Vr. 88.
JUarßurg, Sonnabend, 10. April 1875.
x. Zhrgaiiz.
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nlung.
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Tagesbericht
Es ist nunmehr, wie bereits telegraphisch gemeldet, fest beschlossen, daß die Reise des Kaisers nach Italien auf bestimmtes Anrathen der Aerzte aufgegeben ist und der Kronprinz und die Kronprinzessin im Auftrage des Kaisers den Besuch deS Königs von Italien am Hofe unseres Kaisers Ende dieses Monats erwidern. Der Kronprinz hat an den König Victor Emanuel telegraphisch diese Mittheilung gerichtet und dem König die Bestimmung des Ortes der ZusaMmeukunfi überlassen. Das kronprinzliche Paar reist mit großem Gefolge und der Kronprinz offiziell in Stellvertretung des Kaisers. Man wird nicht irren, wenn man annimmt, daß die in den letzten Tagen mehrfach zwischen dem Kronprinzen und dem Reichskanzler stattgehabten Erörterungen sich aus diese Angelegenheit be zogen haben. Der Kaiser hat sich also jetzt dem dringen den Wunsche der Aerzte gefügt, welche mit Rücksicht auf die wiederholten Erkrankungen des Monarchen im letzten Winter die größte Schonung für rathsam erklärt haben. Der Kaiser selbst hatte seit dem letzten Herbste den ausgesprochene» Wunsch, die Reise nach Italien zu unternehmen. ES war deshalb auch bereits ein vollständiger Reiseplan entworfen und es stand die Absicht fest, daß sich in der Begleitung des Kaisers der Reichskanzler Fürst Bismarck, die Feldmarschälle Graf v. Molike und v. Man teuffel und der General v. Göben befinden sollten. Es heißt, der übereinstimmende Rath der ärztlichen Autoritäten hätte den Kaiser bestimmt, diesen Plan aufzugeben.
Mit Bestimmtheit läßt sich jetzt melden, daß dem Landtage noch mehrere Vorlagen auf dem kirchenpolitischen Gebiete zugehen werden. Eine derselben wird die Verwaltung des BischumSvermögens zum Gegenstände haben. Die CommissionSberathungen im Abgcordnctenhause über die Vorlage wegen Verwaltung des katholischen Kirchen- gemeindevermögens sollten erst Donnerstag Abend beginnen. Es steht fest, daß die Commission die Bestimmung über das MitbeaussichtigungSrecht der Bischöfe aus dem Entwurf beseitigen wird.
Während man in Deutschland noch über die letzten Abmachungen der Bischöfe in Fulda völlig im Dunkeln ist, berichten die französischen Journale bereits mit voller Bestimmtheit, daß man beschlossen habe, in allen Diözesen mit der Veröffentlichung der päpstlichen Encyclica vorzugehen. Es scheint an dieser Mittheilung wenigstens so viel Wahres zu sein, daß die Veröffentlichung der Encyclica zur Sprache gekommen ist. Die Beziehungen deS deutschen Episkopats zu Frankreich erhalten dadurch, daß französische Blätter über die Conferenz bester und früher unterrichtet! sind, als die deutschen, ein sehr frappantes Licht. I
Die Berathungcn der Commission von Sachverständigen, welche^ zur Hebung der Pferdezucht berufen worden ist, wird am Sonnabend den 10. April, Abends 7 Uhr, im Handelsministerium ihren Anfang nehmen. Der Handelsminister wird persönlich den Vorsitz führen. Die Vcr sammlung besteht aus etwa 40 Mitgliedern, welche aus allen Provinzen der Monarchie gewählt worden sind, und alle in Betracht kommenden Richtungen vertreten. Die Versammlung soll dann für die verschiedenen Fragen Commissionen bilden, welche bis zur Mitte der nächsten Woche Material für neue Plenar - Sitzungen vorbereiten sollen.
