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jüfr. 87.

Marburg, Donnerstag, 15. April 1875.

x. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blatte-, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M., Berlin, Leip­zig, Cöln ic; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

OdrrhtUlht Jrihmg.

Anzeigen nimmt entgegen: die E^redition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daübe & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Juvalidendank, A-Rete- . meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erkckeint täalich außer den Werktagen nach Soun- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJlluftrirteS Sonntagsblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (exl. Bestellgebühr). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pfg.

Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Tagesbericht

Ueber das zu erwartende Gesetz wegen Aushebung der geistlichen Orden und Kongregationen verlautet, daß das Vermögen der gedachten Institute unter Sequester des Staates gestellt wird. Die Auflösung der Klöster rc. soll im Allgemeinen in 6 Monaten erfolgen, die der Unterrichts- Institute innerhalb 2 Jahren, die der Krankenpfleger Orden vorläufig gar nicht, jedoch in besonders gegebenen Fällen sofort. Die Ordensmitglieder, welche Privatmittel für die Kaffen der Klöster hergegeben haben, erhalten dieselben vom Staate zurück. Aeltere und kranke Klvsterleute werden aus Staatsmitteln bis zu ihrem Lebensende erhal­ten. Wie weit diese Angaben alle begründet sind, bleibt abzuwarten.

Der Feldmarschall Graf Friedrich Heinrich Ernst von Wrangel, geboren am 13. April 1784 zu Stettin, hat gestern sein 91. Lebensjahr vollendet. Er kann auf ein langes Leben treuer Dienste unter 4 Königen zurückblicken und war der gestrige Tag sicher von der wärmsten und allgemeinsten Theilnahme begleitet, um so mehr, daVater Wrangel", wie ihn die Berliner nennen, eine der po­pulärsten Persönlichkeiten ist.

Das Stadtgericht in Berlin erkannte anläßlich der Verurtheilung von 5 Frauen wegen Vergehen gegen das Vereinsgesetz auf Schließung des Arbeiter - Frauen- und Mädchenvereins.

DieOstd. Ztg." meldet vom gestrigen Tage: Der Weihbischof Kybichowski in Gnesen erhielt eine gerichtliche Vorladung zu einem Termin auf den 16. d. Mts. Der Gegenstand der Bernehmung soll dem Vorgeladenen im Termine mitgetheilt werden. Für den Fall des ungehor­samen Ausbleibens sind Zwangsmaßregeln angcbrofo. Auch der Domherr Wojciechowski ist zum 14. d. Mts. in der Delegatenangelegenheit zum Termine vorgeladen. Der Propst Gimzicky aus Wielibhowo, welcher auf vorigen Montag zum Termine vor Gericht geladen war, hat am Sonntag nach der Predigt seinem Vicar die Leitung der Parochie übertragen. Bei seiner Vernehmung vor dem Kreisgericht in Kosten verweigerte er jegliche Auslaflung über den Dele­gaten, in Folge besten er sofort verhaftet wurde.

Aus Wien wird über die guten Aussichten für ben zu erneuernden Handelsvertrag mit Italien berichtet. Wie die offiziöseMontagsrevue" erfährt, hatten die Handelspoltti­schen Referenten des österreichischen und ttalienischen Eabi- netS in längeren Konferenzen die Gelegenheit zu einem umsastenden Meinungsaustausche, wobei sich die volle Ge­neigtheit der italienischen Regierung, den Wünschen Oesterreich-UngarnS bereitwillig entgegenzukommen, und ebenso die Gewißheit herausftellte, daß der neue Handels­vertrag rasch zu Stande kommen werde. Die Besprechun­gen über die Pontebabahn führten zu der Abmachung, daß

Der Galeerensklave.

Novelle

" von Karl Wartenbukg.

(Fortsetzung.)

