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Ir. 81.

Marburg, Donnerstag, 8. April 1875.

x Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: -ie Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. M, Berlin, Leip­zig, Cöln rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

ilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von G L- Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJLustrirtes Somitagsblakt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Psg. (exl. Bestellgebühr), Insertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfst. berechnet.

Tagesbericht

Bei seinem Wiederzusammentritt wurde dem Abgeord. netenhaus durch den Finanzminister Camphausen Mitthei­lung von dem erfolgten Finalabschluß der Einnahmen und Ausgaben des Jahres 1874 gemacht, Welcher folgendes Resultat ergeben hat: für 1874 waren hie Gesammtein- nahmen veranschlagt aus 232,758,018 Thlr«; in Wirklich­keit betrugen sie 240,629^485 Thlr. Die Bruttoeinnahmen gestalten sich höchstens auf 16,8^1,468 Thlr,, die Aus­gaben balanciren mit den Einnahmen im Anschläge. In Wirklichkeit belaufen sie sich auf 241,694,726 Thlr., also betragen sie mehr 8,936,709 Thlr. Die daneben laufende Verwaltung der extraordinären Einnahme» uiph. Ausgaben war 1874 von großer Bedeutung; es wurden vereinnahmt 80,173,504 Thlr., verausgabt 81,330,804 Thlr., also mehr 1,147,300 Thlr. Hiervon kommt 1 Million Thaler al« Zahlung an das Großherzogthum OldezOurg aus Grund eistO Staattzvertxages von 1864 «egen nichterfüllter Verpflichtung bezüglich eines Eisenbahnbaus«. Im Ganzen betragen die Mehrausgaben 10 Millionär, Thaler zyid es verbleibt nach Allem ein. Ueberschuß von 6,787,459 Thlr., der für 1875 reservirt wird. Die Mchreinuahme setz sich zusammen: bei den Bergwerken mit 7,14W65. Thlh, pon den Eisenbahnen 3,087,224 Thlr., aus- pen Forsten 2,363,105 Thlr., aus den Ablösungen Md .Verkäufen 842,581 Thlr., von sonstigen Zinsen 644,572 Thlr., von direkten Steuern 1,011,000 Thlr., von indirekten Steuern 132,000 Thlr., von der Justiz 582,000 Thlr., aus dep Domainen 413,000 Thlr. Die Mehrausgaben bei der Eisenbahnverwaltung übersteigen den Voranschlag um 5,436,991 Thlr., bei den Bergwerken um 3,089,040 Thlr Für die Eisenbahnbautcn wird unablässig mehr aufgewendet und sind dafür im ersten Quartal d. I. verausgabt 24 Mill. Mark.

Die Einziehung der früheren Landes - Silber- und Kupfer-Münzen hat ihren Fortgang. So wurden bis Ende Februar d. I. überhaupt für 182,088,654 Mark 68 Ps. eingezogen, worunter für 83,574,300 Thalerstücke, und für 88,500,487 Mark 33 Pf. süddeutsche Gulden. Währung. An 2« und 4 Pfennigstücken allein wurden für 37,409 Mark eingezogen.

Sicherem Vernehmen nach sind bereits mehrere Bundes­regierungen, darunter Baiern und Württemberg, dem an sie gestellten Ersuchen, sich über die Seitens der östreichisch ungarischen Regierung in Vorschlag gebrachte Uebereinkunft zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn wegen Uebxx- nahme Auszuweisender zu äußern, nachgekommcn.. Es ist alle Aussicht vorhanden, daß der BundeSrath zu der ge­nannten Uebereinkunft, wonach jeder der contrahirenden Theile sich verpflichtet, auf Verlangen des anderen Theiles seine Angehörigen wieder zu übernehmen, auch wenn die­

selben die Staatsangehörigkeit nach der inländischen Gesetz, gebung bereits verloren haben, sofern sie nicht dem andern Lande nach dessen eigener Gesetzgebung angehLlg gypprden sind, seine Zustimmung geben wird.

