\r. 90.
Marburg, Sonntag, 18. Aprll 1875.
x. Mrgeig.
Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M-, Berlin, Leipzig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. Dt. re.
Oftrhcssilcht Jrilung.
Anzeigen nimmt entgegen: die E^rdition d. Blatter, sowie die Annoncen-Bureaux von ®. L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.; Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete» meyer in Berlin; Carl Schütz» ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.
Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage „JllnstrirteS Sonntagsblatt durch die Expedition (K o ch sche Buchdruckerei) bezogen 2', Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. iexl. Bestellgebühr). - Jnserttonsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pfg. berechnet.
Politische Wochen-Ueberficht.
Die scheidende Woche war von allerlei düsteren Ge rüchten und Befürchtungen bewegt, die hauptsächlich aus für offiziös gehaltenen Zeitungsartikeln beruhten, die man mit übertrieben ausgebeuieten Ereignissen in mißverständliche Verbindung brachte. Zu letzteren Ereignissen gehörte, daß der im Februar stattgehabte Notenwechsel zwischen Deutschland und Belgien unerwartet zum Gegenstand der Polemik in der europäischen Presse und der Interpellationen im englischen Parlamente wurde, und ferner, daß die Reise des deutschen Kronprinzen nach Italien plötzlich ihres offiziellen Charakters und ihres Zieles entkleidet erschien, indem der hohe Reisende dieselbe am Montag nur in Begleitung der Frau Kronprinzessin und mit sehr geringem Gefolge antrat, und zwar nicht zum offiziellen Besuche deS Königs von Italien, sondern zunächst nur zu GesundheitSzwecken nach Oberitalien und an dessen Seen, ohne daß über den Anlaß dieser Aenderung des Planes bis jetzt zuverläßiges kund wurde. Indessen griffen in den letzten Tagen bereit« wieder beruhigtere Stimmungen Platz, die in den besonneneren Kreisen nie aufgegeben worden roaren. — Das Abgeordnetenhaus hat die zweite Lesung der Provinzialordnung beendet und ist Freitags an die Vorlage über Aushebung der Artikel 15, 16 und 18 der Berfaffung gegangen. Das Herrenhaus ist am Dienstag wieder zusammengetreten und hat in Betreff des Ootations- Sperrgesetzes die Erledigung ohne CommissionSvorberathung beschlossen und sofort seine Sitzungen der ersten Berathung gewidmet. In der bayerischen Abgeordnetenkammer wurde durch eine Interpellation deS Abg. Schleich das kirchenpolitische königliche Placet zur Sprache gebracht, worauf der Cultusminister Lutz die Erklärung abgab, die Regierung denke nicht an die Aufhebung desselben und würde dasselbe gern durch gesetzliche Strafbestimmungen wirksamer machen, falls nur eine andere Zusammensetzung des Landtags mehr Aussicht auf Annahme eines betreffenden Gesetzes gewähre. D« hesstschen Kirchengesetze, für welche die Uebereinstimmung beider Kammern erzielt sind, harren nunmehr der Vollziehung und Publikatton.
Die festliche Stimmung in Oesterreich während der ersten Aprilwoche ist der Conjecturalpolitik über die Er gebniffe der Monarchenconferenz in Venedig gewichen. So viel als ausgemacht, daß die Zusammenkunft als „ein Fest des Friedens und unwandelbarer Versöhnung dank baren und freudigen Herzens", um mit der „Montagsrevue" zu reden, „gefeiert ward". Das Bündniß der drei Kaifer» reiche wurde durch den Zutritt des Königs von Italien erweitert, doch in der Kirchenfrage eine zuwartende Haltung verabredet.
Heber daS Civilstandsgesctz und da« Gesetz über da« politische Stimmrecht der Schweizer Bürger hat der BundeSrath die Volksabstimmung auf den 23. Mai anberaumt.
DaS italienische Parlament ist am 12. wieder zusammengetreten, hat sich aber wegen unzugänglicher Zahl der anwesenden Deputirten bis zum 14. vertagt. Der König ist nach Neapel gereist.