. Er wendete sich gegen seine Leute und sagte:

Meine Freunde! Ihr kennt das Wort der Schrift, welches spricht: im Himmel ist mehr Freude über einen Sünder, der Buße thut, denn über hundert Gerechte; dieser Unglückliche "

Wohlan, Herr Goujon!" unterbrachen ihn mehrere aus der Menge, welche die Absicht ihres Ehefs ahnten, Sie wollen den Format nicht entlasten; wohlan, so gehen wir kommt Kameraden." Und fast sämmtliche Arbeiter machten Miene, daS Ktabliffement zu verlassen.

Herr Goujon kämpfte einen schweren Kamps mit stch; hörten die Arbeiter auf zu arbeiten, so stand seine Fabrik still, die versprochenen, coutractmäßig abzuliefernden Ar» beiten konnten nicht zur bestimmten Zett fertig sein und er mußte dann eine für diesen Fall bestimmte, hohe Kon­ventionalstrafe bezahlen. Der Kredit und die Existenz seines Hauses stand auf dem Spiel. Die Arbeiter wußten dies und deshalb waren $ hartnäckig in ihrem Ver­langen.

Der Unglückliche, welcher her Gegenstand dieser Auf- r^ung war, machte dem Streite selbst ein Ende. Er erhob sich und indem er zu Herrn Goujon trat, ergriff er dessen Hand und murmelte:

Ich danke Ihnen, Herr Goujon, für Ihre Liebe und Ihre Menschttchkeit; aber ich würde ein viel ärgeres Ver­brechen begehen als das, welches mich in den Bagno ge bracht, wenn ich die Ursache sein sollte, daß Sie zu Grunde gerichtet würden. Leben Sie wohl. Herr Goujon!"

Und er verließ mit langsamen Schritten und trauriger Miene den Ort, wo er ein gWcS Jahr so glücklich in

Oesterreich den Bau dieser Linie beginnt, sobald Italien die letzte zum Anschluß noihwendige Strecke in Angriff nimmt.

Die ungarischen Blätter besprechen die gegenwärtige Lage in einer Weise, die für Deutschland sehr günstig ist. DerKözerdeck" hebt hervor, daß wenn Graf Andrassy fallen sollte, die Ungarn stch auf einen Krieg für Deutsch­land niemals einlaffen werde. Ungarn wäre auch dem Grasen Beust, der für das Zustandekommen des Ausgleichs eintrat, zu Dank verpflichtet, und dennoch, als der Ver­dacht, daß es Graf Beust mit Deutschland nicht ehrlich meine, rege wurde, erhob stch das ungarische Kabinet wie ein Mann, um den maßgebenden Einfluß Ungarns auf die äußere Politik zu wahren. Umsonst würde die neue Liga auf einen Krieg gegen Deutschland sinnen, denn das ungarische Parlament würde nicht einen Soldaten und nicht einen Kreuzer für einen Krieg gegen Deutschland votiren. Um den Zweck zu erreichen, den die Liga ver­folgen würde, müßte man nicht allein den Grafen An­draffy stürzen, sondern zugleich die Magyaren in den pas stven Widerstand zurückdrängen und niederhalten. So lange letztere auf Grund des Ausgleichs im Genuffe ihrer Rechte sind, ist die Möglichkeit, daß Oesterreich-Ungarn sich gegen Deutschland wenden möchte und könnte, ausgeschlossen. Jene Regierung, .die den Kampf mit Deutschland ausneh­men wollte, müßte gefaßt sein, deck Kampf auch mit tln garn aufzunehmen. Die Resultate eines solchen Doppel kampfcs nach Außen und nach Innen sind aus den Zeiten Solferinos und Sadowas sattsam bekannt.

Das Verhältniß zwischen dem Papst und dem öster­reichischen Kaiser scheint ein sehr inniges zu fein. Während der Anwesenheit Franz Josefs in Venedig hat der Papst den Kardinal-Patriarchen Trevisano mit einem freundlichen Schreiben dort hingesandt, welches der Kaiser unverzüglich in gleichem Tone beantwortete.

Deutsches Keich.

