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Zllarkurg, Donnerstag, 22. Aprll 1875.

x Mrgavj.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

ObtrhtDlhe Jätung.

Anzeigen nimmt entgegen: die E^redition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von G L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJluftrirte- SonntagSblatt durch die Expedition (Kochsche Buch druckerei) bezogen 2», Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf», lexl. Bestellgebühr). - Jnsertlonsgebühr für die gespalten« Zelle 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht

Der Kaiser hat dem von dem Posten des baierischen Kriegsministers zurückgetretenen Freiherrn von Pranckh mit der Verleihung des Emaillebandes zum Rothen Adler- orden erster Klasse eine hohe Auszeichnung zu Theil wer­den lassen.

Der Kaiser hat die Trennung der Landwehr-Offiziere der Artillerie in Landwehr Offiziere der Feldartillerie und solche der Fuhartillerie genehmigt. Die Generai-Jnspection der Artillerie ist ermächtigt, von den Einjahrig-Freiwilligen der Frldartillerie bei ihrem Ausscheiden aus dem activen Dienst je nach dem Bedarf einen Theil zur Reserve der Fußartillerie überführen zu lasten und umgekehrt.

Am Sonnabend hat der Kaiser bei der 1. Aufführung derMakkabäer" den Komponisten Anton Rubinstein zu sich in die Loge bestellen lassen und demselben den Kronen orden 3. Klaffe verliehen.

Fürst Bismarck, dessen Abwesenheit bei der dritten Lesung der Vorlage über Aufhebung der Artikel 15, 16 und 18 der Verfassung allseitig bedauert wurde, hütet das Bett und dürfte, wie ihm nahestehende Personen wiffen wollen, auch in den nächsten Tagen das Zimmer nicht ver­losten können.

Nachdem jetzt eine hinreichende Menge von Scheide­münzen ausgeprägt ist, sind die Regierungsbehörden ange­wiesen worden, für eine gleichmäßige Vertheilung Sorge zu tragen. Die alten Einzelpfennige preußischen Gepräges behalten vorläufig noch denselben Werth wie die Reichö- pscnnige. Von Goldmünzen werden gegenwärtig Kronen geprägt, während mit Doppelkroney einstweilen Einhalt gethan ist. Von Silbermünzcn warm bis zum 3. d. M. fast 80 Mill. Mark ausgeprägt.

Am 26. d. M. beginnen in Berlin auf Einladung des Reichs-Eisenbahnamtes unter Theilnahme von Commistarien der größeren Bundesregierungen, die Berathungen über den bei dieser Behörde ausgearbeiteten Entwurf derein­heitlichen Normen für die Construction und Ausrüstungen der Eisenbahnen Deutschlands". Diese Normen lehnen sich in wichtigen Punkten an die vom Verein .der deutschen Eisenbahnverwaltungen aufgestellten und seit einer längeren Reihe von Jahren für die deutschen Eisenbahnen gütigen technischen Vereinbarungen an; durch ihre allgemeine Ein­führung wird die einheitliche Gestaltung der Eisenbahnen Deutschlands auch aus diesem Gebiete, der ReichSversaffung entsprechend, wesentlich gefördert werden.

Nach derOstd. Zeitung" war der Weihbischos Cybi- LowSki wegen der am Grünen Donnerstag vorgenommenen Weihung der Oelc und wegen der einigen Subdiakonen ertheilten Diakonenweihe zu einem Voruntcrsuchungstermine vorgeladen, zu welchem er auch erschienen ist. Die Anklage gegen ihn wurde ihm schriftlich vorgelegt, dieselbe las er durch und abstrahirte von der Vertheidigung; auch verwei­gerte er dir Auskunft über den geheimen Delegaten. Am Donnerstag den 22. ds. Mts. sind der Weihbischof Cybi-

chdwski nebst 4 Geistlichen wegen der vorher genannten Anklagen vor daS Dreimännergericht vorgeladen.

