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Marburg, Dienstag, 20. April 1875.

L Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Amwnren-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln k ; Rudolf Mosse in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L. Daube & Co. in Frankfutt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfutt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- mryer in Berlin; Carl Schüß» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Wetttagen nach Sonn- und Feiettagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrtrteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buch druckereij bezogen 24 Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. lexl. Bestellgebühr). - Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Abreffen werden 25 Pfg. berechnet.

Die Rede«

welche Fürst Bismarck in den letzten Tagen im Herren­hause und im Abgeordnetenhaufe gehalten hat, bezeugen eine neue Wendung in dem kirchenpolitischcn Kampfe. Was schon längst kein Geheimnitz mehr ist, wird von ihm diesmal ausdrücklich bestätigt. Di« Regierung hat ficd entschlossen, aus der bisher beobachteten Defensive heraus zu treten und zur Offensive überzugehen.

Wenn hie und da an die R^en deS Reichskanzlers im Herrenhause Mc Befürchtung geknüpft wurde, Fürst Bismarck wolle stch wieder enger mit seinen alten Partei genossen, den Altconservativen, verbinden, und seine Ver hältnisse mit den Liberalen lockern, sft ist dies jedenfalls ein großer Jrrthum. Fürst Bismarck kann überhaupt nicht als Mitglied dieser oder jener parlamentarischen Fraktion angesehen werden, er ragt über dieselben weit hinaus; seine Politik, seine Stellung, feine staatsmännischen Aufgaben erlauben eS ihm gar nicht, wenn seine Auffaffung nicht überhaupt über die Schranken der Partei hinaus- gingen, sich einer solchen anzufchließem Sr strebt vielmehr danach, «ine vollständige Coalttion aller derjenigen Par teien herbeizusühren, welche bereit sind sein großes Werk zu stützen. Es ist nun ganz natürlich, wenn er feine Freude darüber ausspricht, daß die Altconservativen, welche sich bisher seiner kirchlichen Politik feindselig erwiesen haben, sich derselben anschließen, indem sich die Nothwendigkeit der Abwehr gegen die Encyklika anerkennen.

ES ist also' die Abstimmung im Herrenhause als ein neuer Sieg des Fürsten Bismarck zu bezeichuen, weil jetzt mit Ausnahme der Ultramontanen, und eines Häufleins Unversbnlicher, alle Parteien, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Link,», die Politik des Reichskanzlers richtig würdigend, derselben beitreten. Außerdem aber sind die letzten Reden des Reichskanzlers dadurch bedeutend, daß sie ein vollständige- Programm ruthallen, und dies offen darlegen. Es handelt sich nicht mehr bloß am dir Zurückweisung der päpstlichen Uebergriffe, sondern um eine vollständige Befreiung von der päpstlichen Suprematie. Die Aktion deö Reichskanzlers tritt damit überhaupt aus den engen Grenzen der nationalen Politik heraus; mehr und mehr zeigt eS sich, daß diese Frag« nachhaltig und auf internationalem Gebiete zu lösen ist. Zunächst sollen die Angriffe zurückgewiesen werden, welche die Jesuiten und ihre Anhänger gegen da« deutsche Reich combiniren, indem sie gleichzeitig von verschiedenen Seiten den Gegner atv greifen, um ihn zu verwirren, wie noch vor kurzem gleich, zeitig eine Brandschrift d«S Herzogs von Grammont, und die Brochüre de« Erzherzogs Johann Salvator erschienen, und in ItalienEnthüllungen" hinausgelassm wurden, und wie jetzt wieder der Versuch gemacht wurde, den Kaiser

Franz Joseph gegen Deutschland aufzuhetzen, den Grund zu einer katholischen Liga zu legen, und die diplomatischen Vorgänge zwischen Belgien und Deutschland an die Oef- fentlichkeit zu ziehen. Aber auch diesmal scheinen die Jn- triguen der Jesuiten durch rechtzeitige Aufdeckung fehlge­schlagen und die Gefahr einer Complication abgewendet- zu seift. So ist denn auch zu hoffen, daß es dem Reichs kanzler gelingen wird, seine große Politik mit Erfolg zu krönen, und die übrigen Mächte zu einer Coalition und gemeinfamen Schritten gegen die päpstlichen Umtriebe zu vereinigen.