Frankreich erfreut sich in vollen Zügen der Ferien seiner so unruhigen National Versammlung ; die Minister thun ihr Möglichstes, um ein gutes Einvernehmen gu les wahren und die republikanischen Zeltgenoffen reden so sänftiglich, als ob sie kein Wässerchen mehr trüben könnten. Auch in der auswärtigen Politik hat sich DecazeS des möglichsten GleichmutheS befleißigt und auch Cissey ein UebrigeS gethan, um zu verbreiten, daß das militärische Frankreich noch weitaus nicht zum Unfrieden in der Welt ausgerüstet sei. Dieselben friedlichen Versicherungen bildeten den Grundton der officiösen Organe bei dem Wetter leuchten, das plötzlich wegen der Weiterungen zwischen dem Deutschen Reiche und der ultramontanen belgischen Regierung entstand. Dagegen kam den republikanischen Blättern die Gelegenheit gar erwünscht, um die angeblichen „schwarzen Punkte" am politischen Himmel möglichst in die Augen stechen zu laffen.
Außer den Nachrichten, daß die RegierungStmppen den Carlisten daS Fort ASpe bei Bilbao wieder abgenommen haben und daß der Generalcapitän Martinez Campos, nachdem er Ripoll besetzt, dem Carlistengeneral SavallS bis Seo de Urget gefolgt ist und diesen Platz zu belagern Anstalten trifft, kommt vom spanischen Kriegsschauplätze nur die grausige Miltheilung, daß die Carlisten in Estella acht Kriegsgefangene durchs LooS ausgewählt und erschossen haben, wie sie behaupten, als Vergeltung für den Tod von acht Carlisten, die in Martin de Unx ermordet worden feien.
Der deutsch - belgische Notenwechsel hat in England in der Presse sowohl, wie auch im Parlamente großes Aufsehen hervorgerufen, und im Unterhause sogar zu zwei Anfragen geführt; die Beantwortung aber namentlich der zweiten derselben von LewiS gestellten, durch Disraeli selber wird dazu beittagen, die zum großen Theil über triebenen Vorstellungen und Befürchtungen zu zerstreuen, die von dem Inhalt jener Note gehegt und daran geknüpft wurden. Im Udingen hat die englische Preffe beider Parteien mit kaum nennenSwerthen Ausnahmen aus Veranlassung der jüngsten preußischen gesetzgeberischen Maßregeln gegen den unbotmäßigen römischen Elerus sich in einer bisher noch nicht dagewesenen Schärfe gegen die dericalen Ansprüche und zu Gunsten bechpreußischen Volksvertretung und Regierung geäußert.
In der belgischen PrSseutantenkammer stellte Herr Dumortier eine Interpellation wegen deS Notenwechsels zwischen der deutschen und belgischen Regierung und fragte, ob die deutsche Regierung eine Aenderung der belgischen Verfassung verlangt habe, wie die Blätter berichteten. Die Antwort deS Ministers steht noch aus.
fr------
Der Galeerensklave.
Novelle do« Karl Marienburg.
(Fortsetzung statt Schluß.)
Pierre ging die Dorfgaffe hinauf auf daS Haus zu, wo er heute so schnöde abgewiesen worden war. Es begegnete ihm Niemand als ein junges Weib, das bei einer Nachbarin zum Besuch gewesen, und der Pierre eine gute Nacht wünschte, aber sie sprang scheu zur Seite. „Der Forcat", flüsterte sie und eilte weiter. „Es ist EmS rote das Andere", sprach Pierre bei sich und schritt mit raschen Schritt auf das Gehöfte zu. Dieses war mit einer niedrigen Mauer umgeben, an welcher an vielen Stellen die Steine herausgefallen waren. Mit Leichtigkeit schwang sich Pierre hinauf und mit einem Satz ist er in dem Hof. Hier blieb er einen Augenblick sich umsehend stehen. Es war Alle« ruhig, kein Laut ließ sich vernehmen; er hört das Hämmern feines Herzens und das Klopfen feiner Pulfe.