Zur Auslegung des Zolltarifs hat der Finanzminister bestimmt: 1) daß die vom Auslände eingehende, sogen, künstliche Butter von der Beschaffenheit, die aus Talg und Nierenfctt besteht und durch andere Jngredientien und Färbungsmtttel butterähnlich gemacht worden ist, auch in gleicher Art zum Kochen und Backen verwandt wird, wie die eigentliche Butter verzollt werde; 2) daß sogenannte Modelle, welche in Eisengießereien zur Herstellung der für den Guß nöthigen Formen benutzt werden, als Modelle von Maschinen nicht angesehen werden können, sondern nach der Beschaffenheit des Materials zu behandeln sind.

Wie Berliner Blätter melden, hat das Justizministerium in Folge der jetzigen Verschmelzung der beiden social» demokranschcn Parteien neuerdings eine Instruction an sämmtliche Staatsanwälte erlassen, ui welchen denselben das Ereigniß bekannt gemacht wird und sie aufgeforderl werden, mit doppelter Strenge das Verhalten der Socialdemokraten zu beobachten.

Das Material für die zweite Verhandlung des Arnim- schen Prozesses ist jetzt vollständig bei dem Kammergcricht eingegangen. Die Nachricht, Graf Harry v. Arnim habe jüngst als Sekundant in einem Pistolenduell fungirt, er­weist sich als eine Verwechslung mit dem Grafen Albrecht v. Arnim.

Das Befinden des Abgeordneten Lasker hat in erfreu- licher Weise in den letzten Tagen eine entschiedene Wen- bung. zum Bessern genommen; die Aerzte hoffen jetzt mit aller Bestimmtheit, den Kranken durchzubringen, der in den letzten Tagen auf kurze Zeit daS Belt verlassen durfte, eine Nachricht, die in Abgeordnetenkreisen große Freude erregt hat. Er zeigt sich sehr theilnehmend und erkundigt sich lebhaft, ob er an. den Arbeite» der Justizcommission werde iheilnehmen können. Die Aerzte meinen aber, es werde eine Monate lange Enthaltung von jeder Beschäfti­gung unerläßlich werden.

In Posen fand am Sonnabend eine Volksversammlung statt, in welcher einstimmig eine von Herrn Dr. Wasner beantragte Resolution angenommen wurde, durch «eiche die Versammlung ihre vollständigste Anerkennung der von der Regierung beobachteten jetzigen Kirchenpolitik und die Hoff­nung Wssprach, daß diese darin fest fortfahren werde bis zur Dollen Erreichung des vorgesetzten Zieles.

DerAgence Havas" zufolge ist die Nachricht, daß General Leflo von dem Petersburger Botschafterposten ab berufen »erben soll, unbegründet; ebenso entbehren die Gerüchte von der Abdankung deS Kaisers von Brasilien der Begründung.

Nachdem bereits in Rußland Tausende von römisch- kacholischen Katholiken, zur orthodoxen griechischen Kirche übergetreten sind, weil Rom feit der Verkündigung der Jmmaculat-Conception nach seinem hierarchischen Gelüste zustutzt und ihn mehr. und mehr unkennllich macht, bereitet sich nun auch Aehnliches in Galizien vor. Ultramontane Blätter behaupten zwar, daß jene Uebertritte durch An­wendung von Gewalt in Rußland zu Wege gebracht, sind, aber nicht mehr in Rußland als in Galizien findet in dieser Beziehung der allergeringste Zwang statt, sie sind im Gegentheil das Ergebniß freiausgesprochenen Willens.

Deutsches «eich.