# Berit», 13. April. Alle Nachrichten über wei­tere Absichten des Kronprinzen auf feiner italienischen Reise werden, wie bereits gestern erwähnt, als voreilig zu be­trachten fein. Als besänftigend nach den Allarmgerüchten möchte die Thatsache gelten, daß die Reise des Kronprinzen überhaupt erfolgt ist und daß der Kaiser in der nächsten Zeit nach Wiesbaden geht. Auch wird die Erklärung des englischen Premier im Parlamente über die Beziehungen Belgiens zu Deutschland einen beruhigenden Eindruck her- vorzurusen im Stande sein. Wenn die Börse und nament­lich die Berllner Börse noch unter den Befürchtungen von Gefahren steht, so ist dieses wohl nur ein Rückschlag der Stimmung in der vorigen Woche, da diese sich erst jetzt an der auswärtigen Börse kenntzeichnet und auf die deut seiner stillen Thätigkeit gewesen war. Vor dem Thore kam ihm noch einmal Herr Goujon nach und drückte ihm mit den Worten:Ihr hattet ja Eure Ersparnisse ver­gessen, Pierre!" ein kleines Packet in die Hand des Ar­beiters, murmelte:Gott fei mit Euch, Pierre, ich werde Euch nicht vergessen k" und eilte bann in's Haus zurück.

Pierre warf noch einen wehmüthigen Blick auf die Werkstatt und verließ dann mit raschen Schritten die Straße.

5.

Zwei Tage nach dem Vorfall in der Werkstatt des Herrn Goujon eilte in früher Morgenstunde ein Manu in der Tracht der Landleute um Paris an der Barriere de la Rappee vorbei, die Rue de Bercy hinunter, also ge raten WegS auf den unweit von Paris gelegenen Flecken Bercy zu. Dieser Mann war Pierre, der, als er am Abend seiner Entlassung aus dem Etablissement traurig in einem Estaminet saß und sein einfaches Abcndbrod verzehrte, in einem öffentlichen Blatte gelesen, daß ein kleines Bauern- gütchcn um einen niedrigen Preis, von welchem die Hälfte auf dem Gute stehen bleiben könnte, in der Nähe von Bercy zu verkaufe» fei. Weiteres sei daselbst vom Maire zu erfahren.

Er hatte kaum einen Blick auf die Anzeige geworfen, alS ihm ein heller Gedanke durch den Kopf fuhr.Wie", dachte er bei stch,wenn Du zu Deiner früheren Be schäftigunz, zum Ackerbau zurückkehrtest; Deine Erspar­nisse betragen 1000 Fr., die Güte des Herrn Goujon hat diese noch um 300 vermehrt, Du kannst also über 1300 Fr. verfügen; da die größere Hälfte auf dem Gute stehen bleiben kann, so wird man gegen Deine Zahlungsfähigkeit kein Bedenken haben und waS die Hauptsache ist, Du bist auf dem Lande sicher vor ähnlichen Erlebnissen, denn

scheu Plätze nachwirkt. DaS neue VerfassungSänderungS- gesetz scheint mit Bestimmtheit auf die Mehrheit sowohl des Abgeordnetenhauses als des Herrenhauses rechnen zu können, da, nach allen liberalen Stimmen zu urtheilen, ein Widerspruch von keiner dieser Fraktionen zu erwarten ist. Es würden sonach, da man auch konservativer SeitS die Nothwendigkeit dieser Verfassungsänderung anerkennt, eine abweichende Haltung dem neuen Gesetze gegenüber nur die ultramontane Partei und die polnische Fraktion einnehmen. Uebrigens hofft man um Mitte Juni das Gesetz perfekt zu sehen. In Regierungskreisen wird eine weitere Vor­lage, Aufhebung der geistlichen Orden rc., in Aussicht ge­stellt mit dem Bemerken, daß hiermit aber die Serie kirchenpolitischer Gesetze für Preußen abgeschlossen werde, weil man weitere Schritte auf diesem Gebiete für die Reichsgesetzgebung als opportun erachtet. Die Gründung einer nationalliberalen Zeitung in Berlin, über die ein Berliner Korrespondent nach Auswärts berichtet, scheint nach Ansicht unterrichteter Kreise ein ebenso imaginäre« Project zu fein, als das einer konservativen Zeitung. Beide Projekte werden für das Erste im Schooße tobt geborene Kinder sein.

