Sr. 88.
Marburg, Freitag, 16. Aprü 1875.
x Jahrgang.
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OftrhMcht Inlung.
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9texie Vorgänge auf dem kirche» - politischen Gebiete.
Bei der Ankündigung des Gesetzentwurfs wegen Einstellung der Leistungen auö Staatsmitteln sür die katholischen Bischöfe wurde an dieser Stelle gesagt:
„Es ist ein ernster bedeutungsvoller Schritt auf einer Bahn, welche je nach der weiteren Haltung der kirchlichen Oberen zu einer durchgreifenden Umgestaltung der Beziehungen von Staat und Kirche führen kann." Die kirchlichen Oberen haben die Staatsregierung nicht lange in Ungewißheit darüber gelassen, daß eS in der That unerläßlich ist, auf der betretenen Bahn unverweilt weiter vorzugehen.
Das herausfordernde Rundschreiben, in welchem der Papst preußische Gesetze für ungültig zu erklären wagt, ist von einem preußischen Bischof amtlich verkündet und hierdurch die Uebereinstimmung mit dem anmaßenden Verhalten der römischen Curie dargelegt worden.
Die neueste gemeinsame Kundgebung der wiederum in Fulda versammelt gewesenen Bischöfe hat vollends von der tiefen Wandlung Zeugniß gegeben, welche in der Stellung der katholischen Geistlichkeit der Staatshoheit gegenüber eingetreten ist, und welche dem Staate die grundsätzliche Geltendmachung seiner Souverainetät auch gegen seine geistlichen Unterthanen zur unbedingten Pflicht macht.
Die Bischöfe haben von Neuem das ehrfurchtswidrige Spiel versucht, den König zum Schein von seiner Regierung zu trennen und bei Sr. Majestät angeblich Beschwerde zu sührm über Schritte, welche, wie Jedermann weiß, nur mit Allerhöchster Zustimmung und ausdrücklicher Genehmigung geschehen konnten und offenkundig durch des Königs Namensunterschrift bestätigt sind.
Die Bischöfe wisien sehr wohl, daß die verletzende Annahme und Anklage, als ob die monarchische Autorität sich ohne eigenen Willen zur Durchführung fremder Gedanken und Pläne hergebe, bei keinem Regenten weniger Anhalt und Boden hat, als gerade bei unserm Kaiser und König, welcher seinen fürstlichen Berus auch darin unbedingt ernst und streng auffaßt, daß er niemals zu wichtigen Maßregeln seine Zustimmung gibt, ohne von ihrer Nothwendigkeit, Angemessenheit und Berechtigung eine wirkliche persönliche Ueberzeugung gewonnen zu haben. Die Bischöfe wissen, daß der König nach seiner ganzen Stellung zu den kirchlichen Dingen gerade in dem jetzigen schweren Kampfe gewiß keinen bedeutsamen Schritt genehmigt oder zugelassen hat, ohne von dem Bewußtsein königlicher Pflichterfüllung getragen zu sein.
In der That hat der ganze herausfordernde Uebermuth i Roms dazu gehört, um dem Könige, ebenso wie allen po-f
lirischen Parteien die Nothwendigkeit der durchgreifenden Abwehr zu unzweifelhafter Ueberzeugung zu bringen; — es gehörte der rücksichtslose Mißbrauch der der katholischen Kirche durch die Verfassungsurkunde eingeräumten Freiheiten dazu, um den König, sowie alle ernsten Staatsmänner erkennen zu lassen, daß diese Freiheiten, so wie sie die römische Kirche versteht und handhabt, mit dem Rechte des Staates und mit dem allgemeinen Wohle unverttäg- lich sind.
Schon seit dem Bekanntwerden des päpstlichen Rundschreibens vom Februar war die Staalsregierung fortgesetzt mit der Erwägung beschäftigt, welche weitere Schritte der Gesetzgebung zur durchgreifenden Abwehr des römischen Geistes und Einflusses geboten seien, und, wie schon damals angekündigt wurde, sollte es sich nicht mehr um vereinzelte Maßnahmen, sondern um eine grundsätzliche Wah« rung der staatlichen Souverainetät gegenüber der grundsätzlichen Leugnung derselben handeln.
Die hierüber innerhalb der Regierung stattfindenden Erwägungen haben durch das neueste Verhalten der Bischöfe einen weiteren dringenden Antrieb zur Beschleunigung erhalten.
Indem aber die Regierung sich anschickt, mit der un erläßlichen weiteren Regelung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche auf dem Gebiete der LandeSgcsetzgebung und der Reichsgesctzgebung vorzugehen, glaubt sie in Preußen zunächst ein Bedenken und Hinderniß, welches bisher der Klarlegung dieser Beziehungen entgegenstand, vollends wegräumen zu müssen.