Berlin, 5. April. Die ullramontanen Blätter wissen viel v.on Kriegsgefahren zu melden. Alle Anzeichen, die solche Befürchtungen begründen könnten, werden mit den Haaren herbcigezogen. Sie bringen so auch den Aufenthalt fast sämmtlicher MilitairattachöS Hierselbst mit einem eventuellen Krieg mit Frankreich zusammen. Für denselben liegt jedoch eine ganz einfache Erklärung vor. Die MilitairattachöS gehören zu der Flügladjudantur des Kaisers und es ist ein alter feststehender Brauch, daß sämmtliche Flügeladjuoanten dem Kaiser ihren Glückwunsch zum Geburtstage darbringen. Nach zuververlässigen Mittheilungen werden sowohl im Königreich Bayern als auch in Westfalen und am Rhein Sammlungen zur Unter stützung der Carlisten veranstaltet und sogenannte Anleihe­scheine in Umlauf gesetzt. ES wird sogar berichtet, daß diese sogenanztie Anleihe besonders unter den höheren Ge­sellschaftskreisen großen Anklang gefunden und daß die Unterzeichnungen sich auf die Summe von nahezu 1 Mill. Franken belaufen. Die Behörden werden auf diese Agi­tation ein sehr scharfes Augenmerk richten und, sobald die- selben mit dem Strafgesetzbuch in Conflict kommen, un- nachstchtlich einschreiten. Es fragt sich dabei, ob die darauf bezüglichen Schritte zu Verbrechen gegen befreundete ©tagten (Art. 102 des Strafgesetzbuches) führen, oder ob dieselben unter die Rubrik des Betruges fallen, da man­cherlei betrügerische Manöver angewendet werden, um solche vermeintlichen Antheilscheine als creditfähige Staatsanlei­hen unter das große Publikum zu bringen. Es kur­siven in letzter Zeit wieder viele Gerüchte über die Persön­lichkeit, welche an Stelle des Geheimen Rath Wiese da« Departement für das höhere Schulwesen im Cultusmini- sterium übernehmen soll. Gymnasialdirector Wendt in Karlsruhe war als Kandidat in Aussicht genommen und auch zu einer genaueren Besprechung hier eingetroffen. Man hat jedoch, wie es scheint, von dieser Candidatur Abstand genommen und will vorzugsweise auf einen hiesi­gen Schulmann Bedacht nehmen.

Euch vorgefahren ist, die Kalesche hält noch vor Eurer Thür, wenn Ihr es sehen wollt."

Pierre verfärbte sich, riß sich vom Arme seines Freun­des los und stürmte durch das Dorf, seinem Hause zu, vor dem die Equipage deS Marquis hielt. Ungestüm riß er die Thür auf und trat gerade inS Zimmer, als der Marquis seinen Arm um die Taille der weinenden und sich sträubenden Annette legte und zärtlich flüsterte:

Aber mein Täubchen, ich habe Dir doch gesagt, daß eine Liebe der anderen werth ist und hältst Du eS für eine Kleinigkeit, daß ich Deinen Mann nicht in'S Zucht­haus brachte? Willst Du mir nicht einmal einen Kuß dafür geben?

Herr Marquis," rief zornbebend Pierre, ihn von Annette hinwegschleudernd,jeder rechtliche Mann zahlt seine Schuld selbst ab. Jndeß glaube ich, daß wir jetzt quitt find; Sie trafen mich," setzte er grimmig lachend hinzu,auf Ihrem Revier und ich ertappte Sie auf dem meinigen."

Der Marquis war einen Moment durch das plötzliche Dazwischentreten Pierre's bestürzt. Er faßte sich aber schnell wffder und das Fenster öffnend, rief er seinen Be­dienten zu:

Jean, Georg! herein Ihr Schlingel!"

Die Thür wurde eiligst ausgeriffen und die Bedienten stürzten in Pierre's Zimmer.

Faßt den Bauernflegel dort", befahl der Marquis, der sich unterstanden, seine Hand an mich, Den königl. Jntedanten zu legen und gebt ihm eine Leclion, damit er Manieren lernt."

Herr Intendant", schrie Pierre zitternd vor Zorn und Aufregung,verlassen Sie augenblicklich mit Ihren Leuten mein Haus, oder beim Allmächtigen, es geschieht ein Unglück,"

Der Galeerensklave. * -

Novelle *'

« f- von Karl Warte » burg.

