Einzelbild herunterladen
 
  

Sr. 79.

Marburg, Dienstag, 6. April 1875. X Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: die ©jtptbitio« b. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & Co. in Kassel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a. M.; Haasenstein & Vogler in Frankfurt a. 2R-, Berlin, Leip­zig, Cölu rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

OlitchcUliic Jrihiiiij.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von L. Daube & Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Carl Schuß­ler in Hannover; C. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn- und Fe,erlagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SonntagSvlatt" durch die Expedition tKock'sche

Buchdruckere,) bezogen Sh Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf«.,(exl. Bestellgebühr). - Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Ma

- Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf«, berechnet.

Tagesbericht

Der Reichs anz." publicirt das Gesetz betreffend die Abtretung der Preußischen Bank an das Deutsche Reich und die Errichtung von Zweiganstalten derselben in außer­preußischen Gebieten des Reichs.

Der Kronprinz machte am Freitag Abend dem Fürsten Bismarck einen gegen eine Stunde währenden Besuch. Unter den dem Fürsten zugegangenen Geburtstagsglück- wünschen befindet sich ein telegraphischer Glückwunsch des Fürsten Gotschakofs.

Am 1. April waren bis Abend 1800 Depeschen an Fürst Bismarck angekommen; 7 Telegraphisten waren allein mit der Annahme derselben beschäftigt.

Der Gesundheitszustand der jüngeren kronprinzlichen Kinder, welche in diesem Winter mehrfache Kinderkrank­heiten durchzumachen hatten, verlangt einen Wechsel des Klimas. Der Kronprinz und die Kronprinzessin werden deshalb gegen Mitte dieses MonatS nach Italien zu einem Frühlingsaufenthalte sich begeben. Es ist möglich, daß derselbe sich bis zur Reise des Kaisers ausdehnen kann, so daß die höchsten Herrschaften mit dem Kaiser noch in Obetitalien zusammentreffen werden.

Die Regierung hat jetzt ihre Zustimmung zum Wehren, pfennig'schen Amendement wegen Sperrung der Zahlungen an die Geistlichen auch auS dem Kirchenvermögen der Ge­meinden erklärt. Nach dieser Erklärung wird der Antrag in der Commission vermuthlich angenommen werden. Die Commission wird ihre Berathungen am Dinstag beginnen, und da nur noch jener Antrag und die zweite Lesung des Entwurfs durchzumachen, in zwei Sitzungen beendigen. Dann kommt das Altkatholikengesetz in der Commission an die Reihe.

DieNordd. Allgem. Ztg." bespricht in einem sehr scharfen Artikel daS vaterlandsverrätherische Benehmen der Frankfutter Ztg.", die sich als das Organ der Franzosen aufführt. Wir heben aus diesem Artikel folgende sehr be­zeichnende Stelle hervor:Bor 1870 war ein Netz fran­zösischer Agenten über Deutschland ausgebreitet. Diese Subjecte verrichteten zweierlei Dienstleistungen; sie unter- zogen sich einer direkten und indirekten Mühewaltung für Napoleon III.; einer indirekten, indem sie der deutschen Regierung feindliche Kräfte förderten und unterstützten, einer dikecten, indem sie die französische Regierung gehörig averttrten. Diese Kundschafter und Agenten Frankreichs in Deutschland waren nebenher meistens hochgesinnte Re­publikaner, hier und da Sozialdemokraten." Wenn man auch das offiziöse Organ Herrn Sonnemann nicht geradezu unter die Kategorie der gedungenen Spione und Agenten stellen zu können glaubt, so meint sie doch, daß diese Handlungsweise mit der jenen vollständig zusammenfalle.

Die Angabe einiger Blätter, die deutsche Beschwerde­schrift vom 3. Februar in Brüsfel befasfe sich ausschließlich nur mit der Sache Duchesne, wird bezweifelt diese Angabe steht in Widerspruch mit den Andeutungen unterrichteter

belgischer Correspondenzen und Blätter, nach welchen das Schriftstück auch auf die bischöflichen Hirtenbriefe von 1872 und 1873 und andere Publikationen Bezug genom­men habe, die den Widerstand des deutschen Clerus er- muthigen könnten, so wie auch auf die bekannte Adresse einiger Mitglieder des Comites der Oeuvres pontificales, welche belgische klerikale Blätter Ende vorigen Decembers veröffentlicht hatten. Aus diesen Andeutungen darf man schließen, daß auch die belgische Antwort von Ende Februar diese drei Punkte erörtert haben wird.