Tagesbericht.

Der Aufenthalt des Kaisers in Wiesbaden ist auf 14 Tage berechnet, die Rückkehr wird am 3. Mai erwartet, worauf dann die militärischen Frühjahrs Besichtigungen be­ginnen.

Der WienerPresse" zufolge hätte der deutsche Kaiser an den König von Italien ein im herzlichsten und freund­schaftlichsten Tone gehaltenes Handschreiben gerichtet, worin er seine Befriedigung über denliebenswürdigen Besuch" ausdrückt, den König Victor Emanuel in Venedig- erhalten. Mit Worten herzlichster Sympathie für den Kaiser Franz Josef und den König Victor Emanuel gebe der Kaiser seinen Wunsch kund, daß der Besuch die Bande der Freund- schäft zwischen den Herrschern Oesterreichs und Italiens befestigen möge, eine Aussicht, die den Kaiser mit lebhaf­tester Genugthuung erfülle. DiePreffc" sagt ferner, der Besuch Kaiser Franz Josefs in Venedig sei schon im voraus den Höfen von Berlin und Petersburg angekündigt und dort bestens ausgenommen worden.

Der Redacteur derGermania", Thieme, wurde wegen einer durch einen Zeitungsartikel begangenen Majestäts- Beleidigung und Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgesetze zur Untersuchung gezogen und gleichzeitig auf Antrag der Staatsanwaltschaft nach dem Beschluß des Stadtgerichts wegen der Höhe der eventuell zu verhängen­den Strafe und des Verdachtes der Flucht verhaftet.

Die ultramontane Aristokratie im Poscnschen soll, nach glaubwürdiger Mittheilung, eine nicht geringe Aufgabe übernommen haben; sie will die stellenlos gewordenen Geistlichen unterhalten. Sie nimmt, größerer Verschwiegen­heit halber, den zu Unterhaltenden nicht im eigenen Hause auf, fondern auf irgend einem Vorwerke bei Octonomen oder bringt ihn selbst in irgend ein kleines Städtchen, wo er die nölhigen Unterhaltungsmittel erhält. Viele von den betreffenden Geistlichen scheinen stch dabei ganz wohl zu befinden und diese Art von Märtyrlhum nicht übel zu ertragen. Durch dies Verfahren bildet sich eine für unvor­hergesehene Fälle stets bereite Reserve, die auch bei Ex-

communicationen zu verwenden wäre. Die Zahl dieser so im Stillen der Gelegenheit wartenden Geistlichen soll stch nicht unbedeutend in der Provinz Posen sein.

Ueber die Neutralität Belgiens enthält dieTribüne" eine ihr von einem Militär eingegangene sehr wichtige und berückstchtigungSwerthe Darstellung. Es wird in derselben nachgewiesen, daß Deutschland bei einem Krieg mit Frank­reich, wenn Belgien neutral bleibt, sehr günstige Chancen hat, weil eS durch den Besitz von Metz und Straßburg den großen Vortheil eines Angriffspunkts aus vorgeschobe­nen Posten gegen Paris und Lyon hat. Würde aber die Neutralität Belgiens und Luxemburgs gebrochen, so könnten Frankreichs Armeen vor Köln und Koblenz erscheinen, ehe man dort Armeen concentrirt, und die deutsche Offensiv- stellung in der Flanke umgehen. ES ist daher von der größten Wichtigkeit, daß man sich deutscherseits schon jetzt dessen versichert, welche Haltung Belgien bei einem etwai­gen Bruch der Neutralität einnehmen würde; nach einer solchen Thal wäre es kindisch, Hülfe von den Garantie- Mächten zu erbitten, Noten und Proteste können daS Un­glück nicht gut machen, welches durch eine derartige Di­version geschehen kann, Falls sie uns unvorbereitet trifft. Wenn Frankreich uns auf der Linie von Basel angreift, d. h. in der Marschrichtung von Thionville-Basel, so muß es den Stier bei den Hörnern packen; will es das nicht, so muß es die Neutralität Belgiens brechen. Uns gegen diese immerhin mögliche Eventualität zu sichern, das ist die belgische Frage.