Wenig« Schritte entfernt von ihm war der Hühnerstall, durch eine hölzerne Thür verschlossen. — Er näherte sich ihr, brach den schwachen Riegel entzwei und langte von der Hühnersteige einen Kapaun herunter, während daS andere Hühnervolk erschrocken durcheinander flatterte. Er drehte dem Vogel den HalS um und entfernte sich dann mit feiner Leute auf demselben Weg, auf welchem er in den Hof gekommen war. AIS er wieder draußen aus der Straße vor dem Gehöfte stand, rupfte er den Vogel und schlug den Weg nach feiner Wohnung ein. Hier angekommen, warf er den Kapaun in die Stube.
Der Tag war kaum angebrochen, so standen die Knechte unb Mägde im Hause des Nachbars auf und
sahen die zerbrochene Thüre des Hühnerstalles unb bie herumgestreuten Federn des Vogels, die bi« vor Pierre's Haus lagen.
„Herr Pepillot! Herr Pepillotl wir sind bestohlen worden, der Forcat ist bei und eingebrochen", so riefen die Magd und der Knecht und der erschrockene Bauer fährt mit der Schlafmütze aus dem Kopfe aus dem Fenster. Mit einem Blick übersieht er die Zerstörung — Er weckt seine Frau, die sich schleunig anziehen muß unb nun laufen sie Beide znm Maire, um Anzeige von dem nächtlichen Einbruch zu machen.
Dieser will eS kaum glaubest. „Was, der Pierre soll bei Euch eingebrochen haben? Wo denkt Ihr hin, Pepillot l Es ist zwar wahr, daß er auf der Galeere war, aber daß er ein Dieb fei — hm! hm! eS will mir nicht recht in den Kopf."
„Er ist'«, er ist's, Vater Canord", entgegnete die Bäuerin; „die Federn des Vogels liegen bis vor seiner Thür. — Ach der Barbarl meinem schönen, rotbraunen Kapaun den HalS umzudrehen, aber so einem Forcat kann man Alle« zutrauen."
Der Maire ist unterdeffen mit den Pepillot'schen Eheleuten aus dem Hause getreten und sieht nun auch die Spur der gerupften Federn, die bis an Pierre'« Schwelle führt. Er klopft an die HauSthüre, unb als man nicht öffnet, brückt er bas Schloß auf unb bringt mit Gewalt in's Haus, gefolgt von ben Eheleuten. Als er in Pierre's Stube tritt, erblickt er den gestohlenen Vogel auf der Diele liegen, während der Bauer sich noch im unruhigen Schlaf auf dem Lager hin unb her bewegte,
„Mein Kapaun! mein Kapaun! schreit Frau Pepillot
Da« dänische Folkething wird nun nächstens als „Ausschuß" zusammentreten, um Über Dänemarks Verhält- niß zum Auslande die Aufklärungen de« Ministeriums entgegenzunehmen unb darüber zu verhandeln.
Der schwedische Reichstag hat in den beiden Häusern den Antrag angenommen, daß der Staatsrath neu gestaltet unb ein wirkliches Ministerium mit einem Conseil« Präsidenten eingerichtet werde. Doch muß, da eine Verfassungsänderung darin liegt, noch einmal in der nächsten Session darüber Beschluß gefaßt »erben.
Der Kaiser von Rußland hat am 8. d. M. den spanischen Botschafter Marquis de Bedmar ht Audienz empfangen. Großfürst Alexis begibt sich mit seinem Flaggen« schiff, der Fregatte Sswetlana, auf ein Jahr in« Mittelmeer und der Klipper Kreisser als erstes ruffisches Panzerschiff, daS eine Fahri um die Erde macht, nach dem Stillen Ocean.
Die griechische Deputirtenkarnrner hat noch den neuen Vertrag mit der Laurion-Bergwerksgesellschaft gutgeheißen und ist dann durch ein den Schluß der Session verfügendes königliches Decket nach Hause entlaßen worden.