Berliner Blätter bringen folgende militärische Mitthei lungen: Einmi großen Theile der mit der Anfertigung von Artillerie-Material beschäftigten Fabriken, so z. B. der Geschoßfabrik in Spandau, ift ein längerer Ausstand zur Ablieferung bewilligt worden. Die Feldartillerie wird mit den neuen Geschützen bis zum Beginne der diesjährigen Schießübungen durchgehends versehen fein. Die bis jetzt angestellten Versuche haben höchst befriedigende Ergebnisse erzielt; das neue großkörnige Geschützpulver hat sich sehr bewährt, ebenso der neue Shrapnellzünder, ein von der Artillerie Prüfungscommission in Berlin erfundener tempir- barer Brennzünder. Für die Granate hat man mit ge­ringen Abänderungen den alten Percusstonszünder beibe­halten; besonders zufriedenstellend sind die Resultate der Proben mit den neuen Granaten gewesen. Dieselben sollen in manchen Fällen bis zu 40 Brennftücken ergeben haben. Der Transport der neuen Geschütze nach dem Schießplätze bei Gesten wird demnächst auf der neu erbauten Militär- Eisenbahn stattfinden, mit deren Fertigstellung das Eisen­bahnbataillon emsig beschäftigt ist. Zum Transport der Ringgefchütze schwersten CaliberS, deren einzelne ein Ge­wicht von 2535,000 Kilo haben, sind besondere Wagen construirt worden, welche hier zuerst in Anwendung kom­men werden. Die Eröffnung der Bahn wird voraussicht­lich bis Mitte des nächsten Monats erfolgen. Man spricht jetzt viel von einer Vermehrung der zum Eisenbahnbau bestimmten Truppen. Aus dem bis jetzt bestehenden einen Eisenbahnbataillon wird voraussichtlich im Laufe der Zeit durch successtve Errichtung von noch zwei Bataillonen ein Regiment formirt werden Auch die Militärmustk soll einer Reorganisation unterworfen werden. Die ganzen Musik­chöre der Armee sollen eine oberste leitende Behörde er­halten, als deren zukünftiger Chef der als Musikfreund bekannte General v. Dreskh, der langjährige Dirigent des in Berlin bestehenden Osfizier-MusikvereinS, genannt wird. Sollte die feit dem Tode des Musik - Directors Wieprecht nicht wieder besetzte Stelle eines Oberhauptes der Musiker in früherer Weise wieder eingerichtet werden, so ist hierzu, wie es scheint, der jetzige Capellmeister des Kaiser-Franz- RegimenlS, Herr Saro, auSersthen.

Deutsches Reich.

#» Berlin, 20. April. Zu dem Gesetzentwurf, betr. die Ausführung der 5 und 6 des Gesetzes vom 30. April 1873 wegen der Dotation der Provinzial- und Kreisverbände haben Miquel und Hamkens unterstützt von 21 Gesinnungsgenossen folgende Resolution eingebracht: Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen, die königl. Staatsregierung aufzufordern, die Frage in Erwägung zu nehmen, ob nicht das Deichwesen der einzelnen Provinzen unter gleichzeitiger Zuwendung der von der Staatsregierung bisher dafür geleisteten Kostenbeträge in der Form von

