»r. 82.
Marburg, Freitag, 9. April 1875. x. Jahrgang.
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Tagesbericht.
Die Kaiserin wohnte am Dienstag Abend mit der Großherzogin von Baden der Generalversammlung deS vaterländischen Frauenvereins bei und hielt dabei folgende Ansprache: „Sie wissen alle, daß Ich Mich herzlich freue, Sic wieder begrüßen zu können, — dieses Mal in Gegenwart Meiner geliebten Tochter und im Sinne der Fürstinnen Deutschlands, welche mit getreuer Fürsorge unser Werk fördern. Dieses Werk vereint alle Theile deS deutschen Vaterlandes, alle Stämme, alle Gesinnungen in dem Bedürfniß helfender Liebe und in rastlosem Fleiße. Ich danke Ihnen für Alles, was Sie leisten, und weiß, daß wir uns in derselben Eintracht wiedersehen werden.*
Wie aus einem Aufruf hervorgeht, den der Verein für das HermannS-Denkmal soeben erlassen, hat der Kaiser sein Erjcheinen zu der EnlhüllungSfeier, die auf den 16. Aug. festgefetzt ist, bereits zugesagt.
Fürst Bismarck geht in acht Tagen nach Varzm, und zwar nur zu kurzem Aufenthalt. Angaben über Sommercuren und Reisen deS Fürsten bedürfen durchaus der Bestätigung.
Eine Ueberschau über die Arbeiten des Abgeordnetenhauses schließt die „Prov.-Corr.* mit folgenden Worten: Die Sitzung am Dienstag (6.) war der dritten Lesung deS Gesetzentwurfs wegen Einstellung der Leistungen aus Staatsmitteln für die römisch-katholischen Bisthümer und Geistlichen gewidmet. Die Vertreter der ultramontanen Sache erneuerten ihre lebhaften Angriffe gegen die Vorlage und fanden ebenso lebhajte Erwiderung seitens der Vertreter der Mehrheit des Hauses. Die Staatsrrgierung hielt eS nicht für nöthig, in die Verhandlungen nochmals einzugreifen, da es Zeit sei, mit Reden aufzuhören, indem Neue« nicht mehr vorzubringen sei. Schließlich wurde der Gesetzentwurf endgültig mit großer Mehrheit angenommen. Derselbe gelangt nunmehr an das Herrenhaus, welches in nächster Woche wieder zusammentritt, besonders um sich über die Behandlung dieser Vorlage schlüssig zu machen.
Das Pariser „Journal officiel" publicirt eine Lerord- »ung, wonach die Wähler der Insel Guadeloup auf den 6. Zuni d. I. zu einer Ersatzwahl für die Nationalversammlung an Stelle Bloncourts einberusen werden.
Deutsches Reich.
[ — Berlin, 7. April. Das Statut der deutschen
' Reichsbank ist bis in alle Einzelheiten auSgearbeitct, von Seiten des gegenwärtigen Hauptdirektoriums der preußischen Bank bei dem Reichskanzler-Amte eingereicht . worden, ist hier auch bereits genehmigt, und wird nun in ^dieser Form als eine Vorlage der preußischen Regierung IH den Bundesrath gelangen, von Seiten dessen wohl schwerlich noch Abänderungen beliebt werden dürften, da -die sämmtlichen Grundsätze, welche in dem Statut zum - Ausdruck gelangen, ja bereits in dem Reichsbankgesetz ' selber festgestellt sind. Da der Bundesrat- in der ersten
Der Galeerrnsclutze.
Novelle
von Karl Wartenburg. 5
h (Fortsetzung.)
3. '
Des Mordes angeklagt, stand Pierre Poiffon einen Monat später vor den Geschworenen des Corröge-Depar- tement. Der Marquis von Chambreuil war zwar durch jenen Schnß nicht getödtet worden, doch schwebt ^er noch in Lebensgefahr nnd der Staatsprokurator hielt die Anklage auf Mord aufrecht.