Wie in der Conflictszeit die liberalen, so werden jetzt die ultramontanen Bürgermeister nicht bestätigt. Besonders in der Rheinprovinz ereignete sich dieser Fall in letzterer Zeit sehr häufig. Wie in Aachen der Heinsberger Landrath Hansten nicht bestätigt worden ist, so versagt jetzt die Düsseldorfer Regierung der Wahl des Bürgermeisters von Rees ihre Sanktion, und muthmaßlich werden die Stadtverordneten von Cleve, die vor einigen Tagen eine Bürgermeisterwahl vornehmen mußten, nicht mehr Glück haben.
Deutsches Reich.
** Berlin 8. April. Die gestrige Mittheilung der halboffiziellen „Prov.-Cor.", daß die Reise des Kaisers nach Italien auf den Rath der Aeizie aufgegeben sei, wird heute offiziell bestätigt. Der Leibarzt des Monarchen, Geh. Rath v. Lauer, hat sich entschieden dagegen ausgesprochen. Die ärztlichen Bedenken sind dadurch motivirt, daß selbst im Monat Mai der Temperaturunterschied beim Ucbcrgang über die Alpen ein so schroffer sei, daß der Gesundheitszustand des Kaisers bei seiner so großen Rei gung zur Erkältung gefährlich angegriffen werden könne. Bei dem notorischen und durch die gewichtigsten Interessen befestigten Einvernehmen zwischen Deutschland und Italien wird wohl kein unbefangener Beurtheiler glauben, daß die durch den Gesundheitszustand des Kaisers gebotene Ver- zichtleistung auf die Reise eine Erkältung in den freundschaftlichen Beziehungen herbeiführen könnte.—Die „Voss. Ztg " glaubt in ihrer heutigen Besprechung der Provinzial- ordnung, dieselbe in ein ungünstiges Prognostikon stellen zu muffen. Sic führt aus, daß weder die Provinzialord nung felbst, noch der Commijsionsbericht den Beifall der liberalen Partei finde und daher an das Zustandekommen des Gesetzes in dieser Session nicht zu denken sei. Die „Boss. Ztg." vertritt auch hier, wie gewöhnlich, nur die Ansicht des kleinern fortschrittlichsten Theils der Fortschritts- Partei. — Der Finanzminister hat eine Verfügung erlassen,
I durch welche sämmtliche preußische Behörden angewiesen werden, von jetzt ab die von dem Bundesralh angeordnete Benennung der 10 • Markstücke als Krone und der 20- Markstücke als Doppelkrone in Anwendung zu bringen. — In hiesigen politischen Kreisen erregt ein Buch des Straßburger Professors H. Geffken: „Staat und Kirche, in ihrem Verhältnisse geschichtlich entwickelt", große Beachtung. Das Werk greift in die lebendigsten und wichtigsten" Fragen der Jetztzeit ein. Das historische Material, welches der Vcrfaffer sehr übersichtlich geordnet vorführl, ist von hohem Interesse für die Beurtheilung der jetzigen Zeitfragen. Er stellt sich prinzipiell auf den Standpunkt der deutschen Politik und vindicirt dem Staate das Recht, die Grenzen zwischen Staat und Kirche zu bestimmen. In Bezug auf die neueste kirchen-politische Gesetzgebung stimmt der Verfasser nicht mit der Politik der deutschen Regierung überein, übt an ihr oft in scharfer Weise negative Kritik, gibt aber keine positiven Vorschläge. In dieser Beziehung hat die Schrift trotz ihrer gründlichen Gelehrsamkeit keine praktische Nutzanwendung und zeugt von einem mehr doktrinären als reaipolitischen Standpunkt.