Die VersaffungS - Artikel über die Stellung der Kirche sind, zumal in der willkürlichen Deutung, welche denselben von katholischer Seite gegeben wurden, die hauptsächliche Quelle der eingetretenen Schwierigkeiten geworden. Dieselben bcruheten ihrem Wesen nach auf einem weitgehenden Vertrauen zu der damals bewährten staatlichen Treue der Geistlichkeit, einem Vertrauen, welches nach der tiefen Umwälzung in der Stellung Roms zu den weltlichen Staaten, sowie in der Stellung der Bischöfe zu Rom den früheren Boden verloren hat. Das ehrlich gemeinte, aber von vornherein gemißbrauchte Wort: „eine freie Kirche im freien Staate" hat gegenüber einem Papstthum mit Unfehlbarkeit und Syllabus keinen Sinn mehr.
Um daher grundsätzliche Klarheit in der Gesetzgebung Herstellen zu können, erschien es der Regierung als erste Pflicht, jene allgemeinen Verfaffungssätze, welche die Quelle der bisherigen Unklarheit waren, zu beseitigen und somit freie Bahn zu schaffen für eine praktisch wirksame Regelung der Beziehungen des Staates zur katholischen Kirche.
(Prov.-Cor.)
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| Tagesbericht
| Das Programm der Reise des Kaisers nach Wiesbaden ist folgendes: Abfahrt vom Potsdamer Bahnhof Sonnabend den 17. d. M., 11 Uhr Abends, Magdeburg Sonntag früh 1 Uhr, Börssum 2 Uhr 28 Minuten, Kreiensen 3 Uhr 31, Kassel 5 Uhr 35, Gießen 8 Uhr; von Gießen Morgens 8 Uhr 30, in Frankfurt 9 Uhr 50, in Wiesbaden 10 Uhr 50. Empfang und Begleitung finden nicht statt. Im Gefolge befinden sich Hofmarschall Graf Perponcher, General-Adjutant Graf v. d. Goltz, drei Flügeladjutanten, Geheimer Hofrath Bork und Leibarzt v. Lauer.
Zur Bestätigung der bisherigen Nachrichten über den Wechsel in den Reisedisposttionen des Kronprinzen hört man versichern, Italien habe sein Bedauern ausgedrückt, daß die Reise deö Kaisers Wilhelm nicht schon früher stattgefunden habe. Der ungünstige Eindruck in Italien könnte erneuert werden, wenn man die Reise als definitiv aufgegeben ansehen sollte. Aus diesem Grunde wurde von der offiziellen Vertretung des Kaisers durch den Kronprinzen abgesehen mit beidtkseitigem Einverständniß,. was, wie schon bemerkt, eine anderweitige Begegnung des Kronprinzen mit Mitgliedern der königlich italienischen Familie keineswegs ausschließt. In diesem Sinne haben, wie bestimmt verlautet, mehrere Berliner auswärtige Vertreter das Sachverhältniß in Berichten ihren Regierungen gegenüber dargestellt.
Das Reichskanzleramt ist mit den Einzelstaaten deS Deutschen Reiches in Unterhandlungen getreten, um die Uebernahme der Gendarmerie auf den Reichsetat anzu- bahnen. Es wird beabsichtigt, die Gendarmerie in eine Reichsgendarmerie umzuwandeln und unter ein Commando zu stellen.
Die vom Reichstage eingesetzte Commission zur Vor- berathung deS Gesetzentwurfes für Gerichtsversaffung, Strasprozeßordnung und Civilprozeßordnung wird ihre Berathungen am 26. d. M. beginnen.
In Bezug auf die politische Lage und den vielbesprochenen Artikel der „Post" sagt die „Prov.-Corr.": Besorgliche Erörterungen in einem angesehenen Blatte über die augenblicklichen politischen Verhältniffe haben in den letzten Tagen vielfach Befürchtungen in Bezug auf nahe Kriegsgefahren erweckt, welche in der wirklichen Lage der Zeit keine Begründung finden und welche inzwischen durch Aeußerungen von sicher unterrichteter Stelle beschwichtigt worden sind. Jene Betrachtungen gingen von den Wahrnehmungen in Betreff der neuerdings gesteigerten militärischen Reorganisationsarbeiten in Frankreich aus, brachten damit die gegen Deutschland gerichteten Bestrebungen der ultramontanen Partei in mehreren katholischen Ländern
Der Galeerensklave.
Novelle
von Karl Wartenburg.
(Fottsetzung.)
Sie waren indessen bei dem Hof angekommen. Pierre nahm Alles in Augenschein, — daS kleine Besitzthum gefiel ihm, er wurde mit dem Maire handelseinig und ein Notar setzte die Brrkaufsurkunde auf. — Den nächsten Tag zog Pierre ein und er fing an, das kleine Gut zu bewirthschasten.
Er war wieder ruhig und heiter, nur der Gedanke an die arme Annette, die nun schon so lange auf dem kleinen Kirchhof zu St. Preveux ruhte, trübte mitunter seine Ruhe; er hatte sich überdies vorgenommen, nie wie- der zu heirathen und obgleich manche hübsche, junge Bäuerin es nicht übel vermerkt hätte, wenn er sich ihr mit einem Antrag genähert und ihm gefällige Nachbarn dies auch nicht undeutlich zu verstehen gaben, so schlug er doch alle derartigen Anträge aus.