Die neuesten, leider ungünstigen Nachrichten über das Befinden LaSkers bestätigen sich. Der Kranke hat bereits einen viermaligen Rückfall der pleuritis sicca (Brustfell- Entzündung) gehabt und eS hängt für einen erhofften günstigen Ausgang der Krankheit Alles von dem Wider­stände der guten' Natur Laskers ab. Die Besorgnisse um seine Genesung sind groß.

Trotzdem brr Ausstellungstermin für die Ausstellung in Philadelphia bis zum 1. April verlängert worden ist, haben sich im Ganzen nur wenig deutsche Aussteller ge­meldet. Als Grund dafür wird die prekäre Lage unserer Industrie und unseres Handels angeführt, welche es den Industriellen wenig rathsam erscheinen lasse, ihre Erzeugnisse nach der neuen Welt zu senden. Nicht unmöglich ist cS, daß der Termin nochmals hinauSgeschoben wird, mit wei­chem Erfolge muß abgewartet werden. Die deutsche Re. gierung selbst wird sich ihrerseits mit AusstellungSgegen- ständen bctheiligen und unter Anderem die prämiirten Concurrenzpläne für daS neue Parlamentsgebäude nach Philadelphia senden.

Einer derAgence Havas" zugegangenen Meldung zufolge wurde der Carlistenführer Mongroveje in einem Treffen bei Balmaseda von den Regierungstruppen zurück- geworsen. Das Hauptquartier Don Carlos' befindet sich in Durango.

Das PariserJournal officiel" veröffentlicht die Er­nennung eines Präsecten für Tarbes und die Versetzung von 12 Unterpräfecten, worauf sich die Präfectenbewegung beschränkte.

Auch die portugiesischen Behörden sind in einen Conflict mit der römischen Curie gerathen, und zwar bei der Wahl eines Diözesanverwalters für den erledigte» Bischofssitz von Braganza. Die Regierung hatte ihrem Rechte gemäß einen Prälaten für den Posten bestimmt, der den Dom­herren nicht behagte, und diese hatten nichts Eiligeres zu thun, als einen anderen Priester mit der Führung der Geschäfte zu betrauen. Die portugiesische Regierung hat nun nicht Lust, sich das eigenmächtige Vorgehen der Dom­herren gefallen zu lassen und so ist denn der Kampf ent­brannt, in dem rühmenswerther Weise auch die Oppositions­presse auf Seiten der Regierung steht und daS Ministerium unterstützt. Die portugiesische Regierung hat vorläufig den renitenten Domherren des ganzen Kapitels einfach die Temporalien gesperrt.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. April. Der Magistrat und die Stadt­verordnetenversammlung von Magdeburg, haben in einer außerordentlichen Sitzung der Gemeindevertretung auf An­trag des Magistrates dem Fürsten Bismarck das Ehrcn- bürgerrecht der Stadt Magdeburg verliehen. Auch in Köln ist der Fürst auf Anlaß seines Geburtstages zum Ehrenbürger ernannt. Bei dem Generalkommando der Truppen werden in jedem Jahre die umfassenden Vorar­beiten für eine Mobilmachung der Armee angefertigt. Diese Maßnahme hat in keiner Weise einen anderen Zweck, als im gegebenen Falle die Ausführung der Mobilmachung selbst schnell und pünktlich zu bewerkstelligen. Mit diesen Arbeiten war man bei den betreffenden Commandos auch in den letzten Wochen beschäftigt, und sind dieselben jetzt beendet. Neu ist dabei die Anordnung, daß in jedem Jahre in dem Zeitraum vom 1. April bis wieder 1. April Vorkehrungen getroffen fein müssen, um für den Fall deö Einrückens vonAugmentationstruppen in die Casernements so­fort Veranstaltungen zu treffen, die aktiven Truppen zu dislociren und in Bürgerquartiere unterzubringcn. Es wird unvermeidlich sein, daß Verhandlungen über diese Arran­gements zwischen Militär- und Communal-Behörden jsofort zu allerlei Mobilmachungsgerüchtcn führen. Wir möchten denselben mit Hinweiß auf die thatsächlichen Verhältnisse hiermit die Spitze abgebrochen haben. Es wird aus guter Quelle mitgetheilt, daß dec für die vollständige Be­waffnung des deutschen Reichshceres mit dem neuen Mau­sergewehr nöthige Vorrath fertig gestellt ist. Man hatte bisher für die Herbeischaffung der nöthigen Gewehrziffer die Zeit bis zum Sommer 1876 in Berechnung genommen, hat aber so durch erhöhte Thätigkeit größere Schlagfertig- keit, und dadurch zugleich eine neue Garantie des Friedens gewonnen. Die Bewaffnung mit dem neuen Modell Mauser erstreckt sich nicht auf die bayerische Armee, bei der seit längerer Zeit bereits mit einiger Ausnahme der Landwehr, das Werdergewehr angewendet wird. Durch Herstellung der deutschen EinheitSpatrone Nr. 71 ist indeß für gemeinsame Munition, und so für die Möglichkeit gegenseitiger Aushülfe auf dem Schlachtfelde gesorgt.