Darmstadt, 11. April. DieDarmst. Z." schreibt unter offiziösem Zeichen: In Folge eines von dem ®e» fammtminiftcrium gefaßten Beschlusses ist das Ministerium der Justiz mit den Vorbereitungen zur Ausführung des Reichsgesetzes über die Beurkundung des Personenstandes und die Eheschließung beschäftigt. Die Absicht geht dahin, die StandeSbuchführung als einen Zweig der freiwilligen Gerichtsbarkeit in den Provinzen Starkenburg und Ober- Hessen der unmittelbaren Aussicht der Gerichte zu unter­stellen, in der Provinz Rheinhessen dagegen eS in dieser Beziehung bei bet dermalen bestehenden, die Oberaussicht der Staatsanwaltschaft mit sich führenden Einrichtung vor­erst zu belassen. Mit welchem Zeitpunkt die Einführung des Reichsgesetzes im Großyerzogthum erfolgen wird, läßt stch jetzt mit Bestimmtheit noch nicht voraus scheu. Nach § 79 des Reichsgesetzes tritt dasselbe mit dem 1. Januar 1876 in Kraft; eS bleibt aber den Landes - Regierungen Überlassen,daS ganze Gesetz ober auch den 3. Abschnitt und § 77 im VcrordnungSwege früher einzuführen." Ob unsere Regierung von dieser Befugniß früherer Ein­führung Gebrauch machen kann, hängt teilweise auch davon ab, wie bald die in 8 83 des Reichsgesetzes dem BundeSrathe vorbehaltene AusführungS - Verordnung er­lassen wird.

München, 13. April. Die Abgeordnetenkammer erklärte die Beschwerde Löwensteins von Fürth wegen Verletzung der verfassungsmäßigen Rechte mit 83 gegen 65 Stimmen für unbegründet. Einer Aeußerung Hafen- brädls, daß gegen die Ultramontanen in Vereinssachen eine sobald Du Eigenthümer bist*) bestimmt daS Gesetz --- hört die polizeiliche Kontrok auf."

Gedacht, gethan. Pierre konnte kaum den Morgen erwarten; er kaufte sich bei einer Trödlerin einen Baucrn- Anzug, steckte seine 1300 FrS. zu sich und eilte nach Bercy.

Es war in der Nacht starker Reif gefaHen, der die Beste und Zweige der Bäume versilberte, die November- luft wehte ihn rauh und scharf an, aber er fühlte es nicht. Ohne sich anfzuhalte«, eilt: er durch den schönen Park von Bercy mit seinen alten Eichen und Ulmen, wohin an warmen Sommer- und Heröftttmen die Pariser Grisetten mit ihren Geliebten ans dem lateinischen Viertel wall­fahrten, um auf grünem Rasen ihre Lieblingsspeisen: Ome­letten und gedämpfte wilde Kaninchen zu essen. O! waS für gehcimnißvolle Geschichten könnten diese alten Bäume mit den eingeschnittenen Buchstaben und Herzen erzählen, wenn sie reden könnten.

Am Eingang des Fleckens frttg Pierre nach dem Makrk. Mau wies ihn nach einem freundlichen, weiß und grün angestrichenen Haus.

Sie sind beauftragt, ein Bauerngütchen zu »er» kaufen," redete Pierre den Maire an, der die Zipfelmütze vom Kopfe nahm und denGlobbe", die Zeitung, aus welcher er feine politische Weisheit schöpfte, bei Seite letzte.

Allerdings," antwortete der Maire und warf einen Blick auf die etwas abgetragenen Kleider PierreS; indessen glaube ich nicht, daß"

Daß ich zahlun ,Sfähig Bin," fiel Pierre, der die Ge­danken des Dorfschulzen errieth, rasch ein.Darüber be«

*) Thatsächlich. Der Besitz von Grundeigentha» befreite bie Entlassenen von jener Verpflichtung.