohlenhaltenem und schmackhaftem Zustande mit geringen Kosten uns zugeführt wird.
Noch sei hier bemerkt, daß ich im Monat März und April frisch gelegte Hühnereier in eine wässerige Lösung von Salicylsäure, welche von letzterer noch einen Theil suSpendirt enthielt, eingelegt und darin etwa eine Stunde habe liegen lassen; nachdem sie an der Luft wieder trocken geworden waren, wurden sie in eine mit Häcksel gefüllte Kiste gelegt. In eine zweite Kiste wurde jedesmal an demselben Tage ein ebenfalls frisches Ei, ohne mit Salicylsäure inprägnirt zu sein, eingelegt. Nach Ablauf von 6, 9 und 12 Monaten wird sich Herausstellen, ob die mit Salicylsäure behandelten Eier noch genießbar sind, vielleicht gar noch wie frische Eier schmecken. Uebcr das Ergebniß werde ich berichten. (Schluß folgt.)
3entfalt* und dir dortigen Deuffche«.
Jerusalem ist heute noch eine heilige Stabt, d. h. eine 'Stadt, nach welcher Millionen frommer Menschen mit Sehnsucht und Andacht blicken, deren Namm mtf Ber-
und der königlich sächsische Assistent beim Bezirksgericht in Leipzig, Schieber. Der BundeSrath war zahlreich vertreten und zwar durch den königlich preußischen Justizminister Leonhardt, den Direktor des ReichS-Justizamts v. AmSberg, den Rächen des ReichS-Justizamts Hanauer und Hagen«. Seitens der baierischen Regierung war der GerichtSrath Hauser anwesend und Seitens der preußischen Regierung noch der Ministerial-Direktor im Justiz-Ministerium Wentzel. Außerdem waren anwesend der hanseatische Minister- Resident Dr. Krüger, der braunschweigische Gesandte Dr. v. Liebe und Andere. Die Commission beschloß entgegen ihren früheren Absichten über die Arbeitseinteilung, nicht mit der Gerichts-Organisation, sondern mit der Civilpro- zeßordnung zu beginnen, und man trat sogleich in die Debatte der ersten Paragraphen ein. Man gibt sich der Hoffnung hin, bei der Berathung über die Strafprozeßordnung den Abgeordneten Lasker wieder in der Commission thätig zu sehen.
Sicherem Verlauten nach beabsichtigt man, das AuS- wanderungSwesen auf dem Wege der Reichsgesetzgebung zu ordnen; bereits übt man in den einzelnen Bundesstaaten strmgere Contcolen und verschärft bei Concessionen für Auswanderungsagenten bedeutend die Bedingung zu ihrer Verleihung.
Der Abg. Lasker ist ziemlich wiederhergestellt, hat bereits einige Besuche empfangen, und wird wohl bei eintretender wärmerer Witterung nach Freiburg im Breisgau abreisen, doch ist ihm noch auf Monate hin jede geistige Beschäftigung untersagt.
Es scheint, daß man den Wünschen, welche die französische Regierung bei ihrem Beitritt zum Weltpostverein gestellt hat, soviel wie möglich zu genügen suchen wird, ohne jedoch die auf dem Berner Postcongreß vereinbarten Prinzipien preiszugeben. Bei dem Austausch der Ratificationen, welche am 8. Mai in Bern stattfinden soll, wird über die französischen Anträge Beschluß gesctßt werden. Der französische General-Poftdirector wird selbst nach Bem gehen, um die von ihm formulirten Vorschläge zu ver- treten. Dem Vernehmen nach wird sich auch der General- Postdirector Stephan zum Anstausch der Rattficationen nach Bern begeben.
Fürst Hohenlohe hat am Sonnabmd dem französischen Minister des Auswärtigen die belgische Note mitgetheilt.
Deutsches Reich.
•• Berlin, 27. April. Die auf Grund des Reichs» gesetzes vom 27. DeMbtr 1872 deütfihLit Kauffahrteiehrung genannt wird. Mohamedaner, Juden und Christen wallfahren dahin, um an heiligen Stätten zu beten. Die Verehrung der Mohamedaner darf uns nicht befremden; ihr Koran ha! ja all' die Fabeln der beiden anderen monotheistischen Religionen ausgenommen und mit Mohamed verflochten. Der Berg Moriah und Hebron sind dem Türken und Araber nicht minder heilig wie dem Hebräer, oder der Oelberg dem Christen. Die Moslemin glauben, Mohamied sei in Jerusalem gewesen und habe dott an dem altberühmten Steins, an welchem Abraham gebetet haben soll, als Gott von ihm das Opfer feines Sohnes verlangte, feine Andacht verrichtet. Man zeigt heute noch in dem Stein ein Loch, das der Kopf Abrahams und Mohameds eingedrückt hat, sowie die Spuren der Hände deS Engels Gabriel, die der Stein zurückbehalten haben soll, als er dem Propheten, den sein Röß durch die Lüfte davon führte, folgen wollte. Nicht minder merkwürdig, wie die gemeinsame Verehrung der heiligen Orte ist der Umstrmd, daß die Mohamedaner fast dieselben Feste feiern, wie die Inden und Christen. Namentlich gilt dies von de« Feste des Frühlings, dem Osterfeste, das übrigens mit dem Feste zusammenfällt, an welchem unsere heidnischen Vorfahren Freudenfeuer anzündeten zur Ehre der wieder erwachenden Natur. Sonderbarer Weise vollführen die Griechen in der GradeSkirche zu Jerusalem dieselbe CeremoNie mit großem Pompe; es heißt dies die „Herabziehung deS heiligen Feuers". Ein gebildeter griechischer Priester, der gefragt wurde, ob er denn die Ceremonie ernst nehme, antwortete gerade heraus, daß er zwar den Firlefanz nicht glaube, trotzdem aber keinen Grund einsehe, der großen Menge diesen Glauben zu nehmen, der noch obendrein so' erkleckliche Summen einbrächte.
Jerusalem hat eine ganz eigentümliche Lage; man würde, selbst wenn keine alten Baulichkeiten vorhanden wären, doch noch die ehemalige große Stadt erkmnen, deren Lage eine zu günstige war, um nicht bedeutungsvoll zu sein. Aus einem von Osten gegen Süden ziehenden Vorsprung des Kalkplateau's gelegen, fich auf der anderen