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Marburg, Sonntag, 11. April 1875.
X. MjMg.
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Politische Wochen-Ueberficht.
Unser Kaiser hat nunmehr auf die ärztliche Erklärung, daß die Verschiedenheit des deutschen und des italienischen Klimas seinem wenn auch befriedigenden, so doch noch empfindlichen Gesundheitszustände nachthcilig sein könnte, seinem Reisewunsche nach Italien entsagt und den Kron Prinzen mit seiner Stellvertretung beauftragt. Der Besuch des Kaisers von Oesterreich in Italien hatte ganz denselben politischen Charakter, welchen der des deutschen Kronprinzen haben wird, nämlich die Kräftigung des Dreikaiserbünd- nisscS, dem, wie das halbamtliche Blatt Oesterreichs sich ausdrückt- „Italien nicht fern steht und an das es nun näher herangezogen wird". Die Conferenzen der preußischen Bischöfe in Fulda sind in kaum drei Tagen beendet worden. Ueber das Ergebniß ihrer Berathungen hat noch nichts Zuverlässiges verlautet. Das Abgeordnetenhaus, das am Montag wieder zusammengetreten ist, hat am 6. April das Dotationssperrgesetz in dritter Lesung ganz nach den Vorschlägen der Regierung angenommen und im Herrenhause schickt die reichsfreundliche Mehrheit sich an, die Zustimmung auch dieses Hauses möglichst zu beschleunigen, damit die Verkündigung und Ausführung möglichst bald erfolgen könne. In Heften hat die erste Kammer so eben über die von der zweiten Kammer mit deren Corn promitzvorschlägen. wieder herüberkommenden Kirchengesetzentwürfe ihren Beschluß gefaßt und sich bereits für die Annahme ausgesprochen
Ja Oesterreich wurde am 6. April die Session des Landtages eröffnet; in Prag sind neun czechische Deputirte, in Innsbruck sämmtliche Deputirte Südtirols erschienen. Seit dem 6. tagt der Congreß österreichischer Volkswirthe in Wim. In seiner letzten Sitzung im März beschloß das Ministerium noch den Erlaß der Verordnung, welche das Gesetz vom 7. Mai 1874 über den Religionsfonds ins Leben führt; diese Verordnung, welche die Einzel- bestimmungen enthält, wird in diesm Tagen publicirt werden. Das ungarische Abgeordnetenhaus trat am 1. April wieder zusammen und nahm am 2. das Pensionsgesetz für Volksschullehrer und am 3. daS Tra -'Portsteuergesetz nach lebhafter Debatte über die Finanzpolitik des Ca- binets an.
Im Berner Großen Rache ist über die Lage im Jura eingehender verhandelt worden und die Gefahr eines Conflictes zwischen dem Canton und dem Bundesrathe scheint bereits in den Hintergrund zu treten. Die Ratificationen des Weltpostvertrags waren bis zum 1. April von sämmtlichen Staaten, die den Entwurf unterzeichnet hatten, vollzogen, so daß der Vertrag zum 1. Juli d. I. in Kraft treten kann.
Für Italien war das hervorragenste Ereigniß der Woche der Besuch des Kaisers von Oesterreich, der von
der Bevölkerung Italiens als ein Ereigniß von größter und sehr günstiger Bedeutung aufgefaßt worden, nur nicht von der vatikanischen Partei, deren Organ, die „Unita Catolica", bei dieser Gelegenheit charakteristischer Weise mit schwarzem Rande erschienen ist. Der Empfang des Kaisers in Venedig ist ein glänzender gewesen. Nachdem außer dem Könige auch die Prinzen Humbert und Amadeus ihn begrüßt, fand im königlichen Palast bei der Prinzessin Margarita Vorstellung statt und später ein Familiendiner der fürstlichen Gesellschaft. Am Abend Feuerwerk, Illumination und Hofball. Am 6. ward bei Vigonza eine Truppenschau abgehalten, wobei 16,000 Mann aller Waffengattungen versammelt waren, nach der Rückkehr eine Gon- delsahrt nach dem Lido und danach großes Diner im Palaste. Nach dem Mahle zeigten sich beide Monarchen aus dem Balcon und wurden von dem auf dem Marcusplatze dichtgedrängten Publikum mit großer Begeisterung begrüßt. Am 7. nach dem Dejeuner begleitete der König den Kaiser nach Malamocco, wo did beiden Herrscher Abschied nahmen, worauf der Kaiser auf seiner Dacht Miramare nach Pola abfuhr, begleitet von einem italienischen Geschwader. Der König von Italien geht nach Neapel zurück.
In Frankreich haben die Generalräthe ihre Frühlings- Session eröffnet; Buffet wünscht nicht, daß politische Reden gehalten werden; indeß sind doch bereits von mehreren Präsidenten Kundgebungen zu Gunsten der am 25. Febr. geschaffenen Lage gemacht worden. Graf Chambord hat an seine Anhänger ein Schreiben gerichtet, worin er ihnen Weisung ertheilt, sich an den Wahlen für den Senat zu betheiligen. Der Finanzminister hat mit Rothschild den Vertrag wegen der Converfion der Morgananleihc, die am 1. October in Kraft treten soll, abgeschloften.