Er war nur drei Monate im Dorfe ansässig, die Bauern hatten ihn gern und achteten ihn; sie sagten selbst darüber nichts, daß er niemals zu bewegen war, Abends mit ihnen in die Gcmeindeschenke zu gehen und bei einem Schoppen Wein und einer Pfeife Tabak über politische Sachen zu schwatzen.
Denn eS sah damals im Jahre 1830 gar bedenklich in Frankreich auS; — man sagte, das Ministerium wolle die Charte aufheben und der König Karl laste sich nur von seinem Beichtvater leiten.
Eines Tages aber konnte Pierre dem Drängen deS Maire, mit ihm in die Gemeindejchenke zu gehen und ihm eine Verordnung, die er gestern vom Präsecten erhalten, den Bauern vorlesen und erklären zu helfen, nicht widerstehen.
Es war ein Sonntag — an einem Sonntag hatte
jenes unglückliche Ereigniß, das sein ganzes Lebensglück zerstört, — stattgefunden und nur ungern entschloß sich Pierre dazu.
„Ihr müßt unten in der Wirthstube bleiben", sagte der Wirth zu den Bauern und dem Maire, „in der oberen Stube habe ich eine Gesellschaft lustiger Pariser Arbeiter, die mit ihren Mädchen vor einer Stunde angc- kommen sind und ihren Sonntag auf dem Lande zubringen wollen, untergebracht. — Sie machen einen höllischen Lärm und ich glaube, sie haben schon unterwegs zu tief ins Glas gesehen."
Die Bauern waren unter der Zeit alle angekommen und der Maire wollte mit dem Borlesen der Verordnung beginnen; Pierre saß oben am Ende der Tafel, neben dem Schulzen und blickte gedankenvoll vor sich nieder.
„Der Herr Präfect," begann jetzt der Maire und setzte seine Brille zurecht, „der Herr Präfect hat mir gestern durch feinen Adjunkten eine Verordnung zukommen lassen, die ich Euch, der versammelten Gemeinde, vorlesen und erklären soll — wenn Ihr sie nicht versteht. Es handelt sich nämlich —"
Ein donnerndes Poltern auf der Treppe unterbrach ihn. Zugleich wurde die Thür ausgerisscn und eine Schaar weinlustiger Pariser Arbeiter mit ihren Grisetten drang ins Zimmer.
„Wo ist der Wirth?" schrieen sie, „er muß uns Musik schaffen, wir wollen tanzen und lustig sein — Sapperment I kann man in diesem Dorfe nicht ein paar Fiedler auftreiben?"
Entrüstet über diese Störung erhob sich der Maire von seinem Sitz und sagte, sich in die Brust weisend
„Aber wißt Ihr, Ihr Pariser Sausewinde, daß man nicht so ohne Umstände in ein Zimmer dringt, wo ein Maire seiner Gemeinde eine Verordnung des Herrn Präfekten erklärt, ich finde das sehr —"
„Trinette, was brummt dort der alte Kater mit der Brille auf der Nase?" unterbrach eine muthwillige Grisette die Ermahnung deö Maires, „kannst Du sein Knurren verstehen?"
Die Mädchen schlugen bei dieser Frage ein Helles Gelächter auf.
„Mademoiselle I misten Sie, daß Sie ein Naseweis sind l" rief erbittert der Maire und ballte seine Zipfelmütze zornig zusammen.
„Was? man will in diesem elenden Dorfe, wo man nicht einmal ein paar Fiedler zu einem Contre auftreiben kann, unsere Damen beschimpfen", rief ein junger Arbeiter, der seine Bravour vor den Grisetten sehen lasten wollte, — «vorgesehen, alter Brillenaffe, — man wird Dir MoreS lehren" und er schnellte den Pfropfen einer Weinflasche dem Maire mit solcher Gewalt auf die Nase, daß die Brille heradfiel und zerbrach.
„Was, Ihr Pariser Taugenichtse, wollt unfern Herrn Maire zum Besten haben?" schrieen die Bauern und stürzten auf die Arbeiter, deren Mädchen sich bei diesem Angriffe auf die Bänke und Tische flüchteten.
Wäre Pierre in diesem Augenblicke, der, in Gedanken versunken, den ganzen Vorgang nicht weiter beachtet, nicht dazwischen gesprungen mit den Worten: „Halt dal auseinander, — wollt Ihr Euch absichtlich todt- schlagen?" - eS wäre vielleicht eine blutige Schlägerei entstanden.
„Alle Hagel! Etienne", rief in diesem Augenblick einer der Arbeiter einem seiner Kameraden zu und faßte dabei Pierre scharf in's Auge, „ist das nicht der Forcat, der vor einem Vierteljahr noch bei uns arbeitete? Wahrlich, er ift's, — wie kommt Ihr denn in den Bauernkittel?" rief er Pierre zu, der bei dieser Anrede erbleichte, denn er sah, wie die Blicke der Bauern sich bei dem Worte