Der große Saal des Justizpalais, in dem die Verhandlungen stattfanden, war dicht gedrängt voll Menschen. Auf der Damentribüne sah man die elegantsten Toiletten und in einer großen Loge war der ganze Adel des Departements versammelt.
Der Präsident des Gerichtshofes eröffne:- die Sitzung und befahl den Angeklagten, Pierre Poisson, ehemals Unteroffizier in der Garde deS Generals Bmaparte, jetzt Landmann in der Gemeinde St. Preveux, wie die Anklage jchrift ihn nannte, vorzuführen.
Pierre, von einigen Gensdarmen bewacht, faß bleich auf der Bank der Angeklagten, hinter ihn stand seine weinende Frau und sein alter Schwiegervater.
Nach dem Zeugenverhör, das im Allgemeiren ungünstig sür Pierre ausfiel, da die Hauptzeugen, die beiden Diener des Marquis, gegen den Landmann aussaglea, begründete der StaatSprokurator seine Anklage und wies auf jenen finstern Geist deS Verbrechens und der Auflehnung gegen jede menschliche und göttliche Ordnung hin. welcher jetzt noch durch ganz Frankreich gehe und eine Kolge der un
Hälfte des Monats Mai zur Berathung dieses Bankstatuts zu einer außerordentlichen Session zusammentrit, erwartet man spätestens um Mitte Mai die Publikation deS Statuts und soll dann unmittelbar darauf mit der Ausschreibung der Subseription auf die Aktien der Reichsbank vorgegangen werden, um jedenfalls so frühzeitig als möglich die Beschaffung der Geldmittel sicher zu stellen. — Hierzu bemerken wir gleichzeitig, daß zunächst wahrscheinlich nur in Leipzig, Dresden, vielleicht auch in Chemnitz Filialen der preußischen Bank errichtet werden, da die Errichtung weiterer Filialen Schwierigkeiten begegnet, an deren Ausgleichung die preußische Bank kaum ein Interesse hat, da es sich nur um eine verhältnißmäßig kurze Wirksamkeit für ihre Rechnung handelt. Zum Leiter des Dresdner Instituts soll der gegenwärtige Vorsteher der Bankkomman- dite in Essen, Bankdirektor Meyen, designirt fein. — Wir erfahren, daß schon in diesen Tagen der Antrag Sachse an das Abgeordnetenhaus gebracht werden wird. Er bezieht sich auf die neulichen rednerischen Abschweifungen des Abg. Joh. von Wendt (Centrum) und bezweckt, Schriftstücke strafbaren Inhalts von der Tribüne herab nicht zur Vorlesung gelangen zu lassen. — Die Fraktionen des Abgeordnetenhauses haben in den letzten Tagen über die Pro- vinzial-Ordnung berathen. Wie wir erfahren, nahmen in den beiden liberalen Fraktionen die Debatten einen nur langsamen Fortgang. Die Nationalliberalen kamen über die sogenannte Trennungsfrage (Provinz Preußen) nicht hinaus, in ihrer Majorität beschlossen sic, in die Bildung zweier besonderer Provinzen zu willigen. Die Fortschrittspartei denkt hierüber gerade entgegengesetzt und glaubt sogar über die ganze Angelegenheit kein Wort verliere» zu wollen. In .ihrer FraktionS Berathung wurde denn auch nur die Wahlordnung für die Provinziallandtage be- sprochen, und es dürften diejenigen kleineren Städte, welche eine stärkere Vertretung wünschen, in den Rednern der Fortschrittspartei Fürsprecher finden. Gegenwärtig sind Deputationen einiger schlesischer Mittelstädte hier anwesend, die in dem angegebenen Sinne eine Aenderung des Re giernngS-Entwurfs erstreben. — In liberalen Kreisen des Abgeordnetenhauses wird übrigens hie und da die Frage ernstlich erwogen, ob es nicht vielleicht gerathen fein möchte, die Verwaltungsreform noch auf kurze Zeit zu vertagen, schon damit die Ansichten weiter Kreise im Lande über die Tragweite des Gesetzes sich klären.