jährlichen Raten und unter sofortiger Aufhebung der in einzelnen Distrikten für die OberaussichiSkostsn -aufgebrach­ten Abgaben zu übertragen fei. Die Bestimmungen des Gesetze« über die Ausführung des Markenschutzes vom 30. November 1874 sind dem Publikum nur ungenügend, wie aus vielfachen Anzeichen hervorgeht, bekannt. Der Staats- Anzeiger glaubt diesem Urbelstande abhekfen zu können, wenn er einmal die den Markenschutz betreffende Präjudi­kate des hiesigen Stadtgerichts und Gerichte großer Han­delsplätze veröffentlicht und wenn er anderseits sämmltiche Waarenzeichen betreffend? Bekanntmachungen und Artikel nicht nur im deutschen Reichs Anzeiger publicitt, sondern auch in das auch separat erscheinende Eentral-HandelS- regifter für das deutsche Reich aufnimmt. Es wird für Industrielle daher ein Abonnement aus daS Letztere schr nothwendig sein. Das Bureau deS Herrenhauses veröffent­licht soeben die Mitglieder der XII. Commission zur Vor- berathung der Verwaltungsreformgesetze. Herzog Ujest fungirt als Vorsitzender, als dessen Stellvertteter Graf Jtzenplitz, alS Schriftführer Becker (Halberstadt) und Graf Zielen-Schwerin; weitere Mitglieder find die Herren: Kleist-Retzow, Rasch, v.Winterfeld, Elwanger, Gras Maltzan, Freiherr v. Maltzahn, Brunftig, Hvbrecht, Herzog Ratibor, v. Wedell, Graf Earmo, v. Rath, Udo Gras Stollberg, Frhr. Misbach, v. Ploetz und Voß. Die heute be­gonnene Berathung de« Dotationsgesetzes in Verhindung mit der Erklärung des Finanzministers laffen die Be­denken, welche sich gegen ein ungünstiges Schicksal dieser Vorlage, ähnlich denen über die Provinzialordnung m bet Presse kund geben, schwinden. Man rechnet in parlamen­tarischen Kreisen auf eine ebenso große Majorität für die­ses Gesetz. In Anknüpfung an meine gestrige Mit­theilung über die Lage brt Gesetzentwurfs, Aufhebung bet Klöster rc. tonn ich heute noch beifügen, daß vergangenen Freitag die Berathung des Entwurfs, die Zustimmung deS Staatsministeriums erhalten hat und Sonnabend darauf in das Cabinet des Königs gesandt ist, so daß in den nächsten Tagen aus Wiesbaden die Genehmigung des Kö­nigs für die Einbringung der Vorlage zu erwarten ist. Ebenso steht die Genehmigung des Königs zur Pubtikation des Sperrgesetzes zu erwarten, ba einige formelle Ersor- dermsse biese für einige Tage verzögert haben. Die neuesten Hefte (für März und April) beS CentralblarteS für bie gefammte Unterrichtsverwaltung bringen sehr in­teressante Aufstellungen über den Stand der Lehrer- unb Lehrerinnen-Besolbungen vom 1. Februar 1874.

BreSla«, 18. April. Aus Anlaß ber Jubelfeier des Fürstbischofs von BreSlau giebt dieSchles. Ztg." einen kurzen Lebenslauf bestechen. Dem zufolge war im Jahr 1848 der Jubilar von dem Wahlkreise AhauS- Steinfurt in Westfalen zum Abgeordneten in bie deutsche Nationalversammlung gewählt worden, wo er der äußersten Rechten angehörte und in derselben im sog.Steinernen Hanse" mit Philipp, Döllinger, Sepp und Nolly eine

Der Anbilar Mirza Schaffy. (Fottsetzung).

In dieser pietätvollen und zugleich poetischen Weise zeichnet Bodenstedt das Bild Mirza Schaffys,wie es vor seinen; geistigen Auge stand, indem er sein Wesen in den Liedern und Sprüchen sich abspiegeln ließ, die er ihm in den Mund legte und die in der That unter den An regungen entstanden waren, welche er ihm verdankt." Nähere Aufklärung über die Entstehung der Lieder findet man in BodensteblsTausend und ein Tag im Orient," ein von den zahlreichen Freunden Mirza Schaffys leider zu wenig beachtetes Buch, daS gleichsam als der Schlüstel zu den Liedern gelten kann und uns den Dichter wie den Mirza lebendig vor Augen sührt.

Erst in neuerer Zeit ist es gelungen, bas über Mirza Schaffys Herkommen schwebende Dunkel aufzuklären. Nach­dem er durch Bodenstedt einen Weltruf erlangt hatte, konn­ten Reisende, wie Brugsch, in Tiflis selbst dennoch keine Auskunft über ihn erlangen. Dem russischen Staatsrath Berge erst gelang es, den Schleier zu lüsten und legte derselbe das Resultat seiner Nachforschungen in derZeit schrist der deutschen morgcnländischen Gesellschaft" (Jahrg. 1870) nieder.