Zwar ist durch die neuesten Nachrichten in S p a n i e n die gleich von uns bezweifelte Behauptung, daß der in Catalonien befehligende Carlistengeneral Savalls schon seine Unterwerfung angekündigt habe, widerlegt worden, auch wird noch kein hervorragender Name unter den von Don Karloö abgefallenen Offizieren genannt; dennoch macht der innere Zerfall in den Reihen der Carlisten immer größere Fortschritte, und könnte die Regierungsarmee sich zu einem wuchtigen Schlage gegen die Hauptmacht des Feindes aufraffen, so dürfte ein geschloffener Widerstand der Empörung nicht mehr auf längere Dauer zu erwarten sein.
Am 5. d. ist daö englische Parlament wieder zusammengetreten und hat sich zunächst mit Spezialberathung des Armeebudgets beschäftigt.
Der dänische Reichstag, der seit dem 5. Oktober v. I. beisammen und noch immer nicht mit dem Finanz gesetz fertig geworden ist, hat nach vierzeh„tägiger Osterruhe
am 5. d. seine „Arbeit" wieder ausgenommen. Der Mehrheit im Folkething kommt es weniger darauf an, daß etwas geschaffen wird, als arauf, daß man an ihrem Eigensinn, allem, was von der Regierung kommt, Widerstand zu leisten, den eigentlichen Souverain des Landes erkenne.
Der Kaiser von Rußland will am 10. Mai in Berlin sein und dort, bevor er sich zur Kur nach EmS begibt, drei Tage verweilen. Der Großfürst Thronfolger hat zu seinen beiden Söhnen nun auch eine Tochter bekommen, welcher vom Kaiser der Name „Xenia" beigelegt worden ist. Die Deutschen in Petersburg haben am 1. April den Geburtstag des Fürsten Bismarck festlich begangen.
Die griechische Deputirtenkammer ist nun doch vollzählig geworden. Es sind zwar nicht 96 Abgeordnete anwesend; der Präsident Cassinati von Cerigo hat aber 85 Stimmen für ausreichend erklärt.
Tagesbericht.
Der „Kreuzzeitung" zufolge wird der Kronprinz näch- sten Montag nach Italien abreisen, um officiell in Vertretung des Kaisers den König Victor Emanuel zu besuchen. Noch ist nicht feststehend, ob die Kronprinzessin gleich mit» reist oder später folgt; im Gefolge des Kronprinzen werden sich mehrere hochgestellte Militärs befinden, deren Namen mit den letzten Feldzügen verknüpft sind. Als Ort der Zusammenkunft wird Florenz genannt. An diesen offici- ellen Besuch würde sich ein freundschaftlicher Besuch des deutschen Kronprinzenpaares bei dem italienischen Kronprinzenpaar in Monza anknüpfen.
Die „National - Zeitung" Höch daß nunmehr weitere kirchen-politische Vorlagen in Aussicht stehen. Insbesondere sei ein an die Vorlage über die Verwaltung des katholischen Kirchengemeindevermögens anschließender Entwurf über die Verwaltung des Vermögens der Biöthümer schon in der letzten Sitzung des Staatsministeriums angenommen worden.
Hinsichtlich eines Aufenthaltes des abgesetzten Bischofs von Paderborn in den zu seiner Diöcese gehörenden Bundesstaaten Gotha, Lippe und Waldeck geben einzelne Stimmen sich irrigen Besorgnissen hin. Die 3 Bundesstaaten stehen allerdings in Beziehungen zu dem Bischöfe von Paderborn, aber ein solcher ist in diesem Augenblick nicht vorhanden; gegen den Bischof Martin aber greift in Bezug aus seine Jnternirung das Reichsgesetz Platz und die preußische Regierung hält es für zweifellos, daß keiner der genannten drei Bundesstaaten dagegen Ausnahmemaßregeln statuiren möchte. Nicht ganz genau so, aber doch ähnlich, soll, wie versichert wird, der Fall mit dem Fürst- Bischof von Breslau und seinem Rückzug nach Oesterreich liegen.
Der Galeerensklede.
Novelle von Karl Wartenburg. (Fortsetzung.)
Die Berührung mit diesem Gesellen in dem Augenblick, wo ihn der Anblick seines TalismaneS an die schönen Zeiten der Ehre und deS Ruhmes erinnerte, war für Pierre entsetzlich.
„Schenken?" wiederholte der Raubmörder mit verwunderter Miene, „eine Grünmütze hat nichts zu verschenken; aber wir wollen um die Kette würfeln, wer gewinnt, dem gehört sie für heute."
Und et griff in die Tasche und holte einen kleinen, selbstgefertigten Becher von BuchSbaumholz und ein paar Würfel hervor.