(Fortsetzung.)

Man konnte zu jener Zeit nicht drei Worte über Tagesereignisse sprechen, ohne auf die napoleonischen KriegS- züge zurückzukommen und so geschah eS denn auch in der Schenke zu St. Preveux.

Der Maire, dem der Wein in den Kopf gestiegen, schimpfte und raisonirte auf Napoleon, der nur ein Stümper in der Kriegskunst gewesen sei, den jeder Lieute nant an Feldherrntalent übertreffe und der nur durch sei­nen Pakt mit dem Bösen, dessen Abgesandter der Mameluk Rustan gewesen, seine Schlachten gewonnen habe, wofür er denn auch nach seinem Tode in der Hölle lichterloh brennen werde.

Der Feldhüter hals mit und die Bauern, obgleich größtencheils im Innern noch kaiserlich gesinnt, hörten schweigend zu, nicht wagend, dem Herrn Maire und dem Feldhüter zu widersprechen.

Pierre, der neben Bertraud saß, hatte anfänglich ge- than, als höre er nicht, was der Maire spreche, aber sein hastiges Trinken und die Unruhe, mit welcher er sich aus dem Stuhl hin- und herbewegte, verriethen, wie in ihm kochte. Als aber der Maire zuletzt sagte:Der Bona­parte und seine Soldaten find nichts als eine große Rän berbanbe gewesen, da hielt sich Pierre nicht länger und vom Stuhle aufspringend ries er drohend:

Wahret Cure Zunge, Babillard, und sprecht mit Re­spekt von dem Kaiser und von des Kaiser« Soldaten, die sich für Euch schlugen, während Ihr die baumwollene Nachtmütze über Eure langen Ohren zöget."

Die Bauern schlugen ein lautes Gelächter auf und Der

28aire, giühenbroth, fuhr von feinem Sitze auf und auf $trre Wi, mit heiserer Stimme schreiend:

Was? Ihr wagt es, mich zu schimpfen, mich, den Mafte von <Stu Preveux, und wollt noch den Bonaparte, den Thronräuber, vertheidigen? He, sollen wir das dulden, Roq«t,"«ef-ek,Dhzum F ldhüter wendendvon diesem Bri ganb ha 1* 4 ,

Widerrufe, Schuft! widerrufe den Brigand," schrie wüthend Pkrde und faßte den ihm vor dem Gesicht herum- suchtelnden Maire an der Brust.

Heda I aiMinander im Namen des Königs 1* tief jetzt, in die Brust werfend, der eintretende Gensdarm und holte mit b?r' Säbelscheide aus, um auf Pierre loszu schlagen, al» ihm der ehemalige Sergeant Bertraud mit den Worten:Schlagt auf den Maire los, der den Streit angefangen hat," in den Arm fiel.

Unterbeffen-Ratten sich auch die anderen Bauern er hoben und zwstchen Pierre und Babillard gedrängt und halb mit Gewalt, halb mit Güte die Gegner auseinander gebracht. Den Pierre nahm ein Bekannter am Arm und trat mit ihm vor die Thüre hinaus, um ihn im Freien zu besänftigen.

Während noch drinnen der Maire und der Feldhüter mit den Friedensstiftern sich herumzankten und Pierre mit feinem Freunde vor der Thüre stand, kam Colas, der Nachbar Pierres, Die Dorfgaffe herauf und rief Pierre zu:

Alle Wetter! was steht Ihr denn hier, während zu Hause bei Euch vornehmer Besuch angenommen ist!"

Was wollt Ihr damit sagen, Colas?" fragte barsch Pierre, der immer nock in heftiger Aufregung war.

Was ich damit sagen will?" entgegnete der Bauer, roelcr nichts, als daß vor einer Viertelstunde etwa der Herr Marquis von Chambrmj.l mit einigen Dienern bei