Die in letzter Zeit vielbesprochene Note vom 3. Februar, welche vom Grafen Perpoucher dem belgischen Minister der auswärtigen Angelegenheiten übergeben wurde, hat sol- genden Wortlaut:Der Unterzeichnete rc. hat den Auf­trag erhalten, Seiner Excellenz dem Minister der auswär­tigen Angelegenheiten Sr. Majestät des Königs der Belgier, Herrn Grafen d'ASpermont-Lynden die vertraulichen Be­sprechungen ganz ergebenst in das Gedächtniß zurückzurufen, welche er selbst, sowie sein Stellvertreter und fein Amts­vorgänger mit Sr. Excellenz über die Einwirkungen der Handlungen belgischer Unterthanen auf die innern Ver­hältnisse benachbarter Staaten und deren rechtliche Beur- theilung zu halten die Ehre gehabt haben. Anlaß zu den­selben gaben früher in den Jahren 1872 und 1873 von einzelnen belgischen Bischöfen erlaffene Hirtenbriefe und andere Veröffentlichungen, und neuerdings eine von dem Comite des oeuvres pontificales in Brüssel an den Bi­schof von Paderborn gerichtete, in demBien Public" vom 25. v. M. veröffentlichte Abreffe. In diesen Kundgebungen war Theilnahme und Ermunterung für die in Auflehnung gegen die Gesetze und die Staatsgewalt begriffenen Geist- lichen in Preußen in mehr ober weniger aufreizendem Tone

Der Galcerensclaße.

Novelle t von Karl Wartenburg.

(Schluß.)

Aber roaru» habt Ihr das getha«, Pierre?" frug bewegt der Maire,hat Euch Noth dazu getrieben?"

Warum ich'« gethan?" murmelte finster Pierre,um wieder unter Menschen zu kommen, die sich nicht schämen, mit mir umzugehen, mich nicht wie einen Hund verachten und wie einen Aussätzigen fliehen um wieder in's Bagno zu tommen."

.Der Wunsch wird Euch in Erfüllung gehen. Ihr wißt, es steht fünf Jahre Galeerenstrase auf dem nächt­lichen Einbruch mit Gewalt und man ist sehr streng gegen die Rückfälligen. Folgt mir in's Arresthaus bi» ich Euch morgen in die Conciergerie nach Pari« ab« liefere."

Als am anderen Tag, es war am 27. Juli des Jahres 1830, Pierre, von dem Maire und einem GenSd'arm eS- cortitt, vor der Barriere de la Rappse, am Quai de la Rappse, in Paris anlangte, sah man die Straßen mit Menschen bebtdt, das Pflaster aufgerifsen, Bewaffnete, di« Barrikaden auswarsen und auf denselben die dreifarbige Fahne aufpflanzten. Dazwischen tönte der Ruf:ES lebe die Charte,"Nieder mit Polignacl"

Der Maire und der GenSd'arm wechselten bedeutungs­volle Blicke und beeilten ihre Schritte, Pierre aber be­trachtete mit Entzücken die Trikolore, welche ihn wieder an die ruhmvollen Tage des Kaiserreichs erinnerte.