„Hier, nimm und würfle", fuhr er fort, Pierre den Becher reichend.
Mit zitternder Hand ergriff ihn dieser, schüttelte und warf dreimal fünf.
„Fünfzehn l" schrieen einige Galeerensclaven, die sich als Zuschauer um die Beiden gestellt und mit leuchtenden Augen daS Spiel verfolgten: — „nimm Dich in Acht, Cadin, daß Dir der Rekrut nicht die Partie abge toinnt"
Cadin faßte den Becher mit wilder Gier, als handle es fich darum, eine Tonne Goldes zu gewinnen, schüttelte und ließ die Würfel auf den Fußboden hinrollen.
„Drei, sechs, fünf", schrien die wilden Gesellen, „macht vierzehn — Du hast verloren. — Cadin, zahle den Gewinnst auS."
Erbittert über den Verlust warf der Raubmörder Pierre die Glieder der Kette zu, so daß dieser im weiten Halbkreis herumgehen konnte, und rief:
„Morgen Revanche, Kamerad, wenn Du auf Ehre hältst."
Das war Pierre's erster Tag im Bagno.
4.
Nach zehn langen, langen Jahren, in denen ein Tag dem andern glich — daS Leben der Gefangenen fließt immer gleichförmig dahin — schlug für Pierre die Stunde der Befreiung. Man gab ihm seine alten Kleider wieder, — einige fünfzig Francs, die er während seiner Gefangenschaft durch allerlei kleine, in den Feierstunden verfertigte Schnitzarbeiten verdient und ein gestempeltes Stück Papier, auf welchem seine Personbeschreibung und die Bezeichnung „entlassener Galeerensträfling" stand. Zugleich bedeutete man ihm bei der Entlassung aus dem Bagno, daß er sich, wo er sich auch aufhalte, alle Monate am ersten auf dem Polizeibureau seines Wohnorts melden müsse, im Unterlassungsfälle werde er dafür Polizeistrafe erhalten.
So wanderte er an einem schönen Herbsttage von Rochefort weg, wohin, wußte er nicht; es war ihm jedes Winkelchen der Erde recht, nur nicht in St. Preveux, wo er einst glückliche, frohe Stunden verlebt und wo auf dem Kirchhof seine schöne Annette schlummerte, die Gram und Kummer in'S frühe Grab gebracht hatten. — Das Leben im Bagno hatte ihn nicht verwöhnt, seine kleinen Ersparnisse befriedigten seine Bedürfnisse und so brauchte er nicht die Mildthätigkeit der Menschen in Anspruch zu nehmen.
Aber allmälig wurde seine Baarschaft immer geringer, und als er eines Tags auf einem Hügel saß, von wo aus er eine große Stadt überblicken konnte und sein Geld überzählte, fand er, daß er kaum noch vier Francs hatte, also gerade so viel, um noch drei Tage davon leben zu können. — Nachdenklich stützte er den Kopf in die Hand und überlegte seine traurige Lage; was sollte er ansangen,
— wenn diese vier Francs aufgezehrt waren? Arbeiten? Er hatte darin bittere Erfahrungen gemacht; — oft hatte er sich, wenn er durch ein Dorf kam, den Bauern als Knecht angeboten, manche waren auch nicht abgeneigt gewesen, den starken, kräftigen Mann in ihren Dienst zu nehmen, aber wenn man dann nach seinen Papieren, seinen Dienstzeugniffen und Aehnlichem fragte und er aus seiner Mütze den Schein herausholte und sich als ent- lassener Galeerensträfling legitimirte, — wollte Niemand etwas mehr von ihm wissen und Viele jagten ihn wohl unter Schimpfen und Schelten, daß ein ehemaliger Formst (Galeerensträfling) die Keckheit haben könne, bei ehrlichen Leuten in Dienst zu treten, fort. Sie hörten nicht einmal darauf, wenn er ihnen sagte, daß er kein Dieb ober Fälscher — und ihnen fein unglückliches Schicksal erzählen wollte — wer sollte auch einem Galeerensträfling glauben?
DaS war Pierre's Lage, als er gegen Ende des Monats Oktober 1828 in später Nachmittagsstunde auf jenem Hügel saß und feine vier Francs traurig in der Hand hielt.
Ein vorübergehender Landmann störte ihn in seinen trüben Betrachtungen. Pierre sprang auf und nachdem er Iden Bauer gegrüßt, fragte er ihn, auf die große Stadt zeigend: „Könnt Ihr mir nicht sagen, wie die Stadt da unten heißt; ich bin fremd in der Gegend?"
Der Bauer sah den Fragenden mißtrauisch und ungewiß darüber, ob ihn Jener nicht zum Besten haben wolle, an und antwortete erst, nachdem Pierre seine Frage mit dem größten Ernst wiederholte: „WaS, Ihr seid ein Franzose, wie mir Eure Sprache sagt, und wißt nicht einmal, daß das Paris ist?"
„Paris?" fragte Pierre erstaunt, „das ist Paris?" (Fortsetzung folgt.)