Pofe», 6. April. Bei einem der hiesigen katholischen Domgeistlichen erschien gestern ein Mann, welcher unter Zeichen starker Erregung die Absicht äußerte, den Fürsten Bismarck zu erschießen, und sich das zur Ausführung dieses Vorhabens erforderliche Reisegeld nach Berlin von dem Geistlichen erbat. Letzterer wies das Individuum mit ernsten Worten ab und machte dann der Polizei von dem Vorfall Anzeige. Die Criminal-Polizei wurde sogleich in Thätigkeit gesetzt und war bis in . die Nacht hinein mit den Nachforschungen nach der vou dem Geistlichen dem Aeußern nach beschriebenen Persönlichkeit beschäftigt. Es ist auch ein Mann zur Haft gebracht worden, welcher der gegebenen Beschreibung ungefähr entspricht, doch ist die Identität desselben mit dem angeblichen Attentäter noch nicht bestimmt festgestellt.
Darmstadt, 8. April. Die erste Kammer nahm die Kirchengesetze, sowie die Eisenbahnvorlagen nach den Beschlüssen der zweiten Kammer an.
Stuttgart, 5. April. Der „Staats-Anzeiger" bringt zur Berichtigung verschiedener Zeitungs-Angaben eine halbamtliche Darstellung des Ordenswesens in Württemberg. Der Behauptung, daß der Orden der barmherzigen Schwe- tern in Gmünd sich eine ungerechtfertigte Ausdehnung, ge- geben habe, indem er ohne staatliche Genehmigung ja gegen seine eigenen Statuten, an sieben Orten des Landes ich auch der Erziehung widme, sowie daß* die Zweig- Nieserlassungen, die vom Mutterhause Gmünd ausgegangen, ohne besondere Genehmigung der Regierung gebildet wor-
Drr Galeerensclave.
Novelle von Karl Wartenburg. (Fortsetzung.)
Wenige Wochen später sah man in dem Hof des Gefängnisses zu Tulla, der Hauplstadt des Correge-Departe ments, eine schauerliche Scene. Man hatte aus allen Departementalgefängnisicn die durch die Assisen zur Galeere Verurtheilten nach der Hauptstadt gebracht und heute sollte der Transport der Gefangenen nach dem Bagno von Rochefort abgehen. Es war ein naßkalter November morgen, schwere Regmtropfen fielen von den gelben Blättern der alten Nußbäume, um die Mauern und Thürm- chcn deS Gefängnisses flatterte eine Schaar Krähen und Dohlen mit krächzendem Schrei und durch die finsteren, gewölbten Kreuzgänge hallte der Schritt der Schildwachen. — Jetzt wurde eö lebendig im Innern des Kerkerhauscs, schwere eiserne Thüren wurden auf- und zugeschlagen, Ketten klirrten und nach einigen Minuten wurde das Hauptthor geöffnet und eine Schaar wilder, wüster Gesellen stürzte in den Kettenhof, wie man den Platz des Gefängnisses nannte, auf welchem den Gefangenen die TranSpvrtkette angeschmiedet wurde.
Unter rohem Lachen und gemeinen Späßen stellten sie sich in Reih und Glied, um von dem Gefängnißarzt un tersucht zu werden, ob sie die Anstrengung des Marsches bis ins Bagno aushalten könnten. Unten, am Ende der Reihe stand Pierre, die Zähne auf die farblosen, bleichen Lippen beißend. Der Arzt hatte die Reihe der Gefangenen durchschritten und kam zu ^>em Letzten, zu — Pierre.
Pierre, dem die zehn Jahre auf den Galeeren nicht so entsetzlich däuchte», al- der Gedanke, mit Raubmördern, Giftmischern, Diebe», Fälschern, mit den abscheulichsten Bösewichtern an eine Kette geschmiedet zu werden, hatte noch eine leise Hoffnung durch den Arzt von der Gemeinschaft mit jenen Elenden befreit und allein nach seinem
Bestimmungsort geschafft zu werden. Aber die Anrede des Arztes benahm ihm gleich jede Hoffnung.
„Und Du, Galgenvogel," redete er Pierre an, „wie steht es mit Dir, wirst Du die Reise auf gemeinschaftliche Kosten mitmachen können?" und dabei untersuchte er die Brust und die Muskeln des Gefangenen.
