Sr. SS.
Marburg, Sonnabend, 24. April 1875.
X Jahrgang.
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Oberheßscht Itilung.
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Tagesbericht
Die Reisedispositionen des deutschen Kaisers sind in folgender Weise getroffen. Bis zur Ankunft des Kaisers von Rußland am 9. Mai bleibt Kaiser Wilhelm in Wiesbaden. Zu dem Besuche seines hohen Verwandten wird er um diese Zeit in Berlin eintreffen und bis in die dritte Woche deS Mai verbleiben. Der Kaiser von Rußland hat einen Aufenthalt von drei Tagen in Aussicht genommen; zu Ehren des hohen Gastes wird eine Parade der Gardetruppen stattfinden. Auch wird'Fürst Gortschakoff seinen kaiserlichen Herrn begleiten, und sich von hier nach Wildbad begeben. Nach dem Besuch deS Kaisers von Rußland wird der König von Schweden in der dritten Woche deS Mai in Berlin eintreffen; alsdann soll in Uebereinstimmung mit dem Briefe des Kaisers an den König von Italien auf kurze Zeit eine Reise nach Oberitalien stattfinden. Ob indeß diese Reise wirklich zu Stande kommt, wird lediglich von dem Befinden deS Kaisers ab- HSngen. Nach seiner Rückkehr aus Italien soll alsdann die Kur in EmS erfolgen während des Monats Juni Dort wird eine neue Zusammenkunft mit dem Kaiser von Rußland stattfinden, sowie wahrscheinlich auch mit dem Kaiser von Oesterreich, der aus kurze Zeit dort erwartet werden soll.
Fürst BiSmarck hütet noch daS Zimmer und ist ge- nöthigt, den größten Theil deS Tages im Bette zuzubringen. Jedoch hofft man, daß das Unwohlsein, die Folge einer starken Erkältung, bald vorübergehen werde und der Fürst ist gewillt, sich dann sofort nach Lauenburg zu begeben.
Die „Provinzial-Corresp." schreibt: Die jüngste parlamentarische Woche wird durch die Bcrathungen in den beiden Häusern des Landtags und deren Ergebniffe von dauernder Bedeutung für unsere innere Entwicklung sein. Im Herrenhause hat namentlich die Berathung des Gesetzentwurfs über die Staatsleistungen für die katholische Kirche die wichtige Thatsache hervortreten lasten, daß in Folge des neuesten Auftretens deS Papstes nunmehr auch in dieser Kammer alle Parteien außer der ultramontanen, namentlich auch die Altconservativen mit Ausnahme einer geringen Anzahl der früher einflußreichen Führer, eS für ihre Pflicht erachten, die Regierung in dem Kampfe gegen die Uebergriffe Roms zu stützen. Abgesehen von den bedeutsamen Erörterungen ist das schließliche Ergebniß von großem Gewicht, daß unter 121 Stimmen sich 92 für den Entwurf der Regierung, nur 29 gegen denselben erklärten, letztere zur größeren Hälfte von katholischen Mitgliedern. Die konservative Opposition des Herrenhauses, welche seit dem Jahre 1868 immer ent
schiedener hervorgetreten war, scheint hiernach jetzt in ihrem eigentlichen Kern gebrochen und zersplittert, und die Regierung darf mit erhöhter Zuversicht auf ein gemeinsames und erfolgreiches Wirken mit den beiden Häusern des Landtages für die Bedürfniste einer allseitig ersprießlichen inneren Entwickelung rechnen.
Der Feldmarschall v. Manteuffel hat, wie es in gut unterrichteten Kreisen heißt, eine Mission nach Petersburg erhalten, um dem Kaiser von Rußland ein vertrauliches Schreiben unseres Kaisers zu überreichen.
Das deutsche Eisenbahngesetz ist int Reichseisenbahn- amte fertiggestellt und der vorläufige Entwurf soll demnächst der Oeffentlichkeit übergeben werden. Gleichzeitig wird die Einladung an die betreffenden Bundesregierungen zum Zusammentritt von Commistarien behufs Vorberalhung des Entwurfs ergehen. Von allen darum angegangenen Regierungen ist diesem beabsichtigten Vorgehen bereitwilligst zugestimmt worden; man verspricht sich auch davon viel für das Gesetz, daß der Entwurf zuvor der öffentlichen Kritik unterbreitet werden soll. In einem wesentlichen Punkte unterscheidet sich derselbe von dem früheren, nämlich darin, daß bas Transportrecht nicht wieder aufgenom men ist, sondern nur das öffentliche Recht behandelt wird. Das erstere ist der Revision des Handelsgesetzbuches Vorbehalten, da man Bedenken trug, die bisherige Einheitlich keil der Behandlung des Transportrechts im Handelsgesetzbuche zu durchbrechen, und andererseits an der Hoffnung festhält, zu einem internationalen Eisenbahntransportrechte zu gelangen.