Bielefeld, 4. April. Die heute Nachmittag in dem Saale der hiesigen Gesellschaft „Eintracht" stattgehabte Katholikenverfammlung für die Kreise Bielefeld, Herford und Halle nahm, wie man der „Elberfeld. Ztg.« von hier b richtet, schließlich einstimmig folgende Resolution an: „Die heutige Katholikenversammlung erklärt, treu zu Kaiser und Reich zu stehen, und die Regierung in dem Kampfe gegen die unberechtigten Ansprüche des Papstes und der ultramontanen Partei zu unterstützen.
J Meiningen 5. April. Der Herzog hat, wie man glückseligen Zerrüttung, in welche die Revolution und der Usurpator die französische Nation gebracht hätten. Er schilderte die Verdienste der Vorfahren des Herrn Marquis von Chambreuil und die eigenen Tugenden des Marquis, der als treuer Anhänger des Königshauses die verbannten Prinzen überall im Exil begleitet und nun nach der Rück kehr in das Vaterland als Opfer eines Meuchelmörders fallen müsse. — — Er malte mit glühenden Farben die Folgen aus, die entstehen würden, wenn man eine so ver- abschcuungswürdige Thal, die ein Bauer, ein früherer Soldat des Corsen, an einem der ersten Beamten und treuesten Anhänger des Königs begangen, ungestraft laffe. Er prophezeite eine neue Umwälzung, eine neue SchreckenS- Zcit, wie die, von welcher „Sie und Ihre Eltern Zeugen waren." „Verurtheilen Sie," schloß er seine Ansprache an die Geschwornen, „den Mörder, so retten Sie das Leben, die bedrohte Familie, die geängstigte Gesellschaft, — sprechen Sie ihn frei, so werden Sie Mitschuldige seines Verbrechens, Prediger und Vertheidiger des Meuchel- uiorbefl — urtheilen Sie meine Herren Geschworenen, aber im Namen der beleidigten Menschheit, beim vergossenen Blute dieses Cdelmannes, das um Sühne schreit, bedenken Sie, daß ganz Frankreich, ganz Europa auf Sie blicken."
Die Rede des Staatsprokurator hatte einen tiefen Eindruck auf die versammelte Jury und das vornehme Publikem gemacht und die laue Vertheidigung durch den Anwalt des Angeklagten konnte nicht dazu beitragen, den mächtigen Eindruck zu verwischen. Als aber am Schluß der Verhandlungen der Angeklagte selbst das Wort erhielt und der bleiche Mann sprach: „Meine Herren Geschwo-
ber „M. Z." schreibt, aus Anlaß seines Geburtstages auch bieSmal viele seiner Diener und Beamten, sowie noch Andere mit Orden und Titeln beehrt. — Die hiesige Stadt nimmt zur Bestreitung außerordentlicher Gemeindebedürfnisse ein Anlehen von 600,000 Mark zum Kurse von 98 pCt. auf; dasselbe wird mit 4 pCt. verzinst und mit ea. 655 pCt. jährlich getilgt; die Einzahlungen können sofort erfolgen.