PoskU, 2. April. In Sachen des Geheimdelegaten, so schreibt dieP. Ztg.", war der Dekan Zbierski von Bromberg mehrere Male vor das KreiSgettcht in Bromberg geladen, jedoch wegen Krankheit, die vom Kreisphysikus attestirt war, zu dem Term n nicht erschienen. Dieserhalb begaben sich vergangene Woche der Untersuchungsrichter aus Brvmberg und ein Sekretär nach Schcsin, dem Sitze des Dekans, um ihn daselbst zu vernehmen. Der Dekan bat, das Verhör bis zu seiner Genesung hinauszuschieben, womit der Termin fein Ende hatte. Dieser Tage erhielt derselbe jedoch von Neuem die Benachrichtigung, daß er in feiner Behausung vernommen und im Falle der Verweige­rung der Zeugnißaussage zuerst mit Geldstrafen belegt und zum dritten Male inhaftirt werden würde. Wie der

Der Galeerensklave.*)

Novelle

von Karl Wartcnburg.

.Die Menschen kennen sich einander nicht, Nur die Galeerensclaven kennen sich, Die eng an eine Bank geschmiedet keuchen. Wo keiner was zu fordern hat und keiner Was zu verlieren hat, sie kennen sich, Wo jeder sich für einen Schelmen gibt, Und Seinesgleichen auch für Schelme nimmt, Doch wir verkennen nur die Andern höflich, Damit sie wieder uns vettennen sollen."

Tasso.

1.

Nicht weit von der kleinen, sehr anmuthigen Stadt Brive la Gaillarde, im südwestlichen Frankreich, im De­partement der Corröze, liegt das Dörfchen Preveux, ein unbedeutender Ort, dessen Bewohner sich meistentheilö von Wein- und Gemüsebau nähren.

Im Jahre 1818, also kurze Zeit, nachdem die Bour-

*) Diese Novelle ist im Jahre 1854 in Paris und Brüssel verfaßt worden. Die Mitteilungen über die Verhältnisse der Bagno Gefangenen, ihren Aufenthalt im Bagno verdankt der Autor Herrn Maurice Lefebre, der eine höhere Stellung int fron« zösis chen Verwaltungsdienst einnahm. Herr M. Lefebre, damals in Bercy bei Paris lebend, wo auch der Autor wohnte, beklagte ost das Loos jener Unglücklichen, die aus dem Bagno entlassen, vergebens kämpften, sich wieder eine Stellung, eine ehrliche Exi­stenz in der Gesellschaft zu erringen. Aus den Gesprächen mit L. entwickelte sich die Idee zu der Novelle, der in mehrfacher Hinsicht wirkliche Thatfachen zu Grunde liegen. Obwohl die Bagnos in Frankreich seit Kurzem, soviel dem Verfasser bekannt, aufgehoben sind, so hat die Novelle demungeachtet noch ihre Be­rechtigung, und zwar nicht nur für Frankreich, sondern auch für

bonen wieder nach Frankreich zurückgekehrt waren, lebte in diesem Dorfe Pierre Poisson, ein junger Mann von 27 Jahren, ehemals Unteroffizier in der Garde des Kai fers, jetzt friedlicher Landmann, der statt der Flinte jetzt die Hacke führte und ein eben so guter Bauer war, als er ein braver Soldat gewesen, das heißt, jetzt wie damals seine Schuldigkeit that.