Das Altkatholikcngesetz ist in der CommissionSberathung fertig gestellt und mit unerheblichen Modifikationen angenommen worden. Die Regierung dürfte mit den Com- misstonSbeschlüstrn durchgängig übereinstimmen und man glaubt an ein baldiges Zultandekommen deS Gesetzes. Eben so sind die CommissionSarbeiten über den Entwurf betreffend die Anlegung von Straßen und die Bebauung von öffentlichen Plätzen in beiden Lesungen beendet worden. Donnerstag wird der Bericht verlesen.
Wie man hört, wird sich der Generalpostdirector Stephan in seiner Eigenschaft als oberster Leiter deS Tcle- graphenwesens in Begleitung seiner Räthe zum Telegraphen- Congreß nach Petersburg begeben.
Sämmtliche Nachrichten über Spaltung der Fractionen in Folge der Abstimmung über die Provinzialordnung erweisen sich als unrichtig. Aus der Fraktion der National- liberalen ist einzig und allein der Abgeordnete Kieschke ausgetreten und es wird bereits über seinen Wiedereintritt verhandelt. Unrichtig ist, daß der Abgeordnete Lipke seinen Austritt angemeldet haben soll. In der Fortschrittspartei
ist die Meinungsverschiedenheit der Mitglieder über die Provinzialordnung ohne jede weitere Folge geblieben, g
Es ist nicht unbemerkt geblieben, daß Fürst Bismarck in seiner letzten Rede im Abgeordnetenhauft gelegentlich des Sperrgesetzes einen besonderen Ton auf den Ausdruck „italienische Prälatur" gelegt hat. In diesem Ausdruck gipfelt gewissermaßen die kirchliche Politik deS Reichskanzlers, denn auf der einen Seite wird dadurch die Einmischung deS Papstes in die inneren Angelegenheiten Deutschlands sowohl staatlicher al» kirchlicher Natur abgewiesen, auf der anderen Seite wird der Papst dadurch der Aufsicht der italienischen Regierung unterstellt und diese in gewisiem Sinne für seine Einmischungen in deutsche Angelegenheiten verantwortlich gemacht. Der Papst wird damit ganz auf die Stufe der französischen und belgischen Bischöfe gestellt. Fürst Bismarck hat mit dieser Bezeichnung das Ziel seiner kirchlichen Politik dargelegt: die vollständige Befreiung von dem päpstlichen Primat und die Zurückführung der Kirche auf ihren rein ritterlichen Charakter.
Deutsches Reich.
•• Berlin, 22. April. Ans den Berichten, welche aus Wiesbaden hier eingehen, ist ersichtlich, daß da» Befinden des Kaisers vollkommen befriedigend ist. Am 20. d. hat bet Kaiser einen Ausflug nach Biberich unternommen, um die auf der UebungSfahtt begriffenen Kanonenboote „Rhein" und „Mosel" einer Inspektion zu unterziehen. Der Monarch äußerte sich sehr befrlebigenb über bie Beschaffenheit bcr Boote. Auf einem bet betben Boote machte der König eine kleine Spazierfahrt. — Die „Prov.-Cor." beschäftigte sich heute hauptsächlich mit der Hebe des Fürsten Bismarck im Herrenhause. In der parlamentarischen Uebcrsicht verweilt das Organ der Regierung längere Zeit bei dem Votum über die Provinzialorbnung. Während bas amtliche Blatt das Volum sehr beachtenSwenh und für die weitere Entwickelung der Reformgesetzgebung sehr lebhaft begrüßt, hebt die „Kreuzztg." tn einer sonderbaren Begriffsverwirrung dieses Thema behandelnd, die Mahnung hervor, daß die Regierung auf eine Unterstützung de« Abgeordnetenhauses bei ihrer Politik nur in dem Kulturkampf rechnen könne, daß sonst ober eine solche mit Sicherheit nicht zu erwarten sei. Durch die jüngsten Vorgänge und die numerische Macht bei der Abstimmung über bie Provinzialordnung, bei welcher ein Zuwachs der Regierung»- Majorität von der Seite der Fortschrittspartei, ein seltener Zuwachs, eintrat, werden die Jeremiaden der „Kreuzztg." auf das gründlichste widerlegt. Mit der „Kreuzztg." sind die „Vossische Ztg." und „Frankfutter - Ztg." außer sich
Der debiler Mirza Schaffy.
(Schluß.)
DaS sechste Buch, „Mirza Jufsuf" benannt, zeigt in seiner EinleitungS Illustration auf guillochirtem Goldgründe in den Jnitialien M und I den Mirza Schaffy im Fenster, wie er den ihm verhaßten Mirza Jufsuf, den Pantoffel gleichsam als Zuchtruthe in der Rechten, mit seinem Spott überschüttet, worauf dieser ihm schweigend eine Faust macht. DaS Buch wird eingeleitet durch das Herder'sche Motto:
In der Äritil macht man bie Probe, Verse in Prosa aufzulösen nnd nimmt den Grundsatz an, daß, was in Prosa Unsinn ist, es auch in Versen sein müsse.
Der erhabene Geist Mirza Schaffy's Über den weit schmerzlichen und misanlhropischen Jufsuf spttcht sich am Besten in folgendem Liede jenes Buches aus:
Laß, Mirza Jufsuf, Dein Schmollen jetzt!