Tage-berichL
Das. kronprinzliche Paar reist in Italien unter dem Namen „Graf und Gräfin von Lingen". Sogleich nach ihrer Ankunft in Innsbruck besuchten, wie der „National- Ztg." aus dieser Stadt gemeldet wird, bie hohen Reisenden Die Franciskanerkirche, besichtigten dort die Statuen der habsburgischen Fürsten, die Silberne Kapelle unb bas Kaiser - Maximilian - Denkmal und widmeten eine besondere Aufmerksamkeit den Collini'fchen Basreliefs, bie bekanntlich Thorwaldsen für ein Meisterwerk ber Skulptur erklärt hat. Bon ben Anwesenden ehrerbietigst begrüßt, verließen sie die Kirche unb machten trotz des eisigen Nordwinde« eine längere Rundfahrt.
Bei dem Reichs-Eisenbahnamte tritt, der „N. A. Z." zufolge, mit dem 1. Mai der allerhöchsten Orts zum kai» ferlichen Regierungsrath ernannte Regierungs- und Baurath Wiebe, bisher Mitglied der Kgl. Eisenbahn-Direction in Hannover, als zweiter technischer Rath ein. Da« Personal dieser Behörde besteht alsdann aus dem PrSst« Denim und fünf Rächen; dasselbe genügt jedoch nicht für den stetig und sehr erheblich wachsenden GeschäftSnmfang, und eS ist deshalb, da ber diesjährige Etat eine größere Zahl von Stellen nicht vorgesehen hat, vorläufig die Heranziehung mehrerer tüchtiger Hülfsarbeiter eingeleitet. Für daS Jahr 1876 soll auf eine entscheidende Vermehrung ber etatSmäßigen Stellen Bedacht genommen werden. ES wird dies um fo nothwendiger, wenn ber für die ersprießliche Wirksamkeit der Reichsbehörde wichtige Plan burch- gesührt werden soll: „daß die Mitglieder derselben von den Verhältnissen deS deutschen Eisenbahnwesens sich möglichst oft durch eigene Anschauung unterrichten und dadurch
unb stürzt sich auf ben gestohlenen Vogel zu, „sagt ich'« nicht, baß ihn der Forcat umgebracht hat?"
Bei diesem Lärm erwacht Pierre und richtet sich mit irren unb unftäten Blicken im Bett empor. — Im Schlaf hatte er das Ereigniß dieser Nacht vergeffen; ein Blick auf die 3 Personen in seinem Zimmer rief ihm Alle« in'S Ge- dächtniß zurück.
„Ihr seid heute Nacht bei Eurem Nachbar Pepillot eingebrochen und habt ihm einen Kapaun gestohlen, Pierre", redete ber Maire ihn an.
„Ja", erwiberte mit tonloser Stimme und finsterer Miene Pierre, ohne einen Versuch zu machen, seine Th« zu leugnen. (Schluß folgt.)
Offenbach, 12. April. Seit ungefähr 10 Wochen existiri in unserer Stadt eine allem Anscheine nach ziemlich zahlreiche Diebesbande, die sich einen höchst eigenthümlichen Erwerbszweig ausersehen hat. Diese Bursche befassen sich nämlich ausschließlich mit dem Stehlen von Mesflngkrahnm, Blei- unb Kupserrohren, wozu chnen die Bierbrauerrien, die GaS und Wasserleitung da« erforderliche Material liefern. Mit großer Vorkiebr staktrn fid namentlich den zahlreichen Neubauten gerne Besuche ab unb setzen mitunter, indem sie bie Bleirohre abschmiden, ganze Stockwerke unter Wasser. Zahlreiche, sogar kühn ausgeführte Diebstähle btefer Art stnb zu verzeichnen unb mehrten sich biefelben namentlich in ben letzten Wochen. ES läßt sich leicht denken, daß die hiesige Polizei unausgesetzt die größten Anstrengungen macht, der Diebesbande ans die Spur zu kommen, iNdeffen ist es ihr bis heute noch nicht gelungen. Auch erscheint bie« um fo schwieriger da voraussichtlich zahlreiche Hehler bie gestohlenen Sachen rasch bei Seite schaffen.