Schwerlich," sagt Herr Berg« über Mirza Schasfy/ vermag die Literaturgeschichte irgend eines Volkes einen anderen, derartigen Fall aufzuweisen, wie ihn die Persön­lichkeit bietet, welche zum Vorwurf gegenwärtiger Abhand­lung dient. Von allen Poeten JrLnS, angefangen von Rudeki und Firdousfi bis zu denen der uns zunächst lie­genden Zeit, giebt es keinen, der so wenig in seinem Vater­lande bekannt gewesen und gleichzeitig eine solche Berühmt­

heit außerhalb deffelben erworben hätte, wie Mirza Schaffy. Daß Mirza Schaffy in Wahrheit extstirt hat, ist ein Fak­tum, welches keinem Zweifel unterliegt."

Wir erfahren nun von Berge weiter, daß Schaffy*) der Sohn eines Baumeisters Kerbelay Ssadyc war, der den Sohn in die Medresta von Gandsha zur Erinnerung ter arabischen unb persischen Sprache gethan hatte. Schaffy sollte sich dem geistlichen Stande widmen, jedoch starb fein Vater, als er noch in der Medresta war. Auch diese mußte er verlosten, als er sich für einen aufgekärten Mann aus Tawris, Hadshi Abdulla, begeistert batte; dieser em­pfahl indessen den jungen Schaffy ber Tochter Dshewad Chans, Püstä Chanum, welche einen Mirza zur Verwaltung ihres Hauses suchte. Die Fürstin nahm Schaffy zu sich, der nun fortan Mirza Schaffy genannt würbe. In Folge des 1826 zwischen Persien und Rußland ausgebrochenen Krieges mußte die Fürstin aber von Haus unb Hof flüch ten, und Mirza Schaffy war auf den Erwerb für Ad- schristen angewiefen, wenn er nicht seinem Freunde Hadshi Abdulla, der gleichfalls durch den Krieg viel Verluste ge­habt hatte, ganz zur Last fallen wollte. 1831 starb auch dieser unb hinterließ ihm eine kleine Summe, um deren Hälfte er bereits betrogen wurde. Es ging ihm nun lange Zeit traurig, bis er endlich 1840 eine Stelle alb Lehrer an der Kreisschule zu Tiflis erhielt. Später wurde er Lehrer der tatarischen Sprache am Gymnasium. Mirza Schaffy starb in Folge einer Magenentzündung, die un­gefährlich zu verlaufen schien. Unglücklicher Weise aber, ließ er gegen den Rath des Arztes es sich beifallen, Wein

*) sprich: schaffy.

trauben zu naschen, bie er durch den ihm aufwartenden Knaben holen ließ. Ein Freund Mirza Hastan au« Or- bubab, der ihn bei dem Genuß bet Trauben überraschte, suchte ihm vergebens den Teller zu entwinden:

Da in Deiner Krankheit Weinbeeren Dir ein Gift sind und Du Deine Unvorsichtigkeit mit dem Leben büßen könntest."

Und wozu dient mir das Leben?" erwidette Mirza Schaffy;habe ich denn noch nicht genug Ungemach er­fahren und Drangsale erduldet? Oder willst Du, daß ich noch 3, 4 Jahre in ber unfläthigen Atmosphäre armenischer Buben hinbringe?"

Bei biesen Worten verzehrte er noch einige Beeren. Dies geschah um 11 Uhr Morgens; um bie Mittagszeit stellte sich bei ihm Hitze ein, um 4 Uhr Nachmittags ver­lor er die Sprache und verschied in ber Nacht vom 16. auf den 17. November 1852 im Alter von etwa sechzig Jahren.

So viel über Mirza Schaffy, den Man«, der unbe­wußt einem deutschen Dichter den Impuls zu Dichtungen gab, welche in der deutschen Dichtkunst für alle Zetten als seltene Perlen in dem Diadem ihres Autors glänzen wer­de», wie sie, nach dem Ausspruche der in Tiflis erscheinen­den armenischen ZeitungKrock",Tiflis mit einem Heiligenscheine umgeben und dasselbe poetisch höher verklärt hoben, als jemals durch die Lieber aller einheimischen Poeten geschehen ist." Gestaltete sich doch die 25jährige Jubelfeier deS serbischen Nationaldichters Jovan Jovano- wttsch zu einer wahren LandeSfeier, weil eine« der Haupt­werke des Dichter« « ber Bodenstebt'scheu llebersetzung der 1 Siebet beS Mirza Schaffy bestand, und unter den vielen