Ich bin zu munter, um Dir zu grollen jetzt! Statt Haß auszusäen, wie Du es thust, Schlürf ich ein meinen Becher, den vollen, jetzt.
Schon genug bist Du gestraft in der Welt hier. Daß nichts Dir behagt, nichts gefällt hier — Und ist doch für Jeden, der zu genießen weiß, Alles so herrlich gemacht und bestellt hier!
Das siebente Buch „Hafisa" ist wieder eingeleitet durch eine prächtige Moudscheinlandschast von Giovanni Abon- uelli in einer orientalischen Farben Einfassung. Es trägt das Motto von Daumer:
Lieb' obne Lust — welch' eine Pein!
Lust ohne Liebe - wie gemein!
Die Selben aber im Verein
Gewähren uns das höchste Sein.
Die Lieder an Hafisa athmen die höchste Gluth orientalischer Liebessehnsucht, wie das nachstehende Beispiel $ b Neig', schöne Knospe! Dich zu mir!
Und was ich bitte, das thu' mir!
Ich will Dich pflegen und halten.
Du sollst bei mir erwärmen, Und sollst in meinen Armen Zur Blume Dich entfalten!
DaS achte Buch betitelt sich „Glaube und Leben" mit dem kurzen Motto: „Keine Rose ohne Dornen". Es ist, eingeleitet durch ein allegorisches Titelblatt von Adalbert Müller, welches in Kreuzform die Worte „Glaube und Leben" enthält. Es spricht sich in diesen Liedern die religiöse Anschauung Mirza Schaffy's an», der sich, wie vor. gemeldet, zu dem Sufismus bekannte, nach Wahrheit und Liebe strebend. Als zeitgemäß möchten wir folgendes Gedicht aus diesem Buche anführen:
Sie glauben mit frommem Hadern
Den Himmel zu verdienen, Der Zorn schwellt ihre Adern Der Haß färbt ihre Mienen.
Das Mordschwert in den Händen Verlangen sie Glauben und Buße, Und glauben, sie selber ständen Mit Gott auf dem besten Fuße.
Ich aber sage Euch, daß
Gott ferne solchem Getriebe!
Ungöttlich ist der Haß, Und göttlich nur die Liebe.
Das neunte Buch enthält „Vermischte Gedichte und Sprüche". Es führt das Motto:
Nur eine Weisheit führt zum Ziele, Doch ihrer Sprüche gibt es viele.
Dies Buch ist eingeleitet durch ein lebendig gezeichnetes Blatt von Adalbert Müller. Auf dem Divan erblicken wir unter einer Nische mit kaukasischen Waffen geschmückt: Blumen, Früchte, die Laute und den Fliegenwedel, davor den Nargileh, die Pfeife, die Weinkanne und eine Papierrolle, Attribute des tatarischen Dichter«. Die» Capitel enthält meist scharf poinlitte Weisheitssprüche in blumenreicher Sprache, von denen wir folgende Probe hierher s.tzen:
1 I ! >E
Wo sich Kraft will offenbaren, Wird sie Widerstand erfahren. Schlechtes sucht mit Gutem Streit, Ist sie klein, wird sie erliegen, Ist sie groß, so wird sie siegen lieber Tücke, Haß und Neid.
Aus derselben Ackerkrume
Wächst das Unkraut wie die Blume — Uud das Unkraut macht sich breit.
Doch es raubt nichts von dem Ruhme, Duft und Glanz der schönen Blume.
Da» zehnte und letzte Buch bildet der „Abschied von Tiflis" mit einem höchst effektvollen LandschaftSbilde Giovanni Abonnellis: Tiflis am brausenden Kur bei auf- gehender Sonne. Der Dichter, begleitet von armenischen Reitern, singt der noch schlummernden Stadt sein Abschied»- lied, das bekannte:
Schön bist du, fruchtreiche KyruoSstadt!
Schön sind deine Töchter und Söhne zumal.
Du Meer m inet Wonne, du Meer meiner Qual.
Drin m in Herz seine Perle gefunden hat:
Dich sing' ich, Dich grüß' ich beim vollen Pokal!
Hieran schließt sich dann endlich der Epilog, gleichfalls mit einem Blumen- und Fruchtstück von Adalbett Müller als Einleitungsblatt geschmückt, worin der Dichter sein Werk mit einem Blumengarten sehr treffend vergleicht, denn mehr als eine Knospe wahrer Poesie tritt uns aus dem reichen Flor dieser poettschen Schöpfung entgegen.
Bevor wir unfern Bericht Über das schöne Buch schlie, ßen, dringt e» un« noch zu bemerken, daß die Künstler Giovanni Abonnelli, Adalbert Müller und Loeillol Alle» daran gesetzt haben, um die Absicht der Verlagshandlung: etwas Außergewöhnliches zu schaffen, zu unterstützen, und wir können sagen: alle Mitwirkende an diesem schönen Werke haben ihr Ziel erreicht und die Literatur der Pracht« werke ist durch daffelbe um einen bedeutenden Schatz reicher geworden.