Denn daß er ein tüchtiger Soldat gewesen, bewies nicht nur das rothe Bändchen der Ehrenlegion, welches er an Sonn- und Feiertagen in dem Knopfloch seines blauen Rockes trug, sondern auch die breite Narbe, die sich von der Stirn bis an das linke Auge zog und die er bei Waterloo von einem preußischen Husarensäbel er­halten, als die französische Armee schon in voller Flucht war und die wenigen Bataillons der alten und jungen Garde, wenn auch nicht den Sieg, doch wenigstens die Ehre für ihre Adler zu retten suchten.

Was ihm aber nicht geringere Ehre machte, als daS

Deutschland. Ob der Strafort Bagno ober Zuchthaus heißt, bas ist am Ende gleichgiltig. Dem entlassenen Galeerensträfling, wie dem entlassenen Züchtling stellen sich dieselben Hindernisse entge­gen, wieder ein nützliches, r. chtschaffenes Mitglied der Gesellschaft zu werden. Haben wir nicht eine Menge Fälle, in denen ehe­malige Züchtlinge nur deshalb wieder ein Verbrechen begingen, um nach dem Zuchthaus zurückzukommen, nicht aus Lust am Zuchthausleben, wie manche meinen, sondern, weil die Gesellschaft sie zurückstieß, weil sie die einmal Gefallenen erbarmungslos und unchristlich als Zuchthäusler brandmarkte, mit denen jede Berüh­rung zu vermeiden sei? In diesen wunden Fleck unserer gesell­schaftlichen Zustände legt der Verfasser seinen Finger in der Hoff­nung, dadurch etwas zur Besserung beizutragen.

Der Verfasser.

rothe Band und die Narbe, das war die Achtung, mit der er, wenn deö Sonntags in der Schenke das Ge­spräch daraus kam, von der Tapferkeit seiner ehemaligen Feinde, den schottischen Grenadieren und den preußischen Husaren und der Landwehr und ihrem alten Marschall Vorwärts sprach, der sich mit derselben Bravour geschla­gen, wie sein Abgott, der Tapferste der Tapferen, Michel Ney, den man vor ein paar Jah.ren in Paris erschossen

Man sieht daraus, daß Pierre Poiffon das Herz auf dem rechten Flecke hatte und wenn es ihm vielleicht der Maire, wie man den Schulzen in Frankreich nennt, und der Feldhüter und der Gensdarm mitunter zum Vorwurf machten, daß er kein getreuer Unterthan des alten Königs- Hause-, sondern ein heimlicher Anhänger deö korsischen Thronränbers sei, da er zu Hause unter dem kleinen Wandspiegel weder das Bild des Königs Ludwig, noch des Grafen von Artois, sonvern eine kleine Gypsstatue des Bonaparte stehen habe, so konnte man das am Ende einem ehemaligen Unteroffizier der Garde, der weder je den König Ludwig mit seinen- Sammetstiefeln und dem Rollstuhl, wohl aber mehr als hundert Mal den kleinen Korporal auf seinem Schimmel vor der Fronte des Regi­ments im Pulverrauch und Schlachtenlärm gesehen, nicht so hoch anrechnen.

Aber wie der beste Mensch seine garstigen Fehler hat, o hatte auch Pierre Poisson zwei Untugenden, die ihm schon so manchen bösen Streich gespielt hatten.

Wenn er nämlich den Bauern am Sonntag in der Gemeindeschenke von dem Kaiser und seinen Schlachten erzählte, von der bei Wagram, bei Smolensk, bei der Mos.awa und er in Eifer gerieth, dann führte er das