Sie waren jetzt am Place du Chatclet, da, wo die Rue St. Denis tn denselben mündet, angelangt, als ein Volkshaufe sie umringte und dem GenSd'arm zurief:

Nehmt die weiße Cocarde von Eurem Hute!"

Der GenSd'arm machte Miene, sich zu widersetzen, aber im Nu war er von der Menge umringt, entwaffnet

und als Pierre sich umsah, war weder der Maire noch der GenSd'arm zu sehen und er sich selbst überlassen.

In diesem Augenblick stürzte ein Haufen bewaffneter Männer, an deren Spitze sich ein polytechnischer Schüler befand, über den Platz; der Führer trug eine dreifarbige Fahne in der Hand.

Angeschlossen, Citoyen!" rief er Pierre zu,wenn Du Frankreich liebst; hier hast Du Waffen" und er drückte ihm einen Säbel in die Hand.

Der dreifarbigen Fahne würde Pierre bis ans Ende gefolgt fein.

Begeistert schloß er sich dem Trupp an, der übet den Quai de la Messagerie nach dem Pont Neuf map schirte.

Drüben stand ein Schweizerregiment, von einem fran­zösischen Oberst befehligt.Freiwillige vor!" rief der junge Polytechniker.

Einige zwanzig Mann, unter ihnen Pierre, drängten stch vor.

Die Brücke muß unser werden, Kinder!" rief der junge Mann,folgt mir, meine Braven."

Feuer!" cvmmandirte in diesem Augenblick« der Oberst.

Ein furchtbarer Schrei drang durch die Luft.

Marquis von Chambreuil, meine Stunde ist gekorn men!" schrie Pierre, der die Stimme des Obersten nur zu gut erkannte, als die Salve krachte und mit hochge­schwungenem Säbel stürzte er an der Spitze der kleinen Schaar über die Brücke.

Der Kampf war kurz und entschieden, zmn Schießen war kein« Zeit, di« blank« Waff« entschied, nach weni­gen Minuten war baS Schwcizerregiment auseinander ge­sprengt.

Als der junge Polytechniker die Trikolore auf der eroberten Brücke aufpflanzte und seine Schaar wieder um

sich sammelte, suchten seine Blicke vergebens einen der Kämpfer.

Wo ist bet Brave geblieben ?" fragte er endlich, dem ich auf dem Plare du Chatelet den Säbel gab, der zuerst über die Brücke drang und den Oberst vom Pferde stach?"

Hier liegt er, Commandant," antwortete ein Arbeiter; ich sah ihn fallen ein Bajonnetstich warf ihn nieder."

Er ruhe sanft," antwortete gerührt der junge Mann, er war ein Tapferer."

So starb Pierre der Galeerensklave._____________

Wie vorsichtig man mit Petroleum umgehen muß, das zeigt wieder der nachfolgende Fall. Am 3. d. M. stieß der PostamtSassistent M. in JSny (Württemberg) beim Sortiren der Postpackete die Petroleumlampe um, deren ganzer Inhalt sich sofort entzündete. Bei dem Versuche, die Poststücke vor dem schnell um sich greifenden Feuer zu retten, verbrannte er sich Hände und Gesicht und stürzte dann mit brennendem Haupthaar dem nahen Brunnen zu. Ein eben des Weg« kommender Bürger zog rasch den Rock aus, und erstickte das Feuer. Die Brandwunden sind je­doch so bedeutend, baß Herr M. in bas Krankenhaus ge- Ichaft »werben mußte. Im Postbureau wurde daS Feuer erstickt, doch soll baflelbe einen Schaben von circa 500 Gulden angerichtet haben. Genau an demselben Tage, aber 16 Jahre früher, verlor der Verunglückte durch Zersprin­gen einer Pistole ein Auge. Diesmal lief er Gefahr, durch die Brandwunden im Gesicht vollständig zu erblinden. Diese Gefahr ist glücklicherweise beseitigt und da« Befinden im Allgemeinen zufriedenstellend.__

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