Darmstadt, 6. April. Langsam, aber sicher, nähert sich der endliche Abschluß der sogenannten Kirchengesetze. Nachdem die zweite Kammer bei ihrer letzten Session in denjenigen Punkten, in welchen ohne Schädigung von Prinzipien Nachgaben gemacht werden konnten, den Beschlüssen der ersten Kammer beigetreten und auf diese Weise nur wenige, wenn auch freilich gewichtige Differenzpunkte übrig geblieben waren, entnehmen wir jetzt den Berichten des Gesetzgebungsausschusses erster Kammer, welche soeben die Presse verlassen haben, daß die Majorität dieses Ausschusses bezüglich aller jener die Uebereinstimmung hindernder Punkte in theilweise ausführlicher Motivirung Beitritt zu den Beschlüssen zweiter Kammer befürwortet. Bei dem Gesetz über den Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt soll also der Beschluß erster Kammer, wonach man „Ge- fängnißstrafe* durch „Festungshaft" ersetzen wollte, nunmehr fallen gelaffen und ferner der Zusatz der zweiten Kammer, wonach Kirchendiener, welche in Ausübung ihres Amtes zum Ungehorsam gegen die Staatsgesetze auffordern, vom Amt sollen entlaffen werden können, angenommen werden. Bezüglich des Gesetzes über die Vorbildung und Anstellung der Geistlichen befürwortet der Ausschuß Fallen- lassen der früheren Beschlüsse, wonach der Besuch einer deutschen Landesuniversität durch den Besuch einer event. in Hessen zu gründenden katholisch-theologischen Facultät sollte ersetzt werden können und wonach auch bei diesem Gesetz Festungshaft statt Gefängniß angedroht werden sollte, hingegen Annahme der Beschlüsse zweiter Kammer bezw. der Regierungsvorlage, wonach die Studirenden während des Besuches der Universität einem kirchlichen Seminar nicht sollen angehören dürfen und die Knaben- convicte und Knabenseminare demnächst geschlossen werden solle». Bei dem Gesetze über die religiösen Orden und ordensähnliHen Congregationen spricht sich der Ausschuß für das von der Regierungsvorlage aufgestellte, von der zweiten Kammer wiederholt festgehaltene Prinzip, daß die bestehenden Niederlassungen und Anstalten im Allgemeinen neue Mitglieder nicht sollen aufnehmen dürfen, d. h. auf den Aussterbe-Etat zu setze» sind, um so bestimmter aus, als die erste Kammer durch Annahme des Grundsatzes der Nichtzulassung neuer Niederlassungen bereits die Gefährlichkeit der Orden für den Staat anerkannt habe. Da die erste Kammer am 7. d. M. Zusammentritt, so wird die laufende Woche die Entscheidung darüber bringen, ob, wie zu erwarten, das Plenum den wohlbegründeten Anträgen seines Ausschusses die gebührende Berücksichtigung schenkt.' renen l Ich bin kein gelehrter Advokat und bewandert in den Rechtsbüchern Md den Gesetzesstellen; ich war von meinem 16. Jahr an nichts als ein armer Soldat, der für den Ruhm Frankreichs und des Kaisers auf alle» Schlachtfeldern Europa's kämpfte und fein Blut vergoß; ich bin jetzt nichts, als ein einfacher Landman», der nicht mit gewandter Zunge Über solche Dinge sprechen kann, wie der Herr Staatsprokurator gethan; aber ich habe doch so viel verstanden, daß man hier von der Familie, von der Gesellschaft, von der Moral gesprochen hat, die ich angegriffen haben soll — meine Herren Geschwornen, ich habe nichts gethan, als die Ehre meiner Frau gegen einen Verführer vertheidigt; ich habe diesen Verführer, der mich durch einen entehrenden Schlag zu beschimpfen versuchte, niedergeschossen — meine Herren Geschworenen, thun Sie Ihre Pflicht" — da entstand unter den Bauern und Bürgern von Brive la Gaillarde eine lebhafte Bewegung und nut die Ordnungsrufe des HmssterS konnten eS verhindern, daß es nicht zu einem stürmischen Beifallklatschen kam ...
Die Geschworenen zogen sich hierauf inS BerathungS» zimmer zurück und Pierre wurde wieder zur Bank der Angeklagten geführt. Die Berathung dauerte lange; das Publikum im Saal harrte in lautloser, ängstlicher Spannung und Stille, die nur durch das Schluchzen Annettens unterbrochen wurde. Pierre war vielleicht unter allen diesen Hunderten bet ruhigste und gefaßteste. Mit Absicht hatte der Procurator des Königs aus der Zahl der aus der Wahlurne hervorgegangenen Geschworenen die zurückgewiesen, welche im Gerüche napoleonischer Gesinnung standen, und da in Frankreich die Wahl der Geschworenen