Es mochte vielleicht durch langjährige Gewohnheit enlstandene Abhärtung ober Täuschungen durch die Gefangenen die Ursache sein, daß der Arzt in einer solchen Sprache mit den Verurtheilten redete: aber dem Pierre nahm sie den Muth, auch nur ein Wort um Befreiung von der Kettengemeinschaft bei dem Arzi zu verlieren.
Obwohl Pierre sich kaum aufrecht erhalten konnte, antwortete er doch mit tonloser Stimme auf die Frage des Arztes.
„Ich bin gesund, Herr Doctor, es fehlt mir Nichts.
Aber ein Galgenvogel bin ich auch nicht."
Eine heiße, schwere Thräne trat dabei in seine Augen und der Arzt, überrascht, bei einem zur Galeere Verur- theilten, ein solches empfindliches Ehrgefühl zu finden, blickte auf' und wollte etwas erwidern, als er durch den Zuruf des Kapitäns der Kette, so nennt man 6en Be amten, der das Kommando beim Transport der Galeeren tklaven führt, unterbrochen wurde..
„Nun, swie ist die Maare," rief er, auf die Verurtheilten zeigend, „ist sie transportabel, Doctor?"
„Alles gut, Kapitän," erwiderte Jener, dem Beamten entgegen gehend, „Ihr werdet eine leichte Reise haben."
„Desto besser," brummte der Kapitän; „aber jetzt hierher, Ihr Ritter vom Blumenkranz (die Galeerensklaven nennen sich selbst scherzweise untereinander Chevalier de la Guirlande, mit Anspielung auf die Kette, welche sie tragen), damit man Euch Euren Orden anlegen kann." Auf diesen Befehl trieben die Argousins, so heißen die Wachen der Verurtheilten, die Gefangenen in die Mitte
deö Hofes an eine große hölzerne Kiste, in der die Ketten waren, an welche die Verurtheilten geschmiedet wurden.
Bevor dich geschah, mußten sie aber ihre Gefäiigniß- kleidcr ablcgcn und ihre eigenen Kleider, die sie beim Eintritt in den Kerker getragen, wieder anziehen.
Auch Pierre erhielt seinen ehrlichen Bauernrock' und feinen runden, breitkrämpizen Hut wieder, den er getragen als er verhaftet wurde.
„Nun zieht Euch an, Ihr Diebe," riefen die Wächter, „tn einer Stunde geht die Reise vor sich."
Trotz der uttsreundlichen Witterung mußten sich die Gefangmen doch unter freiem Himmel entkleiden und Die, welche keine eigene Kleidung besaßen, bekamen eine graue Jacke und graue Beinkleider von Sackleinwand, welche der Novembersturm durchwehte und der Regen in einem Nu durchnäßte.
Als die Gefangenen ihre Kleider gewechselt, trat einer der Argousins, ein langer, knochiger Auvcrgnate, zu Pierre, riß ihm den Hut vom Kopf.und die Krempe herunter, worauf er ihn dem Gefangenen wieder aufstülpte.
„Was soll das?" rief, empört darüber, der Gefangene.
„Was das soll, Du Dieb?« engegnetc ihm roh der Argousin, „es soll Euch zeichnen, wenn Euch vielleicht einmal die Lust anwandelt, Violine zu spielen," und dabei saßte er auch den Rockkragen des Gesangencn und riß ihn entzwei.
„Violine spielen?" stammelte Pierre erstaunt. Sein Kettenkamerad lachte laut auf:
„Zum Teufel!" fluchte er, „Du mußt ein großer Neuling unter der Ritterschaft vom Blumenkränze sein, wenn Du nicht den Ausdruck verstehst. Der Argousin will Dich kenntlich machen, wenn Dich vielleicht einmal die Lust zum Entwischen anwandeln sollte. Sie nennen das hier die Violine spielen. Sieh nur, es geht den Rockkragen der Uebrigen nicht besser, als dem Deinigen; bei